05. Januar 2026
Wie sehen Anhänger der Bolivarischen Revolution die Zukunft Venezuelas nach der völkerrechtswidrigen Aggression der USA und der Entführung Maduros? Um das herauszufinden, hat Jacobin mit dem ehemaligen venezolanischen Diplomaten Carlos Ron gesprochen.

Unterstützer von Präsident Nicolás Maduro demonstrierten am 4. Januar in Venezuelas Hauptstadt Caracas.
Am 3. Januar haben die USA Venezuela militärisch angegriffen, den Präsidenten Nicolás Maduro entführt und eine Reihe von Luftschlägen durchgeführt. Dieses Vorgehen stellt einen schwerwiegenden Verstoß gegen das Völkerrecht dar und birgt die Gefahr, einen größeren Konflikt in der Region auszulösen.
Um zu verstehen, wie Vertreter der venezolanischen Regierung und Anhänger des bolivarischen Projekts die jüngsten Ereignisse interpretieren und was ihrer Meinung nach als Nächstes zu erwarten ist, sprach Jacobin-Gründer Bhaskar Sunkara am 4. Januar mit dem ehemaligen Diplomaten Carlos Ron, der in von Sanktionen und diplomatischen Konflikten geprägten Zeiten jahrelang als einer der wichtigsten Ansprechpartner der Regierung Venezuelas in den Vereinigten Staaten fungierte.
Carlos, kannst Du Dich bitte kurz unserem Publikum vorstellen?
Heute bin ich als unabhängiger geopolitischer Forscher und Analyst tätig, zuvor war ich aber im venezolanischen Auswärtigen Dienst beschäftigt. Ich habe Venezuela in Brasilien und in den USA vertreten und war von Mai 2018 bis Januar 2025 als stellvertretender Außenminister für die Region Nordamerika zuständig.
Davor hast Du eine ganze Weile in den USA gelebt und studiert. Wie ist es dazu gekommen, dass Du Dich mit der Bolivarischen Revolution unter Hugo Chávez identifiziert hast und für sie aktiv geworden bist? Was hat sie für Dich bedeutet?
Als Migrant in den USA zu leben, hilft dabei, ein Klassenbewusstsein zu entwickeln, Ungleichheit zu erkennen und sich für soziale Gerechtigkeit einzusetzen. Die USA haben eine lange Geschichte sozialer Kämpfe und Prozesse, die wirklich inspirierend sind und eine progressive politische Ideologie prägen können. Die Bolivarische Revolution brach aus, als ich mich mit ebendiesen politischen Ideen beschäftigte. Für mich war es daher logisch und wirkte wie ein Aufruf, dieses Projekt, das die Ausarbeitung einer neuen Verfassung und die Radikalisierung der Demokratie forderte, zu unterstützen und mich den Bemühungen anzuschließen, die Gesellschaft zu verändern.
Mein Großvater war aktiv gegen die von den USA unterstützte faschistische Diktatur von Marcos Pérez Jiménez. Chávez’ Forderungen trafen daher einen Nerv in meiner persönlichen Geschichte. Aber sie passen auch zu radikalen Traditionen der USA – zu den Ideen von Martin Luther King Jr. und Malcolm X – und zu der Vorstellung, dass das Leid der Armen überwunden werden muss, sei es in den Appalachen, der South Bronx oder in Barlovento in Venezuela.
Was kannst Du über den aktuellen Zustand der venezolanischen Exekutive sagen? Wie werden jetzt gerade Entscheidungen getroffen, angesichts des großen Drucks vonseiten einer aggressiven imperialistischen Militärmacht?
Am Abend des 3. Januar 2026 hat das Verfassungsgericht von Venezuela entschieden, dass aufgrund der Entführung von Präsident Nicolás Maduro durch das US-Militär die Vizepräsidentin Delcy Rodríguez vorübergehend als Präsidentin vereidigt werden muss, um die Fortführung der Regierungsgeschäfte sowie die Verteidigung der Nation zu sichern. Alle Mitglieder des Kabinetts, alle Befehlshaber der Streitkräfte und alle weiteren Führungskräfte der Landesregierungen sind weiterhin im Amt. Aktuell lässt sich sagen: Venezuela hat einen verfassungsmäßigen Präsidenten, Nicolás Maduro, der entführt wurde, aber es hat kein Regime Change stattgefunden.
