08. März 2026
Die Frauenbewegung war lange eine Friedensbewegung. In den letzten Jahrzehnten ist dem westlichen Feminismus diese Komponente abhandengekommen. Es ist Zeit, sie wiederzubeleben.

Feministinnen marschieren die Fifth Avenue in New York entlang und tragen Transparente mit der Aufschrift »Frauen streiken für Frieden (in Vietnam) und Gleichberechtigung!«, 26. August 1970.
Er zieht sich wie ein roter Faden durch die Nachrichtenmeldungen der ersten Wochen des Jahres 2026: der Krieg. Die US-amerikanische Bombardierung Venezuelas, die Angriffe der HTS auf Rojava, ein neuer Krieg zwischen Pakistan und Afghanistan und nicht zuletzt die Bombardierung des Irans durch die USA und Israel.
Diese Konfliktherde haben die Welt neben Israels andauerndem Völkermord in Gaza und der russischen Invasion der Ukraine noch unsicherer gemacht. Aber gleichzeitig markieren sie auch einen neuen Punkt imperialistischer Kriegsführung – denn anders als noch vor einigen Jahren braucht es heute keine monatelangen Kampagnen mehr, um die eigene Bevölkerung von der Notwendigkeit der Bombardierung eines fremden Landes zu überzeugen. Es muss kein Konsens für Angriffe geschaffen werden. Stattdessen gilt das pure Recht des Stärkeren.
Wie immer sind Frauen und Mädchen in diesen Auseinandersetzungen besonders gefährdet. Bei einem Angriff auf eine Mädchenschule im iranischen Minab sind etwa 200 Menschen getötet worden, die meisten von ihnen Schülerinnen. Sie wuchsen in einem System auf, das sie aufgrund ihres Geschlechts systematisch diskriminierte, und fielen dann einem Krieg zum Opfer, der nicht der ihre ist. In Aleppo werfen syrische Söldner den reglosen Körper von Deniz Çiya, Mitglied der kurdischen Sicherheitskräfte der Stadt, von einem Gebäude und verhöhnen sie dabei.
»Wer für Frieden einsteht, gilt im besten Fall als lächerlich und naiv in einer Welt, in der von einem Tag auf den anderen ein Sonderbudget von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr aufgestellt werden kann. Im schlechtesten Fall macht man sich verdächtig, Agentin der anderen Seite zu sein.«
Die UNO erklärte schon im November vergangenen Jahres, dass die Welt aktuell so viele aktive Konflikte erlebt wie seit 1946 nicht mehr, »mit noch nie dagewesen Risiken und Leid für Frauen und Mädchen«. 676 Millionen Frauen leben in einem 50-Kilometer-Umkreis von Konfliktgebieten, konfliktbedingte sexualisierte Gewalt ist um 87 Prozent gestiegen und die Zahl der zivilen Opfer unter Frauen und Kindern hat sich im Vergleich zum vorherigen Zweijahreszeitraum vervierfacht.
Demgegenüber wirken Teile der feministischen Bewegung im Westen seltsam paralysiert. »Frieden« ist für viele kein zentraler Bezugspunkt mehr. Denn wer für Frieden einsteht, gilt im besten Fall als lächerlich und naiv in einer Welt, in der von einem Tag auf den anderen ein Sonderbudget von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr aufgestellt werden kann. Im schlechtesten Fall macht man sich verdächtig, Agentin der anderen Seite zu sein.
Frühere Generationen der Frauenbewegung würden mit Staunen auf diese Entwicklung blicken. Denn zentrale Akteurinnen der Frauenbewegung – vor dem Ersten Weltkrieg genauso wie im Kalten Krieg – haben die Frauenfrage stets mit der Friedensfrage verbunden. Die aktuellen Konfliktherde machen es notwendig, sich mit diesem Erbe auseinanderzusetzen. In einem kriegerischen Kräftemessen unterschiedlicher globaler Player droht auf kurz oder lang jede feministische Errungenschaft zerschlagen zu werden.
Vor dem Ersten Weltkrieg war der Einsatz für den Frieden eines der zentralen Motive der revolutionären Frauenbewegung. Besonders Clara Zetkin, auf deren Initiative der Internationale Frauentag zurückgeht, war eine radikale Kriegsgegnerin. Sie erkannte früh, dass Krieg immer bedeutet, dass die Armen im Dienst der Reichen kämpfen. Darum war der Kampf für Frauenrechte für sie nicht nur mit dem Klassenkampf, sondern auch mit dem Kampf für Frieden verbunden.
Frauen spielten dabei eine besondere Rolle: Gerade weil sie den Großteil der Sorge- und Pflegearbeit übernehmen, könnten sie dafür sorgen, ihre Söhne zu schlechten Soldaten zu erziehen – das Heer würde so »untauglich« werden. »Wir sind dabei mit euch mit allem, was wir sind, mit allem, was wir fühlen. Gerade weil wir Frauen, weil wir Mütter sind«, sagte sie in Richtung ihrer Genossen einer Rede auf dem Sozialisten-Kongress in Basel.
Zetkin war mit dieser Position nicht alleine, andere prominente Figuren der proletarischen Frauenbewegung polemisierten ebenfalls gegen den Krieg: Alexandra Kollontai verfasste mit Wer braucht den Krieg? eine Streitschrift gegen die Sinnlosigkeit des Ersten Weltkriegs. Die US-amerikanische Anarchistin Emma Goldman stellte sich mit ihrem Manifest der No-Conscription-League gegen die Beteiligung der USA am Ersten Weltkrieg. Die erste nennenswerte Friedenskundgebung im Ersten Weltkrieg geht ebenso auf die Initiative von Sozialistinnen wie Zetkin zurück: 1915 trafen sich bei der Internationalen Konferenz sozialistischer Frauen gegen den Krieg in Bern zum ersten Mal Vertreterinnen aus unterschiedlichen verfeindeten Ländern, um ein sofortiges Kriegsende zu fordern.
