07. Januar 2026
Tech Bros greifen nach der Macht. Aya Jaff war eine von ihnen. Im Interview spricht sie darüber, was diesen Typus zu autoritärer Politik gravitieren lässt und warum Digitalisierung nicht Abhängigkeit von Big Tech bedeuten muss.

Aya Jaff ist Aussteigerin – aus der Tech-Szene.
Die Zeiten, in denen das Internet als etwas Revolutionäres galt, als eine Technologie, die Informationshierarchien abbauen, Transparenz ermöglichen und eine radikale Demokratisierung unserer Gesellschaften ermöglichen würde, sind längst Geschichte. Aus dem digitalen Sandkasten der 1990er Jahre, in dem Kreativität, Experimentierfreude und offene Entwicklung möglich waren, ist längst ein geschlossenes System entstanden, in dem eine Handvoll alter und neuer Großkonzerne Dienstleistungen und kritische digitale Infrastruktur monopolisieren und damit massiven Profite erzeugen.
Die Barone dieser Industrie, wie Mark Zuckerberg von Meta oder Jeff Bezos von Amazon, sprechen oft von Innovation und ihrem Wunsch, mit ihren Technologien die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Der Megaloman Elon Musk behauptet gar, mit seinen Unternehmen die Menschheit retten zu wollen. Doch wie viel »Innovation« leisten sie wirklich? Wird unser Leben dadurch besser, wenn nun die vierte App in Folge unsere Smartphones mit KI-generierten Katzenvideos flutet? Zumal viele dieser Firmen, entgegen ihrem marktlibertären Selbstbild, zum Überleben auf staatliche Subventionen angewiesen sind – wäre es nicht sinnvoller, diese Instrumente den Händen einzelner »Tech Bros« zu entziehen und stattdessen dem Gemeinwohl zur Verfügung zu stellen?
In ihrem Buch Broligarchie beschreibt Aya Jaff ihren Weg von der Startup-Gründerin zur Aussteigerin und kritisiert jene Ideologie, die Marktgläubigkeit, Innovationsfetisch und Staatsverachtung verbindet: den Cyberlibertarismus. Im Gespräch mit Jacobin erklärt sie, warum der Typus des Tech Bros anschlussfähig für Politik etwa der Marke Trump ist, wie digitale Monopole demokratische Kontrolle untergraben und wie Digitalisierung auch ganz anders organisiert werden könnte.
»Ich war nicht bereit, beispielsweise eine ›Health-App‹ anzubieten, für die man vielleicht die Nachfrage erzeugen kann, die aber keinen nachgewiesenen gesundheitlichen Nutzen hat.«
In Broligarchie beschreibst Du Deinen frühen Einstieg in die Startup-Welt, darunter die Teilnahme an einem Bildungsprogramm im Silicon Valley, das sich im Nachhinein vor allem als ideologische Schulung erwiesen hat. Was hast Du dort gelernt?
Ich bin sehr jung in die Tech- und Finanzwelt eingestiegen, angefixt von Filmen wie Wolf of Wall Street und von Gründerfiguren auf den Covern von Forbes und Fortune. Über ein Stipendium kam ich mit neunzehn ins Silicon Valley – in ein Programm, das sich Universität nannte, faktisch aber ein von dem Multimilliardär Tim Draper finanziertes Ausbildungsprojekt war.
Dort wurde uns nicht nur beigebracht, wie man Pitch Decks baut oder Unternehmen skaliert, sondern auch eine sehr klare Ideologie vermittelt. Silicon Valley wurde mir als eine Art meritokratisches Zentrum verkauft: Wer gut ist, setzt sich durch, wer scheitert, war nicht diszipliniert, klug oder risikobereit genug. Erst später habe ich begriffen, wie stark diese Haltung politisch aufgeladen ist. Gründerinnen gelten als Menschen, die Probleme lösen, während der Staat – und auch demokratische Entscheidungsprozesse – als ineffizient abgewertet werden.
Du wolltest Dein eigenes Start-Up gründen – und bist nach fast zehn Jahren in der Tech-Szene quasi ausgestiegen, weil sich Dir immer mehr ethische Fragen stellten.
Meine eigenen Gründungsversuche sind letztlich daran gescheitert, dass ich nicht bereit war, meine ethischen Grenzen zu verschieben. Ich war nicht bereit, bestimmte Logiken mitzugehen, beispielsweise eine »Health-App« anzubieten, für die man vielleicht die Nachfrage erzeugen kann, die aber keinen nachgewiesenen gesundheitlichen Nutzen hat. Doch wenn ein Projekt nicht funktioniert, heißt es oft: falsches Timing, falsches Team, falsche Gründerin.
