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04. März 2026

Was ein Sozialist in der ukrainischen Armee über Frieden denkt

Vier Jahre nach Beginn der russischen Invasion spricht Taras Bilous – ein Sozialist, der in der ukrainischen Armee dient – über Erschöpfung, Verhandlungen und warum er denkt, dass ein schlechter Waffenstillstand ein Segen für die extreme Rechte sein könnte.

Taras Bilous fordert seit langem internationale Solidarität mit dem ukrainischen Widerstand.

Taras Bilous fordert seit langem internationale Solidarität mit dem ukrainischen Widerstand.

Polina Davydenko

Ende Februar jährte sich zum vierten Mal der Beginn der Vollinvasion Russlands gegen die Ukraine. Im Laufe des letzten Jahres haben Kommentatoren beider Seiten oft einen entscheidenden Durchbruch prognostiziert, sei es aufgrund der wirtschaftlichen Probleme Russlands oder der nachlassenden Unterstützung des Westens für die Ukraine. Doch während die Erschöpfung auf beiden Seiten zunimmt, zuletzt auch durch massive russische Angriffe auf das ukrainische Stromnetz, scheint ein Friedensabkommen weiterhin in weiter Ferne zu sein.

Taras Bilous, ein Sozialist, der in der ukrainischen Armee dient, fordert seit langem internationale Solidarität mit dem Widerstand der Ukraine. Er kritisiert linke Positionen, die eine Kürzung der westlichen Hilfe für Kyjiw befürworten, und betont, dass dies lediglich eine Belohnung für die russische Aggression sei. In einem Interview mit der russischen Sozialistin Sasha Talaver erklärt er, warum die Ukrainerinnen und Ukrainer zunehmend auf einen Waffenstillstand drängen, aber kein Friedensabkommen akzeptieren können, das die zukünftige Verteidigung des Landes nicht garantiert.

Du bist seit vier Jahren in der Armee. Was ist derzeit Deine Aufgabe? Wie geht es Dir?

Ich bin Drohnenpilot und führe Luftaufklärungen durch. Derzeit bin ich wegen einer Verletzung im Diensturlaub, sodass ich jetzt mehr Freizeit habe als in den letzten drei Jahren. Mir geht es gut, danke. Ich habe zwar noch einen Granatsplitter in der Leber, aber insgesamt bin ich wieder vollständig genesen. Ich bin derzeit mit meinen Eltern in Kyjiw. Mein Urlaub neigt sich dem Ende zu.

»Dies war definitiv der bisher härteste Winter für die Zivilbevölkerung.«

Wie ist die Lage in Kyjiw nach dem russischen Beschuss von Energieanlagen?

Endlich wird es wärmer, sodass sich die Lage verbessert. Das Schlimmste ist vorbei; zumindest wird es keine so starken Fröste mehr geben. Die Situation war in den Regionen unterschiedlich – an einigen Orten funktionierte die Heizung seit Januar nicht mehr. Am schwersten hatten es arme Menschen, Menschen mit besonderen Bedürfnissen und so weiter.

Dies war definitiv der bisher härteste Winter für die Zivilbevölkerung: Glücklicherweise waren die vorangegangenen Winter mild. Dennoch war es für viele Menschen, die nicht zu den gefährdeten Gruppen gehören, einfacher als im Herbst 2022, als Russland erstmals begann, die Energieinfrastruktur der Ukraine zu bombardieren. Damals fiel der Strom aus, die Wasserversorgung funktionierte überhaupt nicht mehr und es gab kein Internet und keine Mobilfunkverbindung, manchmal den ganzen Tag lang. Jetzt funktioniert die Wasserversorgung oft auch ohne Strom, und die Kommunikation ist stabil.

Im Februar 2022 hast Du einen viel beachteten Brief an die westliche Linke geschrieben, in dem Du sie dafür kritisiert hast, dass sie darauf beharrt, ihr Hauptfeind befinde sich in ihren eigenen Ländern, und dass sie sich nicht solidarisch mit dem bewaffneten Widerstand gegen die russische Invasion zeigt. Wie schätzt Du die Lage jetzt ein, nachdem Donald Trump auf Verhandlungen gedrängt hat?

Die Umstände haben sich geändert, und meine Position hat sich entsprechend etwas gewandelt. Aber was ich damals geschrieben habe, war im Allgemeinen richtig. Ich denke, dass Trumps Scheitern bei den Friedensverhandlungen bestätigt, was ich damals geschrieben habe: »Ein Aufruf zur Diplomatie an sich bedeutet nichts, wenn wir uns nicht mit den Verhandlungspositionen, konkreten Zugeständnissen und der Bereitschaft der Parteien, sich an ein unterzeichnetes Abkommen zu halten, befassen.« Was beispielsweise den Waffenstillstand betrifft, so befürwortet die Ukraine seit April 2025 einen vollständigen und bedingungslosen Waffenstillstand, aber Russland akzeptiert einen solchen noch immer nicht. Aber wer auf der linken Seite sagt, dass Russland zur Einhaltung des Waffenstillstands gezwungen werden muss?

