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01. Februar 2026

Die Incel-Kultur widerlegt die feministische Standpunkttheorie

Die in linken Kontexten verbreitete Standpunkttheorie meint, dass Marginalisierte aufgrund ihrer Erfahrung einen privilegierten Zugang zu Erkenntnis haben. Doch Leiden allein führt nicht zur Wahrheit – das zeigt sich spätestens an der Incel-Bewegung.

Der rechtsextreme politische Kommentator und selbsternannte »Incel« Nick Fuentes spricht bei einer Kundgebung in New York City, 13. November 2021.

Der rechtsextreme politische Kommentator und selbsternannte »Incel« Nick Fuentes spricht bei einer Kundgebung in New York City, 13. November 2021.

IMAGO / MediaPunch

Kaum etwas veranschaulicht die politische Polarisierung unserer Gesellschaften deutlicher als der Konflikt zwischen Feministinnen und Incels. Viele Feministinnen betrachten Incels als frauenfeindliche Männer, die den vermeintlichen Rückgang männlicher Privilegien beklagen, und nicht als selbst vulnerabel. Incels ihrerseits stellen feministische Frauen als manipulierende »Femoids« dar, die Kultur, Politik und soziale Institutionen kontrollieren, aber gleichzeitig eine Opferrolle beanspruchen.

Oberflächlich betrachtet scheint die einzige Gemeinsamkeit zu sein, dass sich jede der zwei Gruppen in Opposition zur jeweils anderen definiert. Es gibt jedoch noch eine weitere, subtilere Parallele: Beide Gruppen ziehen Legitimität und Authentizität aus persönlichen Marginalisierungserfahrungen. Jede Gruppe glaubt, dass sie aufgrund ihrer unterdrückten Stellung die Welt so sieht, wie sie wirklich ist – und lehnt die jeweilige politische Gegenseite als verblendet oder manipulierend ab.

Angesichts der zentralen Bedeutung von Legitimität und Marginalisierung sowohl für die feministische als auch für die Incel-Bewegung drängen sich Fragen auf: Inwiefern kann das Berufen auf persönliche Erfahrungen – insbesondere solche mit Marginalisierungsbezug und -begründung – politisch aufgeladen sein, und gibt es in diesem Sinne politische Grenzen?

Die feministische Standpunkttheorie, die argumentiert, dass Erfahrungen mit Marginalisierung und Diskriminierung wertvolles Wissen hervorbringen können, hat sicherlich analytische Stärken, ist aber auch nicht immun gegen Missbrauch: Wenn persönliche Erfahrung und Marginalisierung als Legitimation und Autoritätsbegründung herangezogen werden, können sie – und tun dies oft auch – repressive Hierarchien hervorbringen, sowohl in progressiven als auch in reaktionären Bewegungen.

Standpunkt, Privileg, Verantwortung

Grundsätzlich ist unumstritten, dass das, was wir wissen und sehen, durch unsere gesellschaftliche Position geprägt ist. Simone de Beauvoir reflektiert in Das andere Geschlecht, dass Ablehnung zu erfahren, weil man eine Frau ist, verdeutlicht, wie die Perspektive einer Person aufgrund ihrer Positionierung in der Gesellschaft anders wahrgenommen wird. Genau diese Erfahrung, nicht ernst genommen zu werden, machte sie sensibel für Geschlechterkonstruktionen. bell hooks weist darauf hin, dass marginalisierte Menschen dominante Strukturen oft klarer erkennen können, gerade weil sie keinerlei Macht über andere haben. Und Nancy Hartsock argumentiert ähnlich, die Marginalisierung von Frauen verschaffe ihnen Einblicke, die Personen im gesellschaftlichen Zentrum oft verborgen bleiben.

In gewisser Weise sind dies Echos auf Karl Marx, der die Position der ausgebeuteten Arbeiterklasse mit einem spezifischen Wissen dieser Klasse verknüpft. Für Marx besitzt die Arbeiterklasse allerdings nicht aufgrund ihres Leidens oder ihrer Unterdrückung ein epistemisches Privileg, sondern weil ihre objektive Position in den Produktionsverhältnissen ihr einen einzigartig klaren Blickwinkel auf die Mechanismen der Ausbeutung verschafft. Dieses Privileg gründet sich auf die praktische und historische Rolle, die die Arbeiterklasse spielen muss: Ihre eigene Befreiung bedarf der Abschaffung der Lohnarbeit, des privaten Eigentums an den Produktionsmitteln und des gesamten Apparats, durch den Mehrwert abgeschöpft wird.

