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Das Online-Magazin von JACOBIN Deutschland

21. April 2026

Wie Genossen­schaften im Kampf gegen Tech-Imperien helfen könnten

Genossenschaften werden oft als Versuche abgetan, sozialistische Inseln im Kapitalismus zu schaffen. Doch sie könnten auch eine demokratisch kontrollierte Tech-Infrastruktur bilden, die die Arbeiterklasse gegen die Konzerne ermächtigt.

Protestierende Google-Beschäftigte in London. Dass »Don't be evil« keine ausreichende Strategie ist, gilt nebenher auch für die Genossenschaftsbewegung.

Protestierende Google-Beschäftigte in London. Dass »Don't be evil« keine ausreichende Strategie ist, gilt nebenher auch für die Genossenschaftsbewegung.

IMAGO / ZUMA Press Wire

Im Juni vergangenen Jahres gab es beim Internationalen Strafgerichtshof (ICC) Betriebsstörungen: Microsoft hatte im Zuge von US-Sanktionen das offizielle E-Mail-Konto des ICC-Chefanklägers gesperrt. In dieser Episode findet sich ein altbekanntes Muster: Systeme, die einst als offene, neutrale Kommunikationskanäle gedacht waren, werden zu privat kontrollierten Schaltstellen, die ganze Institutionen aufgrund einer einzigen politischen Entscheidung oder eines vermeintlichen Fehltritts lahmlegen können. Und der ICC-Vorfall war kein Einzelfall.

Weltweit können Millionen Menschen und ganze Staatsapparate gegebenenfalls ihre alltäglichen Tätigkeiten und Aufgaben nicht mehr ausüben, wenn sie durch Maßnahmen behindert werden, die sie meist weder kontrollieren noch verstehen. Und in diesem Sinne ist die tatsächliche Folge der KI-Verbreitung nicht nur Automatisierung oder Effizienz, sondern vor allem Abhängigkeit. Demokratische Institutionen sind zunehmend von technischen Systemen abhängig, die ihnen nicht gehören und die sie nicht überprüfen können.

Unterdessen hat sich ein Großteil der Linken in akademische Arbeiten und Podiumsdiskussionen zurückgezogen. Gewerkschaften, Genossenschaften und lokale politische Kollektive, die handlungsfähig sind, werden immer weniger. Der bekannte Ruf nach einer »Rückeroberung des Staates« durchläuft erneut frühere politische Zyklen, in denen von ausgelaugten öffentlichen Behörden – die finanziell ausgehungert und zunehmend von privaten Auftragnehmern abhängig sind – Veränderungen erwartet wurden, zu deren Umsetzung sie schlichtweg nicht mehr in der Lage sind.

»Amazon und Meta geben jeweils mehr für Lobbyarbeit aus als die meisten Gewerkschaftsverbände für ihre gesamte Organisation.«

Selbst wenn sich kluge, progressive politische Führungsfiguren finden sollten, die in der Lage wären, Trump und Co. die formale Macht wieder zu entreißen, würden sie sich immer noch privatwirtschaftlichen digitalen Imperien gegenübersehen, die das Spielfeld kontrollieren. Heute befinden sich etwa zwei Drittel der globalen Cloud-Infrastruktur im Besitz von nur drei US-Unternehmen. Dies verleiht ihnen eine strukturelle Macht, mit der demokratische Institutionen realistisch gesehen einfach nicht mehr mithalten können.

Gleichzeitig ist die Genossenschaftsbewegung in einer kurzsichtigen Politik festgefahren. Man klammert sich an den Slogan des UN-Jahres der Genossenschaften 2025 »Genossenschaften schaffen eine bessere Welt«, als ob solche Kollektive allein eine schönere Zukunft vorwegnehmen würden, und ignoriert dabei breitere Koalitionen. Das ist bedeutsam. Regierungen auf der ganzen Welt richten ihre Digitalpolitik nach den Vereinigten Staaten aus, die selbst von Konzernen abhängig sind, die KI-Systeme entwickeln und trainieren. Dennoch tun wir weiterhin so, als ob eine Regulierung der KI von politischen Entscheidungsträgern mit ausreichend Willen und Fähigkeiten für radikale Reformen vorangetrieben werden könnte. Solche Persönlichkeiten sind heute weltweit aber kaum zu finden.

