15.09.2020

Unsere neue sozialistische Ökonomie

23. April 2054. Rede von Samara Kantorowitsch zum dreißigjährigen Bestehen der New Socialist Economics am Frankfurter Institut für Sozialforschung und Ökonomie.

Es sagt etwas über mein Alter aus, dass ich heute, nachdem ich in Pandora meine monatliche Bedürfnisliste abgeschickt hatte, ein wenig überrascht feststellen musste: Sie alle, liebe Studierende, können nicht mit Geld umgehen. Sie können nicht mit Geld umgehen – und das ist großartig. Tatsächlich sind Sie die erste Generation, die das Erwachsenenalter erreicht, ohne jemals mit Geld in Berührung gekommen zu sein (etwaige Ausflüge in anarcho-kapitalistische Enklaven ausgenommen). Es war – und ich halte es für ungemein wichtig, dies nicht zu vergessen – nicht immer so. Aus heutiger Sicht mag es kurios erscheinen, aber lange Zeit glaubte man, allein der Markt sei in der Lage, wirtschaftliche Koordination in der Größenordnung von damaligen Nationalökonomien zu gewährleisten. Um diesen Irrglauben zu korrigieren, sind die New Socialist Economics (NSE) vor dreißig Jahren angetreten, eine alte Frage neu zu beantworten: Wie organisieren wir unser Wirtschaften so, dass die Bedürfnisse aller – Menschen, Tiere, Mischwesen, Maschinen und Umwelten – berücksichtigt und befriedigt werden?

Das potemkinsche Dorf begann zu bröckeln

Doch wie kam es dazu? Nun, auch die liberalsten unter den Liberalen konnten einen entscheidenden Bruch in der Vorherrschaft ihres Paradigmas nicht verhindern, als zu Beginn des Jahres 2020 eine weltweite Pandemie die Dysfunktionalität des damaligen Wirtschaftssystems erneut überdeutlich werden ließ. Dies war jedoch nur der längst überfällige finale Stoß, denn schon vorher stagnierte die Wirtschaft, die Schulden und die von den Zentralbanken ins System gepumpten Geldmengen waren gleichzeitig auf einem Höchststand. Die Vermögensunterschiede in den Industrienationen wuchsen ebenso wie die Gewissheit, dass eine auf unendlichem Wachstum basierende Ökonomie über kurz oder lang die kollektive Lebensgrundlage aller zerstören würde.

Der Mythos, eine Liberalisierung der Märkte komme letztlich allen zugute, hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits seit einigen Jahren offensichtlich und an den Zahlen ablesbar als unwahr erwiesen. Die damaligen Tech-Monopolisten führten mit ihrem Geschäftsmodell der in Privatbesitz befindlichen Märkte – bei dem sie sich in Form von Plattformen ihren eigenen Markt schufen und für den Zugang bis zu 30 Prozent Gebühr nahmen – jede liberale Erzählung vom Wettbewerb zusätzlich ad absurdum. Die Rufe nach planwirtschaftlichen Zugängen – zunächst noch im Korsett eines »geplanten Kapitalismus« gedacht – wurden angesichts des Versagens marktförmig organisierten Wirtschaftens immer lauter. Das Bewusstsein über den drohenden ökologischen Kollaps, zusammen mit dem Scheitern der Idee vom »grünen Wachstum« und der explosiven Zunahme der Krisenverliererinnen und -verlierer wirkten dabei wie ein Brandbeschleuniger, der das potemkinsche Dorf der wirtschaftsliberalen Erzählung in sich zusammenbrechen ließ. Die Grundlage der Argumentation hatte sich somit deutlich zugunsten alternativer politischer Ökonomien verschoben. Um jedoch in die Position zu kommen, das zerbröckelnde, aber immer noch allgegenwärtige Denksystem des Wirtschaftsliberalismus abzulösen, mussten die Sozialistinnen und Sozialisten dieser Tage plausible Erklärungen dafür liefern, wie das Wirtschaftstreiben im Sozialismus konkret organisiert werden könnte.

