14.10.2020

Evo Morales: »Wir müssen die Demokratie retten und uns unser Land zurückholen«

Der bolivianische Präsident Evo Morales wurde im letzten November durch einen Militärputsch zum Rücktritt gezwungen. Im JACOBIN-Interview schildert er, warum seine Partei MAS bei den Neuwahlen am 18. Oktober dennoch eine Chance auf den Wahlsieg hat.

Ex-Präsident Evo Morales bei einem öffentlichen Auftritt im Jahr 2008.

Ex-Präsident Evo Morales bei einem öffentlichen Auftritt im Jahr 2008.

Joel Alvarez / Wikipedia Commons.

Interview mit Evo Morales geführt von Bruno Sommer Catalan und Denis Rogatyuk

Übersetzung von Tobias Kluge

Evo Morales ereilte nach dem Militärputsch vom letzten November ein ähnliches Schicksal wie viele links gerichtete, progressive und anti-imperialistische Regierungen in der Region. Es gibt offensichtliche Parallelen zum Putsch gegen Salvador Allende in Chile im September 1973, dem versuchten Militäraufstand gegen Hugo Chávez in Venezuela im April 2002 und den Bestrebungen der ecuadorianischen Polizei, die im September 2010 Rafael Correa absetzten wollte.

Morales, der sich momentan im Exil in Argentinien befindet, wird auch mit dessen Ex-Präsident Juan Domingo Perón verglichen, der im September 1955 von einer ultra-konservativen Armeefraktion aus dem Amt gedrängt wurde. Die Militärdiktatur verbot die Peronismus-Bewegung, dennoch behielt der exilierte Perón aufgrund seiner Basis, die er sich durch Jahrzehnte des radikalen sozialen Wandels und unabhängiger Außenpolitik unter seiner Präsidentschaft aufgebaut hatte, einen großen Einfluss. Trotz des zeitweisen Verbots blieb die Peronismus-Bewegung aktiv und nachdem deren Kandidat Héctor Cámpora im März 1973 die Wahlen gewann, durfte Perón schließlich ins Land zurückkehren.

Heute befinden sich Evo Morales und seine sozialistische Partei Movimiento al Socialismo (Bewegung für den Sozialismus, kurz: MAS) in einer sehr ähnlichen Situation. Seit dem Militärputsch vom letzten November kam es in Bolivien zu scharfer Repression, Massakern an dutzenden von Gewerkschafterinnen und Indigenen Aktivisten und dem Versuch, die MAS von den Präsidentschaftswahlen am 18. Oktober auszuschließen. Die Manipulation der Medien und Falschnachrichten tun ihr Übriges, um die 14 Jahre andauernde sozialistische Regierung unter Morales in Verruf zu bringen.

Dennoch bleibt die MAS stärkste politische Kraft Boliviens; die letzten Umfragen ergeben, dass die Kandidaten Luis Arce Catacora und David Choquehuanca die Wahl in der ersten Runde mit 44,4 Prozent gewinnen könnten – und damit die benötigten zehn Prozent Vorsprung vor dem zweiten Kandidaten Carlos Mesa erreichen würden, der die Wahlen im Oktober letzten Jahres verlor. Dennoch ist ein fairer Wahlkampf wegen der kontinuierlichen Einflussnahme der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) und ihres Sekretärs Luis Almagro immer unwahrscheinlicher.

Vor der Wahl trafen die JACOBIN-Journalisten Denis Rogatyuk und Bruno Sommer Catalan den abgesetzten Präsidenten Evo Morales und sprachen mit ihm über seine Erfahrung als Gewerkschafter und Präsident, den Putsch und die Aussichten der MAS.

Bruno Sommer Catalan: Während des sogenannten »Wasserkriegs« in Cochabamba von 1999 und 2000 – einem Massenaufstand gegen die Wasser-Privatisierung – waren Sie Gewerkschafter, der sich gegen die neoliberale Regierung von Jorge »Tuto« Quiroga auflehnte. Kann man den damaligen Kampf mit dem heutigen Widerstand im Tropengebiet von Cochabamba vergleichen?