Was wir brauchen, ist eine Gegenmacht, die in der Lage ist, auf der Ebene zu agieren, auf der Technologieunternehmen derzeit dominieren: Kapital, Infrastruktur und politischer Zugang. Diese Fähigkeiten lassen sich nicht allein durch Wahlen herbeizaubern. Die Marktbewertung von Nvidia konkurriert mittlerweile mit der größerer Volkswirtschaften; Amazon und Meta geben jeweils mehr für Lobbyarbeit aus als die meisten Gewerkschaftsverbände für ihre gesamte Organisation. So können Großkonzerne sicherstellen, dass regulatorische Rahmenbedingungen lange vor der Abstimmung im Parlament schon feststehen.

Wenn nun die »digitale Souveränität« entdeckt wird, wird das tatsächliche Problem identifiziert, doch die Lösung bleibt im Dunkeln. Der Staat wird eher als etwas betrachtet, das man zurückerobern kann, statt als eine Arena, die bereits von konzentrierter privatwirtschaftlicher Macht vorstrukturiert ist. Die Rückeroberung öffentlicher Autorität hängt daher von der Stärkung der demokratischen Elemente in der Wirtschaft selbst ab – dem Wiederaufbau von Institutionen, die in der Lage sind, Kapital zu bündeln, in großem Maßstab zu koordinieren und Einfluss auszuüben. Genossenschaften bleiben, wenn sie politisiert und zu Verbänden zusammengeschlossen werden, eines der wenigen Instrumente, die für diese Aufgabe zur Verfügung stehen.

Organisieren und aufbauen

Gegenmacht wird aber nicht von isolierten Einzelakteuren oder durch intellektuelle Argumente allein aufgebaut. Wenn die Linke wieder an Bedeutung gewinnen soll, muss intellektuelle Arbeit wieder mit Organizing und materiellem Kampf verbunden werden. Kurz gesagt: Die Aufgabe besteht nicht darin, das Fehlen eines politischen Subjekts zu beklagen, sondern ein neues aufzubauen.

W. E. B. Du Bois erkannte dies nach der Krise von 1929, als er sich Genossenschaften als Mittel zum Lebensunterhalt und zur Durchsetzung der ökonomischen Rechte Schwarzer Menschen zuwandte. Er schrieb: »Was wir heute brauchen, ist nicht allein der Kampf, sondern die ökonomische Sicherheit, die uns den Kampf ermöglicht. Was wir brauchen, sind keine lautstarken Klagen, sondern ein Sieg über die drohende Hungersnot, der uns die Kraft gibt, unsere zukünftigen Klagen mit Macht zu untermauern.«

»Mit einem Jahresumsatz von mehreren Billionen Dollar zeigen Genossenschaften, dass demokratisches Eigentum bereits auf systemischer Ebene existiert und als Gegenmacht zu konzentrierter digitaler Konzern-Kontrolle fungieren kann.«

Diese Einschätzung hat bis heute Gültigkeit. Mit über einer Milliarde Mitgliedern weltweit und einem Jahresumsatz von mehreren Billionen Dollar zeigen Genossenschaften, dass demokratisches Eigentum bereits auf systemischer Ebene existiert und als Gegenmacht zu konzentrierter digitaler Konzern-Kontrolle fungieren kann.

