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31. Januar 2026

Ein besserer E-Commerce ist möglich

Zalando könnte es sich locker leisten, sein Logistikzentrum in Erfurt zu erhalten und seine Beschäftigten besser zu bezahlen. Die Politik hätte Standortsicherung und höhere Arbeitsstandards zur Bedingung für Subventionen machen sollen.

Der Gesamtbetriebsrat des Erfurter Zalando-Standorts kommt im Thüringer Landtag zusammen auf Einladung der Linksfraktion, 14. Januar 2026.

Der Gesamtbetriebsrat des Erfurter Zalando-Standorts kommt im Thüringer Landtag zusammen auf Einladung der Linksfraktion, 14. Januar 2026.

IMAGO / Paul-Philipp Braun

Anfang Januar gab der deutsche Online-Modehändler Zalando bekannt, dass er seinen Logistikstandort in Erfurt mit 2.700 Beschäftigten im September schließen werde. Das löste heftige Kritik aus. Der ehemalige Ministerpräsident Thüringens, Bodo Ramelow von der Linkspartei, sprach von »Raubtier-Kapitalismus brutal«.

Für Mitarbeitende, Gewerkschaften und Landespolitik kam die Entscheidung ohne Vorwarnung. Man sei vor »vollendete Tatsachen« gestellt worden, hieß es von der Landesregierung. Gewerkschafter sprechen von Täuschung. Bei Betriebsversammlungen habe die Unternehmensführung den Standort und seine Zukunftsfähigkeit bis zuletzt gepriesen. Das Ex-Startup aus Berlin ist der größte Arbeitgeber in der Region.

Die Schließung kommt auch deswegen überraschend, weil die Geschäfte für Zalando gut laufen. Das Unternehmen ist auf Wachstumskurs und hat nach 2024 erneut zugelegt. Für 2025 geht man von einem Umsatz zwischen 12,1 und 12,4 Milliarden Euro aus – ein beachtlicher Sprung von den 10,6 Milliarden Euro im Jahr 2024. Zugleich wird prognostiziert, dass der Konzerngewinn für 2025 auf 550 bis 600 Millionen Euro geklettert ist. Im Jahr 2023 waren es noch 350 Millionen, 2024 bereits 511 Millionen Euro. Auch die Kundenzahl stieg im vergangenen Jahr auf ein neues Allzeithoch von 61,4 Millionen.

In solchen Zeiten sollte man eigentlich erwarten, dass Personal aus- und nicht abgebaut wird. Aber nicht nur in Erfurt wird gekürzt. Auch in der gläsernen Konzernzentrale in Berlin-Friedrichshain, in direkter Schlagnähe zur Uber-Arena an der Spree, sollen 450 Mitarbeiter entlassen werden. Man will den Kundenservice zu großen Teilen outsourcen. Es sieht so aus, dass nicht nur der reichste Mann der Welt, Elon Musk, die Kürzungskettensäge schwingen kann.

Subventionen abgreifen und weiterziehen

Begründet wird die Schließung von der Unternehmensleitung mit einer strategischen Neuausrichtung nach dem Kauf von About You, dem Konkurrenten vom Otto-Konzern. In Gießen soll nun ein effizienterer Logistikstandort aufgebaut werden, die Modernisierung des Gebäudes in Erfurt wäre dafür zu teuer gewesen, heißt es.

Die Kritik an Zalandos Alleingang-Entscheidung ist verständlich. Der Konzern erhielt für den Aufbau des Logistikstandorts Erfurt im Jahr 2012 22 Millionen Euro an staatlicher Förderung. Über die gesamte Betriebszeit verteilt sind das pro Arbeitsplatz durchschnittlich über 550 Euro an jährlichen Subventionen. Die Gelder wurden gerne genommen. Jetzt zieht man weiter.

»Es gibt immer wieder Berichte über Lohndumping, schlechte Arbeitsbedingungen und rigide Kontrolle der Mitarbeitenden bei Amazon, aber auch Zalando.«

Aber die Politik trägt ebenso Verantwortung für das Desaster. Jörn Boewe hat im Freitag den Finger in die Wunde gelegt. Denn es wurde damals ein Deal mit Zalando vereinbart, ohne für angemessene Garantien zu sorgen, zum Beispiel in Form von gestaffelten Rückzahlungen bei früher Schließung, an Beschäftigungsstandards gebundener Förderung oder einem festgelegten Krisenplan. Den politisch Verantwortlichen hätte klar sein müssen, dass in der »Netzwerklogik der Plattformökonomie« Standorte nur »Knoten« sind, die sich verschieben lassen.

Der neue, »optimierte« Knoten für Zalando ist nun Gießen – bis auf weiteres. Im Übrigen: Die Lagerhalle am Standort Erfurt ist von Zalando nur angemietet worden, daher entstehen auch keine »Weiterziehkosten« bezüglich der Infrastruktur – wirtschaftliche Bindungslosigkeit ist in diesem Modell angelegt. »Wer in dieser Ökonomie ›Bindung‹ will, muss sie politisch und vertraglich herstellen, statt sie stillschweigend zu erwarten«, so Boewes Resümee.

