24. März 2026
Der Dokumentarfilm »Szenario« gewährt exklusive Einblicke in Europas größte Modellstadt für Militärübungen in Sachsen-Anhalt. Doch da das Gezeigte nicht eingeordnet wird, muss das Publikum die Kritik an der Inszenierung der Bundeswehr selbst mitbringen.

In der Übungsstadt Schnöggersburg trainieren 2024 Soldaten der Bundeswehr gemeinsam mit Streitkräften aus Norwegen und Tschechien.
Es beginnt mit einem Notfall. Offene Oberschenkelfraktur, so lautet die Diagnose beim Blick auf das Bein. Nun muss die Wunde versorgt, die Schiene angelegt, die betroffene Kameradin aus der Gefahrenzone geschafft werden. Kleinteilig kommunizieren die Streitkräfte die einzelnen Schritte, die es zu absolvieren gilt, während sie sich um verschiedene Verletzte kümmern. Schreie sind zu hören, laut, aber mechanisch, als hätten weder Schmerz noch Angst sie ausgelöst. Ein Soldat liegt am Boden und stöhnt. Hände greifen nach seinem Körper, um ihn hochzuheben. »Soll ich bisschen helfen?«, fragt er. Die Antwort: »Nee, das ist für den realen Fall.«
Die Wunden sind bloß aufgeschminkt, die Leiden vorgetäuscht. Der Notfall wird zur Übungssache. Was Spiel und Ernst miteinander verbindet, das interessiert den Dokumentarfilm Szenario, der bei der diesjährigen Berlinale seine Premiere feierte. Gedreht hat ihn Marie Wilke auf dem drittgrößten Truppenübungsplatz Deutschlands. Im Norden von Sachsen-Anhalt liegt das Gelände, auf dem sich auch das Gefechtsübungszentrum Heer befindet. Die Ausbildungseinrichtung für Streitkräfte gilt als modernste ihrer Art: Anhand von umfangreichen Simulationen werden dort Fälle der Landes- und Bündnisverteidigung geprobt. Selbst der bewaffnete Einsatz der Bundeswehr im eigenen Land lässt sich in der Colbitz-Letzlinger Heide durchspielen.
Regisseurin Wilke zeigt Momente, in denen Rollen eingenommen, Zuständigkeiten gefunden und Arbeitsabläufe wiederholt werden müssen. Die kurzen, beobachtenden Sequenzen, die über einen Zeitraum von rund einem Jahr zwischen Dezember 2023 und Dezember 2024 entstanden sind, stehen für sich, und doch erzählt ihre Zusammensetzung mehr als den Alltag auf dem Truppenübungsplatz Altmark. Im Modus der Fragestellung »Was wäre, wenn …?« treffen die Bilder vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Bedrohungslagen aufeinander.
Die Zuschauenden werden auf unterschiedliche Vorstellungen von Krieg zurückgeworfen, die nicht zuletzt vom Kino geprägt wurden. Was Apocalypse Now (1979), Full Metal Jacket (1987) oder weitere Spielfilme etablierten, will jedoch nicht unbedingt dem entsprechen, was Wilke unaufgeregt präsentiert. Dabei verdeutlicht Szenario, dass die sogenannte »Zeitenwende« nicht nur eine außenpolitische Reaktion, sondern zugleich eine innere Militarisierung der Gesellschaft bedeutet. Weil Einordnungen von außen fehlen, hält der Film dazu an, eine eigene Haltung zum Dargestellten zu entwickeln.
Erinnerungen an Videospiele aus den 1990er Jahren werden wach, wenn sich die Kamera von Alexander Gheorghiu auf Europas größte militärische Modellstadt richtet. Rund sechs Quadratkilometer umfasst die künstliche Anlage aus Beton, die in der Nähe des ehemaligen Dorfes Schnöggersburg errichtet wurde, über ein U-Bahn-Netz verfügt und ohne Bewohnende auskommt. Sie dient als gespenstische Kulisse für den Häuserkampf, das Gefecht auf urbanem Gelände. Mit Sensoren und Videokameras sind die Gebäude ausgestattet, die gemeinsam die vereinfachte Version einer Infrastruktur wiedergeben, wie sie in den meisten modernen Großstädten auf der Welt zu finden ist.
Beim Glauben handelt es sich in Schnöggersburg nicht um eine religiöse, sondern um eine architektonische Angelegenheit: Ein Sakralbau wurde als bizarrer Mix aus Kirche, Moschee und Tempel gestaltet – eine Abstraktion, mit der das, was mal Wirklichkeit war, für die Erwartung des Bevorstehenden kontrollierbar gemacht wird.
Mit szenischen Einbildungen dieser Art konfrontiert Szenario seine Zuschauenden. Wie schon in ihren früheren Filmen verzichtet die Regisseurin auf einordnende Kommentare. Nahm sich Staatsdiener (2015) der Beobachtung einer Gruppe Studierender während der Ausbildung an der Polizeischule in Sachsen-Anhalt an, wagte Aggregat (2018) unter dem Eindruck der Pegida-Bewegung eine Bestandsaufnahme der Vermittlung demokratischer Werte im politischen und medialen Alltag in Deutschland.
