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16. Februar 2026

Als der Schiefe Turm nach links neigte

In den 1970ern eroberte die Kommunistische Partei Italiens in der Toskana ein Rathaus nach dem anderen, stritt für Wohnraum für alle und mehr Demokratie. Doch obwohl sie sich vom sowjetischen Modell distanziert hatte, konnte sie sich nach ‘89 nicht halten.

Der Kommunist und ehemalige Partisan Elio Gabbuggiani (mitte) war 1975–83 Bürgermeister von Florenz.

Der Kommunist und ehemalige Partisan Elio Gabbuggiani (mitte) war 1975–83 Bürgermeister von Florenz.

Wikimedia Commons

Am 11. September 1975 spielte die im Exil lebende chilenische Folkband Inti Illimani unter den mittelalterlichen Arkaden der Piazza della Signoria in Florenz und rief zur internationalen Solidarität auf. Es war der zweite Jahrestag des Militärputsches, mit dem die sozialistische Regierung Chiles gewaltsam gestürzt, Augusto Pinochet an die Macht gebracht und ein Massaker begangen wurde, das Menschen auf der ganzen Welt entsetzte. Die aus der Heimat vertriebenen Inti Illimani trugen ihre rebellischen Botschaften nach Italien. Das Mittelmeerland war damals sowohl ein wichtiges Zentrum der Chile-Solidarität als auch ein Ort, an dem sich ein bedeutender Durchbruch für die Linke abzeichnete.

Kurz zuvor, bei den Wahlen im Juni, hatte die Kommunistische Partei Italiens (PCI) historische Höchststände erreicht: Sie erhielt insgesamt mehr als elf Millionen Stimmen und übernahm die Macht in dutzenden Gemeinden im ganzen Land. In der toskanischen Hauptstadt Florenz war der kommunistische ehemalige Partisan Elio Gabbuggiani nun Bürgermeister, im September hieß er Inti Illimani in seiner Stadt zur Festa de l’Unità der Partei willkommen – einem Festival mit Musik, preiswertem Essen und linken Ikonen aus aller Welt. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges waren die Kommunisten inzwischen die zweitstärkste Partei Italiens, blieben jedoch aus der nationalen Regierung ausgeschlossen. Die erfolgreichen Kommunalwahlen weckten die Hoffnung, man werde nun mit der schrittweisen Eroberung von Städten und Gemeinden auf den endgültigen Triumph zusteuern.

Schon bei den ersten Regionalwahlen des Landes 1970 (die nach der Ratifizierung der Nachkriegsverfassung um mehr als zwei Jahrzehnte verzögert worden waren) war die Toskana eine der drei Hochburgen der PCI in Mittel- und Norditalien. Gabbuggiani selbst war bereits vor seiner Zeit als Bürgermeister auf regionaler politischer Ebene tätig. Mitte der 1970er Jahre waren dann viele Rathäuser der größeren Städte kommunistisch geworden, neben Florenz beispielsweise auch das von Pisa. Die Menschen in diesen beiden toskanischen Städten kommen nicht immer gut miteinander aus; in beiden Stadtzentren erklären Graffiti den jeweils anderen Fußballverein für »merda«, und auch die PCI-Ortsverbände konkurrierten damals darum, wer die besseren Mobilisierer und Organisatoren seien.

In dieser turbulenten Periode der italienischen Geschichte mit einer nach wie vor aufstrebenden Arbeiterbewegung gab es in beiden Städten aber auch viele ähnliche Forderungen. Das Italien Mitte der 1970er war nicht mehr das arme Land, das sich aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs hochrappeln musste. Es war eine industrialisierte Gesellschaft, geprägt von steigendem Konsum, aber auch von wachsenden feministischen Forderungen und einer starken studentischen Präsenz in den Städten. Die Menschen erwarteten mehr als lediglich einen minimalen Lebensstandard. Viele setzten große Hoffnungen in die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister der PCI.

