ABO
Das Online-Magazin von JACOBIN Deutschland

20. März 2026

Raus aus dem Kokain-Käfig

Unser Verständnis von Sucht basiert auf Experimenten, in denen Ratten in Käfigen mit nichts als Kokain alleine gelassen wurden. Die Philosophin Hanna Pickard stellt im Interview ein anderes Konzept vor, das unserer Lebensrealität (und auch der von Nagetieren) näherkommt.

»Teilhabe am konventionellen Leben schützt vor Sucht und ist auch oft entscheidend für einen erfolgreichen Entzug.«

»Teilhabe am konventionellen Leben schützt vor Sucht und ist auch oft entscheidend für einen erfolgreichen Entzug.«

Illustration: Marie Schwab

Die Debatte über Sucht spielt sich im Wesentlichen zwischen zwei Weltanschauungen ab. Auf der einen Seite steht die Überzeugung, dass Sucht eine Hirnerkrankung ist; dass das Gehirn des Süchtigen ihn dazu zwingt, trotz schwerwiegender Folgen weiterhin Drogen zu konsumieren. Diese Überzeugung basiert zum Großteil auf Studien von Wissenschaftlern, die in Isolation gehaltenen Ratten nichts als Kokain als Zuflucht vor Stress und Leid anboten. Die Ergebnisse dieses Experiments von 1985 prägen unser (Miss-)Verständnis von Sucht bis heute.

Die andere Seite der Debatte basiert auf einer älteren Sichtweise, die Sucht als moralisches Versagen betrachtet: Der Süchtige entscheidet sich aufgrund seiner Charakterschwäche dafür, böse Drogen zu konsumieren. Obwohl heute fast alle Wissenschaftlerinnen und Kliniker diese Sichtweise ablehnen, ist sie in der Allgemeinheit nach wie vor weit verbreitet. Tatsächlich basieren viele drogenpolitische Maßnahmen eher auf moralischen als auf medizinischen Erwägungen.

Die Philosophin Hanna Pickard schlägt ein neues Verständnis von Sucht vor. Im Interview mit dem Psychotherapeuten und Autor Chandler Dandridge spricht sie über die Grenzen von Kokain-Käfig-Tierversuchen und neue Ansätze in der Suchtbehandlung, die soziale Verhältnisse besser berücksichtigen.

Der Titel Deines neuen Buches verweist auf ein berühmtes Experiment mit Ratten: What Would You Do Alone in a Cage with Nothing but Cocaine? (»Was würdest Du tun alleine in einem Käfig mit nichts als Kokain?«) Warum hast Du das als Titel gewählt für ein Buch, in dem Du ein neues Paradigma zum Verständnis von Sucht vorschlägst?

Eines der zentralen Themen des Buches ist, dass das Verständnis von Sucht nicht nur ein wissenschaftliches, sondern auch ein humanistisches und imaginatives Unterfangen ist. An verschiedenen Stellen wende ich mich direkt an die Leserin. Ich will sie einladen, sich vorzustellen, wie es wäre, unter gewissen Bedingungen zu leben, von denen wir wissen, dass sie mit Sucht in Verbindung stehen, beziehungsweise wie es wäre, selbst süchtig zu sein. Ich habe den Titel gewählt, um ein solches humanistisches und imaginatives Unterfangen zu versinnbildlichen und anzustoßen.

Wie du richtig anmerkst, bezieht sich der Titel auf ein berühmtes Rattenexperiment, das 1985 von den Wissenschaftlern Michael Bozarth und Roy Wise durchgeführt wurde. In diesem frühen Experiment wurden Ratten darauf trainiert, eine Art Hebel zu betätigen. Wenn sie dies taten, erhielten sie eine Dosis Kokain, die sofort intravenös verabreicht wurde. Anschließend wurden sie dauerhaft in einer Versuchskammer untergebracht, in der sich ausschließlich Futter, Wasser und eben dieser Hebel befanden, den sie betätigen konnten, um so viel Kokain zu erhalten, wie sie wollten. Kokain ist ein Appetitzügler, es unterdrückt Hunger und Durst. Die Ratten in diesem Experiment drückten immer und immer wieder auf den Hebel, um Kokain zu erhalten, und stellten das Essen und Trinken ein. Innerhalb eines Monats waren 90 Prozent der Tiere gestorben, vermutlich an einer Kombination aus Hunger, Dehydrierung und Erschöpfung.

