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Das Online-Magazin von JACOBIN Deutschland

03. Juni 2026

Akademischer und kultureller Boykott führt in die Irre

Wer die Palästinenser in ihrem Kampf um Selbstbestimmung unterstützt, muss auch nach Verbündeten innerhalb Israels fragen. Israelische Wissenschaftler und Kulturschaffende zu boykottieren, leistet das Gegenteil. Eine Replik.

Auch die israelisch-palästinensische Organisation Standing Together, die sich für Frieden und gegen die Besatzung engagiert, ist Ziel von Boykottaufrufen.

Auch die israelisch-palästinensische Organisation Standing Together, die sich für Frieden und gegen die Besatzung engagiert, ist Ziel von Boykottaufrufen.

IMAGO / UPI Photo

Robin Celikates und Yves Winter sehen im akademischen Boykott Israels einen Weg, der zur Lösung der Konflikte hinführt. In Jacobin verteidigen sie unter dem Titel »Akademischer Boykott ist im Sinne der Wissenschaftsfreiheit« die Kampagne PACBI (Palestinian Campaign for the Academic and Cultural Boycott of Israel). Diese wurde im April 2004 in Ramallah von einer Gruppe palästinensischer Akademiker und Intellektueller ins Leben gerufen, ein Jahr vor der internationalen BDS-Kampagne (Boycott, Divestment and Sanctions), deren Anfänge indes schon auf das Jahr 2001 zurück gehen.

»In ihrer Wirkung«, schreiben Celikates und Winter, »gehen Boykotte über die bloße Artikulation von Dissens und die Schärfung des öffentlichen Bewusstseins hinaus: Sie zielen darauf ab, Veränderungen herbeizuführen, indem sie die Kluft zwischen symbolischem Protest und direkter Aktion überbrücken. Gleichzeitig wollen sie eine Alternative sowohl zu bloßen Appellen als auch zu militanteren und gewaltsamen Formen des Widerstands bieten.« Die Autoren rühmen PACBI »nahezu als Musterbeispiel für einen prinzipiengeleiteten, gewaltfreien kollektiven Widerstand, der darauf zielt, das politische Bewusstsein zu schärfen und symbolischen sowie materiellen Druck auszuüben angesichts schwerwiegender Ungerechtigkeit: Während die israelische Regierung palästinensisches Leben zerstört, zeigen sich staatliche Akteure, gerade in Nordamerika und Europa, unfähig oder unwillig, diesem Unrecht selbst unter anhaltendem öffentlichem Druck entgegenzutreten.«

Der Boykott richtet sich, so die Autoren, »ausdrücklich gegen akademische und kulturelle Institutionen, die sich an Ungerechtigkeit und Unterdrückung mitschuldig machen, nicht gegen einzelne Wissenschaftler oder Künstlerinnen als solche. Wie die Aktivistinnen und Aktivisten betonen, ist die Zugehörigkeit zu einer israelischen Institution – sofern man nicht in einer offiziellen repräsentativen Funktion tätig ist – an sich kein hinreichender Boykottgrund, auch wenn die Grenzziehung in der Praxis schwierig ist und sich als umstritten erweisen kann.«

Nun wird aber gerade solche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Israel, die eine öffentliche Stellung innehaben, eine gewisse Aufmerksamkeit zuteil. Das sind vor allem die Professoren. Der Begriff Professor leitet sich vom lateinischen Wort für Bekenner ab. Über eintausend von ihnen, und dies schließt Stimmen aus dem Ausland ein, unterschrieben im Jahr 2023 eine Resolution, die Israels Regierung vorwarf, in der Westbank ein Apartheidregime zu errichten. Ich sehe zwar bei aller Brutalität der israelischen Besatzung wichtige Unterschiede zur rassistischen Hierarchisierung von Menschengruppen, auf der das Regime in Südafrika zwischen 1948 und 1990 beruhte. Dennoch unterschrieb, nach Aufforderung meines Historiker-Kollegen Omer Bartov, auch ich. Der Grund dafür war und ist die Frage, die sich viele von uns stellen: Welche Mittel bleiben Palästinensern überhaupt, sich einer immer mehr auf blanke Gewalt setzenden Besatzungspolitik zu erwehren?

Es gibt jedoch inzwischen zahllose Erklärungen von BDS und PACBI, die Israelis und nun auch die im Ausland mit ihnen kooperierenden Persönlichkeiten des Wissenschafts- und Kulturlebens zu Feinden erklären. Mit denen dürfe es keinerlei Zusammenarbeit geben, gegen sie müsse der Bann in Form eines Boykotts ausgesprochen werden. Dies betrifft auch zahlreiche Unterzeichner der obigen Resolution.

