16. Juli 2026
Europa ist gegenüber China ins Hintertreffen geraten und will jetzt mehr Protektionismus wagen. Doch Unabhängigkeit ist leichter gesagt als getan, denn ohne billige Arbeitskräfte und Rohstoffe sind die europäischen Unternehmen aufgeschmissen.

Chinas Staatspräsident Xi Jinping mit EU-Ratspräsident António Costa und Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, Aufnahme vom 24. Juli 2025.
Im Mai sorgte die Außenbeauftragte der Europäischen Union, Kaja Kallas, wieder einmal mit provokanten Äußerungen über China für Aufsehen. Sie verglich die Wirtschaftsbeziehungen der EU zu China mit »Krebs«. Europa müsse daher eine schmerzhafte »Chemotherapie« in Form von Exportkontrollen, Investitionsprüfungen und einer Umstrukturierung der Lieferketten durchlaufen.
Diese Aussagen unterstreichen sowohl die neue EU-Haltung zu mehr ökonomischer Unabhängigkeit als auch die Erkenntnis, dass die Union schlichtweg nicht in der Lage ist, die Folgen des globalen Kapitalismus zu bewältigen. Angesichts der wachsenden technologischen und industriellen Macht Chinas haben die Verantwortlichen in Brüssel Industrieinitiativen ins Leben gerufen, neue Handelsbeschränkungen diskutiert und versucht, die heimische Produktion zu stärken. Auf der anderen Seite des Atlantiks verfolgen die Vereinigten Staaten ähnliche Ziele durch Zölle, Subventionen für die heimische Industrie sowie andere Bemühungen, die Produktion zurück in die USA zu holen.
Angesichts der wachsenden Abhängigkeit der EU-Mitgliedstaaten von chinesischen Produkten sowie den Exporten auf den chinesischen Markt hat die EU in den vergangenen Jahren versucht, sich als Wirtschaftsgroßmacht neu zu positionieren. Die offiziellen Zahlen von Eurostat zeichnen aber weiterhin ein düsteres Bild. Im Jahr 2024 beliefen sich die EU-Importe aus China auf 517,8 Milliarden Euro, wohingegen die Exporte in die asiatische Großmacht bei 213,3 Milliarden Euro lagen. Das ergibt ein Defizit von 304,5 Milliarden Euro. Allein im ersten Quartal 2026 ist dieses Defizit bereits auf 98 Milliarden Euro gestiegen – der höchste Stand seit dem dritten Quartal 2022. China ist mittlerweile der größte Exporteur in die EU; die Schere in der Außenhandelsbilanz öffnet sich immer weiter.
Selbst die größten Kapitalisten stellen inzwischen fest, dass der globale Kapitalismus, wie er sich seit den 1980er Jahren entwickelt, in der Krise steckt. Wie BlackRock-CEO Larry Fink es ausdrückt: »Die Gefahr ist, dass wir uns so sehr auf das ständige Rauschen und Trara konzentrieren, dass wir vergessen, was wirklich zählt. Was heute die Schlagzeilen beherrscht, hat sich schon seit langem zusammengebraut. Das alte Modell des globalen Kapitalismus bröckelt. Inzwischen wenden Länder enorme Summen auf, um autark zu werden – sei es in Energie, Verteidigung oder Technologie.« Fink erklärt so die Richtung, die die EU und die Vereinigten Staaten einzuschlagen versuchen. Doch gerade das europäische Streben nach mehr Autarkie ist leichter gesagt als getan.
Der Rat der Europäischen Union hat unmissverständlich festgestellt: »Die Produktivität Europas ist in den letzten 20 Jahren hinter anderen großen Volkswirtschaften zurückgeblieben.« Die Forschungsergebnisse von Andrea Butollo und Kollegen zeigen auf, dass China zu einem dominierenden Hersteller von Batterien, Elektrofahrzeugen, Windkraftanlagen und einer ganzen Reihe fortschrittlicher Industrietechnologien geworden ist. Chinesische Unternehmen wie Huawei, ZTE, Baidu und Xiaomi entwickeln sich zu bedeutenden Wettbewerbern auf dem Weltmarkt. Im Globalen Norden wächst indes die Sorge, dass Chinas technologische Entwicklung zunehmend mit weiter wachsenden Produktionskapazitäten einhergeht. In jedem Fall ist China zu einem unverzichtbaren Partner für die Herstellung vieler Produkte geworden – insbesondere alles, was mit Batterien betrieben wird.
