12. Februar 2026
Volkswagen hat nichts übrig für seine Beschäftigten, aber Millionen für Vorstände und Milliarden für Großaktionäre. Das Bonus- und Dividenden-Wunder sollte niemanden verwundern – am allerwenigsten aber Gewerkschafter.

Ende 2026 stehen wieder Tarifverhandlungen bei VW an.
Wer kennt es nicht: Man ist beim Frühjahrsputz und findet ganz unverhofft 20 Cent in der Sofaritze. So ist es jetzt auch dem VW-Finanzvorstand Arno Antlitz beim Bilanzieren ergangen. Da waren da auf einmal 6 Milliarden Euro, die er gar nicht auf dem Schirm hatte. Gerade rechtzeitig und gerade genug, um den Bonus-Höchstsatz an die Vorstände des Unternehmens auszuzahlen.
Hätte er seine »kreative Buchhaltung« doch mal ein Jahr zuvor angewandt: In der Tarifrunde Ende 2024 wurde unter dem Eindruck finanzieller Hiobsbotschaften ein Sparpaket geschnürt, das die Belegschaft jetzt teuer zu stehen kommt: 35.000 Stellen werden abgebaut, Urlaubsgeld und Boni gekürzt oder gestrichen und Lohnerhöhungen ausgeschlossen, also Reallöhne gesenkt. Auf Druck der IG Metall beteiligten sich die Vorstände auch selbst an den Einsparungen und verzichteten auf bis zu 11 Prozent von ihren Millionengehältern.
Jetzt
wird der Vorstand wohl mit bis zu 1,75
Millionen Euro pro Kopf für seinen Sportsgeist
belohnt – und sicherlich auch dafür, der Belegschaft in den
Tarifverhandlungen große Zugeständnisse abgerungen zu haben. Das
Bonus-Wunder ist zugleich auch ein Dividenden-Wunder:
Insbesondere der Porsche-Piëch-Clan, dem Volkswagen zu 53,3 Prozent
gehört, darf sich freuen. Ein Lohn-Wunder ist es aber natürlich
nicht. Wollen Beschäftigte Zugewinne, müssen sie immer noch
fordern, kämpfen und verhandeln. So kommt die
VW-Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo jetzt in die Verlegenheit,
eine »Anerkennungsprämie«
auch für die Beschäftigten einfordern zu müssen.
»VW ist, wie jedes kapitalistische Unternehmen, in erster Linie eine Wertpumpe, die dazu da ist, Topmanager und Aktionäre zu bereichern; eine Bottom-up-Umverteilungsmaschine.«
VW ist aufgrund der starken IG-Metall-Präsenz auch schon spöttisch als »Gewerkschaft mit nachgelagerter Automobilproduktion« bezeichnet worden. Aber das ist leider zu viel der Ehre. Das Bonus- und Dividenden-Wunder zeigt einmal mehr: VW ist, wie jedes kapitalistische Unternehmen, in erster Linie eine Wertpumpe, die dazu da ist, Topmanager und Aktionäre zu bereichern; eine Bottom-up-Umverteilungsmaschine. Dass der Wert in diesem Fall in der Fertigung von Autos erzeugt wird, ist gegenüber dem Profitmotiv in der Tat nachgelagert. Vom Wohlergehen der Beschäftigten ganz zu schweigen – Sozialpartnerschaft hin oder her.
Erst kürzlich musste Shawn Fain, der Vorsitzende der US-amerikanischen Auto-Gewerkschaft UAW, im Tarifkonflikt mit VW feststellen, dass der deutsche Autobauer seinem sozialpartnerschaftlichen Ruf zum Trotz »ein Arbeitgeber wie jeder andere« ist. »Volkswagen schert sich einen Dreck um euch und eure Familien«, stimmte er die VW-Mitarbeiter in Chattanooga auf den Kampf ein. So hart das in deutschen Ohren klingen mag: Mit dieser Haltung hat die UAW vor einer Woche unter anderem einen Lohnzuwachs von 20 Prozent erzielt.
Fain dürfte auch zu den Menschen gehören, die sich über das Bonus-Wunder nicht gewundert haben. Während des Arbeitskampfs machte er sich keine Illusionen über die Buchhaltungskünste der Gegenseite: »Volkswagen hat Milliarden für reiche Aktionäre übrig. Sie haben Millionen für Führungskräfte übrig. Aber wenn die Zeit kommt, sich um die Arbeiter zu kümmern, die die Profite und Produkte herstellen, behauptet das Management auf einmal, es sei nichts übrig.«
Wenn diese Geschichte zu irgendwas gut ist, dann vielleicht dazu, auch in der IG Metall wieder ein gesundes Klassenmisstrauen wachzurufen. Das könnte ihr helfen, in der kommenden Tarifrunde 2026 den einen oder anderen Bluff zu durchschauen.
Thomas Zimmermann ist Managing Editor bei Jacobin.