»Wir können uns fragen: Was bringt ein Tier dazu, immer wieder den Hebel für Kokain zu betätigen und dabei auf Nahrung und Wasser zu verzichten, bis es stirbt?«

Dieses Experiment scheint auf eindrucksvolle Weise die Vorstellung zu belegen, dass Sucht eine Zwangsstörung des Gehirns ist – das derzeit sowohl in der Wissenschaft als auch in der allgemeinen öffentlichen Diskussion vorherrschende Verständnis von Sucht. Wir können uns fragen: Was bringt ein Tier dazu, immer wieder den Hebel für Kokain zu betätigen und dabei auf Nahrung und Wasser zu verzichten, bis es stirbt? Die Vorstellung, dass Drogen das Gehirn übernehmen und das Tier zum Konsum zwingen, ist eine überzeugende Erklärung für dieses Verhalten.

Aber die Bedingungen, denen diese Ratten im Experiment ausgesetzt waren – allein in einem Käfig mit nichts als Kokain –, sind auch eine eindrucksvolle Metapher für die Lebensumstände, die bekanntlich mit menschlicher Sucht in Verbindung gebracht werden, nämlich schwierige Lebensumstände, komorbide psychische Probleme und begrenzte sozioökonomische Möglichkeiten. Das ist natürlich eine Metapher – doch man könnte sich die Lebensumstände einiger Menschen mit Sucht durchaus wie das Alleinsein in einem Käfig mit nichts als Kokain vorstellen.

Die Ironie dabei ist, dass sich das Wissen und die Versuchsmodelle mit Tieren weiterentwickelt haben, während unser Bild von Sucht unverändert geblieben ist. Tatsächlich wurde die Vorstellung, die Suchtkraft von Drogen sei die Erklärung, warum die Ratten bis zu ihrem Tod den Hebel für Kokain betätigten, durch spätere Experimente widerlegt.

Inwiefern?

Eine Sache fällt beim ersten Experiment auf: Die Ratten befinden sich allein in einem Käfig, mit nichts als Kokain. Das entspricht nicht der Lebensweise von Ratten, die sehr soziale und intelligente Tiere sind. Sie leben normalerweise in großen Gruppen und in natürlichen Umgebungen, wo sie beispielsweise nach Futter suchen, sich ernähren, paaren und spielen. Sie haben Wahlmöglichkeiten. Der Suchtforscher Serge Ahmed hatte die einfache, aber geniale Idee, dass wir den Ratten eine Wahlmöglichkeit geben müssen, um das Experiment realistischer zu gestalten. Daher führte er Versuche durch, bei denen er einen zweiten Hebel in die Kammer einbaute und den Ratten die Wahl zwischen Kokain und mit Saccharin gesüßtem Wasser ließ. Er stellte fest, dass selbst wenn die Ratten alle Anzeichen eines suchtähnlichen Verhaltens zeigten, 90 Prozent von ihnen das Saccharinwasser dem Kokain vorzogen.

»Bemerkenswerterweise zogen fast 100 Prozent der Ratten, selbst wenn sie alle Anzeichen eines suchtähnlichen Verhaltens zeigten, die Minute Spielzeit den Drogen vor.«
Das Logo von JACOBIN

Dieser Artikel ist nur mit Abo zugänglich. Logge Dich ein oder bestelle ein Abo.

Du hast ein Abo, aber hast dich noch nicht registriert oder dein Passwort vergessen?
Klicke hier!

Hanna Pickard ist Bloomberg Distinguished Professor of Philosophy and Bioethics sowie Krieger-Eisenhower-Professorin an der Johns Hopkins University. Ihr 2026 erschienenes Buch trägt den Titel What Would You Do Alone in a Cage with Nothing but Cocaine?