Jenseits des kapitalistischen Realismus

Angeregt durch mehrere erfolgreiche Vergesellschaftungen im Bereich Wohnen, formierte sich zu Beginn der 2020er Jahre unter dem Slogan »Socialize the means of feedback production!« eine Bewegung, die auf die Vergemeinschaftung der in jener Zeit entscheidenden Produktivkraft – digitale Produktionsmittel wie Rechnerfarmen, Datencenter, Plattformen, urheberrechtlich geschützten Algorithmen und ähnlichem – hindrängten. Dem lag ein neu erwachter Elan zugrunde, die Systemfrage nicht nur rhetorisch zu stellen und im Kleinen vereinzelte Alternativen zu erproben, sondern jenseits reiner Kritik am Bestehenden konkrete Vorschläge für alternative politische Ökonomien zu entwickeln und darauf hinzuarbeiten, diese auch auf der Makroebene umzusetzen.

Im Jahr zuvor hatte Evgeny Morozov als langjähriger Kritiker des digital getriebenen Überwachungskapitalismus und der Dogmen damaliger Tech-Eliten den Ausdruck des digitalen Sozialismus geprägt, unter dem sich nun langsam die Debatte um alternative Zugänge zur Frage politischer Ökonomien zu formieren begann. Dass man die Möglichkeiten moderner technologischer Infrastrukturen nutzen wolle, um eine Wirtschaft jenseits der Warenform zu ermöglichen, bildete den gemeinsamen Nenner. Doch wie genau dies geschehen solle, darüber entbrannte in Folge eine durchaus lebhafte Diskussion.

Eine wichtige Erkenntnis, die dabei aus dem Scheitern hierarchisch geführter sozialistischer Planwirtschaften im ehemaligen Ostblock gezogen werden konnte, war, dass die Demokratisierung der Wirtschaft im Sinne einer tatsächlichen Mitbestimmung aller Beteiligten und Betroffenen kein Luxus war, den man sich gönnen konnte, sobald alles gut lief, sondern konstitutives Element eines jeden langfristig erfolgreichen Wirtschaftens sein musste. Der Indikator für den Erfolg des neuen Wirtschaftens – darin war man sich mit den Wirtschaftsliberalen durchaus einig – sollte die Fähigkeit zur Bedürfnisbefriedigung sein. Im Gegensatz zum Kapitalismus, wo nur kaufkräftige Bedürfnisse zählten, sollten nun jedoch alle Menschen, Umwelten, Tiere und Mischwesen aller Art berücksichtigt werden.

Eine sozialistische Planwirtschaft

Im Gegensatz zu Vorschlägen für computergestützte zentrale Planwirtschaften, die letztlich auf Rechenkraft setzten, hatte Daniel E. Saros, dessen Modell einer sozialistischen Planwirtschaft stark von Prinzipien der Participatory Economics (ParEcon) inspiriert war, stets betont, dass das Wirtschaftstreiben keine statische Angelegenheit sei – keine Rechnung von Angebot und Nachfrage, die mathematisch gelöst werden könne. Es bedürfe, so Saros, eines dynamischeren Zugangs, der die Möglichkeiten moderner Informations- und Kommunikationstechnologien auf eine völlig andere Art nutzbar mache und auf eigenständigen sozialistischen Bewegungsgesetzen beruhe. Das Zukunftsweisende an seinem Vorschlag bestand darin, dass sein Modell auf den im Vorfeld artikulierten Bedürfnissen aller beruhte.

Während sich in der auf Warenform und Profitstreben basierenden Wirtschaft erst im Nachhinein herausstellte, ob das Produkt auch tatsächlich ein Bedürfnis befriedigt – nämlich indem es erfolgreich verkauft wurde –, beruhte das Wirtschaftstreiben in Saros’ Modell darauf, die Bedürfnisse im Vorhinein zu erheben und mit den ökologischen Grenzen der Ressourcennutzung in Einklang zu bringen. Wer brauchte was und wie viel war möglich? Kein Gosplan, kein zentralistisches Planungsbüro sollte per Dekret bestimmen, was, wo, von wem und in welcher Menge produziert wurde. Stattdessen konnte man die Weiten eines gigantischen Katalogs durchstöbern und die Bedürfnisse an Gütern, Dienstleistungen und anderen Gebrauchswerten im eigenen Account ablegen. Das war der Beginn für unser heutiges Pandora.

