01.05.2020

Susis Mädels

Susanne Neumann wurde zur Heldin, als sie Sigmar Gabriel öffentlich die Leviten las. Mit ihrer scharfen Kritik an Niedriglöhnen und Altersarmut wurde sie die bekannteste Reinigungskraft der Republik. Doch sie sorgte sich vor allem um ihre »Mädels« in der Gewerkschaft. Können sie nun Susis Erbe antreten?

Drei der Mädels auf dem Balkon des Gewerkschaftshauses.
Drei der Mädels auf dem Balkon des Gewerkschaftshauses.

Der Waldfriedhof

Susi nannte ihre Kolleginnen manchmal auch die »Ata-Girls« – nach dem Scheuermittel. Auf der Rückbank des Kombis einer der Ata-Girls liegen Handseife, ein paar Wischer und ein Eimer. An der Frontscheibe hängt Che Guevara als Lufterfrischer. Die drei Frauen fahren vom Gewerkschaftshaus in Gelsenkirchen nach Herten zum Waldfriedhof. Sie wollen ein Jahr nach Susis Tod den Baum besuchen, den sie sich selbst noch ausgesucht hatte.

Der Sturm wird immer stärker, während sie den richtigen Baum suchen. Christel muss lachen: Sie war sich sicher, zu wissen, wo er steht. Während sie umherlaufen, erinnern sie sich an die Trauerfeier im Januar 2019. Der Bundesvorstand der Baugewerkschaft IG BAU war ohne Anmeldung auch gekommen. Zusammen mit den anderen Gästen gingen die Frauen in einem langen Tross aus roten Westen zu dem Baum, den sie jetzt nicht mehr finden. Jede für sich stapfen sie still über den Waldboden – auf der Suche nach der schwarzen Plakette, die neben den Namen anderer Verstorbener auch den von Susi trägt.

Als sie ihn schließlich entdecken, stehen sie andächtig da, während der Wind ihnen um die Ohren bläst. Susi hatte sich vor ihrem Tod noch selbst um alles gekümmert, erinnern sich die Frauen. Sie wusste, dass sie die Rente nicht erreichen würde, und starb dann auch mit 59 Jahren. Ihre Kolleginnen glauben ebenfalls nicht daran, dass sie selbst es mit dem Knochenjob bis zur Rente schaffen werden. Und es ist noch schwieriger geworden, ohne Susi.

SPD ade

Einige Wochen zuvor. Die Frauen laden zum Gespräch in den fünften Stock des trostlosen Gewerkschaftshauses in Gelsenkirchen. Dort trifft sich der Bezirksverband Emscher-Lippe-Aa. Es ist der Ort, an dem wir vor einem Jahr auch das letzte Interview mit Susi geführt haben. Sie unterschrieb bei diesem letzten Gespräch vor unseren Augen ihren Austritt aus der SPD, weil sich trotz aller Versprechungen für sie nichts geändert hatte. Vor allem war sie von der Arbeit der Partei auf Bezirksebene enttäuscht. Fünf Tage vor ihrem Tod nahm sie noch an einer Sitzung der Gewerkschaft teil.

»Sie hat uns immer in den Arsch getreten.«

Diesmal nehmen wir an einer anderen Ecke des großen Sitzungstisches platz. Er lädt nicht gerade zum Plausch ein. Die Fahne der Gewerkschaftsjugend hängt noch, die Zeitungsartikel von Susi pinnen an Reißnägeln an der Wand, wieder gibt es eine Unmenge an Keksen und Celebrations-Schokolade – denn wir sind, wie im Vorjahr, zur Weihnachtszeit da. Christel macht uns Kaffee und beginnt unvermittelt: »Sie kommt doch irgendwie immer wieder, Susi. Ich bin damit noch nicht fertig.« Dabei kommen ihr die Tränen. Annett und Claudia kommen etwas später dazu – die eine aus Dortmund, die andere aus Gladbeck. Die Frauen arbeiten an unterschiedlichen Orten als Reinigungskräfte, treffen sich aber hier in Gelsenkirchen regelmäßig zu Gewerkschaftssitzungen. Susi nannte ihre Frauengruppe nicht nur die Ata-Girls, sondern meist schlicht ihre »Mädels«. Seitdem nennen sie sich auch selbst so. Sie waren einmal mehr als zehn, jetzt werden es immer weniger engagierte Gewerkschafterinnen in der Gruppe, die Susi zusammengehalten hatte; bei Aktionen in der Innenstadt, aber auch bei Feiern im Garten.

»Sie hat uns immer in den Arsch getreten«, sagt Christel. Als Betriebsratsvorsitzende habe Susi für jede Heftklammer in ihrem Büro gerichtlich gekämpft. Das haben die Mädels von ihr gelernt: wie man sich gegen den eigenen Betrieb und wenn nötig auch gegen die eigene Gewerkschaft durchsetzt. Und wie man weitere Mädels eingesammelt.

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