Da stellt sich die Frage, ob die Politik den E-Commerce-Großhandel, die Logistikzentren und die dahinterstehenden Milliardenkonzerne überhaupt mit großen Summen wie im Fall Erfurt subventionieren sollte. Denn das Geschäftsmodell der Branche ist seit langem bekannt dafür, Arbeits- und Umweltstandards zu unterlaufen. Es gibt immer wieder Berichte über Lohndumping, schlechte Arbeitsbedingungen und rigide Kontrolle der Mitarbeitenden bei Amazon, aber auch Zalando. Gewerkschaften haben deswegen wiederholt Streiks an Logistikzentren organisiert, um darauf aufmerksam zu machen.

Ausgelieferte Arbeitskräfte

Sicherlich ist das systematische Unterschreiten minimaler Arbeitsstandards in Deutschland kein Alleinstellungsmerkmal des Online-Großhandels. In der Fleischindustrie, bei Erntehelfern, bei Pflege- und Putzdiensten oder auch im stationären Einzelhandel sind derartige Missstände ebenfalls anzutreffen. Das hat verschiedene Gründe, die zum Teil vergleichbar sind mit denen bei Amazon, Zalando und Co. Generell hat der E-Commerce-Großhandel eine Reihe von Charakteristika, die Ausbeutungsstrukturen befördern.

Im Online-Handel wird der kommunikativ-beratende Aspekt des Ladenverkaufs auf Internetplattformen verschoben und von der Warenlogistik getrennt. Dadurch entstehen leicht ersetzbare Arbeitsplätze in der digitalisierten Logistik der Lagerhalle. Für viele der Arbeiten in der automatisierten Logistikhalle braucht es keine spezifische Ausbildung und längere Einarbeitung. Es entstehen jede Menge sogenannter »Bullshit-Jobs« mit monotonen Tätigkeiten, die die Arbeitenden prekarisieren und zu Anhängseln einer Maschine degradieren. Bei weiterer Automatisierung gehen zudem immer mehr Arbeitsplätze in der Lagerlogistik verloren.

»Zalando hat im letzten Jahr über eine halbe Milliarde Euro Profite für die Anteilseigner erwirtschaftet. Das sind rund 36.000 Euro pro Mitarbeiterin und Mitarbeiter.« 

Wie auch in anderen »Ausbeuter-Branchen« werden in den Lagerhallen viele migrantische Arbeitskräfte eingesetzt. Sie verfügen über keine bis wenig Lobby in der Politik und Machtposition in der Gesellschaft. Am Zalando-Standort in Ludwigsfelde in Brandenburg sind zum Beispiel 80 Prozent der Belegschaft Menschen aus Polen, die oft täglich über die Grenze pendeln. Auch in anderen Logistikzentren geht man von einem Ausländeranteil von 80 bis 90 Prozent aus.Vielen einfachen Arbeiterinnen und Arbeiter bei Amazon oder Zalando bieten sich keine Alternativen. Sie befinden sich in einer Zwangslage, was ihre Ausbeutung erleichtert.

Der digitalisierte, robotisierte und standardisierte Logistikbetrieb mit seinen weitreichenden Trackingsystemenerleichtert die Zerlegbarkeit und Kontrollierbarkeit der Arbeit. Der immer wieder berichtete »Stückzahldruck«(inklusive der Verarbeitung der enormen, umweltschädlichen Warenrücknahme; bei Modeartikeln liegt die Rückgabequote bei 50 Prozent) wirkt im Hintergrund wie ein sklavische Unterordnung erzwingender Antreiber. Es wird daher auch von der Rückkehr des Taylorismus bei Amazon, Zalando und Co. gesprochen.

Auch wenn es Betriebsräte gibt, wird gewerkschaftliche Organisation im E-Commerce-Bereich von den großen Playern mit ihrer ökonomischen Macht abgewehrt. Amazon und Zalando erkennen zum Beispiel die Flächentarifverträge für den Einzel- und Versandhandel der Bundesländer, in denen sie Standorte haben, nicht an. Die von Zalando gezahlten Löhne liegen laut Verdi 10 Prozent unter den Tariflöhnen. Noch gravierendere Missstände herrschen im outgesourcten, scheinselbständigen Lieferbetrieb auf der letzten Meile, die für Amazon oder Zalando den Kunden die Waren zustellen.

Sind die Konsumenten schuld?

Von Unternehmensseite und Wirtschaftsvertretern wird gerne das Argument angeführt, dass im harten Kampf um Kunden und Absatz unerbittlicher Kostendruck herrsche und man beim Personal sparen müsse, um nicht unterzugehen. Nach dieser Lesart sind »Märkte« und Verbraucher, die per Klick nach schneller, reibungsloser und billiger Bereitstellung von Konsumgütern verlangen, die eigentlichen Verursacher von Ausbeutung und Dumpinglöhnen.