Bei ausreichendem Bedarf würden diese Gebrauchswerte durch die Arbeiterinnenräte, die wir heute WerXstätten nennen, produziert werden. Spontaner Konsum war in diesem System weiterhin möglich, jedoch etwas teurer als der geplante. Um den ökologisch vertretbaren Verbrauch von natürlichen Ressourcen zu ermitteln, schlug Saros vor, mehrere konkurrierende Expertinnengremien einzurichten, die entsprechende Vorschläge zur allgemeinen Abstimmung erarbeiteten. Im Grunde war das Prinzip ganz einfach: Es ging darum, die Informationen über die Bedürfnisse – individuell nach Wichtigkeit gereiht – direkt bei den Menschen abzufragen und die Produktion gemeinschaftlich und in ökologisch vertretbarer Weise zu organisieren.

Sie wissen, was für ein riesiger informationsverarbeitender Apparat hinter Pandora steckt – und wir alle sind mitunter genervt von den ständigen Updates – doch der Umgang mit dem Katalog ist doch verhältnismäßig unkompliziert und war das auch schon in seinem Anfangsstadium. Man kannte Ähnliches bereits aus kapitalistischen Zeiten und hatte sich auch die Errungenschaften moderner Logistik in vollem Umfang zu Nutzen gemacht. Damalige Großkonzerne wie Wal-Mart und Amazon waren Meister darin, ihre internen Abläufe minutiös zu planen. Darauf hatte der Theoretiker Frederic Jameson in seinen Gedanken zu Wal-Mart as Utopia bereits 2009 hingewiesen und damit frühe Impulse für die in den 2020er und 30er Jahren voll aufflammende zweite Socialist Calculation Debate gesetzt. Maschinen, Menschen, Tiere und Umwelten unterschiedlichster Art erzeugten schon lange einen neuen Rohstoff, indem sie permanent digitale Spuren hinterließen, die aufgezeichnet, eingespeist, ausgewertet und angewendet wurden. Jede dieser digital erfassten Handlungen war auch ein Beitrag für die New Socialist Economics.

Neu an diesem Modell der Datennutzung war jedoch, dass nun, anders als im Kapitalismus, alle in vollem Umfang an den Vorzügen teilhaben konnten, die diese Informationsdichte hervorbrachte. Die Datennutzung war endlich von Profitzwang und Überwachungsfetisch befreit. Um diese Technologien jenseits ihrer kapitalistischen Form nutzbar zu machen, hatte es jedoch einer dezidiert politischen Anstrengung bedurft und es galt zu verhindern, dass Ausbeutungslogiken – die bekanntermaßen tief in die Daten, Produkte und Produktionsverhältnisse eingeschrieben waren – mitsamt der technologischen Infrastrukturen übernommen wurden.

Unsere heutige Wirtschaft ist keine zentrale Planwirtschaft. Wer eine Idee für eine neuartige Permakultur hat, kann diese in Pandora posten und wird – bei hinreichender Nachfrage – die Produktionscredits für ihre WerXstatt erhalten, um das Projekt dezentral umzusetzen. Gleichzeitig beziehen wir mittlerweile alle unsere Güter und Dienstleistungen vermittelt durch Pandora und profitieren dadurch in unserer Wirtschaftsplanung von einer uneingeschränkten zentralen Informationsfülle. Es wird Sie vielleicht überraschen, aber dies war bei den Warenkatalogen der kapitalistischen Zeit nicht der Fall. Ja, ihre technologische Infrastruktur war nicht einmal open source und die Daten nicht öffentlich zugänglich. Was für eine Verschwendung!

Der distribuierte Sozialismus

Unsere heutige Wirtschaft ist somit weder rein dezentral noch ganz zentral. Es hat sich für unsere Form des Wirtschaftens stattdessen der Ausdruck »distribuierter« – also verteilter – Sozialismus durchgesetzt. Die Philosophin Eva von Redecker hat dieses Begriffspaar bereits zu einem frühen Zeitpunkt in die Debatte eingeführt und damit eine ideale Beschreibung des bis heute gültigen Verhältnisses von Planung, Produktion und Verteilung gegeben.

Ich möchte Ihnen abschließend noch etwas über diesen distribuierten Sozialismus an die Hand geben: Wie wir gesehen haben, gab es vor ihm andere soziopolitische Formationen und es wird auch nach ihm andere geben. Und auch das ist gut so. Wir haben noch viel zu lernen, wenn es darum geht, andere Weltbezüge in unsere politische und wirtschaftliche Praxis einzubeziehen. Als Lernende und Lehrende möchte ich Ihnen somit auf den Weg geben, dass es die offene und streitbare Auseinandersetzung war, die den distribuierten Sozialismus hervorgebracht hat. Und nur diese Offenheit kann ihn über sich hinaus treiben.

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