05.05.2020

Whole Foods: Amazon lässt Angestellte überwachen

Das Unternehmen von Jeff Bezos überwacht in der aufgekauften Biomarktkette die Angestellten mit einer Heatmap, damit sie sich nicht gewerkschaftlich organisieren.

Whole Foods Filiale in Austin, Texas.

Whole Foods Filiale in Austin, Texas.

Flickr/That Other Paper.

Die Weltwirtschaft liegt am Boden, doch die Corona-Krise kennt nicht nur Verlierer. Während der gesamte Einzelhandel in Deutschland schwere Einbußen hinnehmen muss, erreichte die Amazon-Aktie kürzlich ein neues Rekordhoch. Alles deutet im Moment darauf hin, dass der Konzern als großer Gewinner aus der Krise hervorgehen wird.

Was ein solcher Machtzuwachs für die Beschäftigten und die Gewerkschaften bedeuten könnte, enthüllte vor Kurzem die New Yorker Nachrichten-Website Business Insider. Fünf Mitarbeiterinnen der Biosupermarktkette Whole Foods, die Amazon vor drei Jahren kaufte, berichten von einer sogenannten Heatmap, die Daten visualisiert, um die gewerkschaftliche Organisierung seiner Angestellten zu verhindern.

Die Heatmap ist eine digitale Karte, die verschiedene Informationen über die einzelnen Filialen und ihre 95.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anzeigt. Sie gibt genaue Auskunft über Verstöße gegen Gesundheits- oder Arbeitsschutzvorschriften, die Loyalität einzelner Beschäftigter sowie die ethnische Zusammensetzung jeder Filiale. Liegt der Standort in der Nähe eines Gewerkschaftsbüros? Auch das wird als »externes Risiko« erfasst.

Zusätzlich speist Whole Foods die Heatmap mit demografischen Daten etwa über die lokale Arbeitslosenquote oder die Zahl der Familien, die unterhalb der Armutsgrenze leben müssen. Kombiniert mit den Informationen der Angestellten, die regelmäßig danach gefragt werden, wie sie die Qualität und die Sicherheit des Arbeitsplatzes einschätzen, sollen so »Risikofilialen« ermittelt werden. Whole Foods lässt diesen Filialen dann gezielt »Ressourcen zukommen«, um »Herausforderungen anzugehen, bevor sie problematisch werden«, wie es in einer Stellungnahme gegenüber dem Business Insider heißt.

Willkommen in der fabelhaften Welt des Überwachungskapitalismus! So nannte die Harvard-Ökonomin Shoshana Zuboff schon 2014 die neueste Ausformung unseres Wirtschaftssystems, das mittlerweile maßgeblich von der Auswertung und dem Verkauf der Daten über unser alltägliches Verhalten lebt. Das Beispiel Whole Foods zeigt nun, dass die Daten auch analysiert werden, um betriebspolitische Machtinteressen durchzusetzen. Und es handelt sich hier immerhin um die größte Biosupermarktkette der Welt.

Alles für das »Team«

Aus der erwähnten Stellungnahme von Whole Foods geht auch die ideologische Grundhaltung hervor, die hinter dem »Union Busting« – also der gezielten Bekämpfung und Sabotage von Gewerkschaften – steckt. Dort heißt es: »Whole Foods und die überwältigende Mehrheit unserer Teammitglieder sind sich einig, dass ein direkter Draht zur Führungsriege das Beste ist. Teammitgliedern stehen offene Kommunikationskanäle zur Verfügung und jedes Individuum soll darin bestärkt werden, Feedback direkt mit seinen Teamleitern zu teilen.« Das Unternehmen lobt sich selbst für seine lockere »Open-Door-Kommunikation«, die es erlauben würde, ganz individuell auf die Probleme der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einzugehen.

Die bemüht egalitäre Rhetorik von Whole Foods verdeckt, dass es einen strukturellen Interessenkonflikt zwischen den Beschäftigten und der Unternehmensleitung, vertreten durch die »Teamleiter«, gibt. Denn um ein Unternehmen konkurrenzfähig zu halten, muss die Führungsriege daran interessiert sein, den Profit zu steigern. Das kann immer auch auf Kosten der Arbeiterinnen und Arbeiter geschehen – etwa durch Lohnsenkungen oder eine weitere Optimierung der Arbeitsabläufe. Da Angestellte den Plänen der Unternehmensleitung jedoch nicht einfach ausgeliefert sein sollen, haben sie das Recht, sich zu organisieren, zu streiken und so eine Verbesserung ihrer Arbeitsverhältnisse zu erkämpfen. Dieses Recht wird durch die Überwachungspolitik von Whole Foods und Amazon in Frage gestellt.

