18. März 2026
Lebensmittelkonzerne warnen vor steigenden Preisen infolge des Irankriegs. Doch der Verdacht liegt nahe, dass sie, wie beim Ukrainekrieg, die Inflationserwartung in der Bevölkerung ausnutzen, um Übergewinne zu erzielen.

Kaum hat man sich an das erhöhte Preisniveau bei Lebensmitteln gewöhnt, kündigen Konzerne schon den nächsten »Kosten-Tsunami« an.
Kaum bricht ein neuer Krieg aus, hört man in Europa Warnungen vor steigenden Preisen. Infolge des Irankriegs hat der Ölpreis die kritische 100-Dollar-Marke überschritten, damit verteuern sich auch Kraftstoffe und Transporte – und bald werden Lebensmittel folgen, so heißt es. Branchenverbände und Konzerne bereiten die Öffentlichkeit bereits darauf vor, dass der Einkauf im Supermarkt erneut kostspieliger wird. Solche Ankündigungen folgen einem inzwischen vertrauten Muster. Doch wenn Unternehmen in geopolitischen Krisen vor steigenden Preisen warnen, lohnt es sich, genau hinzuschauen.
Während der letzten großen Inflationswelle stiegen die Preise am Supermarktregal zum Teil deutlich schneller als die Kosten der Unternehmen, während Lebensmittelkonzerne Rekordumsätze und -gewinne meldeten. Die Kostenkrise der Lebenshaltung war nicht nur eine Folge von Energiepreisen, gestörten Lieferketten und geopolitischen Schocks, sondern auch von Marktmacht. Das hat für Millionen Menschen schwerwiegende Konsequenzen.
Die aktuelle Debatte über anstehende Preissteigerungen wirft deshalb die entscheidende Frage auf, ob es den Konzernen womöglich nur darum geht, die Gunst der Stunde zu ergreifen, um nach dem Preisschub 2022/23 infolge des Ukrainekriegs erneut an der Schraube zu drehen und ein neues Preisniveau für Lebensmittel in Deutschland durchzusetzen.
»In Zeiten geopolitischer Unsicherheit können spekulative Erwartungen, die nur bedingt mit realer Knappheit zu tun haben, die Preise zusätzlich antreiben.«
Ein Blick auf andere Märkte zeigt, wie schnell geopolitische Krisen zu Preissteigerungen führen können. Besonders deutlich wird das an der Tankstelle. Steigen die Ölpreise an den internationalen Märkten, erhöhen sich oft schon wenige Tage später die Preise für Benzin und Diesel. Dabei stammen diese Kraftstoffe zu diesem Zeitpunkt noch aus Lieferungen, die Wochen oder Monate zuvor zu deutlich niedrigeren Preisen eingekauft wurden. Verkauft werden sie trotzdem sofort teurer. Mineralöl- und Kraftstoffkonzerne begründen dies damit, dass sie bereits beim ersten Nachkauf die aktuell höheren Preise zahlen müssen.
Dazu kommt, dass Märkte mit höheren Preisen in der Zukunft rechnen. Das ist Teil der Logik moderner Rohstoffmärkte. Preise spiegeln nicht nur aktuelle Kosten wider, sondern auch Erwartungen über mögliche Knappheiten. Wenn Händler, Investoren oder Unternehmen davon ausgehen, dass ein Krieg die Versorgungslage verschlechtern wird, steigen Preise oft schon lange bevor tatsächliche Engpässe entstehen.
Im Fall von Benzin und Diesel ist dies inzwischen so offensichtlich, dass die CDU-Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche schon angekündigt hat, prüfen zu wollen, ob nicht »eine Situation ausgenutzt wird, die sich an den Märkten abbildet, aber nicht in dieser Höhe«. Darüber sei sie mit dem Bundeskartellamt im »intensiven Austausch«. Denn ausgerechnet in Deutschland sind die Preise an den Tankstellen deutlich stärker gestiegen als im europäischen Vergleich. Die Monopolkommission, ein unabhängiges Beratungsgremium der Bundesregierung, bezeichnet die Situation aus Wettbewerbssicht als »problematisch«.