»Die Kommunisten, in Kriegszeiten die größte Kraft im antifaschistischen Widerstand, hatten nach Ende des Zweiten Weltkriegs kurzzeitig hohe Ämter in den Rathäusern von Pisa und Florenz sowie auf nationaler Ebene in Rom übernommen.«

In den Jahren zuvor hatten die von Christ- und Sozialdemokraten geführten nationalen Regierungen bedeutende Reformen eingeführt, beispielsweise das Arbeitnehmerstatut von 1970, das mehr Arbeitsplatzsicherheit garantierte. Ebenso wurde die Scheidung per Gesetz legalisiert und in einem Referendum 1974, in dem die Italienerinnen und Italiener für die Beibehaltung dieser Änderung stimmten, bekräftigt. Es zeigte sich, dass Italien zunehmend weniger konservativ und patriarchal wurde. Andererseits war der Fortschritt nicht ohne Konflikte; auch der Schritt-für-Schritt-Ansatz der PCI stieß innerhalb der Linken auf Kritik.

Der ostdeutsche Fotograf Thomas Billhardt, der 1975 die kommunistisch regierte Toskana besuchte, hielt etwas von dieser Stimmung fest. Seine Arbeit zeigte Menschen in der DDR Bilder eines liberaleren Sozialismus, der die Menschen nicht hinter einer Mauer gefangen hielt: italienische Kommunisten, die zwischen mittelalterlichen Statuen in der Toskana Volksliedern lauschen, Parteizeitungen studieren und Pici-Nudeln genießen. Seine Bilder erschienen 1976 in dem Fotoband Noch steht der Schiefe Turm... Dieser Titel erscheint doppeldeutig: So deutet er treffend darauf hin, dass die Herrschaft der PCI nicht zum von vielen Gegnern heraufbeschworenen Chaos und Zerstörung geführt hatte; aber ebenso, dass die neu gewonnenen »roten Festungen« möglicherweise nicht für immer bestehen würden.

Die Linke erstarkt

Die Kommunisten, in Kriegszeiten die größte Kraft im antifaschistischen Widerstand, hatten nach Ende des Zweiten Weltkriegs kurzzeitig hohe Ämter in den Rathäusern von Pisa und Florenz sowie auf nationaler Ebene in Rom übernommen. In den ersten beiden Jahrzehnten des Kalten Krieges konnte die PCI jedoch nicht mehr Teil einer Regierung werden, da die bürgerlichen und NATO-freundlichen Christdemokraten die stärkste Kraft waren und somit über die Bildung von Koalitionen entscheiden konnten. In den 1960er Jahren errang die PCI in den toskanischen Städten regelmäßig rund ein Drittel der Stimmen, jedoch nie eine Mehrheit. Mit dem Entstehen einer moderneren, weniger hierarchisch gegliederten italienischen Gesellschaft schwand jedoch die Dominanz der Christdemokraten, und die konservative Partei musste sich zunehmend auf die Partito Socialista Italiana (PSI) als Partner verlassen.

Doch diese Allianz sollte nicht überall von Dauer sein. Schon 1971 wählten die Lokalabgeordneten von PCI und der PSI in Pisa gemeinsam einen Unabhängigen – den Ex-Christdemokraten Elia Lazzari – zum Bürgermeister. Da die lange Zeit dominierende christdemokratische Partei erschöpft schien und eine starke Arbeiterbewegung im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs der Nachkriegszeit große Erfolge erzielte, kam es bei den Wahlen 1975 zu einer starken Verschiebung nach links: Die Kommunisten holten in Pisa 39,7 Prozent der Stimmen und in Florenz sogar 41,5 Prozent. In beiden Städten bildeten sich bald kommunistisch geführte Verwaltungen, die von den Sozialisten mitgetragen wurden. Gabbuggiani wurde Bürgermeister von Florenz, sein PCI-Genosse Luigi Bulleri löste Lazzari als Stadtoberhaupt in Pisa ab.