Dafür muss man auf die Bewegung junger Indigener und Agrar-Aktivistinnen blicken, die seit dem Ende der 1980er und den frühen 1990er Jahren aktiv war und zu denen ich auch gehörte. Wir fragten uns, wie lange wir noch von oben bzw. außen regiert werden wollten. Wie lange noch würden Vorgaben und Regularien vom Internationalen Währungsfond (IWF) und der Weltbank kommen? Und wann würden die Bolivianerinnen und Bolivianer sich endlich selbst regieren?

Bolivien besaß immer schon soziale Stärke, im Sinne von Gewerkschaften und einer kollektiven Kraft »von unten«. Aber als wir darüber nachdachten, wie wir unsere natürlichen Ressourcen und unsere Arbeitskraft auf der Basis dieser kollektiven sozialen Kraft verstaatlichen konnten, sahen wir kaum Chancen.

Es war also unerlässlich, ein politisches Projekt in Hinblick voranzubringen, das auf der Agrar-Bewegung in den Tropen und vor allem auf den Forderungen der Ketschua, der Aymara und der anderen mehr als dreißig Indigenen Gruppen beruhte. Wir entwickelten ein politisches Programm der Befreiung für die Bevölkerung, von der Bevölkerung und mit einem Programm der Bevölkerung.

An diesem Punkt mussten wir mit der kapitalistischen Ordnung brechen. In dieser Ordnung werden soziale Bewegungen als »terroristische Organisationen« geführt und Gewerkschaften sollen davon abgehalten werden, sich politisch einzumischen. Wir forderten politische Rechte und verstanden uns nicht nur als Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter, die sich nur mit Arbeitsbelangen befassten. Ein Wandel, wie wir uns ihn vorstellten, bedarf schließlich tiefgreifender Transformationen in den staatlichen Strukturen. Wir hatten gewisse Probleme mit Arbeiterinnen und Arbeitern, die auf der »Unabhängigkeit der Gewerkschaften« und einer nicht-politischen Haltung bestanden.

Dann kamen Hugo Banzer [1997-2001] und Tuto Quiroga [2011-2002] an die Macht. Sie privatisierten Boliviens Elektrizitäts- und Telefon-Netzwerke und übergaben die Kontrolle über unsere natürlichen Ressourcen, wie etwa dem Gas, an transnationale Firmen. Mehrmals verhandelte ich mit der COB [kurz für: Central Obrera Boliviana, Dachverband der bolivianischen Gewerkschaften] und dem Agrar-Dachverband und bei jeder Verhandlung mit einer neoliberalen Regierung brachten wir den Vorschlag der Verstaatlichung auf den Tisch. Wir argumentierten, dass das Gas, solange es in der Erde war, Bolivien gehörte und sobald es zu Tage befördert wurde, dem Ausland. Die verfassungswidrigen Verträge sagten – wortwörtlich –, dass der Eigentümerin bei der Bohrung das Besitzrecht am Gas zufällt. Und wer war die Eigentümerin? Eine transnationale Firma.

Denis Rogatyuk: 2002 verloren Sie die Wahl gegen Gonzalo »Goni« Sánchez de Lozada nach einem Wahlkampf der Lügen und Einschüchterung gegen Sie und die MAS. Heute sieht es ähnlich aus. Was haben Sie aus der Vergangenheit für die Gegenwart gelernt?

1997 wurde mir die Präsidentschaftskandidatur angetragen und ich wurde zum Opfer einer Verleumdungs-Kampagne durch die Sánchez-de-Lozada-Regierung. Sie skandierten: »Wie kann ein Drogendealer und Mörder Präsident werden?« Ich kandidierte daraufhin nicht. Aber 2002 gab es dann genug Zustimmung für meine Kandidatur.

