01.05.2020

Unser Weg zur Macht

Das 20. Jahrhundert hält für die sozialistische Bewegung viele Lehren bereit. Aber werden wir sie auch zu ziehen wissen?

Von Vivek Chibber

Übersetzung von Kolja Swingle

Hundert Jahre nach der Russischen Revolution befinden wir uns an einem Punkt, der in den letzten Jahrzehnten seinesgleichen sucht. Dass sowohl der Neoliberalismus als auch die traditionellen Parteien der Sozialdemokratie in Verruf geraten sind, eröffnet der radikalen Linken neue Möglichkeiten.

Jede Krise findet auf irgendeine Art ihre Lösung, und auch diese wird die ihre finden. Welchen Ausgang sie nimmt, hängt entscheidend davon ab, wie die Linke mit ihr umgehen wird. Die Krise könnte Ausgangspunkt eines neuen Zyklus von Organisierung sein – falls wir unsere Trümpfe richtig ausspielen – zur Wiederbelebung linker Parteien oder zur Gründung neuer Parteien führen.

Doch statt bloß nach vorn zu schauen, wollen wir einige Lehren aus der Vergangenheit ziehen. Die Russische Revolution bleibt das ehrgeizigste Experiment sozialistischer Politik – und ihre Erfolge und Fehlschläge müssen Teil einer jeden Diskussion sein, in der es darum geht, wie sich die Linke wiederbeleben lässt. Doch nicht allein die russische Erfahrung gilt es zu beachten. Wir müssen das Experiment der Bolschewiki in die umfassende Geschichte sozialistischer Politik im 20. Jahrhundert einordnen – etwa neben die Lehren aus Chile, Deutschland und Schweden.

Allgemein gibt es zwei Vermächtnisse der Russischen Revolution – ein organisatorisches und ein institutionelles. Als organisatorisch bezeichne ich Fragen bezüglich der Formen kollektiver Aktion im Kapitalismus – Gewerkschaften, Parteien und dergleichen. Als institutionell bezeichne ich grundlegende Strukturen einer postkapitalistischen Gesellschaft – das politische System, die ökonomische Organisation und die rechtlichen Strukturen. Die organisatorische Dimension bezieht sich darauf, wie man Macht innerhalb des Kapitalismus aufbaut, und die institutionelle bezieht sich auf das, was nach dem Kapitalismus aufgebaut wird.

Organisatorisch

Struktur

In der Linken gibt es zwei Haltungen zur leninistischen Parteiorganisation. Auf der einen Seite erachtet man das Modell als ein Desaster – oder zumindest als eine negative Erfahrung. Die Anklage lautet, der Leninismus habe immer und überall im Autoritarismus geendet. Darauf reagieren die Anderen: »Das mag ja sein – doch ihr verwechselt Leninismus mit Stalinismus.« Mit anderen Worten: Es stimmt, dass mit dem Aufstieg Stalins die Debatten eingestellt wurden.

Diejenigen, die die leninistische Partei verteidigen, haben recht damit, dass sie in ihrem Anfangsstadium bemerkenswert offen und dynamisch war. Gleichzeitig bleibt die Tatsache bestehen, dass die globale Erfahrung seit den 30er Jahren in die entgegengesetzte Richtung wies – in Richtung der späteren, undemokratischen Form. So war die Partei Lenins sehr demokratisch, die Partei des Leninismus hingegen nicht. Und wir können die Schuld dafür nicht allein Stalin oder Sinowjew geben – oder wer auch immer der bevorzugte Bösewicht sein mag. Eine Parteiorganisation mit starken und widerstandsfähigen demokratischen Strukturen hätte ein vielfältigeres Ensemble an Erfahrungen hervorbringen sollen, keine einheitliche Geschichte der Verknöcherung.