Wie bewertest Du den Fortschritt der Friedensverhandlungen?

Erst seit kurzem kann man sagen, dass echte Verhandlungen stattfinden. Was im letzten Jahr passiert ist, war eine Show für Trump. Er hat sich ohne Verständnis für die Situation und mit törichten Illusionen eingemischt und die Lage nur verschlimmert.

Als Trump gewann, dachte ich, dass sich die Lage für uns höchstwahrscheinlich verschlechtern würde, aber ehrlich gesagt hatte ich insgeheim die schwache Hoffnung, dass doch noch ein Wunder geschehen könnte. Obwohl Trump der letzte Mensch ist, von dem ich Hilfe erwarten würde, möchte ich, wie andere Ukrainer und Ukrainerinnen auch, vor allem, dass dieser verdammte Krieg endlich vorbei ist. Leider wurde schnell klar, dass nichts Gutes zu erwarten war.

»Trump gab eine Verhandlungsposition nach der anderen auf, verzichtete auf seine Forderung nach einem bedingungslosen Waffenstillstand und gab Putin, was dieser wollte: Anerkennung und einen Ausweg aus der internationalen Isolation.« 

Wichtig ist zu verstehen, dass, als Trump als Präsident zurückkehrte, sowohl die Ukraine als auch Russland bereits vom Krieg erschöpft waren, wenn auch sicherlich nicht so sehr wie heute. Nach dem Scheitern der Gegenoffensive von 2023 wurde das Argument, dass »wir unser Volk nicht unter Besatzung lassen können«, irrelevant. Im Laufe des Jahres 2024 wuchs in der Ukraine, auch innerhalb der Armee, allmählich die Stimmung zugunsten einer Einfrierung des Konflikts. Unabhängig davon, wer die US-Präsidentschaftswahlen gewonnen hätte, die Verhandlungen hätten ohnehin begonnen. Und es scheint, dass die ukrainische Regierung dies verstanden hat – der Friedensgipfel 2024 in der Schweiz und die Operation in Kursk waren unter anderem Versuche, ihre Position vor den Verhandlungen zu stärken.

Ich denke, viele westliche Analysten verstehen nicht, dass der Hauptgrund für Wolodymyr Selenskyjs Änderung seiner Position zum Waffenstillstand nicht der Druck von Trump war, sondern eine Veränderung der Stimmung der Ukrainerinnen und die Erkenntnis der Realitäten auf dem Schlachtfeld. Selenskyj änderte seine Haltung bereits im November 2024 und stimmte der Möglichkeit zu, den Konflikt einzufrieren, ohne dass Russland alle besetzten Gebiete zurückgibt. Alles bewegte sich in diese Richtung. Bereits seit dem Frühjahr 2024 war jede Erwähnung der »Grenzen von 1991« in der ukrainischen Armee, die ich hörte, immer sarkastisch gemeint.

Hat sich die Meinung auch in der Armee geändert?

Ja, auf jeden Fall. Vielleicht sogar früher als in der Gesellschaft insgesamt. Ich habe zum ersten Mal im Herbst 2022 gehört, wie Leute darüber sprachen, dass es gut wäre, den Konflikt einzufrieren. Das waren Soldaten, die um Bachmut gekämpft hatten und dann in eine hintere Einheit versetzt wurden. Damals war dies jedoch eine seltene Ansicht, da nach der erfolgreichen Operation in der Region Charkiw Optimismus verbreitet war. Dies änderte sich im Laufe des Jahres 2024 allmählich.

Wie reagierten die Menschen in deiner Einheit auf Trumps Initiativen?

Zunächst gemischt: Es gab Befürchtungen, dass Trump die Militärhilfe einstellen würde, und Hoffnungen, dass der Krieg endlich enden würde. Aber nach und nach hörten die Leute auf, darüber zu sprechen. Als im letzten Herbst die 28 Punkte veröffentlicht wurden, fragten mich einige internationale Journalistinnen, was normale Soldaten dazu sagten, aber ich hatte keine Antwort, weil es schien, als würde das niemanden mehr interessieren. Im Allgemeinen diskutieren Soldaten solche Themen nicht oft – normalerweise sind alle mit ihrem Alltag beschäftigt. Für mein Team war damals das drängendste Problem nicht Trump, sondern die Mäuse im Unterstand.

Aber jetzt wäre die Ukraine dazu bereit, den Konflikt einzufrieren.