Erst rückblickend habe ich begriffen, dass genau diese Individualisierung Teil des Problems ist. Sie verhindert, dass über Machtverhältnisse, systemische Zwänge und strukturelle Diskriminierung gesprochen wird. Für mich war das der Punkt, mich bewusst aus der Startup-Branche zurückzuziehen. Dieses Buch fühlt sich deshalb wie ein Coming-out an.
»Alles, was demokratischer Kontrolle unterliegt – Regulierung, öffentliche Infrastruktur, kollektive Aushandlung –, gilt als ineffizient oder hinderlich. Genau hier entsteht die Anschlussfähigkeit von Cyberlibertären an autoritäre und rechte Projekte.«
In Deinem Buch geht es viel um Tech Bros, was für Dich nicht bestimmte Personen meint, sondern für eine Haltung steht: Ein unerschütterlicher Glaube an den Markt, eine blinde Verliebtheit in Innovation und die Überzeugung, dass Regulierung dabei nur stört. Welche Gefahr geht von den Tech Bros aus?
Der Tech Bro hat für mich zunächst keine eindeutige politische Haltung beziehungsweise ist zumindest nicht per se politisch rechts. Diese Mentalität ist nicht an Geschlecht gebunden – auch ich war ein Tech Bro. Auch ist diese Haltung zunächst nicht explizit politisch. Aber ich habe häufig beobachtet, dass die werdenden Tech Bros in ihrer Gründungsphase zu den Berühmten hochschauen: Elon Musk, Peter Thiel, Mark Zuckerberg. Und diese haben sich in den vergangenen Jahren immer stärker nach rechts bewegt. Ein gemeinsamer Nenner mit der politischen Rechten liegt in einem radikalen Marktglauben und einer staatsfeindlichen Grundhaltung.
Du bezeichnest das als »Cyberlibertarismus«. Wo liegt der Ursprung dieser Ideologie – und warum hat sich die libertäre Ideologie so eng mit dem Mythos der digitalen Freiheit verknüpft?
Cyberlibertarismus ist aus einer Mischung aus 70er-Jahre-Gegenkultur und radikalem Marktliberalismus entstanden. Das Internet galt zunächst als freier Raum jenseits staatlicher Eingriffe – und sollte unbedingt beschützt werden. Der digitale Raum sollte als ein Ort definiert werden, der vermeintlich frei von allen Regeln ist. Diese Freiheitsidee wurde später mit einem aggressiven Marktglauben verbunden: der Markt als oberste Instanz, der Staat als Störfaktor.
Politisch gefährlich wird das dort, wo der Staat zum Feind erklärt wird. Alles, was demokratischer Kontrolle unterliegt – Regulierung, öffentliche Infrastruktur, kollektive Aushandlung –, gilt als ineffizient oder hinderlich. Genau hier entsteht die Anschlussfähigkeit von Cyberlibertären an autoritäre und rechte Projekte. Diese Allianz ist kein Zufall. Wer Demokratie als ineffizient betrachtet, landet zwangsläufig bei Akteuren, die Macht konzentrieren wollen. Die Tech Bros sagen: Lasst uns in Ruhe mit euren Regulierungen, wir bauen hier einzigartige Plattformen auf – und diese nehmen zunehmend eine Monopolstellung ein, auch wenn das niemand so explizit sagt.
Peter Thiel formuliert in seinem Buch Zero To One klar: Wettbewerb gilt als Zeichen von Austauschbarkeit, Monopole als Ausdruck echter Innovation. Das Ziel eines Unternehmens sollte nicht sein, mit anderen Unternehmen um Marktanteile zu konkurrieren, sondern unangefochten an der Spitze zu stehen. Das ist problematisch, weil Monopole hier nicht als Ausnahme, sondern als wünschenswert dargestellt werden. Machtkonzentration wird zur Voraussetzung von Fortschritt erklärt.
Im Liberalismus gilt Wettbewerb als Voraussetzung für faire Preise und Innovation, Monopole aber eigentlich als Gefahr. Deshalb gibt es auch Regulierungsansätze sowie juristische Entscheidungen, um die Monopolbildung einzudämmen. Beispielsweise hat ein US-Gericht 2024 festgestellt, dass Google ein illegales Monopol im Anzeigen- und Suchmarkt unterhält. Der EU Digital Markets Act ist ebenfalls ein Versuch, die Macht großer Plattformen einzuschränken.