Da dies nicht der Fall war, ist es einfach, zu dem Schluss zu kommen, dass die kommende Linke das leninistische Parteimodell ablehnen müsse – wie es die meisten Progressiven tun. Das Problem dieser Ansicht ist, dass kein anderes Modell auch nur annähernd so poli­tisch wirkungsvoll gewesen ist. Alle vermeintlichen Alternativen, die seit den 60ern von der Linken entwickelt wurden – die pluralistischen Organisationen, die Organisationen der Horizontalisten, Anarchisten und ihrer Bezugsgruppen, die Bewegung der Bewegungen usw. – waren zwar in der Lage, eine begrenzte Zeit lang zu mobilisieren, hatten aber nur wenig Erfolg bei dem Versuch, Bewegungen nachhaltig zu stärken und noch weniger dabei, reale materielle Erfolge zu erringen. In der Tat war das auf Kadern basierende Modell dagegen derart erfolgreich, dass jede bedeutende, auf Massenmobilisierung zielende Partei des 20. Jahrhunderts es gewissermaßen nachahmte – sogar auf Seiten der Rechten.

Angesichts dieser Geschichte ist es schwer vorstellbar, dass die Linke nicht in irgendeiner Form jene Struktur des frühen Sozialismus wieder aufgreift. Will sie sich als wirkliche Kraft organisieren, muss sie das in einer Massenpartei tun, die sich auf Kader stützt und eine zentrale Führung und innere Kohärenz aufweist. Das muss zugegebenermaßen nicht zwangsläufig so sein – womöglich werden wir organisatorische Formen entwickeln, die offener und dezentraler sind und denen es trotzdem gelingt, Sachen gebacken zu bekommen. Doch in Anbetracht unserer Erfahrungen gibt es keine guten Gründe, unser bewährtestes Modell zurückzuweisen.

Wir müssen unseren Blick auf die frühen Jahre der Partei richten – also die Jahre vor 1918, bei denen alle darin übereinstimmen, dass die Partei zu dieser Zeit recht offen und demokratisch war – und diese genau studieren. Wir brauchen ein klares Verständnis davon, wie die Partei in diesen Jahren die Dynamik bewahrte, die sie zur erfolgreichsten Organisation ihrer Zeit machte – als Kritik an der Parteiführung als ein Recht angesehen wurde; als ein grundlegender Teil dessen, was es bedeutet, Parteimitglied zu sein. Gab es institutionelle Mechanismen, die diese Kultur von Debatte und Verantwortlichkeit schufen und die über die üblichen Methoden von Wahlen und Rundschreiben hinausgingen? Oder hing es letztlich schlicht von einer Führung ab, die sich diesen Werten verschrieb?

Wenn es institutionelle Mechanismen gab, die die Demokratie sicherstellten, könnten wir sie einfach übernehmen. Hängt die Frage aber von einer kontingenten internen Kultur ab, so bedeutet das, dass demokratische Praxis eine Form moralischer Hingabe erfordert, welche schwerer zu wiederholen ist, da Führungspersonen in der Regel dazu neigen, Demokratie abzubauen, statt sie zu befördern. Genau deswegen ist es wichtig, diese Lektion zu lernen und die wirkliche Praxis zu untersuchen, um zu sehen, wo diese Demokratie herrührte.

Basis

Die zweite organisatorische Frage betrifft das Verhältnis der Partei zu ihrer Basis. Hier können wir einiges von der Russischen Revolution lernen. In der Geschichtsschreibung des Kalten Krieges werden die Bolschewiki so dargestellt, als hätten sie die Macht durch eine Art Putsch errungen. Es wird behauptet, sie hätten nicht wirklich eine Massenbasis gehabt, sondern seien eine kleine Gruppe fanatischer Ideologen gewesen, die eine Diktatur verhängten. Doch zeitgenössische historische Studien konnten in beeindruckendem Detailreichtum zeigen, dass der Hauptgrund für die bolschewistische Machtübernahme und -erhaltung darin bestand, dass sie von allen Parteien in Russland die tiefsten, stärksten und festesten Verbindungen zur arbeitenden Klasse in den großen industriellen Zentren des Landes hatten. Das führte dazu, dass sie sich in den Monaten vor der Machtübernahme der Veränderungen in deren politischer Stimmung – besonders in Petrograd, aber auch in Moskau – am meisten bewusst waren. Das versetzte sie in die Lage, die Situation zu begreifen und Slogans und Programme zu entwerfen, die das Bewusstsein der Bevölkerung erfassten.