Freude und Feinde

Den barbarischen Angriff der Hamas auf Israel beantwortete dessen Regierung mit immer mehr zerstörender Gewalt, die zehntausende Unschuldige in Gaza, der Westbank, Libanon und Syrien traf. Diese systematische Gewaltausübung war der Netanjahu-Regierung wichtiger, als die Geiseln der Hamas zu befreien; einer Regierung, so erklärte der Filmregisseur Amos Gitai in einem Interview mit der Zeit anlässlich eines Boykottaufrufes gegen israelische Filme, »die lügt, zerstört, uns in den Abgrund führt. Aber innerhalb der israelischen Gesellschaft gibt es ebenfalls einen Kampf um das, was dieses Land in der Zukunft sein wird. Es ist fast ein Bürgerkrieg. Ein Bürgerkrieg ohne Waffen. Wer immer dazu aufruft, israelische Filme, Theaterstücke, Bücher zu boykottieren, begibt sich in diesem Bürgerkrieg auf die Seite von Benjamin Netanjahu.«

Dies gilt nicht weniger im Bereich der Wissenschaft. Zwar sind in Israel festangestellte Universitätsprofessoren so wenig wie in Deutschland – von den Massen-»Abwicklungen« in Ostdeutschland nach 1990 abgesehen – oder (noch) in den USA von willkürlichen Entlassungen bedroht. Doch wie in der Filmförderung, riskieren auch im akademischen Bereich zahlreiche, vor allem jüngere Akteure (was an der Uni heißt: ohne feste Arbeitsverträge) ihr berufliches Fortkommen, sollten sie von derart Boykott-Kampagnen betroffen sein. Im Klartext: Ich habe mehrmals israelische Kolleginnen und Kollegen bei Bewerbungen und Förderanträgen unterstützt, nachdem ausländische Einrichtungen, wie ich schnell herausfand, unter Berufung auf PACBI und BDS eine Förderung abgelehnt hatten.

»Sollten Sozialisten nicht zur Klassensolidarität zwischen den arbeitenden Menschen in Israel und Palästina aufrufen, dabei wissend, dass hier die israelischen Friedenskräfte noch immer die besseren Mittel haben, einen entscheidenden Schritt nach vorn zu tun?«

Denn ich habe die Frage, welche Wege Palästinensern bleiben, sich ihrer Unterdrückung zu erwehren, stets um die Frage ergänzt: Welche Partner in Israel stehen ihnen denn in ihrem ungleichen Kampf zur Verfügung? Sie finden sich in unabhängigen Medien wie Haaretz, bei linken jüdisch-arabischen Menschenrechts-Organisationen wie Standing Together, zu deren auswärtigem Unterstützerkreis ich zähle (gerade deshalb, weil auch sie dem engstirnigen Boykott unterliegt) und in Filmen wie jenen von Amos Gitai (zuletzt Free Zone) oder No Other Land, einer mit dem Oscar ausgezeichneten israelisch-palästinensisch-norwegischen Koproduktion – Filme, die unüberhörbar zur Solidarität mit den Palästinensern aufrufen und deren Recht auf Eigenstaatlichkeit an der Seite Israels einfordern.

Dies gilt umso mehr, als sich BDS und PACBI seit dem 7. Oktober 2023 keineswegs mehr als (weitgehend) gewaltfrei verstehen. In einem Sofort-Aufruf solidarisierte sich BDS, noch während dieser lief, ohne Umschweife mit dem »schlagkräftigen bewaffneten Aufstand«, das heißt dem Angriff der Hamas auf Zivilisten – Männer, Frauen und vor allem Kinder – in einundzwanzig Kibbutzim und einem Musikfestival und gab Israel damals wie später die Alleinschuld für die Gewalt im Nahen Osten. Die Charakterisierung von BDS-PCABI als gewaltfrei ist damit für hinfällig erklärt worden.

Aus einer romantisierend-reaktionären Perspektive ist natürlich jede Gewaltattacke auf das – angeblich – weiße, koloniale Israel zu rechtfertigen. Aus einer bürgerlichen und vorgeblich humanistischen Sicht sind solche Attacken zudem als kleine Münze gegenüber den großen Tributzahlungen, die die Palästinenser an ihre Kolonialmacht zu zahlen haben, zu verschmerzen. Doch sollten Sozialisten nicht zu anderen, besseren Einsichten gelangen? Sollten sie nicht zur Klassensolidarität zwischen den arbeitenden Menschen in Israel und Palästina aufrufen, dabei wissend, dass hier die israelischen Friedenskräfte noch immer die besseren Mittel haben, einen entscheidenden Schritt nach vorn zu tun? Kann man diesen Kräften verdenken, dass sie sich von europäischen Linken verschiedenster Ausprägungen im Stich gelassen fühlen?