Pisa und Florenz sind heute als Touristen-Hotspots bekannt: Alle Italienreisenden wollen einen Schnappschuss mit dem Schiefen Turm oder Michelangelos David. Der Tourismus war auch schon in den 1970er Jahren riesig – Jahrzehnte, bevor die Locals am eigenen Leib erfahren mussten, welche Misere Airbnb mit sich bringen kann. Das urbane Gefüge dieser Städte hatte jedoch schon immer viel mehr zu bieten. Dazu gehörten eine einflussreiche Studentenschaft – wobei insbesondere Pisa ein Zentrum der radikalen Linken war – sowie eine große Leichtindustrie, wie beispielsweise die Textilproduktion in den Vororten von Florenz oder die Agrarindustrie und der Maschinenbau in Pisa.

»Neben der Unterstützung von Arbeiterfamilien gegen Wuchermieten engagierten sich die Kommunisten in Pisa auch in anderen, breiteren gesellschaftlichen Kämpfen.«

In Pisa machte Bürgermeister Bulleri den Kampf gegen Zwangsräumungen zu seinem Markenzeichen. Er erklärte »Vermietern, die Wohnungen leer stehen lassen« den Krieg. Der ehemalige Landarbeiter Bulleri bestand auf dem Grundsatz »Wohnraum für alle«. Seine Stadtführung machte von (fiktiven) »Notstandsbefugnissen« Gebrauch, um Wohnungen zu beschlagnahmen, die ungenutzt oder aus denen die bisherigen Bewohner zwangsgeräumt worden waren. Dies ging so weit, dass Vermieter leerstehender Wohnungen, die diese nicht bewohnbar machten, verklagt wurden. In der heruntergekommenen Wohnanlage Villaggio Centofiori zerstörte der Bürgermeister in seiner offiziellen Tricolore-Schärpe persönlich die Absperrungen um die Gebäude. Dutzende der dortigen Wohnungen waren von obdachlosen Familien besetzt worden; Bulleris Verwaltung unterstützte sie direkt und gab bekannt, die Immobilien seien vom Rathaus beschlagnahmt worden.

Neben der Unterstützung von Arbeiterfamilien gegen Wuchermieten engagierten sich die Kommunisten in Pisa auch in anderen, breiteren gesellschaftlichen Kämpfen, indem sie sich beispielsweise als Verteidiger der Gemeinde gegen Unternehmen präsentierten, die das Grundwasser verschmutzten. Hinzu kam ein ausgeprägter Fokus auf die Stadtidentität. So beteilige sich die PCI aktiv an den Feierlichkeiten zu Ehren des lokalen Schutzheiligen Ranieri. An seinem Gedenktag, dem 16. Juni, beleuchten die Menschen in Pisa die Stadt mit zehntausenden Kerzen, die auf weißen Holzrahmen an den Gebäuden am Flussufer angebracht werden. Mitglieder der PCI gingen in den Tagen vor dem religiös konnotierten Feiertag sogar von Tür zu Tür, um sicherzustellen, dass die Lichtinstallation einstimmig war. Die jahrhundertealte Tradition war letztlich, so argumentierten die Kommunisten, eher eine menschliche Erfindung als eine göttliche Eingebung – und der Gemeinschaftsgeist musste respektiert und gepflegt werden, unabhängig davon, wie man nun zur Kirche stand.