Ja, aber um den Krieg zu beenden, hätte Trump den Druck auf Russland erhöhen müssen. Stattdessen bekamen wir eine Farce mit einem roten Teppich für Wladimir Putin in Alaska. Offensichtlich interessiert sich Trump nicht für die Ukraine und dachte, er könnte schnell Frieden erreichen, indem er die Ukraine zwingt, den Bedingungen Russlands zuzustimmen.

Allerdings hat er keines der beiden Länder verstanden, und falls er wirklich den Krieg schnell beenden wollte, waren seine Handlungen kontraproduktiv. Trump könnte ein Buch über »die Kunst, wie man keine Deals macht« schreiben.

Trump gab eine Verhandlungsposition nach der anderen auf, verzichtete auf seine Forderung nach einem bedingungslosen Waffenstillstand und gab Putin, was dieser wollte: Anerkennung und einen Ausweg aus der internationalen Isolation. Im Grunde genommen hat Putin ihn ein ganzes Jahr lang zum Narren gehalten. Und offenbar begann Trump erst nach seinen Geschichtslektionen in Alaska zu verstehen, mit wem er es zu tun hatte. Aber jetzt lehnen die Russen alle Vorschläge ab und berufen sich dabei auf den »Geist von Anchorage«, den ihnen Trump geliefert hatte.

»Betrachten wir die Dinge nüchtern. Angesichts des Zusammenbruchs der internationalen Ordnung sind schriftliche Sicherheitsgarantien nicht verlässlich.« 

Welche konkreten Gründe gibt es zu glauben, dass Putin seinen ursprünglichen Plan, den ukrainischen Staat zu zerstören, aufgegeben hat? Der Kreml spricht nach wie vor von den »Grundursachen des Konflikts«. Die Forderung, den nicht besetzten Teil des Donbass kampflos an Russland abzutreten, könnte lediglich ein Schritt in diese Richtung sein.

Aber Du sagtest, dass endlich echte Verhandlungen stattfinden. Warum?

Erstens finden direkte Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland statt und nicht nur eine Show, bei der sich die »Großmächte« ohne Beteiligung der Ukraine auf etwas einigen.

Zweitens hat sich die Zusammensetzung der Delegationen geändert, und damit auch der Charakter der Verhandlungen. Unabhängig von den politischen Bedingungen müssen wichtige technische Fragen geklärt werden, insbesondere wie der Waffenstillstand überwacht werden soll. Es wäre besser, wenn bis zu dem Zeitpunkt, an dem politische Vereinbarungen endlich möglich werden, bereits Entscheidungen zu solchen technischen Fragen getroffen worden wären. Aber in politischen Fragen stellt Russland immer noch Bedingungen, die für die Ukraine inakzeptabel sind, sodass diesbezüglich ein Stillstand besteht.

Drittens begann Trump im Oktober endlich, Druck auf Russland auszuüben und verhängte neue Sanktionen gegen russische Ölkonzerne. Das reicht sicherlich nicht aus, aber es ist immerhin ein Anfang.

Darüber hinaus sah sich die russische Wirtschaft im vergangenen Jahr endlich mit ernsthaften Problemen konfrontiert und steuerte auf eine Stagnation zu. Das ist zwar noch lange kein Zusammenbruch, aber die Probleme nehmen zu. Der Großteil der russischen Reservefonds wurde bereits in den vergangenen Jahren für die Bewältigung der Folgen der Sanktionen und den Ausbau des militärisch-industriellen Komplexes ausgegeben.

Was denkst Du über eines der drängendsten Themen bei den Verhandlungen: die Sicherheitsgarantien?

Betrachten wir die Dinge nüchtern. Angesichts des Zusammenbruchs der internationalen Ordnung sind schriftliche Sicherheitsgarantien nicht verlässlich. Für die Ukraine gibt es zwei wichtige Sicherheitsgarantien: die Armee und die Tatsache, dass Russland in diesem Krieg schwere Verluste erlitten hat. Jetzt werden sie es sich zweimal überlegen, bevor sie uns erneut angreifen.

Was die Verhandlungen betrifft, vergleichen wir sie mit den Istanbuler Gesprächen im Frühjahr 2022, bei denen Russland forderte, dass die ukrainische Armee auf 85 000 Soldaten begrenzt werden sollte. Jetzt wollen sie unsere Armee ebenfalls begrenzen, aber niemand spricht mehr von solch lächerlichen Zahlen. Damals wollten sie, dass Russland im Falle einer Aggression ein Vetorecht gegen Militärhilfe für die Ukraine erhält. Damit wäre das Abkommen nicht mehr wert gewesen als das Budapester Memorandum von 1994. Die Ukraine hätte dem niemals zustimmen können. Wir kennen nicht alle Bedingungen, auf denen Russland derzeit besteht, aber es scheint, dass sie ein solches Vetorecht nicht mehr fordern.