Redaktionssitzungen bei taz und Bild-Zeitung, Führungen durch das Reichstagsgebäude, Workshops für SPD-Abgeordnete, um rechtspopulistischen Aussagen begegnen zu können: Das Ausschnitthafte wird bei Wilke zur Form, mit der sie sich der Realität nähert, und gleichzeitig eine Distanz zu ihr wahrt. Dazu passt, dass die Kamera im Film häufig statisch bleibt. Sie verweigert sich dem Umfeld, das zur Bewegung anstiften mag.
»Proteste, die das Treiben auf dem Truppenübungsplatz Altmark seit seinem Bestehen begleiten, finden im Film nicht statt.«
Wie sich eigentlich Gesellschaft darstellt und auf welche Weisen sie sich innerhalb staatlicher Institutionen oder kultureller Einrichtungen immer wieder selbst machtvoll hervorbringt, das sind Fragen, mit denen sich auch der kürzlich verstorbene US-amerikanische Filmemacher Frederick Wiseman beschäftigte, an dessen Werk Wilkes Arbeiten erinnern. Wiseman setzte sich für das ein, was auf den ersten Blick unspektakulär wirkt – es aber keineswegs ist –, interessierte sich für die organisatorischen Strukturen, in denen Gemeinschaft geschieht, ebenso wie für die Abweichungen von vertrauten Routinen und die Mechanismen einer Gewalt, die das trifft, was nicht der Norm entspricht. Sich geduldig, neugierig, feinsinnig auf Räume und ihre Regeln einlassen, auf die Menschen und die Geschichten, denen er im Krankenhaus oder im Gefängnis, auf dem Schlachthof oder in der Schule, vor Gericht oder im Museum, an der Universität oder auf dem Polizeirevier begegnete – das war zum einen die maßgebliche Methode, die jene Filme erst entstehen ließ. Das war aber auch, was der Künstler vom Publikum einforderte.
Eine Finanzierung von Szenario schien lange unmöglich. Nicht nur wegen der im Februar 2022 vom damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz im Rahmen seiner Regierungserklärung ausgerufenen »Zeitenwende« als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine veränderte sich dieser Umstand. Wilkes Ansatz, sich auf das zu konzentrieren, was sich konkret um sie herum abspielt, hat dabei durchaus Grenzen. Proteste, die das Treiben auf dem Truppenübungsplatz Altmark seit seinem Bestehen begleiten, finden im Film nicht statt.
So setzt sich etwa die Bürgerinitiative Offene Heide seit 1993 für eine zivile Nutzung des Areals und friedliche Konfliktlösungen ein. Initiativen für Umwelt- und Naturschutz haben wiederholt auf die immense Zerstörung von Lebensräumen hingewiesen, die mit dem Ausbau des Übungsgebiets weiter vorangetrieben wird. Dass sie in Szenario nicht vorkommen, trifft einen wichtigen Punkt: Die Beteiligung an solchen Protesten hat angesichts der wachsenden Anerkennung der Bundeswehr in der deutschen Bevölkerung abgenommen. Die Leerstelle im Film markiert das Ausbleiben jener standhaften Gegenbewegung, die es angesichts von Aufrüstung, Militarismus und Imperialismus eigentlich bräuchte.
Stattdessen macht Szenario Krieg als Massenkultur erkennbar. Anwohnende aus der Gegend sind zu sehen, die sich bei Geländeführungen und Schnuppertagen bereitwillig der Verkörperung von Zivilpersonen hingeben, freundschaftlich verbundene Fotos mit Streitkräften machen, vor Panzern posieren, military wear anlegen, nach dem obligatorischen Bratwurstverzehr auf dem Stadtfest am Infostand der Bundeswehr Halt machen, zum Gewehr greifen, um zu schauen, wie schwer es in der Hand läge und wie leicht mit ihm das Zielen fiele. In manchen Planspielen wird gegen Geflüchtete gehetzt, uniformierte Beamte halten argumentativ dagegen. Befremdlich fühlen sich diese Szenen an, zumal die systematischen Probleme, die den Militärdienst zwischen rechtsextremistischen Vorfällen und sexualisierten Übergriffen prägen, bei Wilke ebenfalls nicht thematisiert werden.
Das erklärt sich durch das beschriebene Verfahren, keine Einordnungen des Gezeigten durch Einblendungen oder Voiceover vorzunehmen, sich vielmehr auf die Performance zu konzentrieren, die von den Akteuren dargeboten wird. Weil es in Szenario um die Versuche der Bundeswehr geht, sich auf verschiedenen Bühnen selbst zu präsentieren, wird auch der Dokumentarfilm zu einer Form von Öffentlichkeitsarbeit, so sehr der Regisseurin bei seiner Gestaltung freie Hand gelassen wurde.
Neben den Kriegssimulationen und Strategiebesprechungen, Geschichtsstunden und politischen Bildungseinheiten erweist sich die erfolgreiche Außendarstellung als zentraler Bestandteil der vielfältigen Arbeitsvorgänge, von denen dieser Film zeugt. Die Transparenz, mit der das Personal der Regisseurin für den Drehzeitraum Einblicke gewährt hat, ist eine Geste der Selbstinszenierung.