Was funktioniert in Venezuela gerade normal und was ist in Mitleidenschaft gezogen, sei es Kommunikation, Energie, Transport oder Regierungsführung?
Der Großteil des Landes läuft normal weiter – die Kommunikation funktioniert und die öffentlichen, privaten und kommunalen Medien machen ihre Arbeit wie gewohnt. Aus den Gebieten, die von den Angriffen betroffen waren, gibt es Berichte über Stromausfälle. Auch die Flughäfen in La Carlota und Charallave wurden angegriffen. Kommerzielle Flüge an den wichtigsten Flughäfen des Landes sollen allerdings bald schon wieder starten. Abgesehen von der Entführung des Präsidenten laufen die Regierungsgeschäfte größtenteils weiter und sind nicht beeinträchtigt, würde ich sagen.
»Meinungsverschiedenheiten, die wir in der Wirtschaftspolitik oder in anderen politischen Fragen haben, müssen friedlich und intern unter den Menschen Venezuelas gelöst werden, nicht durch ausländische Akteure.«
Wie hat sich das venezolanische Militär politisch positioniert?
Der Verteidigungsminister hat in der Nacht des Angriffs mitgeteilt, die venezolanischen Streitkräfte seien mobilisiert, um das Land zu verteidigen und sich gegen die militärische Aggression der USA sowie die Entführung des Präsidenten zu wehren. Tatsächlich zeigt das Militär angesichts der Aggression von außen einen klaren Zusammenhalt und Einigkeit. Im Land ist es im Großen und Ganzen ruhig und die Dinge nehmen weitgehend ihren normalen Lauf.
Kritiker sagen, das bolivarische Projekt baue heute eher auf Zwang und Repression als auf Volkssouveränität. Was kannst Du für Belege dafür anführen, dass es echte Unterstützung für die Regierung gibt?
Dieses Narrativ wird von Leuten verbreitet, die es über Jahre hinweg nicht geschafft haben, populäre Unterstützung für ihr neoliberales und konservatives politisches Projekt zu bekommen. Dass sie sie nicht bekommen, liegt am großen Einfluss, den die Bolivarische Revolution auf die Überwindung von Armut, politischer Exklusion und Entrechtung hatte. Wenn man es vergleichen möchte, hatte das bolivarische Projekt für die marginalisierten Massen Venezuelas denselben Einfluss wie der New Deal und die Bürgerrechtsbewegung auf die entrechteten Bevölkerungsschichten der USA im 20. Jahrhundert.
Die extremistische Opposition hat oft versucht, ihre politischen Misserfolge zu verschleiern, indem sie der Regierung Nötigung oder Zwang vorwirft. Doch der bolivarische Prozess ist aufgrund seiner direkten und partizipativen Aspekte bei der Mehrheit der Bevölkerung nach wie vor sehr beliebt. Die Menschen haben das Gefühl, dass sie einen direkt zugänglichen Raum haben, wo sie ihren Willen äußern, öffentliche Maßnahmen, die sie betreffen, in den Vordergrund stellen und Entscheidungen beeinflussen können.
Die Opposition hingegen hat immer wieder gezeigt, dass sie nicht in der Lage ist, Leute zu mobilisieren. Es ist doch bezeichnend, dass sie selbst in einem Moment, in dem der Präsident entführt wurde, nicht die Kraft hat, eine nennenswerte Mobilisierung zu organisieren. Stattdessen waren die Straßen Venezuelas heute voller Regierungsanhänger und Menschen, die eine ausländische Intervention ablehnen.
Was würdest Du Menschen – auch aus Venezuela – sagen, die gegen eine Intervention der USA sind, aber auch die Demokratie-Bilanz und die Wirtschaftspolitik der venezolanischen Regierung kritisieren?
Zunächst würde ich ihnen für ihren Patriotismus gegen den US-Interventionismus danken. Niemand kann sein Land lieben und gleichzeitig um ausländische Einmischung bitten; das ist ein Widerspruch. Andere Meinungsverschiedenheiten, die wir in der Wirtschaftspolitik oder in anderen politischen Fragen haben, müssen friedlich und intern unter den Menschen Venezuelas gelöst werden, nicht durch ausländische Akteure.