Ich zweifelte an einem erfolgreichen Wahlausgang: Eine internationale Zeitung schrieb, dass die MAS nur acht Prozent erreichen könnte und die Umfragewerte beliefen sich auf nur drei bis vier Prozent. Sánchez de Lozada verbündete sich mit [Movimiento] Bolivia Libre [Bewegung für ein freies Bolivien, kurz:MBL], die sich 1989 als linke Sammelbewegung formiert hatte, dabei waren unter anderem auch die Sozialdemokraten. Die Partei war eng mit NGOs verbandelt und erhielt in besonderem Maße Geld aus Europa.

Der US-Botschafter José Manuel Roche sagte: »Evo Morales ist der Bin Laden der Anden und die Kakao-Bauern sind die Taliban – wählt sie nicht.« Die anti-imperialistischen Bürgerinnen und Bürger von Bolivien gingen dagegen vor und fragten: »Warum bezichtigt der US-Botschafter Evo Morales als den Bin Laden der Anden?« Präsident Tuto Quiroga musste schweigen; obwohl er heute behauptet, dass es in Bolivien eine Einflussnahme aus Argentinien und anderen Ländern gibt. Ich behaupte, dass Botschafter Roche mit dieser Aussage mein bester Wahlkampf-Manager war. Das Ergebnis für die MAS betrug zwanzig Prozent.

Ich will ehrlich sein: Bis zu diesem Moment war ich mir nicht sicher, ob ich jemals Präsident werden würde, aber von da an dachte ich, es könnte möglicherweise klappen – und daher mussten wir uns gut vorbereiten. Als Gruppe von Expertinnen und Experten begannen wir, ein ernsthaftes und verantwortungsvolles Programm für die Regierung und die bolivianische Bevölkerung zu erarbeiten.

BSC: Die sogenannten »Gas-Kämpfe« – eine populäre Revolte gegen die Privatisierung von Erdöl und Gas in den Jahren 2003–2005 – waren ein Wendepunkt, sowohl für Bolivien als auch für Sie persönlich. Wir konnten damals die Stärke der sozialen Bewegungen erkennen, vor allem in der Stadt El Alto. Wie bewerten Sie diesen historischen Moment im Vergleich zur Gegenwart – und welche Rolle werden solche Bewegungen im Prozess der Widerherstellung der Volkssouveränität spielen?

Mit diesen Kämpfen konnten wir Forderungen platzieren, aber keine strukturellen Veränderungen herbeiführen. Als ich in die Cochababma Tropen nach Chapare anreiste, schlug die Indigene Bäuerinnen-Vereinigung fundamentale Änderungen bei den Gas-Verhandlungen vor. Die Vertreter der neoliberalen Regierung antworteten: »Nein, ihr macht jetzt Politik«, »Für Euch ist Politik ein Verbrechen, eine Sünde« und »Die Politik der Tropen-Bauern ist die Axt oder Machete« – oder in der Altiplano-Region die Spitze und die Schaufel.

Dann kamen die Gas-Kämpfe, eine Aktion, die sich auf die Stadt El Alto konzentrierte. Worum ging es genau? Jenseits der Frage nach Verstaatlichung konnten wir nicht verstehen, warum unsere Regierung eine Flüssiggas-Förderstation auf chilenischem Gebiet bauen wollte – keine staatliche, sondern eine private –, um von dort aus Gas nach Kalifornien zu vertreiben. Hier fehlte das Gas und sie verkauften es an die USA – ohne erst Bolivien zu versorgen.

Der Kampf um Verstaatlichung verschärfte sich und die Menschen in El Alto verbündeten sich wie niemals zuvor in einem Nachbarschaftsrat. Heute höre ich, dass es dort sogar drei solcher Nachbarschaftsräte gibt, eine Schwäche meiner Meinung nach. Die stärksten und konfrontativsten Nachbarschaftsräte sind nicht nur patriotisch, sondern auch anti-imperialistisch, ganz nach dem Vorbild der Aymara Bruderschaft.