Die Bolschewiki waren mit dieser Ansicht nicht allein. In der Zwischenkriegszeit wurde von allen sozialistischen Parteien als selbstverständlich vorausgesetzt, dass die Grundlage ihrer politischen Strategie im alltäglichen Leben ihrer Basis verankert sein müsse. Und das nicht nur im Westen. Dies war die notwendige Voraussetzung des Sozialismus auf der ganzen Welt. Und es funktionierte. Die große Ära der sich ausbreitenden linken Bewegung von den frühen 1900ern zu den frühen 50er Jahren war möglich, weil die Parteien aus und für die arbeitenden Massen bestanden.

Diese Strategie war aus verschiedenen Gründen erfolgreich. Erstens und zuvorderst ermöglichte sie jenen Organisationen, Programme zu entwickeln, die die wirklichen Interessen ihrer Basis vertraten, da die Partei in einem beständigen Austausch mit ihr stand – da sie Seite an Seite mit der Basis im Alltag, am Arbeitsplatz und in der Nachbarschaft kämpfte. Zweitens verlieh es dem Parteikader enorme Legitimität auf Seiten der Massen, dass sie mit ihnen durch dick und dünn gingen. Diese Legitimität war wesentliche Bedingung für das Vorantreiben des politischen Kampfes: Wenn die Kader ihre Basis ermutigten, welche Art von Aktion auch immer aufzunehmen, so konnten sie auf das Vertrauen und die Unterstützung zählen, die sie benötigten, um erfolgreich zu sein. Drittens beförderte diese tiefe und organische Verbindung auch eine lebhafte interne Kultur – eine Kultur der Demokratie und der Rechenschaftspflicht. Eine Partei, die mit dem alltäglichen Leben und dem Kampf der arbeitenden Klasse verflochten war, konnte nicht nur eine demokratische Kultur entwickeln, sondern auch Nutzen aus ihr ziehen. Schließlich stellt eine demokratische Kultur eine der wesentlichen Vorbedingungen dar, um das Vertrauen und die Unterstützung der Klasse zu gewinnen. Eine feste Basis zu haben, garantierte zwar noch nicht den Erfolg, ihr Fehlen jedoch garantierte Scheitern und Marginalisierung.

Offensichtlich unterscheidet das die meisten der frühen sozialistischen Parteien von den heutigen linken Gruppen im Westen. Die sozialistische Linke ist nur noch spärlich mit den Gemeinschaften der arbeitenden Klasse verbunden, wenn überhaupt. Im Großen und Ganzen ist sie strukturell von den arbeitenden Menschen getrennt und agiert meistens in kleinen Gruppen innerhalb der Milieus der Mittelschichten – an Universitäten, in NGOs, Studiengruppen und so weiter. Dies hat mehrere Konsequenzen: In erster Linie kann sie, anders als die traditionelle sozialistische Linke, die arbeitende Klasse im Kampf nicht wirklich organisieren und anführen, da sie physisch von ihr getrennt ist. Der überwältigende Teil ihres politischen Engagements fällt unterstützend und reagierend aus – sie taucht am Streikposten auf, um Zuspruch zu geben, verbreitet Nachrichten oder trommelt Sympathien zusammen. Aber das bedeutet, dass sie völlig abhängig von anderer Leute Organisationsarbeit ist und damit nicht in der Lage, selbst einen Kampf anzuleiten.