Die EU hat mit diversen industriepolitischen Initiativen reagiert, die darauf abzielen, die eigene Hightech-Produktion zu stärken. Der in diesem Jahr verabschiedete Industrial Accelerator Act räumt EU-Herstellern bei der Beschaffung Vorrang ein und bietet Förderprogramme für in der EU hergestellte Produkte. Die EU-Kommissarinnen und -Kommissare aus allen 27 Mitgliedstaaten wurden beauftragt, die chinesischen Aktivitäten in allen entsprechenden Politikbereichen zu erfassen, von Handel und Landwirtschaft bis hin zu Verteidigung, Gesundheit und digitaler Infrastruktur. Laut dem Guardian denkt man in Brüssel nun ernsthaft über Quoten, Zollkontingente und Vorschriften zur Diversifizierung der Zulieferer in strategisch wichtigen Sektoren nach.
»Die Bedingungen, unter denen China zu ökonomischer Dominanz gelangte, lassen sich innerhalb Europas nicht ohne Weiteres nachbilden.«
Neben der Begrenzung chinesischer Importe will die Europäische Kommission, so Reuters, den EU-Marktanteil bei Halbleitern in den kommenden vier Jahren auf 20 Prozent verdoppeln. So soll die »technologische Souveränität« der Union gestärkt werden. Der Vorschlag sieht unter anderem schnellere Genehmigungsverfahren für Rechenzentren vor und soll Hersteller und Käufer zu Vereinbarungen verpflichten, um »zukünftige Käufe zu garantieren«.
Butollo und Kollegen sehen in diesen Entwicklungen weitere Schritte in Richtung eines »ökonomischen Nationalismus«. Sowohl die EU als auch die USA hätten eine zunehmend interventionistische Industriepolitik eingeführt, um ihre einstige Führungsrolle auf dem globalen Technologiemarkt zurückzugewinnen. Edward Ashbee geht noch weiter und legt nahe, Chinas Aufstieg könne zum »Motor der Deglobalisierung« werden, wenn westliche Staaten zu dem Schluss kommen, dass sie sich nur weiterentwickeln können, indem sie sich Vorteile gegenüber China verschaffen. Andere, wie Benjamin Selwyn und Christin Bernhold, vertreten hingegen die Ansicht, dass sich globale Produktionsnetzwerke trotz der bestehenden geopolitischen Spannungen weiter ausdehnen werden. Wie dem auch sei, die EU scheint sich dem Protektionismus zuzuwenden und danach zu streben, ähnlich wie China zu einer unabhängigeren und eigenständigeren Wirtschaftsmacht zu werden. Allerdings lassen sich die Bedingungen, unter denen China zu ökonomischer Dominanz gelangte, innerhalb Europas nicht ohne Weiteres nachbilden.
Die Europäische Kommission hat China bereits 2019 als »Partner, Konkurrent und systemischen Rivalen« definiert. Die Spannungen zwischen der Union und dem Reich der Mitte mögen mit dem oben erwähnten Ausbruch von Außenkommissarin Kaja Kallas in Tallinn offen zutage getreten sein, doch obwohl ihre Äußerungen sicherlich nicht der diplomatischen Praxis entsprechen, stehen sie doch weitgehend im Einklang mit der faktischen Politik der EU in der jüngeren Vergangenheit.
Das Problem ist, dass die EU seit langem ein Handelsdefizit gegenüber China aufweist. Ein besonders besorgniserregender Aspekt ist laut der EU-Kommission »Chinas Streben nach Importsubstitution und Selbstversorgung«. Die Kommission erklärt: »Während die EU die Bemühungen der chinesischen Behörden begrüßt, ausländische Direktinvestitionen anzuziehen, sind EU-Unternehmen auf dem chinesischen Markt nach wie vor diskriminiert, und es ist für europäische Unternehmen in China aufgrund fehlender gleicher Wettbewerbsbedingungen nach wie vor schwierig, im Wettbewerb zu bestehen.« Mit der Behauptung, das Hauptproblem liege im politischen System Chinas, zeigen die Europäer (ohne es offen zuzugeben), dass ihr eigener Markt in der ökonomischen Entwicklung hinterherhinkt.
