08. Januar 2026
Der Brandanschlag auf das Berliner Stromnetz wurde auch von Linken fast durchweg verurteilt. Doch nicht erst die Methode ist falsch, sondern bereits die in der Klimabewegung verbreitete Analyse, dass unsere »imperiale Lebensweise« das Problem sei.

Drohnenansicht vom Mexikoplatz in Berlin-Zehlendorf am 5. Januar 2026, während des tagelangen Blackouts.
Nach fünf Tagen Blackout hat der Berliner Südwesten jetzt endlich wieder Strom. Zu dem Brandanschlag auf eine Starkstromleitung, der im tiefsten Winter zehntausende Haushalte ohne Elektrizität dastehen ließ, hat sich auf Indymedia die anarchistische »Vulkangruppe: Den Herrschenden den Saft abdrehen« bekannt. Diese Aktion trifft bei den meisten Menschen auf völliges Unverständnis. Auch unter Linken. So hat die Linkspartei die Tat wie zu erwarten verurteilt und zu Hilfsaktionen aufgerufen.
Auf Social Media wurde derweil fleißig spekuliert, ob es sich bei dem ganzen nicht vielleicht sogar um irgendeine Art von False-Flag-Operation handeln könnte. Und der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter äußerte den Verdacht, Russland könnte dahinterstecken. Dabei gab es vor nicht einmal zwei Jahren einen ähnlichen Angriff, bei dem ein Strommast in der Nähe von Grünheide in Brand gesetzt wurde, sodass die Produktion im dortigen Tesla-Werk zum Stehen kam. Auch damals bekannte sich eine Vulkangruppe zum Anschlag, bekam aber in linken Kreisen, anders als im aktuellen Fall, eher Zuspruch.
Nicht zuletzt das vor sprachlichen Auffälligkeiten strotzende Bekennerschreiben schürte Zweifel an dessen Authentizität. Auch wenn sich solche Spekulationen derzeit nicht völlig ausräumen lassen, muss man aber leider feststellen, dass Linksautonome nunmal wirklich oft so schreiben. Ein Blick in das Bekennerschreiben offenbart eine Sprache, die niemandem unvertraut sein kann, der in den letzten Jahren mit den radikalen Teilen der Deutschen Klimabewegung zu tun hatte.
Die Verfasser schreiben zwar, »die einzelnen Haushalte« seien »nicht Ziel der Aktion« gewesen. Vielmehr habe man bezweckt, der »Gaswirtschaft einen hohen Schaden zuzufügen«. Den Großteil des Textes verbringt die Gruppe aber dennoch damit, die »imperiale Lebensweise« und das Konsumverhalten der Menschen anzuprangern. Absatz um Absatz geht es darum, wie sehr wir heute an unseren Bildschirmen kleben und wie Menschen im Globalen Süden den Preis für unsere »Gier nach Energie« bezahlen.
Die Verantwortlichen zeigen sich schockiert über die Folgen ihres Brandanschlags. Mit bemerkenswertem, aber nicht überraschendem Unwissen über den komplexen materiellen Balanceakt, den das Betreiben eines Stromnetzes darstellt, war man offenbar überzeugt, Strom könnte auch ohne das Kraftwerk einfach von irgendwo anders bezogen werden. Die Schuld für den Stromausfall weist die Vulkangruppe von sich. Aber diese Schuldabweisung ist nicht mehr als kognitive Dissonanz, kommt sie doch von Menschen, die die primären Ursachen für die Klimazerstörung gerade in Konsum und Lebensstilen sehen.
»Die Vulkangruppe ist das Kind der aktuellen Klimabewegung, so wie die RAF das Kind der gescheiterten 68er war.«
Diese Sichtweise ist in der Klimabewegung weit verbreitet. Und auch wenn die meisten ihrer Vertreterinnen und Vertreter nicht zu solchen Sabotageakten greifen würden, sollte es uns nicht überraschen, wenn einige das tun. Eine Klimapolitik, die darauf basiert, dass arbeitende Menschen noch weniger haben und sich noch weniger leisten können werden - was der Wissenschaftsjournalist Leigh Phillips als »austerity ecology« bezeichnet - wird immer ein Minderheitenprojekt bleiben. Dass manche Anhänger einer so zum Scheitern verurteilten Ideologie zu drastischeren Mitteln greifen, ist nicht neu. Die Vulkangruppe ist das Kind der aktuellen Klimabewegung, so wie die RAF das Kind der gescheiterten 68er war.
Die linke Reaktion darauf sollte sich nicht darauf beschränken, die Methoden zu verurteilen, sondern die falschen Prämissen dieser Politik widerlegen. Es ist schlicht nicht der Fall, dass Konsum Emissionen verursacht. Die entstehen fast ausschließlich im Produktionsprozess. Das Problem ist, wie produziert wird, nicht, dass produziert wird. Dass der Strom, den sie brauchen, mit Gas produziert wird, haben nicht die Menschen in Steglitz-Zehlendorf entschieden, sondern die Eigentümer des Kraftwerks und die Politik.
Um klimaschädliche Produktionsweisen abzuschaffen, muss man Druck auf die kapitalistische Klasse ausüben, die von ihnen profitiert. Wer glaubt, das Kapital zum Einlenken bringen zu können, indem man irgendetwas anzündet, hat den Ernst der Lage nicht begriffen. Nur eine populäre Bewegung arbeitender Menschen und die Macht der Gewerkschaften kann die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels jetzt noch stoppen.
So eine Bewegung muss versprechen können, dass das Leben besser wird. Sie kann keine »Gier nach Energie« anprangern. Sie muss sauberen, günstigen Strom als öffentliches Gut versprechen. Sie kann keine Konsumkritik betreiben, sondern muss endlich wieder gute, sichere Arbeit mit steigenden Löhnen liefern. Sabotageaktionen, die von False-Flag-Operationen kaum zu unterscheiden sind, tragen hingegen nichts zur Lösung bei.
Jonas Thiel ist Mitglied der Linken und Contributing Editor bei Jacobin.