29. April 2026
Ökonomische Debatten sind in der Linken zunehmend in den Hintergrund gerückt. Dabei waren sie es, die historisch das Bündnis von Intellektuellen, Aktivisten und Arbeitenden am Leben erhielten.

In den vergangenen Jahren gewannen linke Mobilisierungen wieder an Bedeutung, aber sie trugen noch nicht zur Neubildung von proletarischem Klassenbewusstsein bei.
Mit Wirtschaftsfragen tun sich Linke schwer. In einer längst vergangenen Zeit waren sie Gegenstand dauernder Debatten zwischen Intellektuellen, Aktivisten und Massen der arbeitenden Bevölkerung. Nicht ohne Streit und Vorbehalte: Intellektuelle stellten die Massen oft genug unter Ignoranzverdacht, diese fanden die Intellektuellen zumeist leicht abgehoben. Aktivisten befanden sich in einer ständigen Vermittlerrolle. Sie schufen dabei aber eine Sprache, in der sich Lebens- und Arbeitserfahrungen ausdrücken, Ansprüche an ein anderes Leben formulieren und Strategien für den Kampf um dieses andere Leben ausarbeiten ließen. Ökonomische Ideen wurden zur Lingua Franca proletarischen Klassenbewusstseins – und damit einer politischen Kraft.
Missverständnisse und Streit standen der Stärkung der politischen Kraft oft im Wege, waren aber auch notwendig, um die gemeinsame Sprache an je nach Ort und Zeit unterschiedliche Bedingungen anzupassen. Marx’ Analysen von Lohnarbeit und Fabrikregime gaben Fabrikarbeitern einen Kompass an die Hand, mit dessen Hilfe sie ihre Stellung als Angehörige einer ausgebeuteten Klasse, aber auch die Möglichkeiten kollektiver Produktion ohne kapitalistische Chefs erfassen konnten.
Dies war eine Erkenntnis, die noch viel Raum für die Frage ließ, ob die von Marx aus seinen Analysen abgeleiteten Krisen abgewartet werden müssten, bevor der Kapitalismus revolutionär überwunden werden könne oder ob soziale Reformen das Leben der Arbeitenden vor Krise und Revolution erleichtern, möglicherweise sogar einen friedlichen Übergang zum Sozialismus erlauben würden.
Wer auf dem Lande für Lohn arbeitete, konnte diese »fabrikzentrierten« Debatten vielleicht teilweise nachvollziehen. Wer auf eigenem oder, wie im Falle der Subsistenzproduktion, gemeinsam bewirtschafteten Boden arbeitete, fühlte sich bestimmt nicht angesprochen. Es dauerte lange, bis nicht nur Fabrikarbeiter, sondern auch Landarbeiter und Bauern ihre Stimmen in der ökonomischen Sprache des Sozialismus erheben konnten. Noch länger dauerte es, bis unbezahlte, fast immer von Frauen geleistete Hausarbeit ihre Stimme fand.
Und dennoch: Im Ergebnis gab es eine Sprache, die mit unterschiedlichen Akzenten gesprochen wurde und deren Grammatik unterschiedlichen Bedingungen angepasst war. Bei allen Verständigungsproblemen riss der Gesprächsfaden zwischen Sozialdemokraten, Kommunisten und nationalen Befreiungsbewegungen nie ganz ab. Doch anstelle der internationalen Einheitsfront, die sich Aktivisten auf dem linken Flügel dieser drei Bewegungen wünschten, bildete sich infolge der Wirtschaftskrisen und Klassenkämpfe der 1970er Jahre eine Internationale des Kapitals heraus.
Mit dem Versprechen, den Wohlstand der Nationen durch Freihandel zu vermehren, konnten die Kapitalisten auch unter den arbeitenden Klassen dieser Welt Zustimmung mobilisieren. Was immer sich an proletarischem Bewusstsein seit den Tagen der Ersten und Zweiten Internationale herausgebildet, und wie sehr es sich zwischenzeitlich globalisiert und transformiert hatte – die neoliberale Globalisierung löste es im Weltmarkt auf.
Seit sich herausgestellt hat, dass die im Namen des Freihandels betriebene Politik fast ausschließlich den Wohlstand der Kapitalisten aller Nationen mehrt, sammeln sich Menschen aller Klassen unter dem neuen Banner des Wettbewerbs zwischen Nationen und »Rassen«. Angst vor Abstieg und Untergang ist an die Stelle der Hoffnung auf Wohlstand durch Freihandel getreten. Der ideologische Kern – auf Märkten ausgetragene Konkurrenz – bleibt der gleiche. In der realen Welt schreitet die Wohlstandsmehrung der Kapitalisten trotz mehr oder minder stagnierender Wirtschaft fort.
