01.05.2020

»Keine Zeit zu verlieren«

Kevin Kühnert möchte die SPD nach links rücken. Jene Partei also, die dem Neoliberalismus den roten Teppich ausgerollt und sich binnen weniger Jahre von einer Volkspartei zu einer 15-Prozent-Partei entwickelt hat. Warum tut er sich das an?

Kevin Kühnert (30) ist stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD und Bundesvorsitzender der Jusos
Kevin Kühnert (30) ist stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD und Bundesvorsitzender der Jusos

Interview mit Kevin Kühnert geführt von Kevin Kühnert und Sebastian Friedrich

Ein bekannter Spruch lautet: »Wer mit 20 Jahren kein Sozialist ist, der hat kein Herz. Wer es mit 30 Jahren immer noch einer ist, keinen Verstand.« Du bist jetzt genau 30. Bist Du noch Sozialist?

Sonst wäre ich falsch aufgehoben, da, wo ich bin. Ich habe diesen Satz immer als Rechtfertigung von Leuten verstanden, die sich ihre eigenen Lebenslügen zurechtzubiegen versuchen.

In der SPD gibt es aber viele Beispiele für Leute, die sich von links nach rechts bewegt haben. Auch Gerhard Schröder und Olaf Scholz waren mal für die Überwindung des Kapitalismus.

Den wenigen ehemaligen Juso-Vorsitzenden, die einem sofort als Negativbeispiele einfallen, stehen viele weniger prominente Juso-Vorsitzende gegenüber, die sich sehr treu geblieben sind.

Hast Du keine Angst, dass die SPD auch aus Dir einen Neoliberalen machen könnte?

Nein. Und zwar auch deshalb, weil Leute wie Schröder in einer SPD groß geworden sind, die zu ihrer Zeit politisch eher nach rechts gerückt ist. Jetzt haben wir es mit einer SPD zu tun, die gerade vorsichtig anfängt, sich wieder weiter links zu positionieren. Das ist zugegebenermaßen nicht so schwer nach den letzten 20 Jahren, aber es macht mir Mut.

Du bist als Teenager in die SPD eingetreten. Warum?

Ich bin nicht mit einem komplexen Weltbild eingetreten, sondern erst einmal aus einem Bauchgefühl heraus. Das war 2005 – meine Politisierung hatte vorher begonnen. Und die Themen, die mich zwischen 13 und 15 beschäftigt haben, waren weniger die großen Fragen von Arbeitsmarkt- und Verteilungspolitik. Wir waren damals sehr in die Protestdemos gegen den Irakkrieg involviert, bei denen die halbe Berliner Schülerschaft auf die Straße gegangen ist. Auch als Schülervertreter haben mich erste Erfahrungen mit Kommunalpolitikern in Richtung SPD gestupst. Die Linke gab es ja noch nicht, die PDS saß mit zwei Abgeordneten im Bundestag. Meine tiefere politische Sozialisation hat dann erst später bei den Jusos stattgefunden.

Die Linke als Partei gab es 2005 noch nicht, aber immerhin schon die WASG und eine gemeinsame Liste mit der PDS zur Bundestagswahl. War das damals keine Option?

Das war sehr weit weg von dem, was mich damals beschäftigt hat. Klar, Oskar Lafontaine war mir ein Begriff, aber mich hat die WASG schon kulturell nicht angesprochen. Das waren enttäuschte Altsozis, die immer ein grumpy Auftreten an den Tag gelegt haben. Aus der politischen Situation heraus war das verständlich, aber als Fünfzehnjähriger betrachtet man das aus einer anderen Perspektive. Für mich ging es auch um die Frage, wo ich meine Freizeit verbringen will. Ich habe mich da weniger in einer »Wir beklagen uns über die Sozialdemokratie«-Runde gesehen, sondern eher in einer Reihe mit Leuten, die ganz konkret vor Ort etwas gestalten wollen.

Die Linke hat sich ja dann etabliert und vertritt nun im Kern linkssozialdemokratische Positionen. Stand für Dich einmal im Raum, die Partei zu wechseln?

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