20. März 2026
Mit dem sogenannten Waffenstillstand in Gaza und dem neuen Krieg Israels und der USA im Iran droht das Schicksal der Palästinenser abermals in Vergessenheit zu geraten. Das darf die internationale Solidaritätsbewegung nicht zulassen.

Jedes Zukunftsszenario, jede Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden, geschweige denn auf ein Leben in Würde für Palästinenser, hängt ausschließlich von der Willkür mächtiger fremder Akteure ab.«
Es ist fast ein halbes Jahr her, seit sich die Hamas und der Staat Israel auf einen Waffenstillstand geeinigt haben, der die seit zwei Jahren andauernde Bombardierung des Gazastreifens beendet hat. Dieser markiert die erste Erleichterung für die lokale Bevölkerung seit dem offiziellen Auslaufen des vorherigen Waffenstillstands sieben Monate zuvor, doch er bedeutet keineswegs, dass die Gewalt tatsächlich aufgehört hat. Sie hat sich vor allem ausgebreitet – nach Ostjerusalem, ins Westjordanland und, seit dem 28. Februar, auf Iran, das nächste Ziel einer US-israelischen Allianz, die fest entschlossen ist, den 7. Oktober als Vorwand zu nutzen, um die Region nach ihren Vorstellungen umzugestalten.
In Gaza selbst meldet das Government Media Office, dass zwischen dem 10. Oktober 2025 und dem 10. Februar 2026 israelische Streitkräfte mehr als 1.600 Mal gegen den Waffenstillstand verstoßen haben, sei es durch die Tötung unbewaffneter Palästinenser (bislang mehr als 500), Razzien in Wohnhäusern oder die Zerstörung der wenigen Gebäude, die noch stehen. Unterdessen hat die IDF die 2 Millionen Überlebenden hinter der sogenannten »Gelben Linie« eingesperrt – auf einem Gebiet, das nicht mal halb so groß ist wie der gesamte Gazastreifen, der schon vor Kriegsbeginn einer der am dichtesten besiedelten Orte der Erde war.
»Bei dem Waffenstillstand ging es weniger darum, die Waffen zum Schweigen zu bringen, als vielmehr die kritischen Stimmen.«
All dies bestätigt, was viele Beobachter wiederholt erklärt haben: Der Völkermord in Gaza ist nicht vorbei, sondern lediglich in eine neue Phase eingetreten. Gaza bleibt in einem permanenten Ausnahmezustand, in dem willkürliche Erschießungen oder sogar groß angelegte Bombardierungen jederzeit wieder auftreten können. Die unmittelbare Gefahr einer vollständigen Vertreibung, die viele während der intensivsten Phasen des Krieges zu Recht befürchteten, mag zurückgegangen sein, aber die eskalierenden Angriffe auf Palästinenser und der massive Ausbau der Siedlungen im Westjordanland deuten darauf hin, dass der israelische Staat entschlossener denn je ist, sich das gesamte Land – wie man sagt, from the river to the sea – einzuverleiben.
In den Medien, zumindest den deutschsprachigen, hat man in den vergangenen Monaten jedoch vergleichsweise wenig darüber erfahren. Seit Oktober ist die Berichterstattung über die Zustände in Gaza deutlich zurückgegangen – auch weil Israel bis heute kaum Journalisten, weder einheimischen noch ausländischen, Zugang zum Gazastreifen gewährt. Damit sollte klar sein, dass es bei dem Waffenstillstand weniger darum ging, die Waffen zum Schweigen zu bringen, als vielmehr die kritischen Stimmen. Und jetzt, da Israel und seine Verbündeten eine weitere Front aufgemacht haben, scheint Gaza erst recht Schnee von gestern zu sein.
Wie steht es also um die Palästinenser und ihren jahrzehntelangen Kampf darum, frei und gleichberechtigt auf dem Land ihrer Vorfahren leben zu können? Der Krieg, der mit dem Überraschungsangriff der Hamas begann, brachte zuvor unvorstellbare Zerstörung. Die Zahlen sind bekannt und mittlerweile auch von den Israelis selbst weitgehend akzeptiert: um die 70.000 Tote und 170.000 Verwundete, über 80 Prozent der physischen Infrastruktur Gazas zerstört oder beschädigt. Kein einziges Krankenhaus ist unbeschadet, die Hälfte sind vollständig zerstört.