Einige Autoren und Autorinnen behaupten immer noch, dass die Ukraine und Russland kurz davor standen, in Istanbul ein Friedensabkommen zu unterzeichnen, aber Boris Johnson habe diese Hoffnungen zunichtegemacht.

Ich verstehe nicht, wie man das nach der Veröffentlichung des Entwurfs für ein Sicherheitsgarantieabkommen und des Artikels von Samuel Charap und Sergey Radchenko über diese Verhandlungen immer noch behaupten kann. Die beiden Autoren zeigen, dass selbst in diesem Abkommen die Positionen der Parteien zu einigen wichtigen Fragen stark voneinander abwichen. Außerdem wurden territoriale Fragen damals noch nicht einmal diskutiert – sie wurden auf ein persönliches Treffen zwischen Selenskyj und Putin verschoben. Jetzt werden die Territorien diskutiert, und das ist das schwierigste Thema. Allerdings überschätzen Charap und Radchenko laut dem russischen linken Politikwissenschaftler Ilja Matwejew Putins Bereitschaft, selbst den damals diskutierten Bedingungen zuzustimmen.

»Die Lage an der Front ist nicht so schlecht, dass wir gezwungen wären, den Bedingungen Russlands zuzustimmen. Dennoch können wir es uns auch nicht leisten, maximalistische Ziele zu setzen.«

Was die westlichen Länder betrifft, so bestand das Hauptproblem darin, dass sie sich weigerten, der Ukraine die von Kyjiw geforderten Sicherheitsgarantien zu geben. Deshalb wollten sie die USA und andere Länder in die Verhandlungen einbeziehen. Aber selbst die Länder, die Sicherheitsgarantien anboten, versprachen lediglich, weiterhin Waffen zu liefern. Die Ukraine wollte mehr. Noch ein Wort über diejenigen, die schreiben, Johnson habe die Verhandlungen gestört: Hätte der Westen tatsächlich zugestimmt, die von der ukrainischen Regierung geforderten Sicherheitsgarantien zu geben, hätten dieselben Autoren diese abgelehnt. Denn das würde bedeuten, dass der Westen im Falle einer neuen russischen Aggression auf der Seite der Ukraine in den Krieg eintreten müsste.

Wenn ich das richtig verstehe, glaubst Du, dass ein Einfrieren des Konflikts derzeit die beste Option wäre. Aber birgt das nicht erhebliche Risiken?

Natürlich ist es ein Risiko. Und dabei geht es nicht nur um die Gefahr eines neuen Krieges, sondern auch um die politischen, wirtschaftlichen und migrationspolitischen Folgen eines eingefrorenen Konflikts. Je mehr die Ukrainer die Wahrscheinlichkeit eines neuen Krieges erkennen, desto mehr Menschen werden das Land verlassen, sobald dieser Krieg beendet ist. Wenn es tatsächlich möglich wäre, europäische Truppen in der Ukraine zu stationieren, wäre das nicht nur wichtig, um weitere russische Aggressionen zu verhindern, sondern einfach auch, um die Menschen zu beruhigen. Die Fähigkeit der Ukraine, zukünftige Aggressionen abzuwehren, hängt auch davon ab, wie die Gesellschaft den Ausgang dieses Krieges wahrnimmt. Aber jeden Tag zahlen wir einen sehr hohen Preis für die Fortsetzung unseres Widerstands, und das birgt andere Risiken.

Selbst wenn der Ukraine formelle Sicherheitsgarantien gegeben werden, könnte es nach dem Waffenstillstand dennoch zu einer neuen russischen Invasion kommen, und die Bedingungen wären für uns dann viel schlechter als jetzt. Das würde zur Besetzung des größten Teils der Ukraine führen. Aber wenn wir den aktuellen Krieg fortsetzen, besteht die Gefahr, dass die Frontlinie irgendwann zusammenbricht, was zu dem gleichen schlechten Ergebnis führen würde. Ich halte es nicht für eine gute Idee, einen Zermürbungskrieg fortzusetzen, bis wir herausfinden, wer über größere Kraftreserven verfügt.

Die Lage an der Front ist nicht so schlecht, dass wir gezwungen wären, den Bedingungen Russlands zuzustimmen, von denen viele inakzeptabel sind, weil sie das Risiko einer neuen Invasion erhöhen würden. Dies gilt insbesondere für die Forderung Russlands, den nicht besetzten Teil des Donbass kampflos aufzugeben. Dennoch können wir es uns auch nicht leisten, maximalistische Ziele zu setzen. Wir können uns nicht den Luxus leisten, dies als eine theoretische Frage zu betrachten. Unsere Leben hängen davon ab.

Und was würdest Du Leuten sagen, die das Risiko einer neuen russischen Aggression leugnen?

