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08. Februar 2026

Die kurdischen Autonomiebestrebungen in Syrien sind nicht vorbei

Die kurdische Selbstverwaltung im Nordosten Syriens war nie eine Utopie. Aber ihr Scheitern lag nicht an demokratischen Mängeln, sondern an den zerbrechlichen Allianzen mit ihren arabischen Verbündeten. Nach dem Fall des Assad-Regimes traten diese Konflikte offen zutage – und stellten die Region vor eine ungewisse Zukunft.

Mitglieder der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) stehen Wache, während syrische Sicherheitskräfte in die nordöstliche Stadt Hasakeh einmarschieren, 2. Februar 2026.

Mitglieder der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) stehen Wache, während syrische Sicherheitskräfte in die nordöstliche Stadt Hasakeh einmarschieren, 2. Februar 2026.

IMAGO / Middle East Images

Der Krieg um Nord- und Ostsyrien ist mit dem Abkommen vom 30. Jänner und dem Einrücken syrischer Sicherheitskräfte in die kurdischen Gebiete vorerst zu Ende gegangen. Diese Entwicklung markiert weder das Ende der Autonomiebestrebungen der syrischen kurdischen Bevölkerung noch das Ende politischer Auseinandersetzungen um das neue Syrien. Aber auch wenn kurdische Strukturen weiterhin bestehen, wurde damit das Ende der Autonomie Rojavas, beziehungsweise der Demokratischen Autonomie Nord- und Ostsyriens (DAANES), wie wir sie kennen, besiegelt.

Für eine rationale Analyse der DAANES und ihres Scheiterns müssen allzu enthusiastische Projektionen westlicher Fans hintangestellt werden. Die DAANES war nie das revolutionäre, basisdemokratische Paradies der Geschlechtergleichheit und der arabisch-kurdischen Geschwisterlichkeit, als das sie von manchen westlichen Fans und in manch kurdischer Propaganda darstellt wurde. Vielmehr handelte es sich de facto um ein Einparteienregime mit Inklusion kleinerer Bündnispartner, vor allem von christlichen Parteien und arabischen Stämmen. Letztere kamen überwiegend erst im Kampf gegen den »Islamischen Staat« (IS) ab 2015 dazu.

Auch in der DAANES gab es Menschenrechtsverletzungen und politische Gewalt, allerdings in weit geringerem Ausmaß als in andere Teilen Syriens. Die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), also jene 2015 geformte Militärallianz unter kurdischer Führung, die von den USA im Kampf gegen den IS unterstützt wurde, waren in diesem Konflikt keine Heiligen, sondern nur jene, die sich zumindest bemühten gewisse Mindeststandards im Menschenrechtsbereich einzuhalten.

»Die SDF hatten einen demokratischen Anspruch, an dem sie gemessen werden konnten.«

Sie hatten einen demokratischen Anspruch, an dem sie gemessen werden konnten. So waren sie etwa die einzige Bürgerkriegspartei, die dem Internationalen Komitee des Roten Kreuzes uneingeschränkten Zugang zu ihren Gefängnissen und Amnesty International die Möglichkeit für Recherchen vor Ort gab. Der Bericht, der daraus entstand, war sehr kritisch – aber seine Erkenntnisse wurden nicht einfach nur abgewehrt, sondern eben auch diskutiert. In den Gefängnissen der Hayat Tahrir ash-Sham (HTS), also den heutigen Machthabern in Damaskus, gab es keinen solchen Zugang. Die Gefangenen dort wurden auch nach 2024 nicht befreit und können ihre Geschichten nicht erzählen.

Brüderlichkeit der Völker? 

Die demokratischen Defizite der DAANES waren also real – aber allein hätten sie wohl kaum zu deren Ende geführt. Was sich tatsächlich als entscheidend herausstellte, war das Verhältnis zu den arabischen Stämmen in Raqqa und Deir az-Zor. Viele Kurdinnen und Kurden haben es ab 2016 überhaupt für einen Fehler gehalten, diese arabischsprachigen Gebiete zu besetzen. Die Eroberung dieser Gebiete erfolgte auf expliziten Wunsch der USA. Diese machten ihre Unterstützung der SDF davon abhängig, den IS bis zum Schluss, auch in den arabischen Gebieten zu bekämpfen. Zunächst nahmen auch viele Araberinnen und Araber die SDF als Befreier vor dem Joch des IS wahr. Dass Teile der arabischen Bevölkerung dieser Gebiete mit der Herrschaft der SDF nicht zufrieden waren, konnte man allerdings – zumindest wenn man in diesen Gebieten war und nicht nur mit Offiziellen sprach – ab etwa 2019 durchaus wahrnehmen.