Wenn die Biosupermarktkette konsequent von »Teamleitern«, »Teammitgliedern«, »offener Kommunikation« und »Empowerment« spricht, handelt es sich dabei schlicht um neoliberale Ideologie. Durch die bewusste sprachliche Anrufung betriebsfremder Lebenswelten, durch das Berufen auf den »Teamgeist« des Sports oder das »Empowerment« der sozialen Arbeit, wird der wirtschaftliche Interessengegensatz und das betriebliche Machtgefälle rhetorisch verwischt. Das Gerede vom »Team« verspricht Gleichheit und Teilhabe, wo es sie eigentlich nicht wirklich gibt.

Wozu die gewerkschaftsfeindliche Politik führt, ist dann auch nicht überraschend: Knapp zwei Jahre nach der Übernahme von Whole Foods durch Amazon berichteten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von einer Verschlechterung der Arbeitsverhältnisse und von Versuchen der »Teamleiter«, persönlich Druck auf ihre Angestellten auszuüben: Es reicht nicht mehr, dass Äpfel abkassiert werden. Von den »Teammitgliedern« wird ebenso erwartet, dass sie der Kundschaft regelmäßig einen Amazon-Prime-Zugang und andere Amazon-Produkte vermitteln. Wie ihnen das gelingt, kontrollieren natürlich die »Teamleiter«.

Nur in den USA?

Solche Verhältnisse scheinen in diesem Ausmaß hierzulande noch undenkbar. Eine Überwachung der Angestellten über die Heatmap wäre in dieser Form tatsächlich gesetzlich verboten. Doch auch in Deutschland ist Amazon »sehr aktiv beim Bewerten und Einordnen der Mitglieder«, wie der ver.di-Gewerkschaftssekretär Thomas Schneider gegenüber dem Amazon Watchblog sagte. In den zahlreichen deutschen Logistikzentren ist es die Abteilung »Human Ressources«, die Mitarbeiterinnengespräche führt und die »Performance« der Angestellten analysiert. Digitale Daten dürfen dabei aber nicht erhoben werden. Nichtsdestotrotz ist Amazon auch in Deutschland nicht gerade für eine gewerkschaftsfreundliche Politik bekannt. Seit Jahren verweigert das Unternehmen ver.di die Anerkennung als Arbeitnehmerinnenvertretung. Bis heute gibt es keinen Tarifvertrag, für den Angestellte seit Jahren streiken.

Schon lange vor der Corona-Krise haben die digitalen Infrastrukturen und Produkte von Amazon, Google, Facebook und Co. unsere Lebenswelt revolutioniert. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Tech-Unternehmen ihre Vormacht durch die Pandemie nun weiter ausbauen werden. Für Amazon gehen Marktbeobachterinnen und -beobeachter laut Guardian im Moment von einer Umsatzsteigerung von 22 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum aus. Die britische Tageszeitung rechnete außerdem vor, dass Amazon derzeit rund 10.000 Dollar in der Sekunde verdient – bei Tag und bei Nacht. Auch Google expandiert gerade und hat vor allem den Gesundheitsbereich für sich entdeckt. In den USA versucht das Unternehmen derzeit durch die Bereitstellung von Covid-19-Tests »systemrelevant« zu werden.

In dieser Gemengelage ist Nostalgie jedoch nicht hilfreich. Eine Welt ohne die Technologien des Silicon Valleys ist nicht mehr vorstellbar. Wenn wir den despotischen Launen der Tech-Giganten in Zukunft jedoch nicht einfach ausgesetzt sein wollen, benötigen wir eine Perspektive zur Demokratisierung der Unternehmen. Dafür gibt es zwei entscheidende Voraussetzungen: zum einen starke Gewerkschaften, die eine erhöhte Teilhabe der Beschäftigten in den Betrieben ermöglichen, und zum anderen eine staatliche Machtbegrenzung der Konzerne, zu der auch eine Resozialisierung der Gewinne gehört. Klar ist: Wenn die digitalen Plattformen überall sind und so gut wie alles über uns wissen, sollten sie nicht einigen wenigen gehören.


Matthias Ubl ist Ko-Redakteur bei Jacobin.

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