Wenn sie sich so sicher sind, sollten sie öffentlich schwören, dass sie im Falle einer neuen Invasion persönlich gegen die russische Armee kämpfen werden. Ohne diese Zusage sind ihre Worte wertlos.

»Als es zu einem Zermürbungskrieg kam, schrumpften unsere Chancen dramatisch.«

Du zeichnest ein sehr düsteres Bild. Gibt es überhaupt Hoffnung für die Zukunft?

Selbst im besten Fall sieht die Zukunft der Ukraine ziemlich düster aus. Unabhängig davon, welche Wiederaufbauprojekte es nach dem Krieg geben mag, wird sich die Ukraine nie vollständig von den Verlusten erholen, die uns dieser Krieg zugefügt hat.

Letztlich gilt dies nicht nur für die Ukraine. Selbst wenn Russland den Krieg entscheidend gewinnen sollte, kann es seinen früheren internationalen Einfluss nicht zurückgewinnen. Unabhängig davon, wie viel Territorium es zu besetzen vermag, wird der Krieg schwerwiegende Folgen für die russische Wirtschaft und die Gesellschaft insgesamt haben. Russland hat für Putins imperiale Ambitionen mit seiner Zukunft bezahlt.

Die Hoffnung liegt weiterhin im Sturz des Putin-Regimes. Vielleicht wird der Waffenstillstand dabei helfen. Soweit ich weiß, herrscht unter der russischen Elite und in der Gesellschaft die Meinung vor, dass die Vollinvasion ein Fehler Putins war, aber da der Krieg begonnen wurde, kann man keine Niederlage riskieren. Nach dem Krieg wird die Frage »Warum haben wir einen so hohen Preis bezahlt?« noch dringlicher werden.

Im Grunde kann nur der Sturz des Putin-Regimes dauerhaften Frieden bringen. Bis dahin wird jedes Friedensabkommen, unabhängig von den Bedingungen, die die Ukraine akzeptieren muss, den Konflikt nur einfrieren. Selbst wenn jemand prahlt: »Ich habe euch Frieden gebracht«, wird Osteuropa weiterhin in Angst vor neuen russischen Aggressionen leben. Und selbst wenn die Ukraine zur Kapitulation gezwungen würde, wäre das Ergebnis nicht Frieden, sondern Widerstand gegen die Besatzung mit anderen Mitteln.

Letztendlich ist nichts von Dauer, und dieses Regime wird ohnehin irgendwann fallen. Aber offenbar verstehen viele westliche Autorinnen und Politiker, die eine Destabilisierung Russlands nach Putins Sturz befürchten, nicht, dass die Folgen umso schlimmer sein werden, je später dies geschieht. Ich denke, diese Angst war einer der Gründe für die übertriebene Vorsicht der Biden-Regierung, die zu einer Verlängerung des Krieges und damit zu Tausenden von Todesopfern, zerstörten Städten und insgesamt viel schwerwiegenderen sozioökonomischen Folgen geführt hat.

Glaubst Du, dass die Ukraine zu Beginn des Krieges bessere Chancen auf einen Sieg hatte?

Auf jeden Fall. Bis zum Spätherbst 2023 waren die Chancen gut. Die Verluste und Niederlagen, die Russland damals erlitten hatte, führten zur Rebellion von Jewgeni Prigoschin. Wären die Verluste Russlands noch größer gewesen, hätte dies das Regime noch weiter destabilisieren können. Leider ist dies nicht geschehen, was zum Teil auf Fehler des Kommandos der ukrainischen Streitkräfte zurückzuführen ist, aber viel mehr noch auf die übertriebene Vorsicht der Biden-Regierung und der EU. Sie zögerten die Lieferung von Waffen zu lange hinaus, weigerten sich zunächst, bestimmte Waffentypen zu liefern, und als sie diese schließlich doch lieferten, war es zu spät. Als es zu einem Zermürbungskrieg kam, schrumpften unsere Chancen dramatisch.

»Ich würde es begrüßen, wenn Selenskyj nach dem Krieg aus der Politik ausscheiden würde. Dies wird er aber sicherlich ablehnen, wenn er sein Mandat bis zum Ende des Krieges verlängern kann.«

Eine der Forderungen des Kremls ist die Durchführung von Präsidentschaftswahlen in der Ukraine. Es scheint, dass die ukrainische Führung kürzlich ihre Position dazu geändert hat.

Das ist interessant, denn Putin fordert Wahlen, um Selenskyj loszuwerden, während Selenskyj Wahlen will, um an der Macht zu bleiben.

Hat er eine Chance, zu gewinnen?

Seine Chancen bei einer Wahl während des Krieges sind definitiv größer als danach. Derzeit hat er nur einen einzigen echten Konkurrenten, den General Valeriy Zaluzhny. Der Krieg bremst politische Auseinandersetzungen, und die Menschen üben Selbstzensur.