Wir glauben, dass all diese Probleme durch den Klassenkampf lösbar sind, durch den Klassenkampf der Menschen von El Alto.

DR: Sie haben es geschafft, die natürlichen Ressourcen Boliviens zu verstaatlichen und eine stabile und kontinuierlich wachsende Wirtschaft zu etablieren. Was sind die Schlüssel-Maßnahmen, um die aktuelle, durch die Putsch-Regierung ausgelöste ökonomische Krise Boliviens in den Griff zu bekommen?

Lassen Sie mich zuerst einige wichtige Zahlen nennen, die die Menschen kennen müssen. Als wir 2005 das Öl verstaatlichten, betrugen die jährlichen Einnahmen aus dem Öl lediglich drei Billionen Bolivianos. Nach der Verstaatlichung, am 22. Januar 2019, dem Jahrestag des Plurinationalen Staates, wuchsen die Einnahmen auf 38 Billionen Bolivianos. 2005 betrug Bruttoinlandprodukt 9,5 Billionen Dollar, aber im Januar letzten Jahres war es auf 42 Billionen Dollar gestiegen – stellen Sie sich die Bedeutung dieses Wandels vor.

Bolivien war das Schlusslicht Südamerikas beim ökonomischen Wachstum, aber innerhalb der 14 Jahre, in denen ich Präsident war, stand Bolivien sechs Mal an der Spitze. Wenn ich zu internationalen Foren, Gipfeln oder zu Veranstaltungen reiste, fragten mich andere Präsidentinnen und Präsidenten: »Evo, wie viel wird das Wachstum dieses Jahr betragen?« Ich antwortete vier oder fünf Prozent und sie fragten, wie ich das ermöglichen würde. Und ich sagte ihnen: »Wir müssen unsere natürlichen Ressourcen verstaatlichen und die Grundbedürfnisse aller als Menschenrechte betrachten.«

Jetzt wird wieder privatisiert. Die Regierung von Jeanine Áñez hat am 24. Juni diesen Jahres das Dekret 4272 verabschiedet, das eine Rückkehr zur Vergangenheit und die Reduktion des Staates auf »Zwergengröße« fordert, genauso wie es der Internationale Währungsfond gerne hätte. Der Staat wird nicht mehr in öffentliche Firmen und den Ausbau des Produktionsapparates, der für das Wohlergehen der Bevölkerung unerlässlich ist, investieren. Der Gedanke hinter diesem Dekret ist, dass der Staat nur als Regulator und nicht als Investor für nationale Projekte fungieren soll.

Das Dekret trägt die Handschrift des Internationalen Währungsfonds: die Privatisierung der Elektrizität, der Telekommunikation, der Gesundheit und der Bildung. Letztere hat bereits begonnen, da dieses Jahr kein Budget für den Bau neuer Schulen definiert wurde. Am 14. September begann die Privatisierung des Energie-Sektors in Cochabamba; der von Áñez ernannte Anwalt trat zurück, da die Privatisierungsanordnung verfassungswidrig war. Grundbedürfnisse sind Menschenrechte und dürfen nicht privatisiert werden; Gesundheit kann niemals eine Ware sein, Bildung ist ein so wichtiges Gut für die Emanzipation der Menschen. Also stehen die Menschen dagegen auf.

Bolivien leidet aktuell unter zwei Pandemien: Die eine ist die Pandemie, die uns mit einem Virus tötet – und die Produktion durch die Quarantäne lahmlegt –, die andere ist eine Regierung, die das Allgemeinwohl lähmt und dem kapitalistischen Prinzip unterwirft.

Unsere Aufgabe liegt darin, die Verstaatlichungen zu verteidigen und die Industrialisierung zu stärken. Das ist der Weg, den wir beschreiten müssen, um das wirtschaftliche Wachstum weiterhin zu garantieren. Zuerst müssen wir allerdings die Demokratie retten und uns unser Land zurückholen.