Wir wollen die Herausforderungen nicht herunterspielen: Genossenschaften haben zu kämpfen mit Vereinnahmung, internen Hierarchien, wirtschaftlichem Druck, einem Rechtsruck in der Politik und einer langen Geschichte des Reformismus. Doch die Alternativen sind rar. Ohne eine Annäherung zwischen Genossenschaften und breiteren Bewegungen bleibt die ökonomische Macht in den Händen der marktbeherrschenden Unternehmen.

Wir haben nicht die Absicht, Genossenschaften zu idealisieren oder so zu tun, als seien sie von Natur aus revolutionär. Viele sind genau zu den Systemen verkommen, denen sie einst widerstehen wollten. Wie wir jedoch in unserer Publikation Cooperative AI? argumentieren, bleiben Genossenschaften eines der wenigen praktischen Instrumente, die für eine breitere Zusammenarbeit von Gewerkschaften, sozialen Bewegungen und Regierungen zur Wiederherstellung von Macht in KI-zentrierten Wirtschaftssystemen zur Verfügung stehen.

Ohne ein politisches Mandat können Genossenschaften jedoch keine bedeutende Konkurrenz für die Big-Tech-Unternehmen und ihre Kontrolle über die wesentlichen Infrastrukturen des KI-Zeitalters darstellen: Energie, Daten, Rechenleistung und Arbeit. Die Rückbesinnung auf die radikalen Wurzeln der Genossenschaftsbewegung ist nun unerlässlich. Denn Genossenschaften ohne eine explizit sozialistische Politik sind strukturell dazu verdammt, das System zu reproduzieren, das sie eigentlich in Frage stellen wollten.

Genossenschaftliche und sozialistische Bewegungen vereinen

Genossenschaften stehen nicht außerhalb der Politik – das haben sie nie –, und der Anspruch, unpolitisch zu sein, spiegelt kein genossenschaftliches Prinzip wider, sondern im Gegenteil eine politische Entscheidung. So etwas wie »Unpolitischsein« gibt es nicht: Für James Baldwin ist Ablehnung ein Privileg; für Hannah Arendt bedeutet Rückzug die Aufgabe von Verantwortung; und für Antonio Gramsci festigt Gleichgültigkeit die Hegemonie.

Genossenschaften sollten ein kollektiver Ausdruck der Menschen sein, die ihnen angehören – ein Ort, an dem ihre Werte offen zum Ausdruck kommen und nicht verborgen bleiben. Einige der weltweit größten gewinnorientierten Genossenschaften üben erheblichen politischen Einfluss aus. In lateinamerikanischen Staaten, in Indien, Kenia, Japan und in Europa fungieren Genossenschaften als politische Maschinen, Instrumente der Klientelpolitik oder sogar als verlängerter Arm konservativer Regierungsblöcke. Die größten Genossenschaftsverbände in Indien sind ein gutes Beispiel dafür. Viele Genossenschaften haben ihre demokratischen Strukturen ausgehöhlt oder eine neoliberale Politik übernommen, die ihren ursprünglichen Zweck verwässert. Die Frage ist letztendlich nicht, ob Genossenschaften politisch sind, sondern welche Politik sie vertreten.

»Genossenschaften können zu Instrumenten für soziale Gerechtigkeit werden und gleichzeitig Bewegungen und Gewerkschaften den ökonomischen Rückhalt geben, um deren Kämpfe voranzutreiben.«

Die KI-Systeme der Big-Tech-Unternehmen verschärfen Krisen, vom Klimawandel bis hin zu rassistischer und klassenbezogener Ausbeutung. Die neoliberale Politik hat dieser Machtkonzentration nicht entgegengewirkt. Nur Genossenschaften, die ein explizit radikales politisches Mandat formulieren – im Einklang mit feministischen, ökologischen, arbeiterorientierten und antirassistischen Bewegungen – können diesen Herausforderungen gerecht werden. Sie müssen sich auf eine Tradition berufen, die von den Rochdale Pioneers Mitte des 19. Jahrhunderts bis zu Du Bois’ Kampagnen für Wirtschaftsdemokratie reicht, in denen Genossenschaften als sozialistische Hebel zum Aufbau der Macht der Arbeiterklasse fungierten.