»Szenario macht Krieg als Massenkultur erkennbar.«
Verbunden scheint sie mit eigenen Wirkungsabsichten: Junge Menschen müssen für den Wehrdienst rekrutiert werden, weshalb es dringend gilt, als einladend, authentisch und attraktiv wahrgenommen zu werden. Da würde es nur stören, das zweifelhafte Betreibermodell zu erklären, mit dem die sachsen-anhaltinische Anlage in ihrer jetzigen Form erbaut wurde. Der Rüstungskonzern Rheinmetall war daran beteiligt, noch immer beliefert er die Ausbildungseinrichtung mit der nötigen Technik und sorgt sich um die Wartung. Zuletzt erhielt das Privatunternehmen durch die Bundeswehr den Auftrag, das Gefechtsübungszentrum Heer für schlappe 61 Millionen Euro zu modernisieren.
Dass es einen Akteur gibt, der von all den Kriegsspielen profitiert – und dem ein High-Tech-Playground zur Verfügung steht, wo massenhaft Bewegungsdaten zur Verbesserung von Überwachungs- und Waffentechnologien generiert werden –, das lässt sich erst bei der weiterführenden Recherche im Anschluss an die Sichtung von Szenario erfahren. In die unmittelbare Auseinandersetzung geht Wilke nicht. Sie bleibt auf Abstand, lässt die Kamera laufen, dreht ein »Making-of«, dessen Blick hinter die Kulissen gezwungenermaßen Begrenzungen mitbringt. Das ist einerseits unbefriedigend, macht den Film aber andererseits auch sehr besonders: Die Zuschauenden müssen selbst eine Position beziehen zu dem, was es (nicht) zu sehen gibt.
Es kostet Zeit, sich mit der Welt angemessen zu beschäftigen. Szenario nimmt sie sich und fächert anhand der Erzählungen des ausbildendenden Personals auf, wie sich Geschichten auf dem Truppenübungsplatz Altmark überlagern. Munition aus diversen Jahrzehnten liegt in den Tiefen des Bodens begraben. Wo früher Könige der Jagd nachgingen, wurde der Wald gerodet. In der Zeit des Nationalsozialismus diente das Gebiet der Waffenerforschung durch die Wehrmacht. Nach 1945 entwickelte es sich zum zentralen militärischen, strengstens abgeriegelten Übungsgelände der sowjetischen Streitkräfte in der DDR, ehe es 1994 an die Bundeswehr übergeben wurde. Während des Kalten Kriegs hätte es im geteilten Deutschland der Schauplatz für die Eskalation der Großmächte sein können.
Die historische Aufarbeitung, die der Ort vorgibt, zieht sich durch Wilkes Film. Über das Selbstverständnis einer Bundeswehr, die sich inmitten eines Erneuerungsprozesses befindet und deren Rituale gelegentlich aus der Zeit gefallen wirken, verfolgt Szenario letztlich nichts weniger als eine deutsche Identitätssuche. Was repräsentiert diese Armee, die so sorgsam das richtige Zusammenlegen der schwarz-rot-goldenen Flagge probt? Welche Konsequenzen müsste es haben, wenn eine Nation keine natürliche Gegebenheit ist, sondern, wie es der Politikwissenschaftler Benedict Anderson 1983 schrieb, nur eine »vorgestellte Gemeinschaft«? Wie kann eine solche Gemeinschaft auf innere und äußere Bedrohungen reagieren?
»Weil es in Szenario um die Versuche der Bundeswehr geht, sich auf verschiedenen Bühnen selbst zu präsentieren, wird auch der Dokumentarfilm zu einer Form von Öffentlichkeitsarbeit, so sehr der Regisseurin bei seiner Gestaltung freie Hand gelassen wurde.«
Mittels der simulierten Einsätze im Stadtraum verdeutlicht Szenario ein Verschwimmen der Zuständigkeitsbereiche von Polizei und Militär. Streitkräfte in Fällen von zivilem Ungehorsam gegen die eigene Bevölkerung einzusetzen, wird zur machbaren Option unter einer Bundesregierung, in der Ausgrenzung und Rassismus als politische Lösungen verkauft werden – und die lieber in Aufrüstung statt in Bildung, Kultur und Soziales investiert. Aktuell protestieren deutschlandweit Jugendliche aus der nachvollziehbaren Angst, dass der zu Beginn dieses Jahres wieder eingeführte Wehrdienst nicht freiwillig bleiben wird. Der Vehemenz ihrer Weigerung, im Zweifelsfall für ein Land zu sterben, das keineswegs an der Veränderung bestehender Machtverhältnisse interessiert ist, müsste zwingend mit Respekt begegnet werden. Weil diese Weigerung auf andere, fundamentalere Weise für das einsteht, was das Unheimliche im Simulierten von Szenario nahelegt: dass eine andere Welt immer möglich ist.
Anne Küper ist Kulturwissenschaftlerin, Kritikerin, Künstlerin. Seit 2023 ist sie Geschäftsführerin des Verbands der deutschen Filmkritik.