BSC: Im Moment erleben wir, dass unsere Indigenen Brüder erneut von einem rassistischen Regime verfolgt werden, angeführt von Áñez und ihrem Militär. Was kann die nächste MAS-Regierung tun, um den Rassismus in Bolivien ein für alle Mal zu beenden?

Es scheint als würden wir in ein Bolivien zur Inquisition zurückkehren. Die rassistische Rechte nutzt die Bibel, um Hass auf andere zu schüren. Sie benutzen die Bibel, um zu stehlen, zu töten und einen Genozid zu begehen. Sie benutzen die Bibel, um zu diskriminieren, Wiphalas [Indigene Flaggen] zu verbrennen und Indigene Frauen zu erniedrigen. Diese Mentalität wurde durch rassistische Gruppen mit Geld implementiert.

Der republikanische Senator Richard Black bestätigte im Dezember, dass der Putsch in den USA geplant wurde und man dort diese Möglichkeit [die durch die rassistische Rechte in Bolivien eröffnet wurde] nutzen wollte. Ich bin überrascht von der Aussage des Tesla Gründers Elon Musk vom 24. Juli: Er gestand, in den Putsch involviert gewesen zu sein.

Der Putsch richtete sich also gegen uns und zielte auf die Kontrolle über die natürlichen Ressourcen, vor allem Lithium. Wir hatten beschlossen, Lithium industriell abzubauen und begannen, internationale Reserven anzulegen. Kommerzielle Deals wurden mit Europa und China geschlossen. Im Zuge der Landesfeierlichkeiten zur 200-jährigen Unabhängigkeit Boliviens wollte wir 41 Fabriken bauen, mehr als 15 für Kaliumchlorid, Lithiumcarbonat, Lithiumhydroxid, drei für Lithium-Batterien und Fabriken für andere Rohstoffe, aber auch Nebenprodukte. Und ich verbot den USA den Zugang dazu – und das war mein Verbrechen.

Der Putsch richtete sich gegen unsere Wirtschaftspolitik. Wir lebten ein ökonomisches Modell, das ohne den Internationalen Währungsfond funktionierte und dennoch wuchs und Armut und Ungleichheiten reduzierte. Und dann kam der Putsch.

Ich denke, dass wir nach Momenten suchen müssen, die die Bolivianerinnen und Bolivianer zusammenbringen, denn solche Vorgänge schaden uns. Es ist äußerst bedauerlich, dass momentan Paramilitärs und bewaffnete Gruppen präsent sind.

Unsere Partei MAS ist ein politisches Instrument für die Volksouveränität und als politische Freiheitsbewegung ist sie nicht nur historisch und beispiellos, sondern auch einzigartig in der Geschichte. Zur Zeit der Kolonialisierung war die Indigene Bevölkerung bedroht, ausgelöscht zu werden – es ging hier nicht nur um Rassismus und Diskriminierung, sondern wirklich um Auslöschung. In einigen lateinamerikanischen Ländern gibt es keine Indigenen Bewegungen mehr, aber unsere Vorgänger in Bolivien, Peru, Ecuador, Guatemala und Mexiko haben hart gekämpft. Nach 500 Jahren des erfolgreichen Indigenen Kampfes wussten wir 1992, was jetzt folgen musste: »Vom Widerstand zur Machtergreifung«. Das war unser Versprechen und in Bolivien haben wir es eingelöst.

Aber als wir bewiesen, dass in unserer Selbstermächtigung Hoffnung für Bolivien liegt, kam der Coup. Das ist unsere Realität und wir müssen alles daran setzen, den Rassismus zu beenden. Wir müssen geschlossen stehen und Unterschiede ideologischer und programmatischer Natur respektieren. Aber das verlangt eine Politik der Gewaltlosigkeit.