Die Wiederbelebung dieser Ansätze wird nicht von selbst geschehen. Sie erfordert eine nachhaltige politische Bildung sowie Genossenschaften, die zu authentischen Ausdrucksformen der gelebten Interessen und Werte ihrer Mitglieder werden. Sie muss durch zwei miteinander verbundene Entwicklungen aufgebaut werden: die Radikalisierung der Genossenschaftsbewegung selbst und die strategische Nutzung von Genossenschaften durch Gewerkschaften und soziale Bewegungen als Teil ihres breiteren Kampfes.

Das Zusammenwirken von Gewerkschaften, sozialen Bewegungen und Genossenschaften kann zu einer gegenseitigen Radikalisierung führen. So können Genossenschaften zu Instrumenten für soziale Gerechtigkeit werden und gleichzeitig Bewegungen und Gewerkschaften den ökonomischen Rückhalt geben, um deren Kämpfe voranzutreiben.

Soziale Bewegungen und Gewerkschaften können Genossenschaften also nutzen, um die für ihre Kämpfe notwendige wirtschaftliche Macht aufzubauen. Sie können im Hier und Jetzt die Verhältnisse verbessern und zugleich sozialistische Unternehmen vorwegnehmen. In diesem Sinne können Genossenschaften als das fungieren, was Gramsci in den Fabrikräten der 1920er Jahre sah: von Arbeiterinnen und Arbeitern geführte und kontrollierte Formen eines sozialistischen Wirtschaftssystems. Gewerkschaften können mit Genossenschaften zusammenarbeiten, um ihre Verhandlungsmacht zu stärken, wie es einst die Knights of Labor taten, indem sie Arbeiterunternehmen gründeten, um Streiks zu finanzieren. In ähnlicher Weise können Bewegungsakteure Genossenschaften aufbauen, die ihre Organizing-Arbeit unterstützen.

Kooperieren

Arbeiterinnen und Arbeiter zeigen bereits, wie diese Konvergenz und Kooperation aussehen kann: Nachdem im Jahr 2021 mehr als 400 Angestellte in der GKN-Autoteilefabrik bei Florenz entlassen worden waren, startete die örtliche Gewerkschaft eine langwierige Fabrikbesetzung, die sich zu einem genossenschaftlichen Reindustrialisierungsprojekt entwickelte. Das Ergebnis wird von Klimaaktivisten ebenso unterstützt wie von örtlichen politischen Institutionen und genossenschaftlichen Investoren.

Genau wie die Arbeiter-Fabrikübernahmen in Argentinien und das Wachstum von Plattformgenossenschaften zeigt dieser Fall, dass Genossenschaften in der Regel aus Kämpfen hervorgehen und an Schlagkraft gewinnen, wenn Gewerkschaften, soziale Bewegungen und der öffentliche Sektor gemeinsam handeln. Andererseits bleiben sie fragil, wenn diese Allianzen schwächer werden.

»Explizit linke Politik zu vertreten, würde sowohl das allgemeine Image der Genossenschaftsbewegung als auch die interne Organisation von Arbeit und Produktion in vielen Genossenschaften grundlegend verändern.«

Dieses Modell lässt sich auch auf den Bereich KI übertragen. Genossenschaften fungieren bereits als Proofs of Concept: Sie zeigen, dass alternative technologische Wege möglich sind, indem sie die Datenverwaltung demokratisieren oder aufkommende KI-Oligopole bekämpfen. Diese Bemühungen werden jedoch marginal bleiben, wenn Genossenschaften keine klare politische Haltung übernehmen und ihre Arbeit nicht mit breiteren Bewegungen verknüpfen. Nur dann können Interventionen im Bereich KI über isolierte Experimente hinausgehen und beginnen, wirkliche digitale Souveränität von unten aufzubauen.

Solche Allianzen erweitern nicht nur die Reichweite von Genossenschaften, sondern ermöglichen es ihnen auch, Unterstützergruppen zu organisieren und konkrete Forderungen von unten zu stellen. Dies wird deutlich am Beispiel der Drivers Cooperative in New York, die im Namen von 80.000 Fahrerinnen und Fahrern den Green Transition Act vorgestellt hat. Dieses Gesetz würde, wenn es verabschiedet wird, Fahrerinnen und Fahrer beim Kauf von Elektro- und rollstuhlgerechten Fahrzeugen unterstützen und ihnen so den Übergang vom reinen Fahrdienstvermittlungsgeschäft zu Jobs in der grünen Industrie erleichtern – etwas, das keine Gewerkschaft und keine Interessenvertretung allein erreicht hätte.

Jüngste Debatten bei Jacobin weisen zunehmend auf Genossenschaften als Instrumente für den Sozialismus hin. So formuliert beispielsweise Daniel Wortel-London: »Genossenschaften können und sollten die anderen strategischen Bemühungen der Linken ergänzen.« Wenn Genossenschaften in diesen Debatten auftauchen, werden sie oft als fast schon nebensächliche Ergänzungen zu staatspolitischen Strategien oder als reine Warnung vor dem Abdriften und vor Vereinnahmung behandelt. Dabei wird der entscheidende Punkt übersehen, dass Genossenschaften mit sozialen Bewegungen zusammenarbeiten müssen. Ihr Überleben und ihre Relevanz hängen von einem expliziten politischen Engagement und der Integration in Gewerkschaften und Bewegungen ab. Dies gilt auch für den Kampf in Sachen KI.

Abstriche machen

Explizit linke Politik zu vertreten, würde sowohl das allgemeine Image der Genossenschaftsbewegung als auch die interne Organisation von Arbeit und Produktion in vielen Genossenschaften grundlegend verändern. Eine Annäherung an klassenbasierte Bewegungen sowie Bewegungen für Klima-, Geschlechter- und ethnische Gerechtigkeit wäre nicht nur eine symbolische politische Ausrichtung, sondern würde auch dazu führen, dass gewisse etablierte Praktiken aufgegeben werden müssten.

Auf Makroebene würde dies eine weitaus explizitere und schnellere politische Positionierung der repräsentativen Organe der Genossenschaftsbewegung erfordern. Falsch agierende oder gar ausbeuterische Genossenschaften würden stärker kritisiert, während gleichzeitig weitgehend unsichtbare, aber weit verbreitete Missstände innerhalb des Genossenschaftssektors aufgedeckt und beseitigt würden – beispielsweise die Existenz einer beträchtlichen Zahl von angestellten Arbeitskräften, die keine politische Macht haben und in einigen Fällen direkt von den Genossenschaftsmitgliedern selbst ausgebeutet werden. Ein Beispiel ist die häufige Zurückhaltung, offensichtliche Verbrechen wie den Völkermord an den Palästinenserinnen und Palästinensern klar und deutlich zu verurteilen.

Auf organisatorischer Ebene könnte eine solche Annäherung zu einem stärkeren und systematischeren Engagement für Klimagerechtigkeit sowie für die Einbeziehung und Stärkung marginalisierter Gruppen innerhalb von Genossenschaften führen. Die frühen Satzungen der Drivers Cooperative bieten ein konkretes Beispiel dafür, was eine solche Annäherung pragmatisch bedeuten könnte: Dazu gehören die formelle Förderung der Repräsentativität diverser Wanderarbeiterinnen und Wanderarbeiter oder der Beteiligung von Frauen innerhalb einer stark männlich dominierten Belegschaft; das Befürworten eines angemessenen Mindeststundenlohns; oder die konkrete Unterstützung globaler Gerechtigkeitsbewegungen.

Andererseits sollten wir uns auch der Kosten und möglichen Nebeneffekte bewusst sein, die eine solche Strategie mit sich bringen dürfte. Die Übernahme einer sozialistischen Perspektive hätte reale Konsequenzen für die gesamte Genossenschaftsbewegung sowie für soziale Bewegungen und Gewerkschaften. Von Brasilien über Italien bis hin zu den Vereinigten Staaten stehen große Teile des heutigen Genossenschaftssektors nicht auf der Seite der Linken, sondern stärken oft sogar politische Kräfte, die ihr entgegenstehen. Eine Hinwendung zu einer explizit sozialistischen Politik würde Teile der Bewegung spalten, die Fiktion der »unpolitischen« Genossenschaft entlarven und Akteure entfremden, die sich für diese (vermeintliche) politische Neutralität einsetzen. In einigen Kontexten können bestehende Machtverhältnisse einen solchen Wandel besonders kostspielig oder auch komplett unhaltbar machen.

Doch Pragmatismus darf nicht zu Lähmung führen. Wo eine sozialistische Perspektive realistisch ist, sollte sie auch dann verfolgt werden, wenn dies bedeutet, dass man Teile der Genossenschaftsbewegung verliert. Schließlich sind Genossenschaften Mittel zum Zweck und kein Selbstzweck. Gleichzeitig können Gewerkschaften und soziale Bewegungen Genossenschaften zwar zu Recht als ressourcenintensiv oder politisch kompromittiert betrachten, aber sie können die Notwendigkeit einer dauerhaften ökonomischen Grundlage nicht ignorieren: Kämpfe scheitern, wenn die materielle Unterstützung ausgeht. Allianzen sollten strategisch und nicht romantisch oder romantisierend geschmiedet werden. Es muss anerkannt werden, dass Genossenschaften in manchen Kontexten reformistisch oder konservativ bleiben – und dann eben weniger Partner als vielmehr politisches Hindernis sind.

Eine Annäherung zwischen Genossenschaftswesen und sozialen Bewegungen könnte bewusst Bereiche identifizieren, in denen Genossenschaften als wirksame Instrumente zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen und für den breiteren Kampf um Wirtschaftsdemokratie dienen können. Ebenso muss anerkannt werden, dass in anderen Kontexten der Druck zu groß sein kann, sodass andere Formen der Arbeiterorganisation effektiver sind.

»Entweder wird demokratische ökonomische Macht von unten neu aufgebaut – oder aber Infrastruktur und Technologie werden unverantwortlichen privatwirtschaftlichen Großkonzernen überlassen.«

Es geht hier nicht um symbolische Anpassung, sondern um praktische Orientierung: Eine klare politische Positionierung nach außen prägt, mit wem Genossenschaften zusammenarbeiten, wie sie Ressourcen verteilen und welche Risiken sie eingehen. Sie eröffnet dauerhafte Allianzen mit Gewerkschaften und sozialen Bewegungen, bettet die genossenschaftliche Praxis in breitere politische Kämpfe ein und verdeutlicht, welche Gegner – seien es staatliche Akteure, Geldgeber oder Partner auf dem Markt – sie möglicherweise nicht (mehr) akzeptieren können. In diesem Sinne verringert politische Positionierung strategische Unklarheiten, verhindert eine stille Vereinnahmung durch feindliche Kräfte und wirkt sich direkt auf Arbeitsprozesse, Governance-Prioritäten und Produktionsentscheidungen aus.

Ein solcher Ansatz wird oft mit Verweisen auf die »Neutralität« von Rochdale abgelehnt. Doch die Rochdale-Pioniere mögen politische Neutralität betont haben, jedoch in einem engen und strategischen Sinne, der häufig falsch interpretiert wird: Viele waren aktive Chartisten, die von utopisch-sozialistischen Ideen beeinflusst waren und sich für eine Demokratie der Arbeiterklasse einsetzten. »Neutralität« bezog sich nicht auf ihre Überzeugungen, sondern auf die interne Arbeitsweise der Genossenschaft: Sie wollte sich keiner politischen Partei oder religiösen Gruppierung anschließen. Diese Trennung schützte eine fragile Institution vor Spaltung und Repression. Rochdale war nicht entpolitisiert, sondern unterschied bewusst zwischen dem Aufbau von Institutionen und parteipolitischen Konflikten – und blieb dabei stets in der radikalen Arbeiterpolitik verankert.

Für heutige Genossenschaften bietet eine nach außen deutlich gemachte politische Positionierung konkrete Vorteile. Sie definiert Prioritäten, die über das reine ökonomische Überleben hinausgehen, legitimiert Umverteilungspraktiken, die vom Markt sonst sanktioniert würden, ermöglicht den Austausch zwischen verschiedenen Bewegungen und verankert Genossenschaften in aktuellen gesellschaftlichen Kämpfen. So positionieren sich Genossenschaften als politische Akteure und nicht als unbeteiligte Zuschauer. Dies trägt dazu bei, dass sie ein Mittel zur gesellschaftlichen Transformation bleiben und nicht zum reinen Selbstzweck werden.

Soziale Bewegungen und Gewerkschaften können alternative Genossenschaftsverbände aufbauen oder, wo möglich, institutionelle Genossenschaften einbinden und sie in eine linke Richtung lenken. Die Beziehung ist immer politisch und ungleich, was mit echten Risiken verbunden ist. Wenn sie jedoch funktioniert, verankert eine solche Konvergenz und Kooperation den Kampf in materiellen Institutionen. Das stärkt die Fähigkeit der Bewegungen, durchzuhalten und letztendlich zu siegen. Trotz der Risiken zeigen die Erfahrungen von GKN, von argentinischen Arbeiter-Betriebsübernahmen, von Plattformgenossenschaften und aus der breiteren genossenschaftlichen Tradition, dass Bewegungen am meisten vorankommen, wenn verschiedene Formen politischer und betrieblicher Machtausübung zusammenwirken.

Macht gestalten

Wenn die Linke aufhören möchte, sich in den eigenen Niederlagen zu suhlen, und stattdessen Macht aufbauen will, muss sie die Illusion aufgeben, dass Wahlen allein Unternehmen einfangen können, die Energie, Daten, Rechenleistung und Arbeit auf globaler Ebene kontrollieren. Ohne den Aufbau ökonomischer Macht bleibt Politik symbolisch.

Eine Rückbesinnung auf die sozialistischen Wurzeln des Genossenschaftswesens ist daher keine bloße Nostalgie, sondern eine strategische Notwendigkeit. Genossenschaften müssen als Instrumente des Klassenkampfs neu ausgerichtet werden. Sie müssen ausdrücklich mit Gewerkschaften, sozialen Bewegungen und öffentlichen Institutionen verknüpft werden. Das wird Konflikte, Fragmentierung und Verluste mit sich bringen. Ganz neutral und pragmatisch geht es nicht.

Entweder wird demokratische ökonomische Macht von unten neu aufgebaut – oder aber Infrastruktur und Technologie werden unverantwortlichen privatwirtschaftlichen Großkonzernen überlassen. Ohne Integration in breitere Bewegungen bleiben Genossenschaften marginal. Mit Integration hingegen können sie zu stabilen Knotenpunkten einer Gegenmacht werden. Macht muss immer aufgebaut, statt lediglich gefordert werden. Die Frage ist, ob die Linke bereit ist, diese Arbeit aufs Neue zu leisten.

Stefano Tortorici ist Doktorand an der Scuola Normale Superiore. Er untersucht, wie Plattformgenossenschaften Arbeitsbedingungen verbessern und Werte unterstützen können.

R. Trebor Scholz ist Professor an der New School sowie Autor und Organizer. Er beschäftigt sich mit den Feldern Arbeit, Technologie und Demokratie.