Selbst jetzt, wenn ich mit ausländischen Journalisten spreche, habe ich den Eindruck, dass sie verstehen, dass die Ukrainerinnen und Ukrainer sich in der Kommunikation mit ihnen selbst zensieren. Aber diese Journalistinnen verstehen nicht, wie viel Kritik an den Behörden es in den ukrainischen Medien und sozialen Netzwerken gibt. Nach dem Krieg wird dies jedoch viel häufiger vorkommen, und Fragen wie »Warum haben wir so schwere Verluste erlitten?« werden nicht nur in Russland, sondern auch in der Ukraine scharf gestellt werden.

Ich würde es begrüßen, wenn Selenskyj nach dem Krieg aus der Politik ausscheiden würde. Dies wird er aber sicherlich ablehnen, wenn er sein Mandat bis zum Ende des Krieges verlängern kann. Es ist schwer vorherzusagen, wie sich die Unzufriedenheit der Bevölkerung dann äußern wird.

Darüber hinaus sieht all dies nicht nur aus politischer, sondern auch aus rechtlicher Sicht schlecht aus. Laut Verfassung sind Wahlen unter Kriegsrecht verboten, und auch eine Änderung der Verfassung während des Kriegsrechts ist nicht zulässig. Der Gesetzesentwurf zu Wahlen unter Kriegsrecht, der derzeit vom Parlament vorbereitet wird, könnte für verfassungswidrig erklärt werden. Darüber hinaus möchte Selenskyj gleichzeitig mit den Wahlen ein Referendum abhalten, was gesetzlich verboten ist. Die Zentrale Wahlkommission hat erklärt, dass allein die Organisation des Wahlprozesses nach Aufhebung des Kriegsrechts sechs Monate dauern wird, aber die Regierung scheint zu planen, diesen Prozess viel schneller durchzuführen. Ich verstehe noch nicht, wie sie das bewerkstelligen will.

Warum braucht er ein Referendum?

Um die Zustimmung zum Friedensabkommen zu erhalten und die Verantwortung mit der Gesellschaft zu teilen. Ein Referendum wäre notwendig, wenn die Ukraine gezwungen würde, die Annexionen Russlands rechtlich anzuerkennen. Aber weder die ukrainische Gesellschaft noch die Regierung stimmen dem zu. Ein Referendum ist nicht notwendig; es ist nur ein weiteres Beispiel für die Unwilligkeit von Selenskyj, schwierige Entscheidungen zu treffen. Es gab während des Krieges viele solcher Beispiele, und das hat zu zahlreichen Problemen geführt. Die Regierung hoffte, dass der Krieg bald enden würde, und schob daher Entscheidungen zu schwierigen Themen auf, bis es zu spät war. Unsere militärische Schwäche hängt nun in erster Linie nicht mit der Streichung der US-Militärhilfe zusammen, sondern mit internen Problemen.

»Die traditionellen ukrainischen Oligarchen haben durch den Krieg viel Gewicht verloren. Zusätzlich zu den wirtschaftlichen Verlusten stehen viele von ihnen unter politischem Druck – fünf der zehn reichsten ukrainischen Oligarchen unterliegen Sanktionen von Selenskyj.«

Welchen Einfluss hatte Trumps Politik auf den Verlauf des Krieges?

Ich bin kein Militäranalyst; als Soldat kenne ich die Situation an meinem Abschnitt der Front, ich verstehe möglicherweise nicht alle übergeordneten Zusammenhänge. Aber insgesamt denke ich, dass Trumps Politik nicht auf die Lage an der Front, sondern auf die ukrainischen Städte abseits der Front den größten Einfluss hatte. Unsere größte militärische Abhängigkeit von den USA besteht im Bereich der Flugabwehr. Ohne Patriot-Systeme können wir die Städte im Landesinneren nicht wirksam vor ballistischen Raketen schützen. Trumps Politik ist einer der Gründe für den starken Anstieg der zivilen Opferzahlen im letzten Jahr. Auch die derzeitige schwierige Lage in unserem Energiesektor hängt damit zusammen.

Was die Lage an der Front angeht, waren die Auswirkungen nicht so gravierend. Größere Auswirkungen gab es vielleicht im Jahr 2024, als die Republikaner im Kongress neue Militärhilfen für sechs Monate blockierten. Die Abhängigkeit von US-Militärhilfe wurde unterdessen deutlich verringert. Europa konnte diese teilweise kompensieren. HIMARS beispielsweise waren 2022 sehr wichtig, heute jedoch nicht mehr so sehr. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal von Javelins gehört habe. Das Schlachtfeld hat sich durch Drohnen stark verändert.

Kommen wir zu eher zivilen Themen. Wie wird Deiner Meinung nach die ukrainische Politik nach dem Krieg aussehen?