In Florenz leitete Gabbuggiani ebenfalls Stadtentwicklungsmaßnahmen ein. Dazu gehörten die Sanierung des Marktes San Lorenzo und eine stärkere Erschließung vom Stadtzentrum in Richtung Nordwesten. Ziel war es dabei, so Gabbuggiani, vor allem kleine handwerkliche Produktionsbetriebe zu stärken. Sein Team wollte den Bürgerinnen und Bürgern außerdem mehr Verantwortung für lokale, demokratische Entscheidungen übertragen. Daher wurden neue, vom Rathaus unabhängige Nachbarschaftsräte geschaffen: Sowohl die Expansion der Stadt in den 1960er und 1970er Jahren als auch der Wiederaufbau nach dem verheerenden Hochwasser des Arno 1966 bedeuteten erhöhten Druck für die Stadtplanung, und die linke Verwaltung bemühte sich um eine Dezentralisierung der Entscheidungsfindung. Diese erste Welle neuer, stärker lokalisierter Strukturen in italienischen Städten führte im November 1977 zu den ersten Wahlen auf Stadtteilebene. Die Wahlbeteiligung lag bei 82 Prozent, ein Traumwert für heutige Kommunalpolitik-Standards.

Internationalistische Kontakte

Die kommunistisch geführten Kommunalverwaltungen klagten zwar gelegentlich über mangelnde Unterstützung seitens der Nationalregierung in Rom, vermieden jedoch echte Konfrontation mit ihr. Während ihrer Blütezeit Ende der 1970er Jahre verwalteten sie ihre Städte im Schatten der christdemokratischen Landesführung. Anstatt zu versuchen, diese Minderheitsregierung zu Fall zu bringen, verfolgte die PCI während dieser Zeit eine Politik, bei der unter Verweis auf Stabilität die Regierungsgewalt den Christdemokraten überlassen wurde. Die Kommunisten hofften auch, beweisen zu können, dass sie es verstehen, die öffentlichen Finanzen verantwortungsvoll zu verwalten.

Die PCI hatte bereits zuvor Bürgermeister in Großstädten gestellt, doch die verschärften Spaltungen durch den Kalten Krieg in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre hatte zum Sturz vieler solcher Kommunalregierungen geführt. Weiter nördlich, in der roten Hochburg Bologna, blieb die PCI in den Nachkriegsjahrzehnten hingegen ununterbrochen an der Macht. Die kommunistischen Bürgermeister in der Toskana Mitte der 1970er Jahre vollzogen dennoch eine Wende innerhalb der Partei: Sie standen der nationalen Regierung friedlicher gegenüber als alle anderen kommunistischen Führer vor ihnen, machte aber zeitgleich den Kalten Krieg zum Thema. Wie Bürgermeister Gabbuggiani kurz nach seinem Amtsantritt in einem Interview sagte: »Wir werden nicht so handeln wie [die PCI-Führung in] Bologna. Eine ordentliche Verwaltung ist eine wichtige Sache, ebenso wie Stadtplanung, aber Florenz wird nicht nur dies tun. Wir werden versuchen, uns auf die internationale Dimension der Politik zu beziehen.«

Es folgten entsprechende Initiativen, die vom Rathaus ausgingen. Dazu gehörten klassische linke Themen – Ablehnung der Apartheid in Südafrika, Unterstützung für eine »Euro-Arabische Konferenz« und Forderungen nach Abrüstung der Supermächte. Gabbuggiani erklärte Florenz sogar zur »Partnerstadt« von Nanjing in China. Der Flügel um Gabbuggiani legte jedoch ebenso Wert darauf, die PCI von der Sowjetunion zu distanzieren. So fand im Januar 1979 in Florenz eine Konferenz zum Thema »Dissens und Demokratie in den Ländern Osteuropas« statt, die von Gabbuggianis Stadtverwaltung organisiert wurde. Ebenso hieß er Jelena Sacharowa, die Ehefrau des sowjetischen Physikers und Dissidenten Andrej Sacharow, im Palazzo Vecchio willkommen.