Die ehemalige IS-Hauptstadt Raqqa wurde zwar wieder aufgebaut. Die soziale Situation in der Stadt blieb aber prekär. Wer Raqqa jenseits des halbwegs aufgeräumten Stadtzentrums besuchte, fand Menschen vor, die im Müll lebten, wo offensichtlich keinerlei öffentliche Infrastruktur vorhanden war. Dabei war es nicht so, dass sich die DAANES nicht bemüht hätte. 2021 wurde mit der Sharq-Universität sogar eine eigene arabischsprachige Universität der DAANES in der Stadt errichtet. Angesichts der Probleme in den kurdischen Städten, wäre es aber wohl auch der kurdischen Bevölkerung kaum vermittelbar gewesen, mehr in Raqqa zu investieren, als in Kobanê oder Hasaka.

»Der Abfall der meisten Araber von den SDF, der von den lokalen Kurdinnen und Kurden genauso als Verrat gewertet wird wie der Seitenwechsel der USA, hat zu einer Ethnisierung des Konfliktes beigetragen.«

Besonders schwierig war es allerdings in der Provinz Deir az-Zor, die als besonders konservativ und tribal dominiert gilt. Hier dominierten immer schon Stammesinteressen politische Entscheidungen, die von den Sheikhs der Stämme und nicht von politischen Parteien getroffen wurden. Und diese Sheikhs orientierten sich primär am jeweils stärkeren, der ihnen am nützlichsten erschien. Das kann einmal der syrische Staat sein, einmal der Islamische Staat und einmal die kurdisch geprägte SDF.

Wirklich prekär wurde die Situation nach dem Fall des Regimes in Damaskus im Dezember 2024. Nachdem die SDF kurz auf die Südseite des Euphrats vorgedrungen war, musste sie den arabischen Stämmen bald wieder Platz machen. Auch auf der Nordseite, die eigentlich unter DAANES-Kontrolle stand, begannen die Stämme sich immer stärker in Richtung der neuen Machthaber in Damaskus zu orientieren.

In Raqqa kam es schon 2025 immer wieder zu Protesten gegen die SDF, die primär repressiv beantwortet wurden. Während sich durch den Regimewechsel einerseits eine Chance ergeben hätte, die arabischen Gebiete gegen das 2018 durch die türkische Invasion verlorene kurdisch besiedelte Afrin auszutauschen, waren andererseits wohl beide Seiten – Ahmed al-Sharaa in Damaskus und Mazlum Abdi in Hasaka intern zu schwach, um sich wirklich zu bewegen. Für eine solche Lösung hätte der syrische Interimspräsident al-Sharaa wohl grünes Licht aus Ankara und entscheidungsfähigere Strukturen gebraucht – sowohl in Damaskus als auch in Nord- und Ostsyrien. Mazlum Abdi, der Oberkommandierer der SDF, konnte aber letztlich keine Entscheidung gegen den Willen der PKK-Kommandanten in Qandil treffen und Ahmed al-Sharaa konnte sich nur so weit bewegen, wie es die Türkei zuließ. Dadurch konnte auch das Grundsatzübereinkommen zwischen den beiden vom März 2025 nie konkretisiert und mit Leben gefüllt werden.

Stattdessen spielten beide Seiten Mikado und versuchten sich so wenig wie möglich zu bewegen, was die Lage in diesen arabischen Gebieten immer prekärer werden ließ und die SDF gegenüber arabischen Oppositionsgruppen in Raqqa repressiver.

Arabischer Aufstand und Krieg

Am Samstag, dem 17. Jänner, zog die Führung des arabischen Shammar-Stammes in Syrien ihre Unterstützung für die DAANES offiziell zurück. Der Stamm hatte zuvor jahrelang zu den wichtigsten arabischen Verbündeten der kurdischen Volks- und Frauenverteidigungseinheiten YPG und YPJ gezählt und erkannte nun die Übergangsregierung in Damaskus an. Gemeinsam mit den Shammar fielen auch andere wichtige arabische Stämme der Provinz Deir az-Zor, wie Bagara oder die Al-Mashahda von den SDF ab. Andere arabische Stämme der Region, wie die Al-Uqaydat galten schon bisher als SDF-feindlich. Die Eroberung der arabischen Gebiete wurde damit vor allem durch den Abfall der arabischen Teile der SDF ermöglicht.

Der Kampf um die kurdischen Kerngebiete war hingegen völlig anders. Hier gab es keine Sympathien mehr für das Übergangsregime in Damaskus und stattdessen die blanke Angst vor den jihadistischen Elementen innerhalb der syrischen Armee und ihrer tribalen Verbündeten.