Erstens, damit es überhaupt eine ukrainische Politik geben kann, muss die Ukraine intakt bleiben. Zweitens hängt die Antwort meiner Meinung nach stark vom Ausgang des Kriegs und den Bedingungen des Friedensabkommens ab. Aber sicherlich wird sich die Politik erheblich verändern.

Die traditionellen ukrainischen Oligarchen haben durch den Krieg viel Gewicht verloren. Zusätzlich zu den wirtschaftlichen Verlusten stehen viele von ihnen unter politischem Druck – fünf der zehn reichsten ukrainischen Oligarchen unterliegen Sanktionen von Selenskyj. Ihor Kolomoyskyi, der Selenskyj 2019 zum Sieg verhalf, befindet sich seit 2023 in Haft. Der Einfluss der von Oligarchen kontrollierten Fernsehsender hat deutlich abgenommen. Gleichzeitig ist ein neuer militärisch-industrieller Komplex entstanden, aus dem nach dem Krieg sicherlich neue politische Unternehmer hervorgehen werden.

Wie steht es um die ukrainische extreme Rechte?

Auch da wird alles vom Ausgang des Krieges abhängen. Wenn er als Niederlage angesehen wird, kann die extreme Rechte behaupten: »Wir hätten das besser machen können«, und viele Menschen werden ihnen glauben. Im Laufe der Jahre haben sie sich dafür ausreichend symbolisches Kapital erarbeitet. Wenn das Ergebnis als Sieg (wenn auch nicht als vollständiger Sieg) wahrgenommen wird, wird es für sie schwieriger sein, ihre militärischen Erfolge in politisches Kapital umzuwandeln.

»Es mag kontraintuitiv klingen, aber wenn die Ukraine verliert, wird die extreme Rechte ihren Einfluss vergrößern, und in diesem Fall werden wir höchstwahrscheinlich als Kollektiv verschwinden.«

Im Allgemeinen dürfte der Einfluss der extremen Rechten im Vergleich zur Vorkriegszeit zunehmen; dies ist fast überall auf der Welt der Fall. Aber ich bin mir dessen nicht hundertprozentig sicher. Nach dem Maidanschien es zunächst auch so, als stünde uns ein Aufstieg der extremen Rechten bevor: Swoboda war eine der drei wichtigsten Oppositionsparteien und trat der neuen Regierung nach dem Maidan bei, und der Rechte Sektor war die bekannteste radikale Organisation auf dem Maidan.

Stattdessen begann Svoboda nach dem Maidan zu schwächeln, der Rechte Sektor konnte nicht an seinen Erfolg anknüpfen, und die Azov-Bewegung brauchte Jahre, um ihre Strukturen aufzubauen und junge Menschen anzusprechen. Im Jahr 2019 schien es für eine Weile, als hätten sie eine neue Chance erhalten, doch stattdessen geriet die extreme Rechte in eine neue Krise.

Hinzu kommt der »Trump-Faktor« – ein Teil der ukrainischen Rechtsextremen unterstützte Trump bis 2025 und wird nun dafür kritisiert. Dies lässt sich mit Kanada vergleichen, wo Trumps Druckausübung die Umfragewerte der Konservativen untergrub und stattdessen den Liberalen half. Es ist jedoch schwer zu sagen, wie bedeutend dieser Einfluss in der Ukraine sein wird.

Wie steht es um die ukrainische Linke?

Tatsächlich sind wir ziemlich schwach. Wie in anderen postsozialistischen Ländern musste die antistalinistische Linke in der Ukraine ganz von vorne anfangen. Aber während in Polen, Slowenien, Kroatien und anderen Ländern die neue Linke seit 2014 gewisse Erfolge erzielen konnte, haben die Annexion der Krim und der Krieg im Donbass die Linke in der Ukraine gespalten und geschwächt.

Die Invasion von 2022 hatte eine andere Wirkung – es kam zu einer Reaktivierung, und 2023 hatte sich sogar die Studierendenvereinigung Direkte Aktion reaktiviert. Aber unsere Aktivitäten werden durch das Kriegsrecht und die Tatsache erschwert, dass viele erfahrene Aktivistinnen und Aktivisten in der Armee dienen. Einige sind auch an der Front gefallen, wie der anarchistische Künstler David Chichkan, der Anthropologe und Autor der Zeitschrift Commons Evheny Osievsky und andere. Der russische Anarchist Dmitry Petrov, unser Genosse und Autor von Commons, starb ebenfalls im Kampf auf ukrainischer Seite.