Sprechen wir über die ökonomische Lage im Land. Verbessert sie sich trotz des Drucks der USA? Führst Du die schwierige Lage in den vergangenen zehn Jahren allein auf die anhaltenden Sanktionen und die Wirtschaftsblockade zurück – oder siehst Du auch wirtschaftspolitische Fehler der venezolanischen Regierung?
Das größte ökonomische Problem Venezuelas sind seit 2015 die US-Sanktionen, vor allem gegen die Ölindustrie. Die Verluste der Branche waren gravierend: Die Einnahmen 2020 waren zum Beispiel um 90 Prozent niedriger als noch 2014. Die Regierung von Präsident Maduro hat aber Maßnahmen zur wirtschaftlichen Erholung ergriffen, die laut der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (ECLAC) zu einem Wirtschaftswachstum von 9 Prozent zum Jahresende 2025 geführt haben. Die venezolanische Wirtschaft ist in den letzten zwanzig Quartalen in Folge gewachsen.
Das wurde geschafft, indem vierzehn sogenannte Produktivmotoren oder -sektoren geschaffen wurden, die sich schnell entwickelt haben. Das war wegen der Sanktionen auch bitter nötig. Ein Beispiel ist die Lebensmittelproduktion: Früher war Venezuela stark von Importen abhängig, doch die Branche hat sich inzwischen so weit entwickelt, dass das Land jetzt über 80 Prozent seines Lebensmittelbedarfs selbst deckt.
Inwieweit hat der bolivarische Prozess es geschafft, eine dauerhafte Basis in der Bevölkerung aufzubauen – und wo ist er diesbezüglich gescheitert?
Ich denke, die Kommunen in bestimmten Gebieten mit ihrer direkten demokratischen Partizipation sind der größte und nachhaltigste Erfolg der Revolution. Das ist meiner Meinung nach die größte Errungenschaft. Allerdings hatten nicht alle Teile des Landes die gleichen Voraussetzungen, um solche kommunalen Prozesse gleichermaßen zu entwickeln. Geografische, kulturelle und wirtschaftliche Bedingungen haben es in anderen Teilen des Landes schwierig gemacht, ähnlich erfolgreiche Projekte aufzubauen. Ich denke, dass die Bedingungen dafür geschaffen werden können, aber es ist eine Frage der Zeit, bis sie sich wirklich entwickeln und entfalten.
»Wir haben von den USA Drohungen gegen nicht-radikale progressive Projekte gesehen, beispielsweise in Kolumbien, Brasilien oder Mexiko. Revolutionärere Projekte wie die in Venezuela und Kuba sind indes direkte Ziele von Aggression.«
Sollte die aktuelle Krise nicht zur Beendigung des bolivarischen Projekts führen, sondern eine Erneuerung forcieren – was könnten die Quellen solcher Erneuerung innerhalb von Venezuela sein?
Diese Krise wird meiner Ansicht nach zeigen, wie wichtig es ist, den gemeinschaftlich-kommunalen Prozess zu vertiefen und gleichzeitig sicherzustellen, dass wir als Nation in der Lage sind, uns gegen ausländische Aggressionen und Abhängigkeiten zu verteidigen. Ich glaube, dass der kommunale Prozess erfolgreich war, um Bürokratismus zu überwinden und eine engere Vernetzung zu ermöglichen. Die Krise dürfte diesem Prozess neuen Schwung verleihen. Je stärker der kommunale Prozess konsolidiert ist, desto besser lässt sich seine Unumkehrbarkeit sichern.
Blicken wir auf den Rest Lateinamerikas: Siehst Du den Angriff als Zeichen dafür, dass die USA künftig keine Toleranz mehr für linke Souveränität in der Region zeigen werden? Und was bedeutet das für sozialdemokratische Regierungen wie die Brasiliens oder für Staaten wie Kuba?
Ich denke, die USA wollen ihre Dominanz über das, was sie historisch als ihren Einflussbereich betrachtet haben, wieder stärken. Laut dem Project 2025 der MAGA-Bewegung ist ein solches »re-hemisphering« notwendig, um Lieferketten und die wirtschaftliche Dominanz der USA zu sichern. In der kürzlich veröffentlichten Nationalen Sicherheitsstrategie wird auch darüber nachgedacht, die alte Monroe-Doktrin umzugestalten, um die Kontrolle der USA über die strategischen Ressourcen der Region zu sichern.