»Die kommunistischen Bürgermeister in der Toskana Mitte der 1970er Jahre standen der nationalen Regierung friedlicher gegenüber als alle anderen kommunistischen Führer vor ihnen, machte aber zeitgleich den Kalten Krieg zum Thema.« 

Im April 1977 wurde Gabbuggiani dann zur bis dato höchstrangigen Persönlichkeit der PCI, die die USA besuchte. Er war von Coleman Young, dem ersten schwarzen Bürgermeister von Florenz’ Partnerstadt Detroit, eingeladen worden. Allerdings schien es zunächst unwahrscheinlich, dass er ein Visum erhalten würde: Die US-Behörden misstrauten der PCI und ignorierten sogar die italienischen Christdemokraten, die sich ihrerseits bemühten, mit den Kommunisten zu kooperieren. Im Zuge dieses »historischen Kompromisses« unter Federführung von PCI-Generalsekretär Enrico Berlinguer wurde Gabbuggiani schließlich doch die Einreise in die USA gestattet, sodass er in Detroit an der Eröffnung des Renaissance Centers teilnehmen konnte.

»Vor zwei Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass ein italienischer Kommunist bei einer solchen Zeremonie zugegen ist«, so Gabbuggiani gegenüber der New York Times. »Die Kapitalisten gehen einen Weg und ich einen anderen, aber das bedeutet nicht, dass ich mich unwohl dabei fühlen würde, Henry Ford [Junior, einem wichtigen Geldgeber des Centers] die Hand zu schütteln.« Gabbuggiani traf sich außerdem mit dem jungen Soziologen und späteren Autor von Bowling Alone Robert Putnam, der ihm an der University of Michigan als Übersetzer zur Seite stand.

Langsamer Abstieg

In gewisser Weise eröffneten die Bürgermeisterämter der PCI neue Perspektiven. Auf Gabbuggianis Reise in die USA folgten bald ähnliche Trips von führenden Parteimitgliedern wie Giorgio Napolitano, dem späteren Präsidenten Italiens. Während diese Ausflüge die Vorhut des Aufstiegs der PCI zur institutionellen Macht bilden sollten, gerieten allerdings die Bemühungen auf lokaler Ebene unter starken Druck. Grund dafür war ein politischer Wandel auf nationaler Regierungsebene und insbesondere die zunehmende Beliebtheit der Sozialistischen Partei von Bettino Craxi als rivalisierende und den Kommunisten geradezu feindlich gegenüberstehende Kraft.

Entscheidend war auch der politisch motivierte Terrorismus dieser Zeit, der die Verhandlungsposition der Kommunisten untergrub. Die wohl bekannteste Episode war die Entführung und Ermordung von Aldo Moro, dem wichtigsten christdemokratischen Gesprächspartner von PCI-Führer Berlinguer, durch die linksextremen Roten Brigaden. Viele Kommunisten raunten, Moro sei von Geheimdienstlern, die eine solche konservativ-kommunistische Kooperation mit Argwohn betrachteten, getötet oder zumindest absichtlich sterben gelassen worden.

Noch bedeutender war allerdings, dass mit dem nachlassenden Wirtschaftswachstum das Ende des Nachkriegsbooms und der darauf aufbauenden Arbeiterbewegung einläutete. Florenz und Pisa wuchsen demografisch weiter und die Arbeiterklasse war zwar noch nicht sichtbar im Rückgang begriffen, aber andere Bevölkerungsgruppen wuchsen. Höher gebildete Angestellte formten bald eine starke Unterstützungsbasis für die Sozialisten. 1983 bildete der sozialistische Parteichef Craxi nicht nur eine von den Christdemokraten geduldete nationale Regierung, sondern die Sozialisten traten auch aus der kommunistisch geführten Stadtverwaltung von Florenz aus und sorgten damit für Gabbuggianis Amtsende. Er und Bulleri wurden noch im selben Jahr Mitglieder der Opposition im italienischen Parlament. Als Abgeordneter spielte der Ex-Bürgermeister von Florenz nun eine führende Rolle bei Ermittlungen zur geheimnisumwobenen Freimaurerloge P2, die die italienische Demokratie klandestin und mit Gewalt zu destabilisieren versuchte.