Zweitens bedeutet diese Beschränkung, dass die heutige Linke, um ihr sozialistisches Engagement aufrechtzuerhalten, ihre Mitglieder dazu erziehen muss, die Interessen einer anderen Klasse nachzufühlen und sie in ihrer Unterdrückung zu bemitleiden. Dies unterscheidet sie erheblich von den traditionellen linken Parteien, die sich im Milieu der arbeitenden Klasse selbst bewegten, somit in der Lage waren, sich aus ihr heraus zu rekrutieren und von daher ihre Mitglieder dazu befähigen konnten, für ihre eigenen materiellen Interessen zu kämpfen. Für diese früheren Gruppen war der Kampf eine Notwendigkeit, weil sie für den Lebensunterhalt und das Wohlergehen ihrer eigenen Mitglieder kämpften.

Die heutigen Gruppen müssen sich größtenteils ausmalen, was jene Interessen denn sein könnten, da sie aus ihrem direkten Engagement nichts darüber erfahren können. Oft geschieht dies, indem über vergangene Ereignisse nachgelesen und dann versucht wird, Parallelen zur gegenwärtigen Situation zu finden. Es ist jedoch schwer, auf diese Weise eine Strategie zu entwickeln. Es ist fast unmöglich, erfinderisch zu sein, da die meisten Mitglieder Veränderungen am Arbeitsplatz weder selbst erleben, noch in der Lage sind, neue Ansätze zu erproben. Das führt zwangsläufig zu einem gewissen Dogmatismus, weil das einzige Vertraute das ist, was früher einmal funk-tioniert hat.

Langfristig ist ein Resultat dieser Isolierung von den arbeitenden Menschen, dass die Organisationen zum Hort für Lifestyle-Politik moralisch inspirierter Studierender und Fachleute wurden. Sie geben ihren Mitgliedern das Gefühl, an den Veränderungen beteiligt zu sein – doch ihr Einsatz ist höchst individualistisch und größtenteils auf symbolische Akte der Solidarität beschränkt. Da echte Organisationsarbeit für gewöhnlich vom Tisch ist, richtet sich die Energie nach innen, auf die Kultur und die Eigenheiten der Gruppe. Wer aus Ländern mit radikaleren politischen Traditionen in die Vereinigten Staaten kommt, den muss es wie einen Schlag treffen, wie schrill, moralisch und letztlich unpolitisch die Debatten innerhalb der amerikanischen Linken sind. Sie tendieren dazu, Sprache, individuelle Identität, Körpersprache, Konsumgewohnheiten und dergleichen in den Fokus zu rücken. Das ist das Resultat einer »Linken«, die in der Tat aus Kleingruppen von Leuten mit bürgerlichem Hintergrund besteht, die in keiner organischen Weise Klassenpolitiken ausbilden können. Dieser Zustand währt nun schon so lange, dass allein die Idee, in der arbeitenden Klasse verankert zu sein, entweder als kurios oder unnötig erachtet wird.

Wenn die Linke irgendetwas erreichen will, wenn sie ihre frühere Rolle als Motor sozialer Gerechtigkeit zurückgewinnen will, wird ihr das nur gelingen, indem sie wieder in die Lebenswelten der Arbeitenden zurückfindet. Bis heute hat noch niemand zeigen können, dass Veränderungen in der nötigen Größenordnung – die Menschen über die Profite zu stellen, die Umwelt zu retten und die soziale Unterdrückung auszumerzen – anders erzielt werden können, als dadurch, sich mit dem Kapital anzulegen. Und wie soll das gelingen, wenn nicht das Vermögen derjenigen sozialen Kraft erschlossen wird, die allein das Kapital unter Kontrolle zu bringen vermag – der Klasse, die die Profite erzeugt?

Nicht nur das russische Beispiel, sondern die gesamte, anderthalb Jahrhunderte zurückreichende Tradition des Sozialismus untermauert diesen grundsätzlichen Punkt: Eine von der arbeitenden Klasse isolierte Linke ist ein Ausstellungsstück und keine politische Kraft.

