20. März 2026
Nicht Work-Life-Balance ist weltfremd. Weltfremd ist die Idee, dass vierzig Stunden arbeitende Frauen die Strukturkrise einer Industrienation lösen werden.

»Reproduktionsarbeit wie die CDU realitätsfern als leere Zeit zu betrachten, rächt sich irgendwann auch wirtschaftlich.«
Was haben Feierabende, Feiertage, Krankheit, Rente, Arbeitslosigkeit und Teilzeit gemeinsam? Sie alle gelten Politik und Kapital heute als brachliegende Goldminen der Produktivität. Anfang des Jahres schlug der Wirtschaftsflügel der CDU deshalb vor, das Recht auf Teilzeit zu beschränken: Statt »Lifestyle-Teilzeit« endlich vierzig Arbeitsstunden für alle.
Der Teilzeit-Angriff reiht sich in einen Überbietungswettbewerb ein. Die Chefin der »Wirtschaftsweisen« Monika Schnitzer möchte Feiertage, Allianz-CEO Oliver Bäte die Lohnfortzahlung am ersten Krankheitstag streichen. CDU-Politiker Sven Schulze wünscht sich außerdem eine Arbeitspflicht für Bürgergeldempfänger. Wenn es nach der Bundesregierung ginge, sollen Rentner zudem künftig noch nach ihrem 67. Geburtstag zum Wirtschaftswachstum beitragen. Neben dem Lebensabend möchte die Koalition auch den Feierabend »aktivieren«.
Nun werden nicht alle diese Vorschläge umsetzbar sein. In Sachen Teilzeit ist die CDU bereits zurückgerudert. Durchatmen können Arbeitnehmerinnen deshalb noch lange nicht. Im Gegenteil. In Zukunft werden wir noch viele weitere solcher Angriffe erleben. An der Teilzeit-Polemik Anfang des Jahres zeigt sich also etwas Grundsätzliches: Die Arbeitgeber und ihre Bundestagsvertretung wollen die hiesige Arbeitswelt noch weiter zugunsten des Kapitals umbauen. Im Arbeitsrecht sollen amerikanische Verhältnisse herbeigeführt werden. Um das umzusetzen, benötigt es einen Kulturkampf gegen all das, was keinen Umsatz erzeugt. Fürsorge, Regeneration und Müßiggang – kurzum: das Leben.
»Schon jetzt zeigt jede vierte Mutter Überlastungssymptome. Schon jetzt sehen Kinder ihre Eltern kaum.«
In unserer Gesellschaft sind vor allem Frauen für all das zuständig. Konservative wissen das ganz genau, immerhin stellt diese vergeschlechtlichte Arbeitsteilung das Herzstück ihrer Ideologie dar. Das hält sie jedoch nicht davon ab, mit ihrem Feldzug für das Arbeitsvolumen vor allem Frauen das Leben schwer zu machen.
Jede zweite Arbeitnehmerin ist teilzeitbeschäftigt. Die andere Wochenhälfte der Teilzeitarbeiterinnen möchte die Kanzlerpartei unbedingt für den Arbeitsmarkt aktivieren. Zwar gesteht auch sie ein: Wer Kinder erzieht oder Angehörige pflegt, soll auch zukünftig ausnahmsweise weniger als vierzig Stunden arbeiten dürfen. Allerdings erfordert unser aller Leben nicht nur in Ausnahmesituationen – ganz jung, ganz alt, ganz krank – Fürsorge, sondern permanent. Der Kühlschrank muss gefüllt und der Boden gesaugt werden, jemand muss die erkältete Tante besuchen oder den trauernden Freund anrufen. Der Mensch hat Bedürfnisse und führt Beziehungen, die sich mitunter schwer mit einer Vollzeittätigkeit vereinbaren lassen.
Wer vierzig Stunden schuftet, wägt deshalb permanent ab: Will ich acht Stunden schlafen, selbst ein ballaststoffreiches Abendessen kochen, die Staubschwaden wegsaugen oder meine Freunde bei einem Konzert treffen? Um dieses Dilemma aufzulösen, mag die eine oder der andere entscheiden, weniger zu verdienen und nur zwanzig Stunden zu arbeiten.
In den meisten Fällen ist es aber so: Männer arbeiten Vollzeit und lagern ihre Bedürfnisse aus. Weil 85 Prozent der berufstätigen Männer und sogar 95 Prozent der Väter hierzulande vierzig Stunden in Büros oder Fabriken verbringen, brauchen sie Putzfrauen, Essenslieferanten, Nannys und Therapeutinnen – oder in den meisten Fällen: teilzeitarbeitende Partnerinnen. Während dieses Modell Frauen ökonomisch an ihre Partnerschaft bindet, verpassen Männer das Leben und vernachlässigen ihre Beziehungen.
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Julia Werthmann ist freie Journalistin. Ihre Texte sind unter anderem in der Zeit, dem Freitag und in der SZ erschienen.