»Derzeit gibt es für die syrischen Kurdinnen und Kurden keinerlei internationale Garantien oder Überwachungsmechanismen, die die Umsetzung des Abkommens garantieren würden.«

Diese Angst hat nicht nur mit der politischen Herkunft Ahmed al-Sharaas und seiner HTS zu tun, sondern auch mit jüngsten Kriegsverbrechen der Angreifer, mit dem kurzfristigen Hissen der IS-Fahne am Ortseingang von Al-Karamah östlich von Raqqa und mit der Verkündung von Versen aus der Anfal-Sure auf Anordnung des Religionsminister Mohammad Abu al-Khair Shukri. Nach dieser Sure waren in den 1980er-Jahren eine Reihe von Militärkampagnen des irakischen Baath-Regimes von Saddam Hussein benannt worden, bei denen insgesamt über 180.000 Kurdinnen und Kurden ermordet worden waren. Bei einer solchen Vernichtungsrhetorik braucht sich niemand zu wundern, dass die kurdische Bevölkerung Syriens eine genozidale Vernichtungskampagne fürchtet – völlig egal, wie sie zuvor zur SDF gestanden ist.

Der Abfall der meisten Araber von den SDF, der von den lokalen Kurdinnen und Kurden genauso als Verrat gewertet wird wie der Seitenwechsel der USA, hat zu einer Ethnisierung des Konfliktes beigetragen. Statt der Fahnen von Rojava und der Beteuerung ein multiethnisches Projekt zu sein, sieht man seither kurdische Nationalfahnen in Qamishli und Kobanê. Plötzlich steht wieder die Idee eines großkurdischen Nationalstaates im Raum, statt des demokratischen Konföderalismus von Abdullah Öcalan. Freiwillige aus den anderen Teilen Kurdistans strömten nach Rojava und selbst in Europa wurde die Jugend zum Kampf aufgefordert.

Das ist eine große Veränderung: Denn der DAANES war es zuvor nicht gelungen, alle kurdischen Akteure einzubinden. Dafür waren die innerkurdischen Konflikte, nicht nur in Syrien, sondern darüber hinaus, ein Hindernis. Aktuell unterstützen alle kurdischen Parteien die Selbstverwaltung gegen die Angriffe aus Damaskus. In solchen Krisenzeiten existiert eine kurdische Einheit. Auch in den Städten der Autonomieregion Kurdistan im Irak kam es überall zu Demonstrationen. Sogar die bisher stärksten innerkurdischen Rivalen, darunter die von der Familie Barzani kontrollierte Demokratische Partei Kurdistans (PDK) im Irak, zeigen sich sehr solidarisch mit den syrischen Kurdinnen und Kurden. Die Barzani Charity Foundation gehört zu den wichtigsten NGOs, die sofort mit Hilfslieferungen zur Stelle waren und mit dem Kurdischen Roten Halbmond in Rojava kooperieren.

Waffenstillstand und Integration

Militärisch war die kurdische Seite jedoch zu schwach, um den Angriffen aus Damaskus langfristig etwas entgegenzusetzen, und so drohte aus dem kurdischen Traum vor wenigen Wochen eine Katastrophe für die Zivilbevölkerung der Region zu werden. Nachdem Kobanê von anderen kurdischen Gebieten abgeschlossen wurde und auch Angriffe auf die Verbindungsstraße zwischen Qamishli und der irakischen Grenze erfolgten, breitete sich unter Zivilistinnen und Zivilisten zunehmend Panik aus.

Schließlich gelang es nach einem nur teilweise eingehaltenen Waffenstillstand am Freitag, dem 30. Jänner ein Abkommen zwischen der Übergangsregierung in Damaskus und den SDF zu schließen, das eine friedliche Integration der verbliebenen kurdischen Gebiete in den syrischen Staat aber auch eine Beteiligung der Kurdinnen und Kurden an der Verwaltung vorsieht.

Nach dem Abkommen werden die SDF – inklusive der Frauenverteidigungseinheiten YPJ – als eine Division der Syrischen Armee mit drei Brigaden in Hasaka stationiert, und als eine Brigade in Kobanê. Die Polizeikräfte der DAANES, die Asayîş bleiben bestehen und sind weiterhin als legitime Sicherheitskräfte in den kurdischen Gebieten aktiv. Zusätzlich werden einige Einheiten des syrischen Innenministeriums vor Ort eingesetzt, die erstmals am Montag, dem 2. Februar in der Region eintrafen. Die Einheiten aus Damaskus wurden von der Zivilbevölkerung mit Rufen empfangen, die den Widerstand Rojavas hochleben ließen und grüßten im Gegenzug mit erhobenem Zeigefinger – genau jenem Gruß, den auch der IS verwendet hatte. Trotzdem kam es zu keinen bewaffneten Auseinandersetzungen. Bisher scheint das Abkommen zu halten.

