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09. April 2026

Die Waffenruhe im Iran ist eine Niederlage für den Militarismus

Der Irankrieg war so ein Fiasko, dass die USA keine andere Wahl hatten, als einem Waffenstillstand zuzustimmen. Der Frieden hängt nun davon ab, ob es gelingt, Donald Trumps Illusion aufrechtzuerhalten, er habe einen großen Sieg errungen.

Donald Trump mimt das Abfeuern einer Waffe während eines Briefings zum Irankrieg im Weißen Haus am 6. April 2026.

Donald Trump mimt das Abfeuern einer Waffe während eines Briefings zum Irankrieg im Weißen Haus am 6. April 2026.

IMAGO / Newscom World

Obwohl er erst vor sechs Wochen begonnen hat, dürfte Donald Trumps Krieg gegen den Iran die wohl schlechteste außenpolitische Entscheidung der USA des noch jungen, wenn auch an schlechten Entscheidungen reichen 21. Jahrhunderts sein.

Der Krieg war und ist eine Katastrophe auf praktisch allen Ebenen und für fast alle Beteiligten. Wir sollten uns freuen, dass es nun die Chance auf sein Ende zu geben scheint. Ob es tatsächlich dazu kommt, hängt leider von weit mehr ab als vom launischen, leicht ablenk- und beeinflussbaren Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Trumps Ankündigung eines zweiwöchigen Waffenstillstands sowie bevorstehender Verhandlungen über eine dauerhafte Beilegung der Feindseligkeiten war ein seltenes Eingeständnis des Präsidenten: Er musste die Realität anerkennen und praktisch einräumen, dass die für ihn unattraktive Option eines »Stopp« – wobei keines der ursprünglich gesetzten Ziele erreicht und tatsächlich mehrere Probleme noch verschlimmert wurden – immer noch die bei weitem beste Entscheidung ist.

»Eine Ausweitung der Angriffe wurde sogar von einer Vielzahl rechter Stimmen in den USA, die normalerweise fest hinter Trump stehen, scharf kritisiert.«

Ein sinnloser Krieg

Dieser völlig sinnlose Krieg war sowohl für Trumps Präsidentschaft als auch für die USA strategisch und politisch so katastrophal, dass ihm praktisch keine andere Wahl geblieben ist. Dass der US-Präsident offenbar zugestimmt hat, den Zehn-Punkte-Vorschlag des Iran und nicht seine eigenen fünfzehn maximalistischen Forderungen als Grundlage für die anstehenden Gespräche zu nutzen, ist ein weiteres stillschweigendes Eingeständnis: Der Krieg war eine politische Fehlentscheidung. So schwer dies für Trump persönlich auch zu schlucken sein mag, die Alternativen wären weitaus schlimmer.

Denn: Die Idee, Uran aus dem Iran zu extrahieren, ist eine gefährliche Fantasie. Man sehe sich außerdem an, zu welchem Debakel die Rettung eines einzigen Mannes aus dem Landesinneren für die US-Streitkräfte wurde. Trumps Flut an widersprüchlichen Äußerungen zur Straße von Hormus belegt, dass er die Meerenge militärisch nicht wieder öffnen kann. Schiffe können leicht bedroht werden durch die tausenden billigen Drohnen, die der Iran Monat für Monat herstellt. Mit diesem Ass im Ärmel weigern sich die iranischen Führer zu kapitulieren, trotz der immensen Bestrafung, mit der Trump drohte (und die er dem Land tatsächlich auferlegte).