Im Kampf gegen die Ausbeutung ist die Arbeiterklasse gezwungen, sich mit der gesamten Architektur der kapitalistischen Herrschaft auseinanderzusetzen. Sie ist die einzige Klasse, die sowohl ein Interesse an deren Abschaffung hat als auch die strukturelle Fähigkeit dazu besitzt. Somit ist der Standpunkt der Arbeiterklasse nicht moralisch oder aufgrund persönlicher Erfahrung, sondern politisch und materiell »privilegiert«: Ihr Klasseninteresse deckt sich mit der Emanzipation der gesamten Menschheit. Anders gesagt: Das Ende der Ausbeutung der Arbeiterklasse bedeutet das Ende der Ausbeutung an sich.

»Debatten darüber, ›wer über das legitimste Wissen verfügt‹, richten sich dann gegen andere marginalisierte – beziehungsweise etwas weniger marginalisierte – Gruppen, während die tatsächlich Herrschenden solche Auseinandersetzungen schlichtweg ignorieren können.« 

Im Gegensatz zu Marx betrachten Hartsock und andere Feministinnen aus der Standpunkttheorie die Marginalisierung selbst als Ursprung einer solchen privilegierten Perspektive. Dies erweitert den Kreis an Gruppen, die eine derartige epistemische Autorität für sich beanspruchen können, führt jedoch gleichzeitig zum Verlust der materiellen Dimension der Theorie.

In Marginality and Epistemic Privilege hebt die Philosophin Bat-Ami Bar On die politischen Problematiken hervor, die eine solche Position mit sich bringen kann. Indem die Aufmerksamkeit ausschließlich auf Marginalisierung gelenkt wird (ohne die spezifische Natur dieser Marginalisierung oder ihre strukturelle Funktion zu untersuchen), läuft die so aufgebaute epistemische Autorität Gefahr, ein Wettbewerb um den Status als die »am stärksten Unterdrückten« oder Marginalisierten umgedeutet zu werden.

Dies führt häufig zu internen Konflikten innerhalb von Bewegungen. Debatten darüber, »wer über das legitimste Wissen verfügt«, richten sich dann gegen andere marginalisierte – beziehungsweise etwas weniger marginalisierte – Gruppen, während die tatsächlich Herrschenden solche Auseinandersetzungen schlichtweg ignorieren können. So entsteht eine Situation, in der die Machtlosen die etwas weniger Machtlosen der Dominanz und Unterdrückung bezichtigen, während die wirklich Mächtigen sich entspannt zurücklehnen und zufrieden die Hände reiben können.

Das alleinige Berufen auf Marginalisierung kann also Konflikte innerhalb progressiver Bewegungen auslösen; es kommt zu Kämpfen um Autorität und Legitimität. Doch es gibt noch eine weitere Gefahr: Antifeministische Bewegungen können diese Denkmuster ausnutzen und die Instrumente der feministischen Analyse gegen den Feminismus selbst richten. Diese Dynamik zeigt sich klar in meiner Forschung zum Themenkomplex Incel, wo auffallend viele Elemente der feministischen Standpunkttheorie aufgegriffen werden.

Wenn Marginalität reaktionär wird

Auf der Startseite eines der weltweit größten Incel-Foren, Incels.is, sind strenge Regeln gelistet. Die Mitgliedschaft ist auf Männer beschränkt, die sich als echte Incels identifizieren; reine Zustimmung zur Gesellschaftskritik des Forums reicht nicht aus. Frauen sind kategorisch ausgeschlossen: Nach der Incels-Logik ist eine Frau, die zölibatär lebt, niemals wirklich marginalisiert, da sie jederzeit einen Sexualpartner finden könnte. Solche Frauen werden daher als »Volcels« (voluntary celibates, also freiwillig zölibatär Lebende) bezeichnet.

Ein Großteil der Diskussionen im Forum dreht sich darum, wer ein »echter« Incel ist. Die Unterscheidung zwischen »Truecels« und »Fakecels« hängt von den gemachten Erfahrungen ab: Truecels sind zum Zölibat verdammt, während Fakecels diesem mit etwas Anstrengung wohl »entkommen« könnten. Mit anderen Worten: Die epistemische Autorität innerhalb der Community basiert auf Marginalisierung.