Ja, es gibt erste Versuche, aber sie reichen nicht. Gleichzeitig zeigen sie die Problematik auf. Ein Beispiel ist der Fall Idealo gegen Google. Idealo hat den Digital Markets Act der EU genutzt und gegen Google geklagt, der Vorwurf: Google hat eine Monopolstellung und nutzt diese aus, wir als Idealo – ein privatwirtschaftliches Unternehmen – werden quasi online geschnitten und nicht gesehen. Idealo hat Recht bekommen; Google wurde zu einer hohen Schadensersatzstrafe verurteilt.
»Schauen wir in die USA, wo die Tech-CEOs sich Trump angenähert haben – warum sollten wir uns von ihren Firmen abhängig machen?«
Idealo gehört übrigens zu Axel Springer. Ich will hier nicht für dieses Unternehmen eintreten, aber wenn selbst große Player wie diese gegen Google kaum noch ankommen, über was für eine Marktsituation sprechen wir dann noch? Viele, die sich selbst als Verteidiger des Kapitalismus verstehen, haben nicht begriffen, dass wir es längst nicht mehr mit funktionierendem Wettbewerb zu tun haben. Wenn ich oligarchische Strukturen kritisiere, werde ich schnell als antikapitalistisch gelesen – dabei argumentiere ich im Kern für das, was der Kapitalismus einst versprach: fairen Wettbewerb.
Es geht nicht nur um Regeln, sondern um Eigentum: Wem gehören Server, Datenströme und Schnittstellen – kurz, die digitale Infrastruktur? Die »Big Five« des Internets sind Privatkonzerne aus den USA: Alphabet (Google), Apple, Amazon, Meta (Facebook) und Microsoft. Sie dominieren nicht nur die Privatwirtschaft. Auch Kommunen, mitunter gar ganze Staaten, sind abhängig von ihnen – durch den Einsatz von Software oder auch die Nutzung von Cloud-Infrastrukturen, beispielsweise von Amazon Web Services oder Microsoft Azure. Was bedeutet das?
Ein paar US-Konzerne stellen die digitale Infrastruktur bereit, auf der Unternehmen und Behörden, mitunter ganze Volkswirtschaften aufbauen. Das ist politisch brisant, weil diese Infrastruktur sicherheitsrelevant ist. Wenn ein einzelner Anbieter ausfällt, kann ein Großteil des digitalen Verkehrs lahmgelegt werden. Das ist kein stabiles System. In Debatten über digitale Souveränität wird das langsam erkannt – etwa mit Blick auf die Abhängigkeit von US-Konzernen. Schauen wir in die USA, wo die Tech-CEOs sich Trump angenähert haben – warum sollten wir uns von ihren Firmen abhängig machen?
Trotzdem investieren Staaten weiter in genau diese Strukturen, etwa in den Ausbau von Rechenzentren, deren Kontrolle weiterhin bei US-Konzernen liegt. Außerdem zahlen Behörden Abogebühren für Software wie Microsoft. Faktisch finanziert der Staat damit private Monopole.
Eine andere problematische Schnittstelle von Staat und Kapital offenbart sich bei der Nutzung von Software, die Behörden und potentiell auch das Militär verwendet, um Entscheidungen vorzubereiten – oder gar alleine zu treffen. Verantwortung wird an algorithmische Systeme delegiert. In Broligarchie nennst Du das Sozialamt in Österreich als Beispiel. Plötzlich wird eine alleinerziehende Frau mit Migrationshintergrund durch die Software zu einem Risikofall erklärt, obwohl ihr keine der Angestellten des Sozialamts erklären kann, warum. Datenerhebung und -auswertung gehen oft einher mit Diskriminierung.
Ja, was mich selbst überrascht, ist, wie nah diese Systeme an ganz gewöhnlicher Startup-Software sind. Es braucht nicht viel, um Programme zu bauen, die Daten vergleichen, priorisieren und kategorisieren. Der entscheidende Unterschied ist, welches Ziel man ihnen gibt – und auf welche Daten die Software zugreift. Unternehmen wie Palantir können deshalb so erfolgreich sein, weil Staaten ihnen Zugang zu sehr unterschiedlichen Datenquellen geben. Behörden sagen dann: Das sind unsere Daten, verknüpft sie und erstellt ein Risikobild. Technisch ist das nichts fundamental Neues, politisch aber hochproblematisch.