Strategie

In Fragen der Strategie ist die Oktoberrevolution wahrscheinlich weniger lehrreich. Die Machtübernahme der Bolschewiki war kein Staatsstreich, aber sie war ein plötzlicher gewaltsamer Sturz eines Regimes im Kontext von Staatszusammenbruch und militärischem Zerfall. Man könnte dies als Strategie des abrupten Bruchs mit dem Kapitalismus beschreiben.

Es besteht kein Zweifel, dass die Jahrzehnte vom frühen 20. Jahrhundert bis zum Spanischen Bürgerkrieg als revolutionär bezeichnet werden können. Es war eine Ära, in der die Möglichkeit des Bruchs ernsthaft erwogen und eine Strategie um sie herum errichtet werden konnte. Es gab viele Sozialistinnen und Sozialisten, die eher einen schrittweisen, gradualistischen Ansatz befürworteten, aber die Revolutionäre, die diese kritisierten, lebten keinesfalls in einer Traumwelt.

Der russische Weg, so wie er eingeschlagen wurde, war für viele Parteien ein gangbarer Weg. Doch beginnend mit den 50er Jahren verengten sich die Aussichten für diese Art von Strategie. Und heute scheint es völlig realitätsfern, den Übergang zum Sozialismus in dieser Form zu denken. Dies ist zweifellos für die entwickelte kapitalistische Welt der Fall, trifft jedoch auch für weite Teile des Südens zu. Heute besitzt der Staat unendlich viel größere Legitimität in der Bevölkerung als die europäischen Staaten vor einem Jahrhundert. Außerdem verleihen seine Zwangs- und Überwachungstechniken sowie der Zusammenhalt der herrschenden Klasse der sozialen Ordnung insgesamt eine Stabilität, die unvergleichlich größer ist als 1917.

Das bedeutet, dass wir das Eintreten revolutionärer Bedingungen, unter denen der Zusammenbruch des Staates tatsächlich greifbar wird, zwar nicht ausschließen und vielleicht noch erhoffen, jedoch nicht erwarten und ins Zentrum unserer politischen Strategie stellen können – wir können es nicht zur grundlegenden strategischen Perspektive der Linken machen. Die politische Stabilität des Staates ist eine Realität, die die heutige Linke anerkennen muss. Was im Augenblick in der Krise steckt, ist das neoliberale Modell des Kapitalismus, nicht der Kapitalismus selbst. Wenn dem so ist, dann sind die Lehren, die wir aus der russischen Erfahrung – als Modell sozialistischen Übergangs – ziehen können, begrenzt. Unsere strategische Perspektive muss den zentralen revolutionären Bruch hinten anstellen und einen eher gradualistischen Ansatz ansteuern. In der absehbaren Zukunft muss sich linke Strategie darauf konzentrieren, eine Bewegung aufzubauen, die den Staat unter Druck setzt, Macht in ihm ausbildet, die institutionelle Struktur des Kapitalismus verändert und die strukturelle Macht des Kapitals untergräbt – anstatt sich über sie hinwegzusetzen. Dies beinhaltet eine Verknüpfung von Wahlkampagnen und Mobilisierungspolitiken.

Wir müssen also eine Partei aufbauen, die in der arbeitenden Klasse verwurzelt ist, deren organisatorische Fähigkeiten stärkt, es mit den Vorgesetzten am Arbeitsplatz aufnimmt, Macht in der Zivilgesellschaft ausbildet und diese soziale Macht nutzt, um Wahlen zu gewinnen und politische Reformen durchzusetzen. Die Reformen sollten den Doppeleffekt haben, zukünftige Organisierung zu erleichtern und zugleich die Macht des Kapitals zu beschränken, um sie letzten Endes auszuhöhlen. Diese Art von Strategie hat viele Namen – nicht-reformistische Reform, revolutionärer Reformismus und so weiter. Aber wie auch immer wir sie nennen – sie bedeutet eine gradualistische Herangehensweise, die sich wesentlich von dem unterscheidet, was den Bolschewiki möglich war.