Angesichts dieser Entwicklungen scheint es, als wolle Washington unabhängige Projekte, die nicht mit seinen Zielen übereinstimmen, unterdrücken oder zerschlagen. Wir haben bereits Einmischungsversuche bei Wahlen beobachtet, beispielsweise in Argentinien oder Honduras. Ebenso haben wir Drohungen und Nötigung gegen nicht-radikale progressive Projekte gesehen, beispielsweise in Kolumbien, Brasilien oder Mexiko. Revolutionärere Projekte wie die in Venezuela und Kuba sind indes direkte Ziele von Aggression.
Wie koordinieren sich die lateinamerikanischen linken Parteien, Gewerkschaften und sozialen Bewegungen?
Gesellschaftliche, soziale und andere Basisorganisationen in der Region müssten sich darüber austauschen, wie eine gemeinsame Mindest-Agenda aussehen könnte. In Venezuela gab es 2023 und 2024 eine Initiative namens »Globale soziale Alternative«. Dort wurde versucht, eine solche gemeinsame Agenda auf die Beine zu stellen. Es gab auch andere derartige Ansätze. Insgesamt müssen sektiererische Spaltungen überwunden und praktische Lösungen für die alltäglichen Probleme unserer Völker gefunden werden; in den Debatten muss man sich solidarisch zeigen und die transformativen sowie revolutionären Projekte in Kuba, Nicaragua und Venezuela verteidigen; und es müssen die Grundlagen für eine gemeinsame kulturelle Identität der Linken geschaffen werden.
Wie sieht es mit der Friedensbewegung in den USA aus; was können diese Menschen gerade jetzt tun?
Ich finde, die US-Antikriegsbewegung hat bereits viel getan, um die Aggression gegen Venezuela zu kritisieren. Vielleicht sollte die Bewegung aber mehr Brücken zu politischen Organisationen bauen und so ihre Stärken besser zur Geltung bringen.
Wie würde eine erfolgreiche Erneuerung der Bolivarischen Revolution in fünf Jahren aussehen – und wie eine Niederlage?
In fünf Jahren würde Erneuerung bedeuten: stärkere Kommunen, eine bessere Zusammenarbeit zwischen Basisorganisationen und staatlichen Institutionen sowie ein souveräneres und unabhängigeres Land. Eine Niederlage wäre hingegen eine Rückkehr zu Neoliberalismus und US-Einflussnahme.
Was motiviert Dich in Zeiten wie diesen, politisch aktiv oder vielleicht sogar hoffnungsvoll zu bleiben?
Ich hoffe, dass dieser Moment die lateinamerikanische Linke zu mehr Zusammenhalt und klarerer Artikulation bringen wird. Es ist keine einfache Situation – viele Linke sind frustriert über den Aufstieg der extremen Rechten, aber ich glaube, dass die nun entstandene Zwangslage eine starke Triebkraft sein wird.
Ich meine, Revolutionäre müssen politische Kohärenz zeigen: Wer unter vorteilhaften Bedingungen gegen Ungerechtigkeit kämpft, muss auch bereit sein, dagegen anzukämpfen, wenn sie extrem schwierig sind.
Ich glaube an Diplomatie und daran, dass man mit Offenheit und Respekt unglaubliche Erfolge erzielen kann. Deshalb werde ich immer für Diplomatie plädieren, bevor ich irgendeine Art von Konfrontation riskiere. Ich engagiere mich für die Revolution, weil ich weiß, dass eine bessere Welt möglich ist. Ich habe gesehen, wie sie in Chávez’ Venezuela entstanden ist, und ich habe gesehen, wie sie nach der Wahl von Maduro angegriffen wurde.
Der Sozialismus ist für mich keine Utopie. Er ist etwas Reales – schwer zu verwirklichen, aber real. Ich habe Anstrengungen und Kämpfe miterlebt, um den Sozialismus aufzubauen, und ich will, dass er Erfolg hat. Die größte Bedrohung für eine sozialistische Zukunft ist der US-Imperialismus, gerade aktuell in dieser verzweifelten und gefährlichen Phase. Die einzige Möglichkeit, den Planeten zu retten und soziale Gerechtigkeit zu schaffen, besteht darin, das Imperium zu besiegen.
Carlos Ron ist ein ehemaliger Diplomat aus Venezuela. Er war von Mai 2018 bis Januar 2025 als stellvertretender venezolanischer Außenminister für die Region Nordamerika zuständig.