Die Aktivitäten der Studierendenvereinigung Direkte Aktion sind nun auch aufgrund des Drucks der extremen Rechten schwieriger geworden. Während die extreme Rechte uns zu Beginn des Krieges keine Beachtung schenkte, kam es 2024 erneut zu Konflikten. Aber die Bedingungen der Konfrontation haben sich nun geändert. So versuchte die extreme Rechte beispielsweise 2024, die Präsentation eines Studierendenmagazins in Odessa zu stören, doch anarchistische Veteranen kamen den Studierenden zu Hilfe. Letztes Jahr inszenierte der Anführer der russischen Neonazis in der Ukraine, Denis Kapustin, eine Provokation bei der Beerdigung von David Chichkan, wurde jedoch von anarchistischen Soldaten in Schach gehalten.

Was die Zukunft angeht, hängt alles stark vom Ausgang des Krieges ab. Es mag kontraintuitiv klingen, aber wenn die Ukraine verliert, wird die extreme Rechte ihren Einfluss vergrößern, und in diesem Fall werden wir höchstwahrscheinlich als Kollektiv verschwinden. Die nächste Generation von Linken wird gezwungen sein, wieder bei null anzufangen.

Einige westliche Linke sprechen immer noch von den »alten Linken« als Erben der Kommunistischen Partei der Sowjetunion in der Ukraine, die 2022 zusammen mit anderen prorussischen Parteien verboten wurde. Wie beantwortest Du Fragen über sie?

Normalerweise zeige ich einfach ein Video mit einer rassistischen Werbung von Natalia Vitrenko, deren Partei sich »Progressive Sozialistische Partei der Ukraine« nannte. Die Erfahrung hat gezeigt, dass es besser ist, etwas einmal zu zeigen, als zu versuchen, alles mit Worten zu erklären.

»Der Grund für das neue Wettrüsten ist nicht der Widerstand der Ukraine, sondern die russische Invasion. Wenn die Ukraine verliert, wird sich die Militarisierung nur noch verstärken.«

Derzeit wird in der europäischen Linken viel über die Erhöhung der staatlichen Ausgaben für Verteidigung und Militarisierung diskutiert. Was denkst Du darüber?

Ich bin kein Experte für europäische Verteidigungsfragen und hatte noch nicht viel Zeit, mich genau darüber zu informieren, wohin die Verteidigungsausgaben in Europa derzeit fließen. Wir arbeiten mit der Linken in den nordischen Ländern zusammen, und mir scheint, dass sie viele gute Ideen zu diesem Thema haben. Sie haben beispielsweise ein europaweites Embargo für Waffenverkäufe an alle Länder außer der Ukraine vorgeschlagen – meiner Meinung nach ist das eine großartige Idee. Generell ist internationale Sicherheit ein Thema für ein separates langes Gespräch. Aber ich möchte zu einer Sache etwas sagen: In den sozialen Medien geben einige europäische Linke, die gegen die Wiederaufrüstung sind, manchmal der Ukraine die Schuld dafür. Aber das ist eine Argumentation, die den Opfern die Schuld gibt. Der Grund für das neue Wettrüsten ist nicht der Widerstand der Ukraine, sondern die russische Invasion. Wenn die Ukraine verliert, wird sich die Militarisierung nur noch verstärken.

Letzte Frage: Welche Schlussfolgerung sollte die internationale Linke Deiner Meinung nach aus Trumps erstem Amtsjahr ziehen?

Es gibt viele mögliche Schlussfolgerungen. Ich werde nur sagen, was mich am meisten beunruhigt. Im vergangenen Jahr hat der reaktionäre US-Präsident das getan, was die »Anti-Kriegs«-Linke gefordert hat. Was hat das gebracht? Mehr Aggression, mehr zivile Opfer und mehr Zerstörung. Die Lage hat sich nur verschlimmert. In dieser Situation hätten die »Kriegsgegner« meiner Meinung nach umdenken müssen. Aber ich sehe immer noch nicht, dass sie das tun.

Die Logik vieler »Anti-Kriegs«-Linker scheint zu sein: »Wir haben diesen Krieg provoziert, also werfen wir jetzt die Opfer der Aggression unter den Bus.« In Trumps Version lautet sie: »Werfen wir die Opfer unter den Bus und rauben wir sie aus.« Trotz der humanistischen Rhetorik liefen alle Vorschläge in der Praxis darauf hinaus, die Ukraine angesichts der imperialistischen Aggression schutzlos zu lassen. Es sollte mittlerweile klar sein, dass dies der falsche Ansatz ist. In den 1990er Jahren zwang die USA die Ukraine, ihre Atomwaffen an Russland abzugeben, wodurch wir verwundbar wurden. Die Verantwortung der USA besteht nun darin, der Ukraine zu helfen, und nicht darin, die Aggression Russlands zu belohnen.

Taras Bilous ist ukrainischer Historiker, Redakteur der Zeitschrift Commons: Journal of Social Critique, und Aktivist der Organisation Sozialnyi Ruch (Soziale Bewegung).