Das wiederum bedeutet, dass wir die Erfahrung jener Parteien und Länder, die den Sozialismus zwar nicht errungen, aber nichtsdestotrotz reale organisatorische und politische Gewinne erzielt haben, sorgfältig untersuchen müssen. Wir müssen die Sozialdemokratie analysieren, insbesondere in ihren ehrgeizigeren Spielarten. In erster Linie um zu verstehen, wie sie die Dimensionen repräsentativer und außerparlamentarischer Politik in einer umfassenden strategischen Perspektive verbanden. Das bedeutet außerdem, sich mit ihrer Gesetzgebung auseinanderzusetzen, mit den ökonomischen Modellen, die sie erprobten, damit, wie sie den Staat benutzten und wie sie mit der strukturellen Macht des Kapitals sowie seiner Feindseligkeit gegenüber der politischen Organisation der arbeitenden Bevölkerung fertig wurden. Die Fortschritte, die von den am meisten fortgeschrittenen Sozialdemokratien –  zum Beispiel in den nordischen Ländern – gemacht wurden, sind ganz außerordentlich und ihre rituelle Herabsetzung als lediglich »reformistisch« durch die Linke verquer. Diese Erfolge wurden im Kampf gegen die herrschenden Eliten errungen, die sich mit Händen und Füßen zur Wehr setzten.

Der wichtigste Grund, sich mit der Geschichte der Sozialdemokratie auseinanderzusetzen, besteht jedoch darin, ihre Beschränkungen zu begreifen. Das ist auch der Grund, aus dem man sie nicht als »nur« reformistisch abtuen sollte. Wenn man nicht versteht, warum sie scheiterte, wird man schlicht ihre Fehler wiederholen. Es ist wichtig, sich dessen bewusst zu sein, egal was noch passiert. Denn wenn Leute vom Typ Bernie Sanders in den nächsten Jahren an die Macht kommen, wird ihre politische Agenda etwa in die gleiche Kerbe schlagen.

In vielerlei Hinsicht ist das großartig – doch die Sozialdemokratie ist seit den 80ern eine verbrauchte Kraft; ihre Parteien verfielen dem Ethos des Managements; ihre reformistische Agenda stockte erst und wurde schließlich rückgängig gemacht; und sie erwiesen sich als weithin desinteressiert daran, ihr eigenes Erbe wiederzubeleben. Dass dieses Phänomen so weit verbreitet und so tiefgreifend ist, macht deutlich, dass es nicht auf individuelles Versagen und Verrat zurückgeführt werden kann. Etwas strukturelles verbirgt sich dahinter. Und das bedeutet im Gegenzug, dass die Linke die strukturellen Wurzeln dieses Scheiterns verstehen muss, um zumindest eine faire Chance zu haben, demselben Schicksal zu entgehen. So wie wir verstehen müssen, wie etwas so ehrgeiziges wie der Meidner Plan Ende der 70er Jahre in Schweden zustande gekommen ist, müssen wir auch begreifen, warum er scheiterte und warum die Sozialdemokratische Partei in den folgenden Jahren in zunehmendem Maße konservativ wurde.

Institutionell

Ich werde nicht näher auf den offensichtlichen Punkt eingehen, dass die Bilanz der Oktoberrevolution in vielerlei Hinsicht negativ ist – wir müssen das von den Bolschewiki geschaffene politische Modell einer Einparteiendiktatur und der Abschaffung grundlegender Freiheiten rundheraus ablehnen.