Die Kommission jedenfalls sieht Chinas wirtschaftspolitischen Ansatz äußerst kritisch und betont, dass »Chinas verzerrende Industriepolitik und -praktiken – insbesondere im Hinblick auf die breite Unterstützung des verarbeitenden Gewerbes – Überkapazitäten in China mit negativen externen Effekten für ein breites Spektrum von WTO-Mitgliedern [schaffen]«. Auch hier bestätigt sich, dass Kallas’ negative Äußerungen kein Ausrutscher, sondern vielmehr Teil eines umfassenderen Paradigmenwechsels sind. Man könnte sogar den Vergleich zu Donald Trumps harschen Anti-China-Parolen ziehen, die er schon in seiner ersten Amtszeit äußerte.
In ihrer jüngsten Arbeit zu kapitalistischen Wertschöpfungsketten argumentieren Selwyn und Bernhold, dass Debatten über Deglobalisierung häufig ein grundlegendes Merkmal des Kapitalismus übersehen: das unaufhörliche Streben des Kapitals nach Möglichkeiten, Mehrwert aus der Arbeit zu schöpfen. Ihren Forschungsergebnissen nach haben die großen US-Unternehmen die Globalisierung nicht aufgegeben; vielmehr gestalten sie diese neu und versuchen gleichzeitig, Chinas technologischen Aufstieg einzudämmen.
Trotz jahrelanger Diskussionen über Reshoring und wirtschaftliche »Souveränität« bleibt die globale Produktion eng vernetzt. Unternehmen sind nach wie vor auf internationale Lieferketten angewiesen. Da die Produktion technologisch immer komplexer wird und die Kosten auf ein Minimum beschränkt werden sollen, nimmt die Nachfrage nach spezialisierten Zulieferern, Rohstoffen und Arbeitsmärkten in anderen Staaten eher zu als ab.
In der Studie wird beispielsweise die Halbleiterindustrie analysiert. Dabei mag die Front-End-Produktion in Europa und den Vereinigten Staaten zwar zunehmen, doch ein Großteil der weltweiten Produktionskapazitäten bleibt in Asien konzentriert. Unternehmen verfolgen demnach zunehmend eine »China+1«-Strategie: Lieferketten und (Vor-) Produktion werden neben China auf Länder wie Vietnam oder Malaysia diversifiziert. So bleiben umfangreiche internationale Lieferketten bestehen.
»Mit der Behauptung, das Hauptproblem liege im politischen System Chinas, zeigen die Europäer (ohne es offen zuzugeben), dass ihr eigener Markt in der ökonomischen Entwicklung hinterherhinkt.«
Der Import von Waren aus China war für den Globalen Norden jahrzehntelang kein Problem, da die dortigen Arbeitskräfte und damit die Produkte billig waren. Doch mittlerweile hat China die Kontrolle über immer mehr Schlüsseltechnologien übernommen. Sowohl die EU als auch die USA haben es versäumt, sich anzupassen. Kein Wunder: Sie sind es einfach nicht gewohnt, einen Rückstand aufholen zu müssen.
Selwyn und Bernhold kommen daher zu dem Schluss, dass kapitalistische Unternehmen und große Staaten aktuell versuchen, einerseits die Globalisierung zu bewahren und sie andererseits an neue geopolitische Realitäten anzupassen. Stellt sich die Frage: Wenn die Globalisierung weitergeht, warum sprechen westliche Regierungen dann zunehmend, direkt und indirekt, von Protektionismus?