DR: Sie führten Bolivien als Präsident auf die internationale Bühne und nahmen den Kampf für eine multipolare Weltordnung auf. Leider müssen wir nun mitansehen, wie diese Fortschritte durch die Maßnahmen des Putsch-Regimes rückgängig gemacht werden. Wie kann Bolivien seinen Platz auf der internationalen Bühne in der Zukunft wiederfinden?

Als ich noch Gewerkschafter war, nahm ich an einigen Treffen von Staatsoberhäuptern Teil, in Wien zum Beispiel, da ging es um den Kampf gegen Drogenhandel. Mithilfe einiger NGOs, die einen Beraterstatus hatten, konnte ich teilnehmen und genau mithören, was die damalige Regierung auf diesen internationalen Tagungen sagte.

»Ich stelle mich hinter die Vorschläge der USA«, »Ich unterstütze die Vorschläge der USA« – das wurde da gesagt. Bolivien hatte niemals eine patriotische Agenda, einen Plan für Bolivien. Als wir an die Macht kamen, zielten unsere Vorstöße auf den Naturschutz und die Garantie der Grundrechte. Wir brachten bei den Vereinten Nationen den Vorschlag ein, dass der Zugang zu Wasser ein Menschenrecht sein müsse und nicht Gegenstand privater Geschäfte: Alle unterstützen diesen Vorschlag, bis auf die USA und Israel.

Ich könnte von vielen vergleichbaren Vorgängen in der internationalen Politik berichten. Ich habe gelacht als ich das Einschreiten von Boliviens de facto Präsidentin bei den Vereinten Nationen gesehen habe und sie Argentinien angriff und dem argentinischen Präsidenten Einflußnahme vorwarf. Welches Recht hat sie, sich zu ausländischer Einflußnahme zu äußern? Aber wenn wir Lateinamerika als Ganzes betrachten, ist es wichtig daran zu erinnern, dass wir zu den Regierungszeiten von Chávez, Lula und Kirchner wichtige internationale Annäherungsprozesse wie UNASUR [Union Südamerikanischer Nationen] und CELAC [Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten] vorangetrieben haben. Barack Obama fing mit Hilfe der Pazifik-Allianz [Bündnis rechts gerichteter Regierungen] damit an, UNASUR und CELAC aufzulösen.

Der aktuelle US-Präsident hat die Lima-Gruppe [multilaterales Bündnis, das sich aufgrund der Krise in Venezuela gründete] gegen Venezuela in Stellung gebracht. Im Angesicht dessen brauchen wir eine stärkere Gemeinschaft und eine scharfe Analyse in der Puebla-Gruppe und anderen Sektoren der ALBATCP [Bolivarianische Allianz für Amerika]. Aber wir sind nicht allein. Ich bin sehr hoffnungsvoll, dass unsere Unterstützerinnen und Unterstützer und unsere sozialen Bewegungen die Demokratie zurückerobern werden.

Wir stehen für ein plurinationales Amerika aufgrund unserer Diversität. Es wäre produktiv, wenn Europa, die anderen Kontinente, Verfassungen und internationale Organisationen diese Diversität anerkennen würden. Unser Land Bolivien ist extrem divers. Und kulturelle Diversität ist der Schatz unserer Identität, unserer Würde und der Motor für unseren Freiheits- und Gerechtigkeitskampf – dies ist der Kampf, den wir führen.

Momentan sind wir in die Vergangenheit zurückkatapultiert worden. Die neoliberalen Reierungen machen genau das, was die USA von ihnen wollen. Diese Form der Politik ist aus dem 19. Jahrhundert. »Amerika für die Amerikaner« – die Monroe-Doktrin – muss enden.

Die USA und der Kapitalismus glauben sie seien Gott-Gesandte, und dass den USA die absolute Souveränität zustehe. Wenn sich also die Bevölkerung emanzipiert, schaltet sich das Militär ein, interventiert und putscht.