Es war ein verhängnisvoller Fehler, die Freiheitsrechte als »bürgerlich« zu disqualifizieren. Damit suggerierten viele marxistische Köpfe des frühen 20. Jahrhunderts, dass diese Rechte illusorisch oder in irgendeiner Weise trügerisch seien. Diese rhetorische Masche machte es Stalin und vor ihm bereits Lenin um einiges einfacher, jene Rechte auszuschalten. Freiheitsrechte wurden allesamt von der Arbeiterinnenbewegung erkämpft und errungen, nicht von liberalen Kapitalisten. Eine Linke, die etwas taugt, muss diese Rechte schützen und vertiefen, statt sie beiseite zu schieben.

Schwieriger ist das Problem der Wirtschaftsplanung. Wir müssen von der Beobachtung ausgehen, dass die Erwartung, eine zentral geplante Wirtschaft könne einfach den Markt ersetzen, keine empirische Grundlage besitzt. Wir können uns wünschen, Planung möge funktionieren, jedoch besitzen wir keinen Beweis, dass sie es könnte. Alle Versuche, eine geplante Wirtschaft über längere Zeit aufrechtzuerhalten, waren von Misserfolg gekrönt. Die russische Erfahrung ist dafür das beste Beispiel. Und die Tatsache dieses Scheiterns muss eingestanden und nicht umgangen werden. Es reicht nicht, sich darauf zurückzuziehen, dass »das nicht zählt, weil das nicht wirklich Sozialismus war«, wie einige es gern formulieren. Es mag womöglich nicht der Sozialismus gewesen sein – und möglicherweise würde es im wirklichen Sozialismus mit realer Demokratie, wirklichen Arbeiterräten und richtigen Computern klappen. Aber die Beweispflicht dafür liegt vollständig bei jenen, die behaupten, dass es funktionieren kann. Die Debatte kann nicht einfach im Handumdrehen beigelegt werden, indem wir die Erfahrungen des vergangenen Jahrhunderts beiseite schieben.

Mit anderen Worten: Wir müssen ernsthaft die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass Planung, wie Marx sie sich vorstellte, keine reale Option darstellt. Jede Diskussion muss von einer genauen Untersuchung der sowjetischen Erfahrung ausgehen und versuchen, zu bewerten, ob ihr Scheitern an der besonderen Weise lag, wie die Planung eingerichtet wurde, oder ob die Lehre darin besteht, dass eine moderne industrielle Ökonomie einfach nicht für Planung empfänglich ist. Es ist schon erstaunlich, wie wenig Aufmerksamkeit diese Thematik in linken Kreisen erfährt – im Vergleich etwa zu der Energie, die in die Dekonstruktion von Bollywood-Filmen gesteckt wird.

Auf jeden Fall müssen wir – angesichts der zweifelhaften Ergebnisse zentraler Planung – ernsthaft in Betracht ziehen, dass eine postkapitalistische Ökonomie womöglich die Form irgendeiner Art von Marktsozialismus annehmen muss. In der Linken gibt es eine Reihe verschiedener Modelle einer solchen Wirtschaftsweise – und alle haben sie unterschiedliche Elemente. Wichtig ist, dass, wie auch immer die institutionelle Struktur des Marktsozialismus beschaffen sein mag, die zugrundeliegenden Prinzipien seines Aufbaus dem entsprechen, was der Sozialismus anstrebt: die Menschen über die Profite zu stellen. Im Einzelnen bedeutet das, dass er sich vom Kapitalismus wie folgt unterscheiden wird:

  • Der Markt wird begrenzt, sodass er nicht mehr über das grundlegende Wohlergehen der Menschen gebietet.
  • Die entscheidenden Positionen in der Wirtschaft werden demokratisch besetzt und öffentlich rechenschaftspflichtig sein.
  • Ökonomische Ungleichheiten dürfen sich nicht in politische Ungleichheiten übersetzen.