Betrachten wir zum Beispiel einen Diskussionsstrang auf Incels.is, in dem Nutzer darüber debattieren, ob »Chads« – Männer, die aufgrund ihrer körperlichen Attraktivität eine privilegierte Position in der Geschlechterhierarchie einnehmen – jemals wirklich »blackpilled« sein können. Wie ein User in dem Thread schreibt: »Sie können das Alles nicht ›wissen‹, sie können es nur bis zu einem gewissen Grad glauben. Der einzige Weg, diese Dinge wirklich zu wissen, ist eigene Erfahrung. Sie werden niemals wirklich blackpilled sein, weil sie niemals echte Zwangseinsamkeit und Hoffnungslosigkeit erleben werden.«

Je mehr ein Mitglied sozial und sexuell ausgegrenzt ist, desto mehr Gewicht und Legitimität hat seine Stimme. Faktoren wie Aussehen, ethnische Zugehörigkeit und gesellschaftlicher Status bestimmen diese Hierarchie weiter. Nach der internen Logik des Forums wird also nach Graden der Marginalisierung geordnet. Die Identität eines Incels ist relational und definiert sich im Verhältnis zu anderen in einem Netz sich überschneidender Achsen – nicht unähnlich des Ansatzes, wie intersektionale feministische Theorien gesellschaftliche Positionierungen beschreiben.

Erfahrung (oder deren Fehlen) ist von zentraler Bedeutung für die Community. Nur diejenigen, die die komplette »Incel-Experience« gemacht haben, gelten als qualifiziert und geeignet, sich zu beteiligen oder Erkenntnisse mitzuteilen. In dieser Hinsicht spiegelt die Community gewisse feministische Ideen über situationsbezogenes Wissen und epistemische Privilegien wider, wendet diese jedoch ohne ethische Reflexion an: Der Zugang zu »wahrem« Wissen wird durch Leiden bestimmt, nicht durch kritische Reflexion oder ein Streben nach Gerechtigkeit.

»Diese Vulnerabilität ernst zu nehmen, bedeutet nicht, die reaktionären Forderungen, beispielsweise in Bezug auf Zugriff auf die Körper von Frauen, zu unterstützen. Es bedeutet vielmehr, anzuerkennen, dass Isolation und Verzweiflung reale gesellschaftliche Zustände sind, mit denen man sich auseinandersetzen muss.« 

Doch Erfahrung allein reicht nicht aus. Im Forum wird außerdem auf ideologische Konformität geachtet: »Bluepilled« Inhalte – Perspektiven, die als naiv oder ignorant gegenüber der gesellschaftlichen Realität angesehen werden, wie Incels sie zu sehen behaupten – sind schlicht verboten. In Anlehnung an die Matrix-Filme symbolisiert die »rote Pille« ein Erwachen; das Erkennen der gesellschaftlichen Realität und Wahrheit. Die »schwarze Pille« signalisiert Hoffnungslosigkeit und politische Passivität. In diesem Verständnis ist die Identität als Incel nicht angeboren, sondern im Laufe der Zeit »erworben«: Sie entsteht durch die Übernahme einer bestimmten Weltanschauung, die kritische Analyse der eigenen Marginalisierung und die Beteiligung an der gemeinsamen Interpretation gesellschaftlicher Strukturen.

In diesem Framing begründen Incels ihre Wahrheitsansprüche sowohl mit ihren eigenen Lebenserfahrungen als auch mit der kollektiven Artikulation dieser Erfahrungen. Feministinnen hingegen werden als »für die Wahrheit blinde Hegemonen« dargestellt. Die Vorstellung, sich in einem hegemonialen feministischen System zu befinden, das es zu entlarven gilt, wird von dem folgenden User zum Ausdruck gebracht, der sich zur Untermauerung seiner These der kritischen Theorie bedient: Demnach lebe man in einer Welt, »die von sexuellen Normen dominiert wird. Nach Gramsci gibt es die Idee, dass die Machthaber – die Bourgeoisie – so ziemlich alles kontrollieren, was unsere gesellschaftliche Kultur prägt. Ob es nun die Filme sind, die man sieht, die Nachrichten, die man liest, oder die Musik, die man hört – alles wurde von ihnen abgesegnet. Und wenn etwas nicht in ihre Agenda passt, erfährt man möglicherweise nie etwas davon.«

Der daraus resultierende Kampf um epistemische Autorität wird somit zu mehr als einer internen Debatte: Er ist ein politisches Schlachtfeld zwischen progressiven Bewegungen und ihren Gegnern. In diesem Sinne fungieren Incel-Foren wie ein düsteres Spiegelbild der feministischen Bewusstseinsbildung, wobei persönliche Erfahrungen in kollektive Erkenntnisse umgewandelt werden. Stellt sich die Frage: Was nun?