Ab den späten 1970er Jahren schien Chinas Rolle in der Weltwirtschaft relativ klar zu sein: Das Land diente westlichen Unternehmen auf der Suche nach Optimierung ihrer Produktionskosten als riesiges und relativ kostengünstiges Arbeitskräftereservoir. Nach Selwyn und Bernhold habe die wirtschaftliche Öffnung Chinas die Herangehensweise der Vereinigten Staaten verändert: »Während der US-Staat eine Verlagerung seiner Binnenwirtschaft hin zu Hightech-Bereichen wie Forschung und Entwicklung sowie professionellen Dienstleistungen vorantrieb, stützte er sich gleichzeitig zunehmend auf den Import billiger Industriegüter aus China, die oft unter der Kontrolle westlicher Unternehmen beziehungsweise für diese produziert wurden.«
Die USA profitierten, weil amerikanische Unternehmen, die die Technologien und den Markt kontrollierten, billige chinesische Arbeitskräfte nutzen konnten. Dies trug aber auch zum Wachstum eines chinesischen Technologiesektors bei. Im Zuge dieser Entwicklung verfolgte der chinesische Staat, so Selwyn und Bernhold, erfolgreich eine Strategie, das Land zunächst in arbeitsintensive globale Produktionsnetzwerke zu integrieren und darauf aufbauend immer anspruchsvollere Formen der industriellen und technologischen Entwicklung zu fördern.
Chinas Weg lasse sich so zusammenfassen: »Zunächst eine arbeitsfokussierte Low-Tech-Industrialisierung mit Integration in kapitalistische Wertschöpfungsketten, später dann eine zunehmend hochtechnologisierte Weiterentwicklung.« Das Land habe erfolgreich einen Plan zur langfristigen Wirtschaftsentwicklung umgesetzt, der mit den Strategien seiner westlichen Partner vergleichbar sei. Insgesamt habe sich Chinas globale Position gewandelt – von der »Werkbank der Welt« zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten für US-amerikanische und europäische Unternehmen.
Chinas Aufstieg sorgt bei westlichen Regierungen für Aufregung. Man will mit politischen Maßnahmen die eigene Wettbewerbsfähigkeit in der Industrie und die technologische Führungsrolle wiederherstellen. In den Vereinigten Staaten wurde bereits vor einigen Jahren mit dem Reshoring, mit Subventionen für die heimisch Industrie und mit dem sogenannten »Friend-Shoring« begonnen. Sowohl die Biden- als auch die erste Trump-Administrationen versuchten, inländische Investitionen zu fördern und gleichzeitig die Abhängigkeit von chinesischen Lieferketten zu verringern.
Dieser Ansatz wurde auf die EU ausgeweitet. Die jeweiligen US-Regierungen drängten die Europäische Union, sich von China abzukoppeln. Erstmals geschah dies 2020, als die Vereinigten Staaten die EU offenbar unter Druck setzten, Huawei aus den europäischen 5G-Netzen auszuschließen. Heute sprechen EU-Politiker wie selbstverständlich von strategischer Autonomie, Energieunabhängigkeit, technologischer Souveränität und Industrie-Resilienz. Zölle und Industriepolitik werden zunehmend als notwendige Instrumente zur Verteidigung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit angesehen.
Es muss betont werden, wie bedeutsam diese Wende in Rhetorik und tatsächlicher Politik ist. Schließlich bestand der Sinn und Zweck der EU in den vergangenen Jahrzehnten darin, einen möglichst freien Markt zu fördern. Wie es auf der Website der Kommission selbst heißt: »Die Europäische Union ist eine der am stärksten nach außen orientierten Volkswirtschaften der Welt. Außerdem ist sie der weltweit größte Binnenmarkt. Der freie Handel zwischen ihren Mitgliedstaaten war eines der Grundprinzipien beim Aufbau der EU, und die Öffnung des Welthandels ist ebenfalls ein wichtiges Ziel der Union.« Doch da das Handelsdefizit gegenüber China stetig steigt, scheint es Zeit für einen Kurswechsel zu sein.
Europa kann in neue Technologien investieren. Es kann strategisch wichtige Industriezweige subventionieren. Es kann die Batterieproduktion und die Halbleiterfertigung fördern. Und tatsächlich haben sowohl die EU als auch die Vereinigten Staaten eine deutlich interventionistischere Politik als zuvor eingeführt, um ihre einstige Führungsrolle zurückzugewinnen. Was man in Europa aber nicht tun kann, ist, die Bedingungen herzustellen, die Chinas Wettbewerbsvorteil ursprünglich ermöglicht haben.