Natürlich wird es noch weitere Prinzipien geben, die die institutionelle Gestaltung näher eingrenzen. Doch ein akzeptables Modell des Sozialismus – sei er nun marktvermittelt oder geplant –, das die genannten Punkte nicht abdeckt, ist schwer vorstellbar. Eine Wirtschaftsweise, die gegen eines dieser Prinzipien verstößt, wird vermutlich nicht als sozialistisch gelten können, jedenfalls nicht in dem Sinne, wie Linke das Konzept verstehen.

Wenn wir uns klar machen, was wir von einer Wirtschaftsordnung erwarten, verstehen wir auch besser, was auf dem Spiel steht. Planung ist kein Selbstzweck. Sie wurde immer als Mittel zum Zweck aufgefasst – und der grundsätzliche Zweck des Sozialismus ist eine menschliche und gerechte Gesellschaftsordnung. Es könnte sich herausstellen, dass eine allumfassende Planung nicht nur unrealistisch, sondern ebenfalls unnötig ist – vielleicht sind unsere grundlegenden Ziele in der Tat über einen Marktsozialismus zu erreichen. Es könnte gar der Fall sein, dass zwischen zentraler Planung und einigen Dimensionen sozialer Gerechtigkeit Spannungen bestehen.

Eine der unheilvollsten Erbschaften der Ära der Zweiten Internationale liegt darin, Sozialismus mit zentraler Planung zu identifizieren. Diese Gleichsetzung sollte niemals wiederholt werden. Ökonomische Modelle sind nicht Zwecke an sich, sondern Mittel, um das zu erreichen, worauf wir aus sind – eine Gesellschaft, in der Menschen einander als Selbstzwecke behandeln, nicht als Mittel.

Blick nach vorn

Aus dem vergangenen Jahrhundert sozialistischer Bestrebungen wissen wir, dass der Weg zu einer egalitäreren Ordnung durch die Konfrontation mit dem Kapital hindurch verläuft – nicht an ihr vorbei. Und die einzigen Parteien, die je wirkliche Erfolge bei diesem Bemühen zu verzeichnen hatten, waren Kaderparteien mit Massenbasis, die fest in den arbeitenden Klassen verwurzelt waren. Die größte Herausforderung für die Linke besteht jetzt darin, die Nabelschnur zu durchtrennen, die sie an Universitäten und NGOs bindet und wieder in das Milieu der Arbeit einzutauchen. Eine zukunftsfähige Linke muss Wahlkampfpolitik als den anderen Knotenpunkt einer zweigleisigen Strategie auffassen, in der die Macht an der Basis mit einem parlamentarischen Flügel kombiniert wird, wobei sich beide gegenseitig stützen. Im Moment scheinen sich die Spielräume in der parlamentarischen Dimension schneller zu öffnen, als die an der Basis – die Linke sollte die Gelegenheit ergreifen, ihr Kapital daraus schlagen, und dann die Erfolge dazu nutzen, ihre Basis aufzubauen. Zur gleichen Zeit müssen wir die Diskussion darüber vertiefen, wofür genau wir kämpfen.

Bis hierin solle klar sein, dass ein tragfähiger Sozialismus eine pluralistische Mehrparteienordnung sein muss, in der die Macht des Marktes erheblich zurückgedrängt ist. Wie weit wir ihn letztlich zurückdrängen, hängt in weiten Teilen von praktischen Fragen ab – was machbar ist und was nicht. Doch gerade weil eine Strategie des Bruchs nicht auf dem Tisch liegt, müssen wir bei der Sozialdemokratie anfangen und dann zum demokratischen Sozialismus fortschreiten. Wir haben eine Menge Erfahrungen gesammelt, wie man zu ersterem kommt, zu letzterem hingegen nicht.

Über den Autor

Vivek Chibber ist Professor für Soziologie an der New York University. Sein Buch Postkoloniale Theorie und das Gespenst des Kapitals ist 2019 im Dietz Verlag erschienen. Im selben Jahr haben wir im Brumaire Verlag sein dreiteiliges ABC des Kapitalismus veröffentlicht.

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