Für die Menschen in Gaza, von denen über 90 Prozent obdachlos geworden sind und in provisorischen Zeltlagern leben, mit kaum Zugang zu Trinkwasser, medizinischer Versorgung oder ausreichender Ernährung, ist verständlicherweise das unmittelbare Überleben das vorrangige Anliegen. Die überwiegende Mehrheit der Bewohner Gazas hat seit Beginn des Krieges nicht gearbeitet und daher kein nennenswertes Einkommen gehabt, die Inflation grassiert und selbst Grundnahrungsmittel sind für die meisten schwer zu bekommen. Obwohl Israel die Kontrollen am Grenzübergang Rafah zeitweise lockerte, sodass eine kleine Anzahl von Bewohnern ausreisen und größere Mengen an Hilfsgütern eingeführt werden konnten, bleibt dies weit hinter dem zurück, was Hilfsorganisationen für notwendig halten. Ob er nicht bald wieder vollständig geschlossen wird, wie zu Beginn des Irankriegs, entscheiden allein die Israelis.
Diese haben sich zwar vorerst »zurückgezogen« und ermöglichen es der Hamas, ihre Autorität über die von ihnen hinterlassenen Trümmer wiederherzustellen, aber keine der Konfliktparteien hat viel zu bieten jenseits des nackten Überlebens: Die Israelis haben schlicht kein Interesse daran, zu helfen, und der Hamas fehlen sowohl die Ressourcen als auch – nach dem Angriff vom 7. Oktober – die internationale Legitimität, diese zu beschaffen. Es ist daher nicht unvorstellbar, dass die Bewohner Gazas noch jahrelang in ihrer derzeitigen Lage schmachten werden, am Leben gehalten, aber ohne die Möglichkeit, ihr Land zurückzugewinnen oder ihr Leben wieder aufzubauen.
»Die Gefahr ist, dass während die Weltöffentlichkeit auf den Irankrieg schaut, die Lage in Gaza sich weiter verschlechtert und die Israelis die Abtrennung von 53 Prozent des Gebietes permanent machen.«
Die für einen solchen Wiederaufbau erforderlichen Ressourcen sind beträchtlich – die jüngste Schätzung der Vereinten Nationen beläuft sich auf etwa 70 Milliarden US-Dollar, eine erschütternde Summe für den Gazastreifen, dessen BIP vor dem Krieg nur etwa 3 Milliarden betrug. Manche externe Beobachter stellen sogar in Frage, ob Gaza überhaupt wieder aufgebaut werden sollte, angesichts der überwältigenden Menge an Trümmern und Giftstoffen, die sich über die zwei Jahre angesammelt haben. Für die Menschen dort, die weder die Mittel noch die Möglichkeit haben, ein neues Leben woanders zu suchen, gibt es keine andere Perspektive. Der Wiederaufbau ist notwendig.
Aus der Geschichte wissen wir, dass es durchaus möglich ist, fast vollständig zerstörte Städte wieder aufzubauen. Man denke nur an die legendären Fälle von Guernica, Warschau oder Hiroshima. Gaza steht bereits in einer Reihe mit diesen Städten, was den apokalyptischen Grad der Zerstörung angeht, und könnte gleichermaßen zu einem Symbol des Wiederaufbaus werden. Die Ressourcen sind vorhanden – 70 Milliarden Dollar klingen vielleicht nach einer enormen Summe, entsprechen aber letztlich etwa den »Verteidigungsausgaben« Israels für zwei Jahre oder nur etwas mehr als 10 Prozent des jährlichen israelischen BIP. Saudi-Arabien, das stets darauf bedacht ist, verbal Solidarität mit den Palästinensern zu bekunden, während es hinter deren Rücken Geschäfte mit Israel macht, gibt in einem einzigen Jahr mehr als 70 Milliarden Dollar für Waffen aus – ganz zu schweigen von den wirklich obszönen Summen, die von der Schutzmacht Israels und Saudi-Arabiens, den USA, bereitgestellt werden.
Allerdings fehlt den Palästinensern ein entscheidender Hebel: ein souveräner Staat, der in der Lage wäre, die für ein solches Unterfangen erforderlichen Kapazitäten zu organisieren. In dieser Hinsicht ist Gaza emblematisch für die Lage der Palästinenser in beiden Teilen der besetzten Gebiete seit Jahrzehnten: Jedes Zukunftsszenario, jede Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden, geschweige denn auf ein Leben in Würde, hängt ausschließlich von der Willkür mächtiger fremder Akteure ab, die über ihre Köpfe hinweg regieren. Diese fundamentale, anhaltende Ungerechtigkeit bildet den Hintergrund für alles, was in den letzten zweieinhalb Jahren geschehen ist. Solange sie ungelöst bleibt, ist die nächste Katastrophe nur eine Frage der Zeit.
In diesem Kontext muss der Angriff auf Iran als Erweiterung des Feldzuges der letzten zweieinhalb Jahre gesehen werden. Europas Staatschefs scheinen sich, mit wenigen ehrenhaften Ausnahmen, den Kriegszielen Netanjahus und Trumps angeschlossen zu haben. Die Gefahr ist, dass während die Weltöffentlichkeit auf den Irankrieg schaut, die Lage in Gaza sich weiter verschlechtert und die Israelis die Abtrennung von 53 Prozent des Gebietes permanent machen. Immerhin war es nicht zuletzt die wachsende internationale Empörung, die Netanjahu dazu zwang, den Waffenstillstand umzusetzen.
Denn während Gaza in Schutt und Asche gelegt wurde, löste die Zerstörung, die weltweit im Livestream zu sehen war, auch eine der größten und nachhaltigsten Solidaritätskampagnen der jüngeren Geschichte aus. Forscher verzeichnen seit Kriegsbeginn fast 50.000 Demonstrationen, an denen Millionen Menschen teilnahmen. Obwohl knapp die Hälfte davon im Nahen Osten selbst stattfand, zählte Europa bemerkenswerte 8.000 Proteste und Nordamerika weitere 6.000. Nie zuvor war das Schicksal der Palästinenser so sichtbar und die öffentliche Meinung so eindeutig auf ihrer Seite. Selbst in Ländern wie Deutschland oder den USA, deren Regierungen seit langem die engsten finanziellen und militärischen Unterstützer Israels sind, hat sich die öffentliche Stimmung deutlich zugunsten Palästinas gewandelt. Die internationale Solidaritätsbewegung, die seit fast zwei Jahrzehnten langsam aber sicher gewachsen ist, ist heute Mainstream, in nicht wenigen Ländern gar hegemonial.
»Ungeachtet gelegentlicher Fensterreden über ›strategische Autonomie‹ sind die europäischen Staatschefs entweder nicht in der Lage oder nicht willens, sich vorzustellen, dass ihr Kontinent jemals mehr als eine untergeordnete Provinz der USA werden könnte.«
Auch wenn ihre konkreten Erfolge sich bisher in Grenzen halten, ist dieses Aufblühen der Solidarität eine hofnungsvolle Entwicklung im breiteren Kontext des globalen Wettrüstens, politischer Instabilität und allgemeinem gesellschaftlichem Rechtsruck. Die Kriege gegen Gaza und nun auch Iran sind zu Symbolen geworden für eine Welt, in der Akteure, die für Völkerrecht und Menschenrechte zu stehen beanspruchen, Recht und Leben mit Füßen treten. Eine Welt, in der es mehr als genug Ressourcen gibt, um Hunger und Obdachlosigkeit auf der ganzen Welt zu eliminieren, aber stattdessen Abermilliarden in Technologien investiert werden, die Hunger und Obdachlosigkeit vermehren; in der 2 Millionen Menschen bombardiert und ausgehungert werden, während wenige Kilometer vom Grenzzaun entfernt der Alltag weitergeht.
Unterstützung für Palästina hat insofern sowohl eine moralische als auch eine politische Dimension. Sich für Palästina einzusetzen, bedeutet erstmal, sich dem herrschenden Diskurs zu widersetzen, in dem Palästinenser bestenfalls als Opfer, schlimmstenfalls als Terroristen, aber stets als selbst schuld an der eigenen Lage dargestellt werden. Es bedeutet zu erkennen, dass etwas grundsätzlich schief läuft in unserer Gesellschaft. Wenn aber Palästina eine Zukunft haben soll, reicht es nicht aus, moralisch Zeugnis abzulegen – dies muss mit einem echten politischen Wandel einhergehen, zumindest in den Ländern, die Israel unterstützen, wenn nicht sogar in Israel selbst.
Die Aussichten auf einen solchen Wandel werden in der kommenden Periode allerdings eher düsterer. Denn das erneute Kriegsgeschehen bedeutet zwar in erster Linie unzählige Tote und Zerstörung im Iran, führt aber gleichzeitig auch zu einer Verhärtung der geopolitischen Fronten und einer Verkleinerung der politischen Spielräume unter Israels Bündnispartnern. Trotz Trumps offener Drohungen gegen die territoriale Integrität westlicher Verbündeter und Netanjahus eklatanter Missachtung selbst der zaghaftesten europäischen Forderungen nach Diplomatie scheinen Berlin und Brüssel sich voll und ganz hinter die jüngsten Kriegsziele gestellt zu haben. Ungeachtet gelegentlicher Fensterreden über »strategische Autonomie« sind die europäischen Staatschefs entweder nicht in der Lage oder nicht willens, sich vorzustellen, dass ihr Kontinent jemals mehr als eine untergeordnete Provinz der USA werden könnte – und zwar eine, die nun entschlossen ist, den Niedergang des Imperiums mit Gewalt aufzuhalten und innenpolitische Verschärfungen dabei in Kauf zu nehmen.
»Bei Palästina handelt es sich nicht um einen amorphen ›Nahostkonflikt‹, der in uralten Feindschaften wurzelt, sondern um eine brutale Besatzung und integralen Bestandteil der transatlantischen Allianz, die die Welt gerade ins Chaos stürzt.«
Denn auch wenn Israels große Rolle in der aktuellen Auseinandersetzung nicht übersehen werden kann, sind es letztlich die USA, die die Karten in der Hand halten. Netanjahu konnte seine amerikanischen Gönner nur deshalb zu diesem Krieg überreden, weil der derzeitige Bewohner des Weißen Hauses eine aggressive, offen expansionistische Politik verfolgt, die seine Vorgänger zumindest hinter hochtrabender Rhetorik zu verbergen suchten. Was mit dem 7. Oktober als Vorwand für Israels rechtsextreme Regierung begann, um die ethnische Säuberung des besetzten Palästinas zu beschleunigen, hat sich nun zu einer umfassenderen Kampagne entwickelt, um die amerikanische Vorherrschaft in der Region mit Gewalt durchzusetzen.
Doch Invasionskriege haben auch die Angewohnheit, nicht wie geplant zu verlaufen. Die amerikanischen Überfälle auf Afghanistan und Irak vor zwei Jahrzehnten liefen anfangs scheinbar reibungslos, mit ähnlich machttrunkenen Prahlereien aus dem Weißen Haus, bevor sie in äußerst blutigen und kostspieligen geostrategischen Sackgassen landeten. Netanjahus und Trumps dreister Überraschungsangriff könnte nach hinten losgehen und zu unvorhersehbaren militärischen oder geopolitischen Konsequenzen führen. Es ist auch nicht auszuschließen, dass er einen größeren Backlash als erwartet provoziert, der andere politische Konstellationen denkbar macht.
Die Solidaritätsbewegung der letzten zwei Jahre hat einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, das Schicksal Gazas im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit zu halten. Der Irankrieg – der bereits jetzt mehrheitlich abgelehnt wird sowohl in Europa als auch in den USA – bietet nun eine Chance, diese Bewegung breiter aufzustellen und die Kluft zwischen öffentlicher Meinung und offizieller Politik, die sich seit 2023 auftut, noch zu vertiefen. Denn bei Palästina handelt es sich nicht um einen amorphen »Nahostkonflikt«, der in uralten Feindschaften wurzelt, sondern um eine brutale Besatzung und integralen Bestandteil der transatlantischen Allianz, die die Welt gerade ins Chaos stürzt. Immer mehr Menschen hierzulande fragen sich, warum wir eigentlich Kriege mitfinanzieren, die vor allem Unschuldige töten und die ganze Welt unsicherer machen. Um die Lage in Palästina zu verändern, müssen es aber noch viel mehr werden.
Loren Balhorn ist Editor-in-Chief von Jacobin.