13.09.2021

Wie China dem sowjetischen Schicksal entging

Die wirtschaftliche Expansion Chinas ist in der modernen Geschichte beispiellos. Doch dieses Wachstum lässt sich nicht einfach auf einen Triumph des freien Marktes zurückführen. Worauf sonst, erklärt die Ökonomin Isabella Weber im Interview.

Interview mit Isabella Weber geführt von Daniel Zamora Vargas

Übersetzung von Thomas Zimmermann

Isabella Weber ist Juniorprofessorin für Ökonomik an der University of Massachusetts Amherst und arbeitet zum chinesischen Wirtschaftsmodell, dem Welthandelssystem und der Geschichte der Wirtschaftswissenschaft.

In ihrem Buch »How China Escaped Shock Therapy« (Routledge, 2021) zeichnet sie die politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Auseinan­dersetzungen nach, die es China ermöglichten, der neoliberalen Schockthera­pie zu entgehen und die wirtschaftlichen Kapazitäten des Staates zu erneuern.

Wie bist Du dazu gekommen, dieses Buch zu schreiben?

Die Entstehungsgeschichte dieses Buches beginnt mit meinem Auslandssemester an der Universität Peking. Die chinesische Wirtschaft interessierte mich sehr, daher belegte ich Kurse an der Guanghua School of Management, einer der renommiertesten Managementschulen Chinas. Ich musste feststellen, dass wir dort dieselben us-amerikanischen Lehrbücher studierten wie an meiner Heimatuniversität, der fu Berlin. Es war mir ein Rätsel, wie es sein konnte, dass sich das chinesische Wirtschaftssystem so sehr von dem deutschen oder dem us-amerikanischen unterschied, und man dennoch die gleiche Art von Wirtschaftswissenschaft praktizierte. Nach meiner Rückkehr nach Berlin begann ich dann, im China-Referat einer Stiftung zu arbeiten.

Das Buch der linken Star-Ökonomin
Grace Blakeley auf Deutsch.

Unsere chinesischen Kolleginnen und Kollegen waren sehr an den Erfahrungen des Zusammenbruchs des Staatssozialismus in Ostdeutschland interessiert. Einmal half ich, ein Treffen zwischen Hans Modrow, dem letzten Ministerpräsidenten der ddr, und einer hochrangigen chinesischen Delegation zu organisieren. Bis zu dieser Veranstaltung wusste ich nicht einmal, wer Hans Modrow überhaupt ist – er war nur für kurze Zeit im Amt gewesen. Als ich nun mit dem vergessenen letzten ddr-Regierungschef und der chinesischen Delegation in einem Raum zusammensaß, drängte sich mir die Frage auf: Warum war die Geschichte Chinas so anders verlaufen als die der ddr? Und so begann ich, die intellektuellen Grundlagen der wirtschaftlichen Reformen zu untersuchen, die für das erste in dieser Frage entscheidende Jahrzehnt prägend waren: die langen 1980er Jahre, die üblicherweise von 1978 bis 1992 anberaumt werden. Wie kam es, dass China die Schocktherapie vermeiden konnte und welche Rolle spielten die Wirtschaftswissenschaften für die besondere Entwicklung des Landes?

Wir vergessen häufig, wie brutal der Übergang vom Sozialismus zum Kapitalismus im ehemaligen Ostblock gewesen ist. Du argumentierst, dass sich die Ursachen für die extrem unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklungen Russlands und Chinas in dieser Zeit finden lassen.

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