Künftig werden auch Institutionen der Zentralregierung in Nord- und Ostsyrien aufgebaut. Die lokale Verwaltung sowie das zivile Personal bleiben jedoch bestehen. Dazu zählt auch das Ko-Vorsitzenden-System, bei dem Positionen gemeinsam von Männern und Frauen besetzt werden. Der Grenzübergang in den Irak bei Semalka bleibt geöffnet, kommt jedoch unter gemeinsame Kontrolle mit der Regierung in Damaskus. Während Kobanê wieder Teil des Gouvernements Aleppo wird, bleiben die lokalen städtischen Institutionen erhalten. Die Position des Gouverneurs der Provinz Hasaka wurde den Kurden zugesichert. Vor einer Woche wurde mit Noreddin Issa Ahmed ein Kandidat gefunden, dem auch die Übergangsregierung in Damaskus seine Zustimmung erteilte.

»Auch wenn der Krieg mit dem jüngsten Abkommen vorerst zu Ende gegangen ist, bedeutet das weder ein Ende des politischen Kampfes, noch ein Ende der Notsituation für tausende Zivilistinnen und Zivilisten in der Region.«

Von großer Bedeutung ist auch die Anerkennung von Schul- und Universitätsabschlüssen in Nord- und Ostsyrien und das grundsätzliche Bekenntnis zum Kurdischen als Unterrichtssprache neben dem Arabischen sowie die Unterstützung der Rückkehr der Binnenvertriebenen aus Afrin und den kurdischen Vierteln von Aleppo.

Das Entscheidende ist nun allerdings, wie dieses Abkommen in die Realität umgesetzt wird und wie weitere Details, darunter die kurdische Beteiligung an der Übergangsregierung oder die konkrete Umsetzung des zweisprachigen Schulunterrichts, ausverhandelt werden. Derzeit gibt es für die syrischen Kurdinnen und Kurden keinerlei internationale Garantien oder Überwachungsmechanismen, die die Umsetzung des Abkommens garantieren würden.

Zudem stellt sich auch die Frage, was dieses Abkommen für die neu-aramäischsprachige christliche Bevölkerung in Nordostsyrien bedeutet, die bisher auch entsprechende sprachliche und politische Rechte innerhalb der DAANES hatten. Diese Gruppe wurde bisher in den Meldungen über das Abkommen zwischen der Übergangsregierung und den Kurden nicht erwähnt. Wird es auch für sie eine zweisprachige Schulbildung geben? Der finale Wortlaut des Abkommens ist noch nicht bekannt. Es wird wohl noch einiges nachzuverhandeln geben.

Soziale Notlage

Auch wenn der Krieg mit dem jüngsten Abkommen vorerst zu Ende gegangen ist, bedeutet das weder ein Ende des politischen Kampfes, noch ein Ende der Notsituation für tausende Zivilistinnen und Zivilisten in der Region. Durch die jüngsten Kämpfe sind zehntausende Kurdinnen und Kurden erneut vertrieben worden. Mitten im kalten Winter harren diese in Garagen und Schulen in Kobanê und Qamishli aus. Während der Kämpfe erfroren in Kobanê sogar fünf Kinder.

Zwar kommt mittlerweile Hilfe auch aus dem irakischen Teil Kurdistans und von NGOs aus Europa. Die Not ist allerdings immer noch groß. Insbesondere im weiterhin weitgehend isolierten Kobanê, wo sich die Bevölkerung mit leeren Märkten, geschlossenen Bäckereien und extremem Treibstoff- und Heizmaterialienmangel konfrontiert sieht. Nicht nur die Bevölkerung der Dörfer, die aus Angst vor den heranrückenden arabischen Einheiten in die Stadt geflohen sind, sondern auch die Stadtbevölkerung leidet mittlerweile an Kälte und Hunger.

Weiter östlich, um Qamishli, ist die Situation etwas besser. Ob sich die Wirtschaft der Region nach dem jüngsten Krieg wieder erholen kann, wird allerdings nicht zuletzt davon abhängen, ob nun tatsächlich eine friedliche Integration ermöglicht wird, die auch wieder Handel mit anderen Teilen Syriens erlaubt. Darüber hinaus bräuchte es in Syrien eine unabhängige Wahrheitskommission, die die Verbrechen aller bewaffneten Kräfte aufarbeitet: die des alten Regimes genauso wie die der SDF und der HTS. Aber auch dazu hat es nach dem Sturz von Assad bisher keine ernsthaften Schritte gegeben.

Thomas Schmidinger ist Associate Professor für Politikwissenschaft und International Relations an der University of Kurdistan Hewlêr (UKH) In Erbil, Kurdistan Region, Iraq.