Ein Blick auf die wachsenden Gewinne und Umsätze in der Branche sollte reichen, um das als Legende zu entlarven. Wie gesagt, Zalando hat im letzten Jahr über eine halbe Milliarde Euro Profite für die Anteilseigner erwirtschaftet. Das sind rund 36.000 Euro pro Mitarbeiterin und Mitarbeiter. Das freut die Aktionäre – aber die, die den Mehrwert erarbeitet haben, gehen in diesem Modell so gut wie leer aus. »Das Geld ist da, es muss nur denjenigen zugutekommen, die es erarbeiten. Die Beschäftigten hätten ihren fairen Anteil verdient«, sagt daher auch Jim Frindert, Gewerkschaftssekretär bei Verdi Berlin-Brandenburg.

»Die Ausbeutung bei Amazon, Zalando und Co. ist ein volkswirtschaftliches Symptom des allgemeinen ›Race to the bottom‹, das am Ende mit insgesamt fairen Löhnen und Investitionen in die staatliche Daseinsvorsorge angegangen werden muss.« 

Zudem gibt es in den E-Commerce-Konzernen große Verdienstunterschiede zwischen dem Unternehmens-Hauptsitz und dem »Hochregallager«. Im Jahr 2021 war nach Angaben des Handelsblatts Rubin Ritter von Zalando der wohl bestbezahlte Chef eines Dax-Unternehmens. Als Abschiedsgehalt erhielt er 89 Millionen Euro als Vergütung für seine Tätigkeit an der Spitze des Modeversandhandels. Auch seine Kompagnons, die Co-Vorstandsvorsitzenden Robert Gentz und David Schneider, die Gründer von Zalando, brachten es auf jeweils 45,5 Millionen Euro.

Es gäbe also große Verteilspielräume, wenn nur die Top-Manager nicht derart abschöpfen würden. 180 Millionen Euro insgesamt an Entlohnung für die drei Zalando-Chefs im Jahr 2021 verteilt auf 6.000 Arbeitende in den Zalando-Logistikzentren in Deutschland macht 30.000 Euro pro Mitarbeiterin und Mitarbeiter. Das hätte ihren Lohn in einem Jahr mehr als verdoppelt.

Ein Ausbeutungskreislauf nach unten

E-Commerce hat eindeutig Nachteile für die Gesellschaft, zum Beispiel indem er den stationären Einzelhandel und damit die Innenstädte bedroht. Daneben hat er aber auch eine Reihe von Vorteilen. So ermöglicht er Verbrauchern, online aus einer extrem breiten Palette an verschiedenen Konsumgütern zu wählen und bequem zu bestellen, ohne selbst zu einem Geschäft fahren zu müssen. Aber diese Art des Handels darf nicht zulasten derjenigen gehen, die dafür in den Logistikzentren arbeiten und die Lieferung nach Hause gewährleisten.

Daher braucht es klare politische Leitplanken und gewerkschaftliche Kontrolle der Arbeitsplätze. Wenn ein Geschäftsmodell mit fairen Löhnen nicht funktioniert, sollte das Geschäftsmodell abgeändert oder ersetzt werden. Wie oben angeführt, könnten Konzerne wie Amazon oder Zalando ihre Angestellten jedoch auch ohne Preissteigerungen besser bezahlen, wenn allein der Mehrwert gerechter verteilt würde. Auch über höhere Preise könnte man nachdenken, um die Belegschaften im E-Commerce besser zu bezahlen und zu behandeln. Aber der neoliberale Kurs hat in Deutschland die Kaufkraft in den unteren und mittleren Schichten seit Jahrzehnten stagnieren oder sinken lassen. Mit dem gleichzeitigen Abbau von sozialer Infrastruktur ist das ein Cocktail, der große Teile der Bevölkerung vom Billighandel abhängig gemacht hat.

Die Ausbeutung bei Amazon, Zalando und Co. ist damit ein volkswirtschaftliches Symptom des allgemeinen »Race to the bottom«, das am Ende mit insgesamt fairen Löhnen und Investitionen in die staatliche Daseinsvorsorge angegangen werden muss. Denn die unter- und schlechtbezahlten Putzkräfte, Pfleger und Krankenschwestern, Küchenhilfen, Call-Center-Agenten, prekären Fabrikarbeiter, Verkäuferinnen, Friseure, oder die Leiharbeiter, Niedriglöhnerinnen, Altersarmen und Arbeitslosen im Land, denen das soziale Netz unter den Füßen weggezogen wird, haben am Ende nicht das nötige Geld, um mehr für allgemeine Dienstleistungen auszugeben. Es ist ein fataler Ausbeutungskreislauf, der sich selbst verstärkt.

David Goeßmann ist Journalist und Buchautor. Er hat für verschiedene Medien gearbeitet, darunter Deutschlandfunk, Spiegel Online, ARD und ZDF. Seine Artikel erscheinen unter anderem bei Truthout, Common Dreams, CounterPunch, The Progressive sowie bei Telepolis und Junge Welt. In seinen Büchern analysiert er Klimapolitik, internationale Beziehungen, globale Gerechtigkeit und die Medienberichterstattung.