18. April 2026
Die Forderung nach einer Übergewinnsteuer trifft bei den meisten Ökonomen auf Unverständnis. Das hat nicht nur politische, sondern auch theoretische Gründe – denn der Begriff des Profits wurde systematisch verunklart.

Lars Klingbeil möchte Übergewinne besteuern. Katherina Reiche meint, sowas gäbe es gar nicht – und kann sich dabei auf die Lehrbücher stützen.
Seit dem amerikanisch-israelischen Angriff auf den Iran ist die Straße von Hormus zum Knackpunkt für die globale Wirtschaft geworden. LNG, Helium, Schwefel – die Engpässe sind zahlreich. Doch in Deutschland beherrscht vor allem ein Thema seit Wochen die Debatte: Öl. Die Ölpreise steigen, die Tankstellenpreise noch schneller.
Der Bremer Bürgermeister Andreas Bovenschulte hat früh eine Übergewinnsteuer ins Gespräch gebracht und auf EU-Ebene will Vizekanzler Lars Klingbeil für sie argumentieren. Doch auf Bundesebene herrscht wenig Einigkeit. Auch wenn Wirtschaftsministerin Katherina Reiche das Kartellamt eingeschaltet hat, sieht sie eine Übergewinnsteuer nicht als sinnvoll an.
Dabei wiederholt sich für alle sichtbar dasselbe Muster wie nach dem russischen Angriff auf die Ukraine: dieselben Konzerne, dieselben Preissprünge, dieselbe Debatte – und dieselben pauschalen Zurückweisungen durch konservative Politikerinnen und ihre Ökonomen. Damals milderte ein Preisdeckel zumindest die Folgen für die Bevölkerung ab und auf EU-Ebene einigte man sich darauf, Gewinne über 20 Prozent des Vierjahresschnitts mit mindestens 33 Prozent zu besteuern.
Eine pragmatische Konstruktion – aber eben auch eine improvisierte. Die eigentliche Debatte über Übergewinne wurde nie geführt. Und genau das rächt sich jetzt. Denn was auf den ersten Blick wie ein politisches Problem wirkt, ist vor allem ein wissenschaftliches. Dass sich die deutschsprachige Mainstream-Ökonomik schwer damit tut, den Begriff »Übergewinn« überhaupt präzise zu fassen, liegt nicht nur an politischen Differenzen – es liegt an einer Besonderheit im Fundament ihrer Theorie: Sie besitzt einen verschobenen Begriff von Profit.
In den Grundmodellen der Neoklassik sind Profite ein temporäres Phänomen. Unter Bedingungen vollständigen Wettbewerbs gleichen sich Preise und Kosten langfristig an; übrig bleiben die Entlohnungen der Produktionsfaktoren – Löhne für Arbeit, Renten für Boden, Zinsen für Kapital. Aber wo sind die Profite? Die sind im Gleichgewicht verschwunden.
Das ist schon bei Léon Walras, dem Begründer der allgemeinen Gleichgewichtstheorie, so angelegt: Profite erscheinen dort nur als Übergangsphänomen. Entstehen irgendwo Profite, treten neue Anbieter in den Markt ein, weiten die Produktion aus und drücken die Preise – bis das Gleichgewicht wiederhergestellt ist. Walras selbst meinte, Profite sollten deshalb »theoretisch beiseite gelassen werden«.
»In der klassischen politischen Ökonomie war Profit keine Ausnahme, sondern Regelfall.«
In modernen Modellen hat sich an dieser Grundstruktur wenig geändert. Profite sind im Gleichgewicht null; sie tauchen allenfalls als Ausnahmen auf – als Monopolrenten, Informationsvorteile oder kurzfristige Marktstörungen. Die Theorie behandelt sie als Abweichung vom Normalzustand, nicht als strukturelles Merkmal kapitalistischer Wirtschaft. Wenn Profite aber grundsätzlich temporär sind, ist der Begriff des Übergewinns von vornherein keine sinnvolle Kategorie. Das erklärt, warum die neoklassische Ökonomie in der gegenwärtigen Diskussion so blass bleibt.
Das war nicht immer so. In der klassischen politischen Ökonomie war Profit keine Ausnahme, sondern Regelfall. Adam Smith, David Ricardo und John Stuart Mill betrachteten ihn als grundlegende Einkommensform des Kapitalismus. Karl Marx entwickelte von hier eine analytisch besonders hilfreiche Unterscheidung: die Differenz zwischen Durchschnittsprofit und Surplusprofit.