BSC: Wie ist das Exil für Sie? Wie denken Sie über das Militär, das sich gegen Sie gestellt hat, und wie will die MAS nach ihrer Machtübernahme sicherstellen, dass die Armee Bolivien gegenüber loyal ist?

Ich wollte Bolivien nicht verlassen. Für mich fühlte es sich an wie »Heimat oder Tod«. Aber eine Gruppe von Regierungsmitgliedern und Ministerinnen eröffnete mir, dass »sie um den Erneuerungsprozess zu retten, erst mich retten mussten«. Das überraschte mich und ich zweifelte daran.

Am 10. November, kurz vor meinem Rücktritt und nach den Polizei-Meutereien, riefen die sozialen Bewegungen die Bevölkerung auf, den Plaza Murillo [Hauptplatz in La Paz] zurückzuerobern, und durch die Presse erfuhr ich, dass bewaffnete Einheiten meinen Rücktritt einforderten. Dem schlossen sich auch einige Vertreter der COB [Dachverband der bolivianischen Gewerkschaften] an. Was ich mir in dem Moment gedacht habe? Ich erwartete bei all der extremen Anspannung ein Massaker am nächsten Tag, sollte ich nicht zurücktreten. Um das zu verhindern, trat ich also zurück, denn wir schützen das Leben.

Zu diesem Zeitpunkt gab es extrem viele Konfliktherde wie die Streiks der Opposition in Potosí and Santa Cruz Ende August und im September. Wir verhinderten, dass bei den Protesten Menschen ums Leben kommen. Ich wurde aufgefordert, den militärischen Weg zu wählen und den Belagerungszustand auszurufen. Ich hatte diverse Treffen mit dem Militär und der Führungsriege der Polizei; ich bestand darauf, dass nur zu Verteidigung des Landes geschossen werden dürfe, nicht aber auf die eigene Bevölkerung.

Stellen Sie sich das vor: Päsident Evo, Massaker, Morde. Wie wäre das geendet?

Auch als ich in Chimoré am Sonntagnachmittag, dem 10. November, eintraf, sagte ich: »Jetzt gehe ich in den Dschungel«. Ich glaubte in diesem Moment, dass es am folgenden Tag in La Paz ein Massaker geben würde, wenn ich nicht zurücktrat. Die Polizei und das Militär würden meine Brüder und Schwestern beim Versuch den Palacio Quemado [Regierungspalast], die Plaza Bolivia und den Hauptplatz der Stadt wiedereinzunehmen, erschießen.

Und dafür würden sie mir die Schuld geben. Ich trat zurück, um Tote oder ein Massaker unter meiner Regierung zu verhindern – denn wir sind Schützer des Lebens, des Friedens, der sozialen Gerechtigkeit. Ich erlaube mir als Zwischenbemerkung: Der Kampf für den Frieden ist der Kampf gegen den Kapitalismus – wenn wir einen Frieden gepaart mit sozialer Gerechtigkeit hätten, gäbe es keinen Kapitalismus mehr, er wäre geschlagen. Also verließ ich Bolivien am 11. November.

An diesem Tag geriet Südamerika unter US-Kontrolle. Dem Flugzeug, das aus Mexiko kam, um mich abzuholen, verwehrten sie den Zugang zum bolivianischen Luftraum. Drei oder vier Präsidenten kommunizierten einen ganzen Tag lang über die Frage, wie man mich aus dem Land bekommen sollte. Für das Post-Putsch-Regime gab es zwei mögliche Ausgänge: Evo tot oder Evo in den USA. Als ich noch in El Alto war, verlautbarte das Militär, dass es mich in die USA schicken müsste; andere verglichen dies mit dem Putsch in Chile von 1973.

Während meine Tätigkeit bei der Gewerkschaft und meiner politischen Kämpfe, wurde ich in Bolivien inhaftiert, verfolgt und verhaftet. Aber noch nie musste ich Asyl beantragen. Jetzt da ich ein Geflüchteter bin, habe ich den typischen Lebenslauf eines Anti-Imperialisten und Linken, der nicht aufgibt, komplettiert. Dies sind die Konsequenzen eines solchen Aktivismus.

