01.05.2020

Verpreußung

In der Rekonstruktion feudaler Prunkbauten hat eine rechte Globalisierungskritik ihre Architektur gefunden.

Die Baustelle des Berliner Stadtschlosses im März 2020
Die Baustelle des Berliner Stadtschlosses im März 2020

Die knapp zwanzigtausend Tonnen schwedischen Stahls, die 2006 / 0 7 beim »selektiven Rückbau« des Palastes der Republik freigelegt wurden, fanden dank ungehemmter internationaler Kapitalmärkte schnell neue Abnehmer: »Die letzten Reste des Sozialismus werden nun für technische Innovationen in Wolfsburg verarbeitet beziehungsweise im Wüstensand des kapitalistischen Dubai verbaut.« Der süffisante Kommentar einer FDP-Politikerin spielte darauf an, dass der Stahl des ehemaligen DDR-Regierungssitzes einerseits bei VW zu Bauteilen des Golf IV eingeschmolzen und andererseits in den Bau des Burj Khalifa – des höchsten Gebäudes der Welt – integriert wurde.

Das damalige »Bündnis der Mitte« aus CDU, SPD und FDP ließ verlauten, dass der »selektive Rückbau« von DDR-Ikonen notwendig sei, um neue Räume zu erschließen, in denen sich das endlich geeinte Deutschland eine neue politische Identität geben könnte.

Für das Grundstück des abgerissenen Palastes der Republik bedeutete das die Rekonstruktion des alten Stadtschlosses mit seiner protestantisch-barocken Fassade. Diese hatte Andreas Schlüter seinerzeit entworfen, um dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation einen triumphalen Start ins 18. Jahrhundert zu bescheren. Wie Recherchen der Architekturtheoretikerin Anna Yeboah für die Zeitschrift ARCH+ jüngst zutage förderten, wurde der ursprüngliche Bau der Fassade auch aus den enormen Gewinnmargen der BrandenburgischAfrikanischen Compagnie bestritten –  einem Unternehmen, das mit Kolonialwaren und versklavten Menschen handelte. Außerdem wurde dem Schloss auch die nachträglich von Karl Friedrich Schinkel hinzugefügte Kuppel wieder aufgesetzt, die das Berlin von 1853 als Aussichtsplattform der Welt installieren sollte.

»Deutschland ist zu einem Vorreiter staatlich subventionierter Rekonstruktion geworden.«

Die Absurdität dieses Identitäts-Recyclings, in dem das neue deutsche Nationalnarrativ ausgerechnet aus der Wiederverwertung preußischer Geschichte bestritten werden soll, ist häufig angemerkt worden. Doch was dabei übersehen wird, ist die Funktion dieses Recyclings in der Gegenwart: Rekonstruktives Bauen ist das Medium einer rechten Globalisierungskritik.

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