Der Durchschnittsprofit entsteht aus der Konkurrenzbewegung der Kapitalien: Investitionen fließen in Branchen mit höheren Profiten, verlassen weniger profitable Bereiche, bis sich eine allgemeine Durchschnittsprofitrate herausbildet. Surplusprofite entstehen dort, wo einzelne Unternehmen über Vorteile verfügen – günstigere Produktionsbedingungen, technologische Vorsprünge, außergewöhnliche Marktpositionen.
Im Wettbewerb tendieren solche Surplusprofite dazu, wieder auf das Durchschnittsniveau gedrückt zu werden. Es sei denn, strukturelle Marktmacht oder geopolitische Sondersituationen – wie gerade an der Straße von Hormus – verhindern das. Übergewinne waren aus dieser Perspektive kein theoretisches Problem, sondern ein erklärbares Ergebnis wirtschaftlicher Dynamik.
Im späten 19. Jahrhundert veränderte die sogenannte Marginalrevolution die ökonomische Perspektive grundlegend. Statt Wert und Einkommen aus Arbeit und Klassenverhältnissen abzuleiten, rückte nun der subjektive Nutzen der Konsumenten und die Grenzproduktivität der Produktionsfaktoren ins Zentrum. Die entscheidende Frage war dabei: Wie viel trägt die letzte eingesetzte Einheit – Arbeit, Kapital, Boden – zum Preis bei? Damit erschien Kapital nun als Produktionsfaktor wie jeder andere. Was vorher als Profit galt, wurde so – spätestens seit Eugen von Böhm-Bawerk – als normales Faktorentgelt mit dem Begriff »Kapitalzins« umetikettiert.
»Profit wurde zu Kapitalzins, und was übrig blieb, wurde mit dem verwechselt, was eigentlich Surplusprofit ist. Und damit gibt es theoretisch keine Übergewinne mehr.«
Doch es ist ausgerechnet Friedrich Hayek, Schirmherr der Neoliberalen und eigentlich in der Tradition Böhm-Bawerks zuhause, der die Problematik erkannte. 1939 spricht Hayek in seinem Essay Profit, Interest and Investment das Unausgesprochene aus: »Es ist die Profitrate, die ›orthodoxe‹ Ökonomen bewusst oder unbewusst oft im Sinn hatten, wenn sie von der Zinsrate sprachen.« In der ersten Fußnote desselben Essays wird er dann mit einer Deutung konkret: es liege wahrscheinlich »an den besonderen Assoziationen, die seit Marx mit dem Wort ›Profit‹ verbunden sind«, dass der Begriff »gemieden« und stattdessen »Zins« verwendet werde.
Was wir hier sehen, ist eine Verschiebung. Was Smith, Ricardo und Marx noch als eigenständige Einkommensform des Kapitals betrachteten, wurde in Kapitalzins umbenannt. Und Profit wurde zur Restkategorie geschrumpft – zur abnormalen Differenz, die nur in der Übergangsphase zum Gleichgewicht auftritt. Seitdem wird Profit als flüchtig wahrgenommen.
Hayek selbst schrieb teilweise dagegen an, blieb aber in seiner Korrektur auf einer Zwischenposition. Im selben Essay schreibt er: Während die Verwendung von Kapitalzins in der Verteilungstheorie, wo der Begriff lediglich als »allgemeine Beschreibung der Einkünfte aus Kapital« diene, »keinen Schaden anrichte«, sei sie in der »dynamischen« Analyse »definitiv irreführend«.
Mit der begrifflichen Verschiebung von Profit zu Zins geht jedoch analytisch etwas Wesentliches verloren. Was jede Unternehmensrechnung als »Gewinn« ausweist, kategorisiert die Mainstream-Theorie in »Kapitalzins« um – als normales Faktorentgelt, das dem Kapital zusteht wie der Lohn der Arbeit. Was dann noch »Profit« genannt wird, ist nur der Überschuss über diese Normalrendite: eine Restkategorie, die im Gleichgewicht verschwindet.
Doch eigentlich ist dies als Surplusprofit besser zu fassen: Sie sind Mehr-Profite, die über den Durchschnittsprofit hinausgehen und aus vorteilhaften Positionen entstehen. Ihre Umdefinierung in Profite schlechthin verschleiert dies. Es wurde also doppelt verschoben: Profit wurde zu Kapitalzins, und was übrig blieb, wurde mit dem verwechselt, was eigentlich Surplusprofit ist. Und damit gibt es theoretisch keine Übergewinne mehr.