»Linke Intellektuelle haben sich mehrheitlich von Wirtschaftsfragen abgewandt, die Arbeitenden in großer Zahl den liberalen Antworten auf diese Fragen Glauben geschenkt.«
Proletarische Klassenbewegungen, die Ungleichheit eindämmen, vielleicht sogar die Ausbeutung von Mensch und Natur ganz aufheben könnten, gibt es nicht mehr. Sie haben sich nach dem Scheitern der Modernisierung des Kommunismus im Osten, der Festigung neokolonialer Ausbeutung im Süden und der Zurückdrängung des Sozialstaates im Westen aufgelöst. Die Unterdrückung des Prager Frühlings, der Putsch in Chile und die Wahlen Thatchers und Reagans symbolisieren Wendepunkte, jenseits derer Streit innerhalb der Linken nicht mehr zu einer Neubestimmung von mobilisierungsfähigen Organisationspraxen und politischen Strategien, sondern einem Abreißen des Gesprächsfadens zwischen Intellektuellen, Aktivisten und der Masse der arbeitenden Bevölkerung geführt hat.
Linke Intellektuelle haben sich mehrheitlich von Wirtschaftsfragen abgewandt, die Arbeitenden in großer Zahl den liberalen Antworten auf diese Fragen Glauben geschenkt. Wirtschaftspopulistische Parolen erlauben Aktivisten gelegentliche Mobilisierungserfolge. »People Over Profit« sprach ein verbreitetes Unbehagen an einer Welt an, in der sich alles ums Geld dreht, bietet aber keine politische Orientierung vergleichbar den Forderungen nach einem 8-Stunden-Tag, Sowjetmacht und Elektrifizierung oder koloniale Befreiung, mit denen Sozialisten früherer Zeiten die Massen mobilisieren konnten. Linke Mobilisierungserfolge in jüngerer Zeit tragen nicht zur Neubildung von proletarischem Klassenbewusstsein bei. In Sachen dauerhafter Massenwirkung können sie nicht mit dem Marktpopulismus des Kapitals konkurrieren, sei es in dessen freihändlerischer oder nationalistisch-rassistischer Variante.
Unter den Bannern »Unsere Welt ist keine Ware« und »Wir sind die 99 Prozent« protestierten Tausende, wenn nicht Millionen. Damit brachten sie ein über die Protestierenden hinausgehendes Unbehagen an einer Welt zum Ausdruck, in der Handel und Tauschwert alles, der Mensch nichts und der Reichtum auf den Konten weniger Geldsäcke konzentriert ist. Die Proteste gegen die Welthandelsorganisation in Seattle 1999 markierten den Ausgangspunkt einer weltweiten Bewegung gegen die neoliberale Wirtschaftspolitik, mit der Kapitalisten in allen Ländern der Welt eine Umverteilung von unten nach oben betrieben. Die Ablehnung der neoliberalen Globalisierung verknüpfte diese um klassisch linke Themen organisierte Bewegung mit der trotzigen Behauptung: Eine andere Welt ist möglich.
Doch die Bewegung kam auf dem Weg zu einer anderen Welt nicht weit. Der Krieg gegen den Irak 2003 löste zwar Proteste aus, die noch über das hinausgingen, was linke Globalisierungskritiker auf die Beine gebracht haben, führte aber nicht zu einer Weiterentwicklung der Bewegung, sondern leitete deren Ende ein. Erst 2010, als von der Weltfinanz- und -wirtschaftskrise geplagte Kapitalisten mit Staatskohle überschüttet und den arbeitenden Klassen dafür Sparprogramme auferlegt wurden, kam es wieder zu Massenprotesten. Dem arabischen Frühling 2010 folgte ein Jahr später Occupy Wall Street, dann Gründung und Aufschwung von Podemos in Spanien, Syriza in Griechenland, die Präsidentschaftskandidaturen von Bernie Sanders und ein vorübergehender Linksschwenk der britischen Labour Party unter Jeremy Corbyn.
Wenig ist davon übriggeblieben. Die Globalisierungskritik von rechts mobilisiert das Unbehagen der Welt erfolgreicher als die Linke. Letzterer fehlt die »theoretisch-ideologische Basis«, um wieder an den abgerissenen Gesprächsfaden zwischen Intellektuellen, Aktivisten und der arbeitenden Bevölkerung anzuknüpfen und damit eine neue proletarische Klassenbewegung auf den Weg zu bringen. Aber diese Basis braucht sie, weil sie den Wunsch nach einer anderen Welt mit möglichen Wegen dorthin verbinden muss. Im Gegensatz dazu bietet die Globalisierungskritik von rechts den Menschen den Ausweg in eine Traumwelt nationalen Wohlstandes an, während die globalen Operationen des Kapitals die Ursachen am verbreiteten Unbehagen tagein, tagaus reproduzieren.
»In marxistischen Theoriezirkeln wird weiter darüber gestritten, ob sie denn nun fällt oder nicht, die Profitrate. Wer Belege für Abgehobenheit und Ökonomismus sucht, wird hier reichlich fündig.«
In den langen Zeiten, in denen sich keine Massen um linkspopulistische Wirtschaftsparolen mobilisieren lassen, interessieren sich auf der Linken nur sehr wenige für Wirtschaftsfragen. Der Wirtschaftspopulismus für die Massen steht dem Expertentum linker Ökonomiezirkel unvermittelt gegenüber. In Sachen Wirtschaftspolitik werden weiter keynesianische Räder gedreht. Zeit seines Lebens sah sich der Keynesianismus dem Vorbehalt ausgesetzt, Wirtschaft und Gesellschaft technokratisch zu steuern. Dies ist eine Steilvorlage für neoliberale Propagandisten, die Freiheit von Bürokratie und Bevormundung versprechen, wenn sie die Absenkung sozialer Standards meinen, und neoliberale Politiker nutzen die unter keynesianischer Ägide aufgebauten Staatsapparate wie selbstverständlich für die Umsetzung solcher Absenkungspläne.
In marxistischen Theoriezirkeln wird weiter darüber gestritten, ob sie denn nun fällt oder nicht, die Profitrate. Die früher an fallende Profitraten geknüpfte Hoffnung, Krisen und Klassenkampf von unten folgten auf dem Fuße, spielt in diesen Debatten bestenfalls die Rolle melancholischer Erinnerungen an verpasste Chancen. Wer Belege für Abgehobenheit und Ökonomismus marxistischer Theorie sucht, wird hier reichlich fündig. Akkumulation und Krisen lassen sich auch als Resultat von Klassenkämpfen verstehen, das Kapital kann in diesem Sinne politisch gelesen werden. Aber in der Regel verschwindet der Klassenkampf, nicht zu sprechen von den darin involvierten Individuen, hinter dem, in Marx Worten, Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft.
Diese Art linker Theoriedebatte ist ein Spiegelbild der Beschwörung der Naturgesetzlichkeit von Angebot und Nachfrage durch die Propagandisten des Neoliberalismus, bleibt aber politisch wirkungslos. Und das obwohl Kapitalinteresse beziehungsweise Marktgesetze die Lebensbedingungen der Arbeitenden seit Jahrzehnten verschlechtern und das an steigende Profite geknüpfte Versprechen auf Wohlstand für alle wieder und wieder gebrochen wurde.
Lange bevor ökonomische Ideen, genauer deren sozialistische Varianten, zur Basis proletarischen Klassenbewusstseins wurden, spielten liberale Ideen eine entscheidende Rolle bei der Konstitution der Bourgeoisie zur Klasse. Die mit dem Sozialismus verbundene Lingua Franca der Arbeit konnte die Herrschaft der Bourgeoisie zeitweilig herausfordern. Doch die ideologische Absicherung der Herrschaft des Kapitals funktioniert(e) anders als ihre sozialistische Herausforderung. Es gab keinen Gesprächsfaden zwischen liberalen Ökonomen und Politikern mit den arbeitenden Massen, der vergleichbar wäre mit dem, der letztere von der Zeit der Zweiten und Dritten Internationale bis in die 1970er Jahre mit linken Ökonomen und Aktivisten verband.
Dem Liberalismus galten die Arbeitenden stets als eine Ansammlung von Individuen, Produktionsfaktor Arbeit und Konsumenten, unfähig zu kollektivem Handeln, das die Bourgeoisie zeit ihres Lebens fürchtete. Sozialistische Theorien, insbesondere der Marxismus, unterzogen den Liberalismus einer radikalen Ideologiekritik. Um die Bloßstellung kapitalistischer Ausbeutung im Arbeitsprozess bemüht, wurden der Verkauf der Ware Arbeitskraft sowie der Kauf von Konsumtionsmitteln oft als beiseite zu schiebender Schleier behandelt. Dass diese Marktaktivitäten ebenso zur Lebenswirklichkeit der lohnabhängig Arbeitenden gehören, wie die Verausgabung ihrer Arbeitskraft im Produktionsprozess, wurde dabei allzu häufig übersehen.