Sicherlich reichten ein paar Jahre Anbiederung an die christdemokratische Herrschaft mit Verweis auf »nationale Solidarität« nicht aus, um die Arbeiterbasis der PCI in den Städten zu zerstören. Doch auf längere Sicht sollten die Anpassungsbereitschaft der PCI an die Dogmen ausgeglichener Haushalte und ihre (weitgehend blinde) Unterstützung für das europäische Projekt das Gesicht der Partei verändern. Prozessorientierte Ideen wie die Betonung der lokalen Demokratie, Stadtteilwahlen oder das Mantra der »Nähe zum Land« reichten nicht aus, um dem wachsenden Austeritätsdruck etwas entgegenzusetzen.

»Als die Berliner Mauer 1989 fiel, konnte sich selbst eine PCI, die sich ihrer zahlreichen Abweichungen vom sowjetischen Modell rühmte, nicht mehr halten.« 

Insgesamt war die PCI in den Lokalverwaltungen zu einer gemäßigten Kraft geworden, nannte sich aber weiterhin stolz kommunistisch – schließlich war man die Partei, die die Resistenza gegen den Faschismus angeführt hatte. Genau das erwies sich nun jedoch als Hindernis beim Bestreben, Florenz zum Zentrum einer internationalen politischen Wende zu machen. Um es mit den Worten des DDR-Fotografen Billhardt zu umschreiben: Die Gefahr bestand nicht darin, dass inkompetente Kommunisten den Schiefen Turm von Pisa einstürzen lassen würden, sondern vielmehr gab es das Problem, dass die PCI und ihre kommunistische Identität stark durch die internationale Ordnung und Blockkonfrontation beeinflusst waren.

Als die Berliner Mauer dann 1989 fiel, konnte sich selbst eine PCI, die sich ihrer zahlreichen Abweichungen vom sowjetischen Modell rühmte, nicht mehr halten. Die Bezeichnung »Kommunist« war beschmutzt und verpönt; die Partei wurde auf neuen (und schwachen) Grundlagen, die dem postmodernen Geist der frühen 1990er Jahre entsprachen, praktisch neu gegründet. Marktliberale Stimmen forderten eine radikale Umgestaltung und eine »Neue Linke«, die sich vom Arbeitererbe der Partei löst. Die Reformansätze auf kommunaler Ebene blieben zwar, und die Partei und ihre Nachfolger konnten sich in vielen städtischen Zentren an der Macht halten – nicht selten dank der aufgebauten Infrastruktur der Arbeiterbewegung. Was jedoch fehlte, war das Gefühl, weiterhin ein übergeordnetes Projekt der gesellschaftlichen Transformation zu verfolgen, sollte diese Transformation auch in noch so ferner Zukunft liegen.

»Bürgermeister von Italien«

Nach einer langen Reihe von Spaltungen und Fusionen schloss sich die einstige PCI mit anderen Fraktionen zusammen, um die heutige sozialdemokratische Partito Democratico (PD) zu gründen. Dabei erweiterten sie ihre Wählerbasis allerdings nicht sonderlich, sondern führten lediglich Fragmente der Führungsgruppen diverser alter Parteien zusammen. Der Wandel in der italienischen Politik Anfang der 1990er Jahre führte auch zu einer allgemeinen Abwertung von Parteien und Programmen: Unter anderem wurden Bürgermeisterinnen und Bürgermeister fortan direkt als Einzelpersonen und nicht als Vertreter eines bestimmten Parteiprogramms gewählt.

Das Hauptproblem bestand nicht nur darin, dass sich die ehemaligen Kommunisten in der PD nun mit alten politischen Gegnern verbündeten. Vielmehr sorgten die Neugewichtung der Klassenkräfte und der gesamtgesellschaftliche Kontext, in dem diese Allianzen entstanden, dafür, dass die Linke sich zunehmend nach rechts orientierte. 1971 in Pisa hatten die Kommunisten noch bei der Wahl eines Ex-Christdemokraten zum Bürgermeister deutlich machen können, dass die Arbeiterbewegung eine Kraft war, mit der andere Politiker stets rechnen mussten. In der Zeit nach der Krise 2008, in der das Vertrauen der Öffentlichkeit in das Parteiensystem regelrecht zusammenbrach und Austeritätsmaßnahmen das Mittel der Wahl waren, nahmen derartige Kollaborationen eine ganz andere Färbung an.