»Der Einsatz gegen Aufrüstung war ein Bezugspunkt über ideologische Grenzen hinweg.«
Aber schon damals war die feministische Bewegung kein Monolith. So wie es heute Frauen gibt, die im Namen des Feminismus für interventionistische Politik argumentieren, wollte sich die Mehrheit der bürgerlichen Frauenrechtlerinnen an der sogenannten Heimatfront beweisen, manche engagierten sich sogar für eine umfassende Mobilmachung der Frauen. Im Vereinigten Königreich setzte die bekannteste Suffragette ihrer Zeit, Emmeline Pankhurst, die Aktivitäten der Women’s Social and Political Union aus und richtete ihren Fokus darauf, die Regierung bei der Rekrutierung von Frauen für die Kriegsarbeit zu unterstützen.
Das sinnlose Massensterben des Ersten Weltkriegs gab der Position der sozialistischen Frauenbewegung im Nachhinein Recht. Aber Zetkin und andere zahlten einen hohen Preis für ihr Engagement – sie wurden verhaftet und überwacht.
Im Kalten Krieg erlebte die Verbindung von Frauen- und Friedensbewegung ihre zweite Hochphase. Allerdings war die Trennlinie zwischen bürgerlicher und sozialistischer Frauenbewegung weniger scharf als bei den Kriegsdebatten des frühen 20. Jahrhunderts – zumindest in Bezug auf die Auseinandersetzung zwischen der USA und der Sowjetunion.
Der Einsatz gegen Aufrüstung war ein Bezugspunkt über ideologische Grenzen hinweg. In den USA etwa demonstrierten 1961 mit Women Strike for Peace (WSP) 50.000 Frauen gegen das nukleare Wettrüsten zwischen Westen und Osten. Viele davon waren weiße Frauen der Mittelklasse, die nach außen bürgerlich auftraten, aber im Umfeld des WSP waren auch zahlreiche Kommunistinnen aktiv. Die Proteste hatten eine konkrete Folge: Zwei Jahre später verhängten die Sowjetunion und die USA einen Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversuchen.
Bewegungen wie das WSP gab es in zahlreichen Industriestaaten. Im britischen Berkshire errichteten Frauen in den 1980er Jahren unterschiedliche Protestcamps, um gegen die Stationierung von Atomwaffen zu protestieren. In Deutschland protestierten 1981 300.000 Menschen in Bonn gegen den NATO-Doppelbeschluss, Frauenorganisationen waren an vorderster Front in diese Bewegung eingebunden. Sie erkannten, dass Frauen im Krieg nichts zu gewinnen, aber alles zu verlieren hatten.
Dass diese Geschichte für viele jüngere Feministinnen heute kein zentraler Bezugspunkt mehr ist, ist kein Zufall. Mit der Schwäche der sozialistischen Bewegung ab dem Zerfall des Realsozialismus wandelte sich die feministische Bewegung, auch in der Frage von Krieg und Frieden. Zwar gab es Anfang der 2000er Jahre noch Massenproteste gegen den Irakkrieg, aber gleichzeitig wurde die Unterdrückung von Frauen vermehrt als Grund für interventionistische Politik genannt: Am prominentesten dabei ist die Invasion Afghanistans, wo die angebliche Befreiung von Frauen als Legitimation für zwei Jahrzehnte US-amerikanischer Bombardierung und Besatzung diente.
»Wenn die Eskalation der Konflikte in den letzten Wochen eins gezeigt hat, dann dass es einen neuen Kampf gegen Aufrüstung und Militarismus braucht – nach innen und nach außen.«
Mit diesem Bruch und der direkten Abwesenheit einer konkreten Kriegsgefahr innerhalb Europas und der USA rückte die Forderung nach Frieden in der feministischen Bewegung in den letzten Jahren in den Hintergrund. Damit macht man sich angreifbar gegenüber bürgerlicher Propaganda, die die Welt in gute und schlechte Kriege einteilen will – in gerechtfertigte Bomben und in weniger gerechtfertigte. Sie gipfelt darin, dass selbst eine offiziell proklamierte »feministische Außenpolitik«, wie die von Ex-Außenministerin Annalena Baerbock, Israels Krieg in Gaza unterstützt.
In dieser Gemengelage hat es fairerweise auch nicht geholfen, dass mit Alice Schwarzer besonders jene Feministin am lautesten eine Friedenspolitik eingefordert hat, die ansonsten in zahlreichen anderen feministischen Fragen regressive Positionen vertritt, wie etwa in der Frage von Transrechten oder im Kulturkampf gegen den Islam. Das hat ohne Zweifel dazu beigetragen, dass der Ruf nach Frieden heute eher mit einer verstaubten Querfront in Verbindung gebracht wird, als als aktuelle feministische Notwendigkeit verstanden wird.
Aber wenn die Eskalation der Konflikte in den letzten Wochen eins gezeigt hat, dann dass es einen neuen Kampf gegen Aufrüstung und Militarismus braucht – nach innen und nach außen. Nach innen, weil militarisierte Gesellschaften Frauen häufiger geschlechtsspezifischer Gewalt aussetzen und Krisen sie wirtschaftlich härter treffen. Nach außen, weil es eine internationalistische Notwendigkeit ist, die Regierungen unserer Länder an der Unterstützung des nächsten sinnlosen Kriegs zu hindern – denn wir wissen: Am härtesten trifft das unsere Verbündeten in jenen Ländern, die zu Schlachtfeldern gemacht werden.
Magdalena Berger ist Assistant Editor bei Jacobin.