Auf eindringliche Weise forderten in einer ersten Reaktion auf die blutigen Ereignisse über neunzig israelische Linksintellektuelle, die zum allergrößten Teil in vorderster Reihe der Friedensbewegung standen, internationale Solidarität in einem Aufruf ein, der am 12. Oktober 2023 in der Zeitung Haaretz erschien. Die Unterzeichner, von denen der Schriftsteller David Grossman, die Soziologin Eva Illouz und der Historiker Yuval Harari international am bekanntesten sind, schrieben, sie benötigten »mehr denn je die Unterstützung und Solidarität der globalen Linken in Form eines unmissverständlichen Aufrufs gegen willkürliche Gewalt.«

Der Aufruf zeigt eine tiefe Enttäuschung über die »unzureichende Reaktion« amerikanischer und europäischer Linksliberaler und Sozialisten angesichts des von der Hamas an israelischen Zivilisten verübten Massakers. Diese »Linken« würden auf die falsche Seite der Geschichte geraten, sollten sie den Terror der Hamas als Teil eines kollektiven Widerstandes gegen den kapitalistischen Feind preisen. »Doch zu unserer Bestürzung«, heißt es, »haben einige Personen innerhalb der globalen Linken, die bisher unsere politischen Partner waren, mit Gleichgültigkeit auf diese schrecklichen Ereignisse reagiert und manchmal sogar die Aktionen der Hamas gerechtfertigt.« Es gebe einige unter ihnen, »für die der dunkelste Tag in der Geschichte unserer Gesellschaft ein Grund zum Feiern war.«

»Der jüdisch-arabische Gegensatz hätte trotz der heftigen Auseinandersetzungen um das Land in rationale Bahnen gelenkt werden können, hätten die Großmächte und ihre eigennützigen Interessen nicht entscheidend zur Eskalation beigetragen.«

Sollte eine sozialistische Linke diese Mahnung nicht beherzigen? Sollte nicht eine doppelte Solidarität mit unseren Bundesgenossen unter beiden Völkern erste Pflicht sein? Vergessen wir nie: Der jüdisch-arabische Gegensatz hätte trotz der heftigen Auseinandersetzungen um das Land in rationale Bahnen gelenkt werden können, hätten die Großmächte und ihre eigennützigen Interessen nicht entscheidend zur Eskalation beigetragen: zuerst die britische Kolonialmacht, die von anfänglicher Begünstigung sogar rechtsradikaler Zionisten zur Unterstützung der reaktionärsten arabischen Regime überging, später die USA und die Sowjetunion, deren Machtinteressen jeden Skrupel überwanden.

Heute sind sich die befreundeten Feinde – die Hamas und die im Kern faschistischen israelischen Siedler-Bewegungen in der Westbank – gemeinsam mit dem Kriegstreiber in Washington und dem Mullah-Regime in Teheran über alle Gräben hinweg im Hass auf linke, auf sozialistische Kräfte einig. Ein Wissenschafts- und Kulturboykott kann die Reaktionären in Tel Aviv und Washington in keiner Weise treffen – so wenig er Putin und die Seinen treffen konnte oder kann. Aber er trifft die wenigen Kräfte in Israel – und nun auch deren Verbündete in der Filmindustrie des Auslands –, die die Palästinenser im Kampf um eine menschenwürdige Zukunft so dringend brauchen. Wissenschafts- und Kulturboykotte haben sich schon als ungeeignete Mittel gegen die russischen Invasoren der Ukraine erwiesen und allzu oft die Falschen getroffen.

Eine vergessene Perspektive

Ich möchte abschließend an den bedeutenden deutsch-jüdischen Internationalisten Theodor Bergmann (1916–2017) erinnern, für den Palästina 1933 zum Zufluchtsort wurde und der das Land doch früh wieder verließ, weil er nicht auf Araber schießen wollte.

Für Bergmann mussten die »nationalen« Forderungen der jeweils »eigenen« Bourgeoisie als Ausdruck von Klasseninteressen enthüllt werden; darin aber habe die Linke fast überall versagt. Ebenso habe sie es oft versäumt, nationale Unabhängigkeitsbewegungen auf ihren sozialen Inhalt zu befragen. »Nicht jeder Gegner der kapitalistischen Führungsmächte kann unsere Solidarität erhalten«, mahnte er. Kritische Solidarität sei hingegen mit allen Kräften innerhalb Israels wie unter den Palästinensern zu üben, die auf einen Frieden hinarbeiten. Die arabischen Aufnahmeländer hätten sich niemals bemüht, die vertriebenen Palästinenser nach 1948 wirklich zu unterstützen und die Flüchtlinge so in ihre Gesellschaften einzugliedern, wie dies beide deutsche Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg mit Vertriebenen aus den ehemaligen Ostgebieten taten; auch an diese Tatsache sei zu erinnern.

Die Lösung des Konfliktes, so Bergmanns Fazit, müsse »von innen kommen, aus dem Zusammenwirken der Arbeiter und Bauern in beiden Völkern«, denn: »Die aktuellen Regierungen in Jerusalem und Gaza sind nicht willens, Frieden zu schließen. Sozialisten dürfen keine der beiden Regierungen in ihrer Intransigenz und ihren maximalistischen Forderungen unterstützen. Daher muss die Mehrheit in beiden Völkern die Regierungen auswechseln. Diese Mehrheit zu sammeln und zu führen ist die Aufgabe von sozialistischen Organisationen in beiden Ländern.« So utopisch diese Perspektive derzeit erscheint, so nötig ist es, an sie zu erinnern. Denn die Fortschreibung der gegenwärtigen Zustände bedeutet immer neuen Krieg.

Mario Keßler ist Senior Fellow am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam.