13.06.2021

Wollen wir wirklich Arbeitern beim Arbeiten zusehen?

Vom Kino über die Klassengesellschaft können wir mehr erwarten.

Ist das die ausgleichende Gerechtigkeit? Die einen müssen diese Arbeit tun, die anderen sie sich ansehen?

Ist das die ausgleichende Gerechtigkeit? Die einen müssen diese Arbeit tun, die anderen sie sich ansehen?

ILLUSTRATION Andreas Faust.

Die Arbeit und jene, die sie verrichten, sind im Hollywoodfilm stark unterrepräsentiert. Darüber wird selten gesprochen, obwohl die Diskurse um Repräsentation derzeit sehr dominant sind. Inzwischen haben Preise wie die Oscars, aber auch einige deutsche Filmförderinstitutionen Diversity unter ihre Kriterien aufgenommen. Dabei liegt der Fokus auf gender und race, die Kategorie class jedoch spielt überhaupt keine Rolle – weder am Set noch auf der Leinwand wird eine Arbeiterquote verlangt. Dass der Proletarier Jack in Titanic untergehen muss, das Upper-Class-Girl Rose aber gerettet wird, und der Haijäger und Kriegsveteran Quint in Der Weiße Hai von eben diesem gefressen wird, der Akademiker Hooper und der Polizeichef Brody hingegen überleben, ist typisch für Hollywoods Umgang mit der Arbeiterklasse.

Zwar stammen einige Hollywood-Größen selbst aus dem Proletariat – wie der in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsene Tom Cruise –, jedoch täuschen solche Aufstiegsgeschichten kaum darüber hinweg, dass in der Filmindustrie häufig clanartige Strukturen vorherrschen. Familiendynastien, die mitunter noch auf Stummfilmzeiten zurückgehen, sorgen in Hollywood dafür, dass auch der mindertalentierte Nachwuchs zum Star gemacht wird. Darüber hinaus ist der Besuch einer Schauspiel- oder Filmhochschule häufig nur für eine privilegierte Schicht erschwinglich, da es zu wenig öffentlich finanzierte Institutionen gibt. Dass die Absolventinnen wenig Bezug zur Lebenswirklichkeit von Werktätigen, Reinigungs- und Servicekräften haben, scheint einerseits einleuchtend, andererseits aber wird ihre Alltagserfahrung auch nicht mit jener von Aliens und Superhelden übereinstimmen, welche trotzdem fortwährend repräsentiert werden.

Was, wenn die weitreichende Abwesenheit von Arbeiterinnen und deren Arbeitsleben gar nicht so sehr soziologisch, sondern vielmehr filmisch und rezeptionsästhetisch zu erklären ist? Bevor wir über Hollywood schimpfen, sollten wir deshalb zunächst uns selbst mit einer unangenehmen Frage konfrontieren: Wollen wir im Film wirklich Arbeiter arbeiten sehen?

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