Trumps noch verbleibende Optionen zur Eskalation waren und sind allesamt unattraktiv. Bodentruppen wären innenpolitisches Gift und würden darüber hinaus zu hohen Verlusten auf US-Seite führen. Zudem wäre der Zeitpunkt ungünstig, da die Temperaturen im Persischen Golf in den kommenden Wochen und Monaten auf 30 bis 40 Grad steigen werden. Eine Eskalation und eine Ausweitung der Bombardements aus der Luft (wie Trump es angedroht hat) bergen ihrerseits das Risiko einer regionalen Katastrophe, die vermutlich auch Israel in massive Mitleidenschaft ziehen würde (dessen Sicherheit Trump wiederholt als Rechtfertigung für den Krieg angeführt hat). Eine Ausweitung der Angriffe wurde sogar von einer Vielzahl rechter Stimmen in den USA, die normalerweise fest hinter Trump stehen, breit und scharf kritisiert. Während der Iran die Weltwirtschaft als Geisel hält, kann der US-Präsident nur eins tun: mit mehr Zerstörung und Tod drohen. Doch diese Taktik hat die Grenze ihrer Wirksamkeit erreicht.

»Das US-Militär könnte an die Grenze seiner Fähigkeit stoßen, Krieg zu führen, was eine noch peinlichere Blamage wäre als ein freiwilliger Rückzug.«

Je länger der Krieg ohne iranische Kapitulation andauert, desto schlimmer wird es für Trump und die Vereinigten Staaten. Die US-Wirtschaft steuert im Vorfeld der diesjährigen Midterm-Wahlen bereits auf riesige Probleme zu – weitere Wochen und Monate mit unterbrochenen Lieferketten würden sie endgültig über die Klippe stürzen. Die US-Munitionsvorräte schwinden derweil in untragbarem Tempo. Das US-Militär könnte an die Grenze seiner Fähigkeit stoßen, Krieg zu führen, was eine noch peinlichere Blamage wäre als ein freiwilliger Rückzug. Diese öffentlichen Demütigungen würden sich von Tag zu Tag weiter häufen, wenn extrem teure militärische Ausrüstung und Fahrzeuge vor den Augen der Weltöffentlichkeit zerstört werden oder schlicht nicht funktionieren.

Trump war daher gezwungen, für sich selbst die beste aus einer Reihe schlechter Optionen zu wählen. Er hat eine schmerzhafte Entscheidung getroffen. Das bedeutet allerdings nicht, dass nun in jedem Fall Frieden erreicht wird: Zwischen den Positionen der iranischen Führung und dem Weißen Haus klafft weiterhin eine riesige Lücke, die nur schwer zu überbrücken sein dürfte.

Die Gefahr eines Rückfalls

Das größte Hindernis wird wie immer Israel sein. Israelische Regierungsvertreter sind angesichts eines möglichen Friedensabkommens außer sich und versuchen bereits, es zu sabotieren. Sie weigern sich, ihren Krieg im Libanon zu beenden, wie es der Zehn-Punkte-Plan des Iran vorsieht, und führten jüngst sogar ihre bisher größte Welle von Bombenangriffen auf das Land durch. Israel hat das Interesse und leider auch die Fähigkeit, einen künftigen Frieden zu torpedieren. Allerdings hängt dies vollständig von der Bereitschaft des US-Präsidenten ab, den Forderungen der israelischen Führung tatsächlich nachzugeben.

In dieser Hinsicht ist es ein Lichtblick, dass der Krieg letztendlich Trumps Beziehung zu Israel und dessen Premierminister Benjamin Netanjahu verändern könnte. Laut zahlreichen Berichten, darunter ein ausführlicher Artikel in der New York Times, der nur wenige Stunden vor Bekanntgabe des Waffenstillstands erschien, haben Netanjahu und andere hochrangige israelische Regierungsvertreter Trump erfolgreich davon überzeugen können, das Fiasko eines Kriegs gegen den Iran sei eine gute Idee.

»Der US-Präsident sollte wütend darüber sein, dass er von der israelischen Führung offenkundig getäuscht, ausgenutzt und öffentlich gedemütigt wurde.«

Unter anderem wurden ihm zahlreiche Aussichten unterbreitet, die sich schnell als völlig falsch erwiesen. Kurz darauf mussten wir mit ansehen, wie Trump sich blamierte, indem er diverse dieser Behauptungen in der Öffentlichkeit wiederholte – darunter Aussagen wie: der Krieg sei schnell vorüber, die Schläge gegen die iranische Führung würden zum Regime Change führen und es werde zu einem Massenaufstand des iranischen Volkes kommen. Bekanntlich haben sich alle diese Prognosen als falsch herausgestellt.