»Ohne die linke Lingua Franca der Arbeit findet die im Arbeitsalltag erfahrene Entfremdung und die Erfahrung, von Chefs rumkommandiert und von oben herab angesehen werden, keinen Ausdruck mehr.«
Ohne die linke Lingua Franca der Arbeit findet die im Arbeitsalltag erfahrene Entfremdung und die Erfahrung, von Chefs rumkommandiert und von oben herab angesehen werden, keinen Ausdruck mehr. Dagegen lässt sich die Erfahrung als Verkäufer von Arbeitskraft und Käufer von Konsumtionsmitteln mittels liberaler Ideen ausdrücken, die über unzählige Medienkanäle verbreitet werden. Die Ohnmacht der Einzelnen, die ihrer kollektiven Ausdrucks- und Organisationsformen beraubt wurden, gegenüber der Nachfrage nach Arbeit und dem Angebot an Konsumtionsmitteln wird durch die Postulate der Gesetze von Angebot und Nachfrage nicht nur angemessen ausgedrückt, sondern im Freud’schen Sinne rationalisiert – damit aber auch auf Dauer gestellt.
Die Linke, will sie das als Herrschaft ökonomischer Gesetze ausgegebene Klasseninteresse des Kapitals einschränken oder überwinden, muss zuallererst den Glauben an diese Gesetze nachvollziehbar kritisieren, statt auf die Krisentendenz des Kapitals und die Ironie der Geschichte zu vertrauen. Ein solcher Ökonomismus von links mobilisiert diejenigen nicht, die von der Theorie als historische Erben des Kapitalismus auserkoren wurden. Umgekehrt: Der Ökonomismus dient der Bourgeoisie, weil er ihre Herrschaft als ewig und naturgegeben ausgibt.
Diese Wahrnehmung wird durch die Unterwerfung der Politik unter die Ansprüche des Kapitals nach den Niederlagen der Arbeiter- und anderer sozialer Bewegungen noch verstärkt. An die Stelle von Macht und Gegenmacht ist die politische Absicherung der Gesetze des Marktes durch eine technokratische Elite getreten. Wie für den Ökonomismus gilt auch für die Technokratie: Was der Kapitalherrschaft dient, schadet der Linken. Ansprüche linker Avantgarden, den Weg in die sozialistische Zukunft zu weisen, standen der Selbstermächtigung der Arbeitenden allzu oft im Weg. Präsentieren sich Linke als Stellvertreter, die den Kampf anstelle der arbeitenden Massen zu führen beanspruchen, werden sie das Vertrauen dieser Massen nicht gewinnen.
Die ideologische Doppelherrschaft von Ökonomismus und Technokratie macht Klassen und Klassenkampf undenkbar. Besteht nur die Wahl zwischen politischer Macht der Technokraten und blinder Herrschaft ökonomischer Gesetze, bleiben die arbeitenden Menschen zu Hause, bilden sich nicht zur kämpfenden Klasse heraus. Die Klassenherrschaft des Kapitals ist nicht thematisierbar, ihre Auswirkungen werden ohnmächtig ertragen oder in eine ebenso ohnmächtige Wut auf vermeintliche äußere Feinde abgelenkt – was der Klassenherrschaft des Kapitals keinen Abbruch tut.
Dafür müsste erneut ein Gesprächsfaden zwischen Intellektuellen, Aktivisten und der arbeitenden Bevölkerung geknüpft werden, der den Austausch über Alltagserfahrungen und Lebenserwartungen ermöglicht; der Antworten auf Wirtschaftsfragen gibt, die den Lebenswirklichkeiten der Arbeitenden entsprechen, statt auf die Entfaltung ökonomischer Gesetze oder stellvertretende Problemlösung durch technokratische Eliten zu verweisen.
Dazu bedarf es Analysen, die die handelnden Personen(gruppen) hinter den großen Entwicklungslinien und ihren Brüchen sichtbar machen,ökonomische Gesetze als geronnene ideologische Formen einer Geschichte von Klassenkämpfen verstehbar machen und damit Ansatzpunkte für künftige Kämpfe aufzeigen. Dazu bedarf es ferner Räume, im Wort- und metaphorischen Sinne, in denen Intellektuelle, Aktivisten und Arbeitende ihre Ideen austauschen und politische Strategien entwickeln können. Das wird nicht ohne Streit und Missverständnisse abgehen, ist aber Voraussetzung, um eine die Massen ergreifende Lingua Franca der Arbeit zu schaffen, die dann auch zu einer politischen Kraft wird.
Ingo Schmidt ist marxistischer Ökonom und lebt in Kanada und in Deutschland.