Bezeichnend in diesem Sinne war die große Hoffnung auf die PD in der Toskana: 2009 wurde der damals 34-jährige PD-Zentrist Matteo Renzi zum Bürgermeister von Florenz gewählt. Er versprach, seine eigene christdemokratische Tradition mit der Blairschen »Dritter-Weg-Sozialdemokratie« zu verknüpfen. Für Renzi war das Rathaus von Florenz eine Startrampe für die nationale Politik. Seiner Ansicht nach qualifizierte ihn sein Umgang mit lokalen Themen in Florenz für eine sachlich-nüchterne nationale Regierungsführung. Ab 2014 war er dann tatsächlich Ministerpräsident Italiens – in einer Koalition mit Teilen der gemäßigten Rechten – und gelobte, nun als »Bürgermeister von Italien« zu agieren.

»Diese Erfahrungen zeigen, dass selbst Gebiete, die als historisch links gelten, nach rechts kippen können, sobald die früheren Quellen der Mobilisierung und Hoffnung verschwinden.«

Diese Betonung des Bürgermeistermodells stellte sich jedoch als eine entkernte Demokratieversion heraus. Tatsächlich wurde eine technokratische Vision von Politik verfolgt, die lediglich auf »Problemlösung« in Verbindung mit dem Charisma des Regierungschefs – Renzi selbst – beruhte. Bürgermeister Gabbuggiani war einst nicht nur auf der Suche nach Investitionspartnerschaften ins Ausland gereist, sondern auch mit dem Ziel, internationale Solidarität zu bekunden und aufzubauen. Nun bestimmte die finanzielle Notlage zunehmend die Arbeit der Stadtführungen und sogar die des italienischen Ministerpräsidenten. Renzi war das Mastermind bei der Wende der PD hin zum neoliberalen Zentrum. Damit stieß er der alten Basis in der Arbeiterschaft vor den Kopf. Während 1970 eine Mitte-Links-Regierung noch das Arbeitnehmerstatut verabschiedet hatte, um Arbeitsplätze sicherer zu machen, stellte Renzi die Abschaffung dieses Schutzes in den Mittelpunkt seiner arbeitspolitischen Reformen. Das Ergebnis: Die Umfragewerte der PD brachen ein; sie hat seitdem keine Wahl auf nationaler Ebene mehr gewonnen.

Heute ist Florenz sozialdemokratisch geprägt; Renzi hat seine eigene neoliberale Kleinstpartei gegründet; und Pisa wird von einer stramm rechten Koalition regiert. In keiner der beiden toskanischen Städte erreicht die Wahlbeteiligung heute die Werte früherer Jahrzehnte. Diese Erfahrungen zeigen, dass selbst Gebiete, die als historisch links gelten, nach rechts kippen können, sobald die früheren Quellen der Mobilisierung und Hoffnung verschwinden.

Die Infrastruktur der alten Arbeiterbewegung ist nicht vollständig verschwunden. In linken Zentren und belebten Bars der ländlichen Toskana finden sich immer noch Menschen, die sich daran erinnern, wie Inti Illimani ihre Botschaft des Widerstands aus Chile mitbrachten. Fünf Jahrzehnte später ist es aber einfacher, sich einen nominal linken Bürgermeister vorzustellen, der mit einem Autokonzern-CEO schäkert, als dass er internationale Solidarität auf den toskanischen Straßen und Piazzas zelebriert.

David Broder ist Europa-Redakteur von JACOBIN und Autor von Mussolini’s Grandchildren: Fascism in Contemporary Italy (Pluto Press, 2023).