Der US-Präsident sollte wütend darüber sein, dass er von der israelischen Führung offenkundig getäuscht, ausgenutzt und öffentlich gedemütigt wurde. In einer rationalen Welt würde ihn diese Tatsache darin bestärken, sich künftig von Netanjahu abzuwenden und Israels ständiger Kriegstreiberei auf Kosten der USA ein Ende zu setzen. Doch dazu wäre ein Mindestmaß an Rückgrat erforderlich, von dem Trump (und auch sein Amtsvorgänger) im Umgang mit Israel bislang nicht sonderlich viel gezeigt hat. Tatsächlich hat Trump – zumindest laut einer anonymen US-Beamtin – sich geweigert, Netanjahu in einem Telefonat zum Rückzug aus dem Libanon aufzufordern. Das ist ein beunruhigendes Vorzeichen, das darauf hindeutet, dass sich der altbekannte Kreislauf in Nahost erneut wiederholt.

Opposition auf Abwegen

Ein anderes Problem ist Trumps Opposition in den USA selbst. Viele prominente Mitglieder der Demokratischen Partei haben sich als ausgesprochen kontraproduktiv erwiesen, dem Konflikt endlich ein Ende zu setzen. Siehe Chris Murphy, Senator von Connecticut und eine prominente außenpolitische Stimme der Demokraten: Dieser vollzog praktisch in dem Moment, als der Waffenstillstand verkündet wurde, eine Kehrtwende. Er wechselte von seinen Warnungen, der Krieg gerate außer Kontrolle und Trump müsse dringend von seinem Amt enthoben werden, um Leben zu retten, dazu, ein unermüdlich torpediertes Friedensabkommen mit dem Iran zu kritisieren und Trump quasi dazu zu provozieren, die Kampfhandlungen wieder aufzunehmen. Das ging so weit, dass Murphy indirekt Trumps absurd-maximalistische Forderung übernahm, die konventionellen (nicht-atomaren) Raketen des Irans müssten beseitigt werden.

»Leute wie Senator Chris Murphy, die faktisch Hand in Hand mit rechten Kriegstreibern wie Lindsey Graham und Mark Levin agieren, werden in den kommenden Wochen reichlich Zeit und Gelegenheit haben, einen echten Friedensschluss zu attackieren.«

Diese peinliche Rolle übernehmen prominente Demokraten wie Murphy. Sie stacheln Trump unerbittlich an und werfen ihm vor, er sei ein Feigling, wenn er gegenüber dem Iran nicht aggressiver auftritt. Fairer- und glücklicherweise trifft dies nicht auf alle Vertreterinnen und Vertreter der Partei zu. Einige, wie die Abgeordnete Yassamin Ansari, setzen auf Vernunft und Besonnenheit. Doch Leute wie Senator Murphy, die faktisch Hand in Hand mit rechten Kriegstreibern wie Lindsey Graham und Mark Levin agieren, werden in den kommenden Wochen reichlich Zeit und Gelegenheit haben, einen echten Friedensschluss zu attackieren und uns alle erneut ins Chaos zu stürzen – sei es um reiner politischer Profilierung willen oder aus noch niederträchtigeren Gründen.

Der derzeitige Waffenstillstand ist kein wirklicher Sieg für den Pazifismus. Vielmehr ist er eine vernichtende Niederlage für den Militarismus und persönlich für einen US-Präsidenten, der von seiner vermeintlichen militärischen Macht berauscht ist und der nach wie vor glaubt, die Vereinigten Staaten könnten mit Bomben seine Träume in die Realität zaubern. Das Paradoxe ist: Damit Frieden möglich wird, müssen wir alle dazu beitragen, die Trumpsche Fiktion aufrechtzuerhalten, er habe in irgendeiner Weise einen großen Sieg errungen.

Branko Marcetic ist Redakteur bei JACOBIN und Autor des Buchs »Yesterday’s Man: The Case Against Joe Biden«. Er lebt in Chicago, Illinois.