Das Erbe der Indigenen Bewegungen ist der Anti-Kolonialismus und der Anti-Imperialismus. In Kolonialzeiten zerlegten sie Túpac Katari und heute in Zeiten der Republik »zerlegen« sie uns, schießen unsere politische Bewegung nieder, verbieten die MAS und mich. Das ist der Plan der USA. Die USA fordern: »Die MAS darf nicht in die Regierung zurückkehren und Evo nicht nach Bolivien«. Aber ich bin mir ganz sicher, dass wir eines Tages als Millionen zurückkehren und der bolivianischen Bevölkerung die Freiheit zurückgeben werden.

DR: Wenn Sie in die Vergangenheit reisen könnten, was würden Sie an Ihrer Politik in Bolivien ändern? Und im Hinblick auf die Zukunft: Was erwarten Sie nun von der MAS – und welche Rolle möchten Sie selbst spielen?

Zuallererst: Um neuen Menschen zu helfen in Führungspositionen zu kommen, braucht man Führungskraft – ich werde also meine Erfahrungen des Gewerkschaftskampfes, des Wahlkampfes und der Regierung teilen. Politik ist eine Wissenschaft des Dienens, des Einsatzes, der Hingabe und der Opfer für die Mehrheit und die Erniedrigten. Natürlich ist Politik auch ein Kampf zwischen unterschiedlichen Interessen. Uns zeichnet aus, dass wir für gemeinschaftliche und kollektive Interessen und für die Armen kämpfen. Wir wollen nicht, dass der Reichtum in den Händen einiger weniger Personen bleibt, sondern wir wollen den Wohlstand umverteilen, um einen gewissen Grad der Gleichberechtigung, der sozialen Gerechtigkeit, einen Zustand des Friedens und der Würde zu gewährleisten. Wenn wir zurückkehren – und wir müssen früher oder später zurückkehren –, dann möchte ich wirklich diese Erfahrung teilen, diesen kleinen Teil des Kampfes.

Als ich das erste Mal nach Chapare zog – nach dem Tod meines Vaters – wurde ich überraschend zum Gewerkschaftsführer ernannt. Ich wollte das nicht, aber dennoch hatte ich Vertrauen in mich und ich verließ meinen Job im Agrarwesen. Ich leitete die Gewerkschaft und wurde viele Male gefoltert, verfolgt, bestraft und bedroht. Seit 1989 wurde ich wiederholt wegen diverser Anschuldigungen angeklagt, alles Verleumdungen, die jeglicher Legitimation oder Grundlage entbehrten.

Ich bin nicht nach Chapare gekommen, um ein Anführer oder gar Präsident zu werden. Mein Hintergrund ist der Gewerkschaftskampf, der soziale Kampf, der kommunale Kampf; nicht wie die, die sagen: »Ich komme aus der kommunistischen oder sozalistischen Jugendbewegung«. Ich fragte mich, wie ich ohne eine akademische Ausbildung Präsident werden konnte. Jetzt weiss ich, dass ich das wegen unserer Wahrheit und Ehrlichkeit geschafft habe. Diese Regierung hat versucht mir Korruption vorzuwerfen – ohne Erfolg. Nach so vielen Verleumdungen gegen meine Person – was können die mir noch anhaben?

Wir sind uns ganz sicher: Wir werden die Präsidenschaftswahlen noch sehr oft gewinnen.

Über die Beteiligten

Evo Morales war von 2005 bis 2019 Präsident Boliviens.

Denis Rogatyuk ist Jounalist bei El Ciudadano und Autor bei JACOBIN, Tribune, Le Vent Se Leve, Senso Comune und the GrayZone.

Bruno Sommer Catalan ist chilenischer Journalist und Gründer von El Ciudadano.

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