»Eine Steuer auf positionsbedingte Surplusprofite dämpft weder Investitionsbereitschaft noch Innovationsdynamik – sie entzieht dem Unternehmen lediglich einen Vorteil, den es sich nicht erarbeitet hat.«
Dabei wäre der Surplusprofit-Begriff analytisch produktiv – wenn man eine Unterscheidung ernst nähme, die in der aktuellen Debatte fehlt. Surplusprofite entstehen aus zwei grundlegend verschiedenen Quellen: Produktivitätsbedingte Surplusprofite ergeben sich, weil ein Unternehmen effizienter produziert als der Durchschnitt – ein erarbeiteter, temporärer Vorteil, den der Wettbewerb wieder einebnet. Dies ruft die von Hayek fokussierte Anpassung in der Kapitalstruktur hervor.
Positionsbedingte Surplusprofite hingegen entstehen, weil sich äußere Bedingungen zu Gunsten eines Unternehmens verschoben haben – Rohstoffknappheit, Nachfrageschock, geopolitische Krise. Das Unternehmen hat nichts getan. Es sitzt schlicht an der richtigen Stelle.
Diese Unterscheidung ist der eigentliche Kern des Arguments für eine Übergewinnsteuer. Die Verteidigung der hohen Gewinne in dieser Krise gilt fast ausschließlich für den ersten Typ: Gewinne seien Signale und Anreize, sie belohnten Innovation und lenkten Kapital dorthin, wo es gebraucht wird. Aber für positionsbedingte Surplusprofite gilt das nicht. Sie entstehen ohne Investitionsleistung und ohne Innovationsanreiz. Eine Steuer auf sie dämpft weder Investitionsbereitschaft noch Innovationsdynamik – sie entzieht dem Unternehmen lediglich einen Vorteil, den es sich nicht erarbeitet hat.
Dabei ist der positionsbedingte Surplusprofit noch die harmlosere Variante. Weiter geht der Fall, in dem Unternehmen einen externen Schock nicht nur passiv nutzen, sondern aktiv verstärken – indem oligopolistische Marktstrukturen es erlauben, Preise stärker zu erhöhen, als Kostensteigerungen es rechtfertigen. Dann ist der Surplusprofit nicht mehr nur Resultat günstiger Umstände, sondern aktiv ausgeübter Marktmacht, die diese Situation ausnutzt. Genau diesen Prozess hat Isabella Weber in ihrer Analyse der Sellers’ Inflation ab 2022 beschrieben.
»Wer eine vorteilhafte Position innehat, nutzt sie. Das ist keine Abweichung vom Markt, sondern seine übliche Funktionsweise – sobald man aufhört, ihn als imaginiertes Gleichgewichtsmodell zu betrachten, und ihn so nimmt, wie er ist.«
Das Koordinationsargument der Skeptiker versagt hier – aber nicht weil der Markt »versagt«. Surplusprofite durch Marktmacht sind kein Ausnahmefall, sondern normales Ergebnis kapitalistischer Konkurrenz: Wer eine vorteilhafte Position innehat, nutzt sie. Das ist keine Abweichung vom Markt, sondern seine übliche Funktionsweise – sobald man aufhört, ihn als imaginiertes Gleichgewichtsmodell zu betrachten, und ihn so nimmt, wie er ist.
Genau deshalb sollten Übergewinne systematisch abgeschöpft werden – aber ohne präzisen Profitbegriff kann selbst eine solche Regelung nur an der Oberfläche kratzen.
Ohne begriffliche Unterscheidung ist das stärkste Gegenargument schwer zu beantworten: dass eine Übergewinnsteuer Investitionsanreize schädigt. Doch das Argument hat nur Kraft, weil der gängige Profitbegriff bereits verdeckt, worum es eigentlich geht. Solange nicht verstanden wird, dass sich hinter dem neoklassischen Profitbegriff eigentlich Surplusprofite verbergen – Mehr-Profite über dem gesellschaftlichen Durchschnitt, der wiederum als Kapitalzins umetikettiert wurde –, müssen alle Gewinne als positive Marktsignale gelten.
Erst mit diesem korrigierten Begriff wird die entscheidende Unterscheidung möglich: zwischen Surplusprofiten, die aus Produktivität entstehen und tatsächlich Investitionen anreizen, und solchen, die schlicht aus vorteilhafter Position anfallen. Ohne diese Unterscheidung muss jeder Gewinn als Marktsignal verteidigt werden – auch der, den sich niemand verdient hat.
In der Debatte über die Übergewinnsteuer kommen wir an einer präzisen Einbettung des Surplusprofit-Begriffs nicht vorbei. Die Antwort findet sich nicht in den Gleichgewichtsmodellen des Mainstreams. Sie findet sich in einer Theorietradition, die der Mainstream seit über hundert Jahren lieber beiseitelässt.
Jannis Köster ist Nachhaltigkeitswissenschaftler und Politischer Ökonom.