Lehren für den Feminismus

Feministinnen lehnen die Narrative der Incel-Bewegung über deren Opferrolle und Marginalisierung häufig als übertrieben oder unaufrichtig ab. Zu Recht, wenn diese Narrative der patriarchalischen Prämisse dienen, dass Männer irgendein Recht auf sexuellen »Zugriff« auf Frauen haben – eine Behauptung, die der Feminismus aus gutem Grund ablehnt.

Dennoch: Diese Foren ziehen offensichtlich viele Jungen und Männer an, die tatsächlich vulnerabel sind. Diese Vulnerabilität ernst zu nehmen, bedeutet nicht, die reaktionären Forderungen, beispielsweise in Bezug auf Zugriff auf die Körper von Frauen, zu unterstützen. Es bedeutet vielmehr, anzuerkennen, dass Isolation und Verzweiflung reale gesellschaftliche Zustände sind, mit denen man sich auseinandersetzen muss.

Ein Grund für die fast vollständige Weigerung, die Vulnerabilität von Incels anzuerkennen, könnte sein, dass dies einen bedeutenden Teil der feministischen Bewegung – gemäß ihrer eigenen Erkenntnistheorie – dazu zwingen würde, die Behauptungen der Incels zumindest ernst zu nehmen. Anstatt die epistemische Verbindung zwischen Marginalität und Glaubwürdigkeit zu überdenken, lehnt ein gewisser Teil des Feminismus die Incel-Narrative in Bezug auf Einsamkeit und Opferrolle kategorisch ab. Dies wiederum schürt bei bestimmten Gruppen von Männern offenbar das Gefühl, dass Feministinnen mehr an Macht und Einfluss interessiert sind als an der Wahrheit.

»Feministische Politik muss die Berücksichtigung der Erfahrungen von Frauen in Einklang bringen mit dem Verständnis, dass Marginalität an sich nicht von Natur aus progressiv ist.« 

Aus marxistischer Perspektive offenbart dies einen entscheidenden Unterschied zwischen Marginalität und epistemischem Privileg. Wie im marxistischen Konzept der »Arbeiterklasse als universelle Klasse« impliziert, wird Erfahrung epistemisch bedeutsam, wenn durch sie die Mechanismen der Ausbeutung und die Möglichkeit ihrer Abschaffung verstanden werden. Indem sie sich den Mechanismen ihrer Unterdrückung entgegenstellt, gewinnt die Arbeiterklasse Erkenntnisse über gesellschaftliche Strukturen, deren Veränderung oder Abschaffung der gesamten Menschheit zugutekommen würde.

Die Lehre für den Feminismus ist ähnlich: Marginalität und Erfahrung verleihen nicht automatisch epistemisches Gewicht, sondern nur dann, wenn sie so mobilisiert werden, dass sie Unterdrückung aufdecken, systemische Hierarchien infrage stellen und kollektives Verstehen fördern. In Incel-Communities hingegen wird Marginalität genutzt, um Unzufriedenheit, Hierarchien und reaktionäre Ideologien zu stärken, anstatt kritische Einsichten oder emanzipatorisches Wissen zu fördern. Feministische Theorien zu Standpunkt und situativem Wissen bergen ein strukturelles Potenzial für missbräuchliche Verwendung, wenn der Anspruch auf Autorität unkritisch einzig und allein mit gemachten Erfahrungen verknüpft wird.

Feministische Politik muss daher die Berücksichtigung der Erfahrungen von Frauen in Einklang bringen mit dem Verständnis, dass Marginalität an sich nicht von Natur aus progressiv ist. Erfahrung sollte Wissen leiten – aber nicht, weil sie aus einer marginalisierten Position heraus gemacht wurde, sondern weil sie kollektive Einsichten hervorbringen, Unterdrückungsstrukturen bekämpfen und Mobilisierung sowie gesellschaftlichen Wandel vorantreiben kann.

Feministinnen müssen sicherstellen, dass epistemische Autorität nicht auf Unzufriedenheit oder einer Opferrolle basiert (wie es bei Incels der Fall ist), sondern auf kritischer Reflexion, kollektiver Verantwortung und einem transformativen Ansatz in Bezug auf bestehende gesellschaftliche Strukturen. Anders ausgedrückt: Die Ethik des Standpunkts muss in Einklang gebracht werden mit der emanzipatorischen Logik, die Marx der Arbeiterklasse zuschreibt.

Evelina Johansson Wilén ist Associate Professor für Gender Studies an der Örebro Universität in Schweden. Sie ist Mitglied der Redaktion der marxistischen Theoriezeitschrift Röda Rummet sowie Autorin eines Buches über Familienabolitionismus, das 2026 bei La Fabrique erscheinen wird.