»Der globale Kapitalismus basiert auf Ungleichheiten bei Kosten und Wohlstand zwischen den ›Handelspartnern‹. China hat diese Ungleichheit in gewisser Weise nun überwunden.«
Ein einfacher Grund dafür ist, dass die europäischen Volkswirtschaften nicht auf einem riesigen Pool an kostengünstigen Arbeitskräften in der Industrie basieren (zumindest nicht innerhalb der EU). Europäische Arbeiterinnen und Arbeiter erhalten relativ höhere Löhne, Sozialleistungen und Sozialrechte. Wer im globalisierten Kapitalismus erfolgreich sein will, bleibt aber strukturell von der Globalisierung und billigen Produkten, die auf niedrigen Arbeitskosten beruhen, abhängig. Bundeskanzler Friedrich Merz fasste das Dilemma und den Frust zusammen, indem er bekanntlich forderte: »Wir werden allein mit Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche den Wohlstand nicht erarbeiten, den wir brauchen, um die Zukunft zu gestalten.« Deswegen sollen alle mehr und vor allem effizienter arbeiten.
Der globale Kapitalismus basiert auf Ungleichheiten bei Kosten und Wohlstand zwischen den »Handelspartnern«. China hat diese Ungleichheit in gewisser Weise nun überwunden. Das heißt in der kapitalistischen Logik: Die EU muss neue »Partner« mit möglichst niedrigen Arbeitskosten finden, wenn sie die Produktionskosten niedrig halten, den chinesischen Markt nicht weiter ankurbeln und ihre heimischen Sozialleistungen erhalten will.
Dementsprechend verwundert es nicht, dass kürzlich ein Abkommen zwischen der EU und dem Mercosur-Block (Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay) geschlossen wurde, dessen Ziel es ist, die Versorgung mit kritischen Rohstoffen sicherzustellen. Für diese Rohstoffe gelten nun niedrigere Zölle bei Importen in die Europäische Union, was laut einer EU-eigenen Pressemitteilung zu mehr Exporten aus dem Mercosur führen und die Europäer dank sinkender Kosten wettbewerbsfähiger machen wird. Die EU-Kommission meint: »Die Abschaffung der hohen Mercosur-Zölle wird es den EU-Ausführern ermöglichen, jährlich mehr als vier Milliarden Euro an Zöllen einzusparen.«
Die Strategie der EU hat im Wesentlichen zwei Ziele. Das erste ist defensiver Natur: der Aufstieg Chinas soll durch Zölle, Beschränkungen und industriepolitische Maßnahmen eingedämmt werden. Das zweite ist expansiv: es sollen alternative globale Lieferketten in und mit den Mercosur-Staaten, Südostasien und andere Regionen aufgebaut werden.
Das gegenwärtige System belohnt diejenigen, die es schaffen, Zugang zu Arbeitskräften mit technologischer Entwicklung zu verbinden. China ist das gelungen – und Europa versucht nun, seine Position in der Weltwirtschaft zurückzugewinnen. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, muss die EU auf neue globale Produktionsnetzwerke setzen, als Alternative sowohl zu chinesischen Lieferketten als auch zur heimischen Produktion.
Dieser Ansatz könnte funktionieren, wäre die Welt nicht bereits so tiefgreifend globalisiert. Kaja Kallas’ Metapher der Chemotherapie ist daher schlecht gewählt: Eine Chemotherapie zielt auf einen Fremdkörper ab, doch China ist strukturell in den globalen Markt eingebettet. Ein siamesischer Zwilling wäre das passendere Bild: Eine (schmerzhafte) Trennung mag denkbar sein, aber danach lebt man immer noch in derselben Welt wie der andere. Das Bestreben, sich von China abzukoppeln, ist riskant, weil der EU sowohl die Produktionskapazitäten als auch die Rohstoffe für echte Unabhängigkeit fehlen. Europa bleibt daher auf neue Lieferketten angewiesen, in die allerdings China ebenso gut vordringen kann.
Ruth Sisask ist MPhil-Kandidatin im Fach Politische Philosophie und Geistesgeschichte an der Universität Cambridge. Sie beschäftigt sich mit dem Begriff der politischen Freiheit.