Besonders gefährlich wird das dort, wo Menschen formal »in the loop« bleiben. Wir hatten bereits Fälle in den USA, die zeigen, dass Menschen algorithmischen Vorschlägen oft folgen, selbst wenn sie eigentlich unsicher sind. Die KI fragt: Schau mal, passt die Aufnahme von dem Täter zu diesem Foto hier? Ist das dieselbe Person? Dann antworten die meisten ja, obwohl man die Person nicht gut erkennen kann. Einfach nur, weil man sich auf die KI verlässt. Das vermeintliche »Sicherheitskonzept« vom Menschen als letzter Kontrollinstanz wird dann problematisch. Dann ist es zwar legal, weil ein Mensch kurz vor der finalen Entscheidung noch mal drüber geschaut hat, aber der den Daten zugrunde liegende Bias bleibt.
So verstärken sich bestehende Verzerrungen, etwa wenn historische Daten soziale oder rassistische Vorurteile reproduzieren. Was dann als neutrale Technik erscheint, führt faktisch zu automatisierter Diskriminierung – in der Sozialverwaltung, im Sicherheitsbereich und im schlimmsten Fall im Militär, wie wir in Israel gesehen haben. Innerhalb von Minuten werden die Kill-Lists der KI durch Soldaten bestätigt: »Terrorist« identifiziert, Mensch getötet.
»Estlands viel gelobtes E-Government basiert vollständig auf öffentlicher Infrastruktur. Es zeigt damit, dass Digitalisierung nicht Big-Tech-Abhängigkeit bedeutet.«
Es gibt Alternativen – in Hinblick sowohl auf Software als auch auf Hardware. Barcelona nutzt LibreOffice. In Estland wurden eigene Cloud-Strukturen aufgebaut. Wie bewertest Du diese Schritte?
Sie zeigen: Es geht. Staaten können digitale Infrastruktur selbst besitzen und betreiben. Estland ist dafür ein tolles Beispiel. Dort wurden eigene Cloud-Strukturen und Verschlüsselungsstandards entwickelt. Das viel gelobte E-Government basiert vollständig auf öffentlicher Infrastruktur. Estland zeigt damit, dass Digitalisierung nicht Big-Tech-Abhängigkeit bedeutet. Regulierung war hier keine Bremse, sondern die Voraussetzung dafür, dass die Bürokratie in einer lebendigen Demokratie datenschutzgerecht digitalisiert wird. Dieses »E-Government« in Estland ist auch bei den Tech Bros aus der Start-Up-Szene extrem beliebt: Man zieht nach Estland und bekommt dort eine E-Identity, die komplett auf staatlicher Infrastruktur fußt.
Auch Barcelona geht einen spannenden Weg. Die Stadt beantwortete die Frage, wem die Daten gehören, klar: den Bürgerinnen. Deshalb behandelt Barcelona digitale Infrastruktur als Gemeingut, vergleichbar mit der Wasser- oder Stromversorgung. Die Stadt setzt auf Open-Source-Lösungen wie LibreOffice; Bürgerinnen erhalten Werkzeuge, um kontextabhängig über die Nutzung ihrer Daten zu entscheiden.
Worin siehst Du die Aufgabe einer gesellschaftlichen Linken, um eben diese Alternativen zu stärken?
Ich erwarte, dass die Hoffnung nicht aufgegeben wird. Denn darauf bauen diese Konzerne: Ihre Narrative sind so dominant, dass gar nicht mehr gefragt wird, was sonst möglich wäre. Genau hier sehe ich eine Aufgabe der Linken: Alternativen sichtbar machen und gleichzeitig das Erfolgsmodell von Big Tech entzaubern. Dass ich die Big-Tech-Definitionen von Innovation und Fortschritt so lange übernommen habe, war letztlich ihr größter Erfolg. Das gilt es infrage zu stellen – und Fragen rund um Macht und Eigentum wieder in den Vordergrund zu stellen.
Interessant ist auch, dass sich gerade innerhalb der Tech-Bro-Szene Risse zeigen. Selbst dort gibt es Zweifel, wie stabil diese autoritären Machtfantasien wirklich sind. Wenn sogar deren eigene Vordenker skeptisch werden, zeigt das: Es gibt Spielräume. Für mich heißt das, weiter über konkrete Alternativen zu sprechen – auch wenn das belächelt wird. Ich habe keine größenwahnsinnigen Disruptionsversprechen, sondern viele unterschiedliche Ansatzpunkte, auf europäischer Ebene, staatlich wie kommunal. Genau darin liegt für mich die eigentliche politische Perspektive.
Aya Jaff ist Tech-Expertin und Publizistin. Im November 2025 ist ihr neuestes Buch Broligarchie: Die Machtspiele der Tech-Elite und wie sie Fortschritt verhindern im Econ Verlag erschienen.