Mineralöl- und Kraftstoffkonzerne erzielten in Folge des Ukrainekriegs extreme Übergewinne. Die Hälfte davon floss an das reichste 1 Prozent der Bevölkerung, vor allem durch direkte Aktienbeteiligungen und Eigentümerschaft. Eine neue Studie im Auftrag von Greenpeace zeigt, dass Mineralölkonzerne in Deutschland seit Beginn des Irankriegs an den gestiegenen Spritpreisen 21 Millionen Euro am Tag verdienen – auf Kosten der Autofahrenden.
Ähnliche Mechanismen wirken auch auf den globalen Lebensmittelmärkten. Hier hat sich die politische Ökonomie der Ernährung in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert. Anfang der 2000er Jahre durchliefen die Rohstoffmärkte einen radikalen Wandel. Nach einem weltweiten Aktienboom, dem Platzen mehrerer Spekulationsblasen und der Finanzkrise von 2008/9 begann der Finanzsektor Rohstoffe – darunter auch Nahrungsmittel – als neue Anlagemöglichkeit zu vermarkten.
An den Börsen wird heute mit Weizen, Mais oder Soja nicht nur gehandelt, sondern auch in großem Umfang spekuliert. Mächtige institutionelle Anleger wie Hedgefonds, Pensionsfonds und Investmentbanken wetten zum Beispiel auf zukünftige Preisentwicklungen und reagieren besonders sensibel auf mögliche Krisen, Wetterextreme oder Konflikte.
»In der Lebensmittelindustrie kontrolliert eine relativ kleine Zahl großer Unternehmen zentrale Teile der Lieferketten. Diese Marktmacht ermöglicht es ihnen, Preissteigerungen in Krisenzeiten schneller durchzusetzen und weiterzugeben – oder sogar auszuweiten.«
In Zeiten geopolitischer Unsicherheit können spekulative Erwartungen, die nur bedingt mit realer Knappheit zu tun haben, die Preise zusätzlich antreiben. Für Agrar- und Lebensmittelkonzerne können solche Preisbewegungen äußerst profitabel sein, weil höhere Marktpreise sich oft schneller in Verkaufspreisen niederschlagen als in den tatsächlichen Kostenstrukturen der Unternehmen. Je mehr der Markt für Agrarrohstoffe zu einem Bereich für Finanzspekulationen wird, desto weiter entfernt sich die Preisbildung von ihren fundamentalen Determinanten – und desto größer werden letztendlich die Preisvolatilität und die Auswirkungen auf die Verbraucherpreise.
Konzentration ist ein strukturelles Problem globaler Ernährungssysteme. Von Saatgut und Düngemitteln über Agrarhandel und Lebensmittelverarbeitung bis hin zum Einzelhandel kontrolliert eine relativ kleine Zahl großer Unternehmen zentrale Teile der Lieferketten. Diese Marktmacht ermöglicht es ihnen, Preissteigerungen in Krisenzeiten schneller durchzusetzen und weiterzugeben – oder sogar auszuweiten. Denn rechnen Verbraucherinnen und Verbraucher ohnehin mit höheren Preisen, lassen sich Erhöhungen einfacher legitimieren. Damit sinkt auch das Risiko für Unternehmen, Marktanteile zu verlieren.
Krisen wirken in diesem Sinne wie ein Verstärker. Sie schaffen nicht nur reale Unsicherheit, sondern auch eine Erzählung, mit der Preissteigerungen plausibel gemacht werden können. Das bedeutet nicht, dass höhere Preise immer unbegründet sind. Die industrielle Landwirtschaft ist beispielswese von Düngemitteln stark abhängig – und ihre Preise steigen derzeit rasant an. Denn die Golfregion wickelt etwa ein Drittel des weltweiten Handels mit anorganischen Düngemitteln ab. Im landwirtschaftlichen Jahreszyklus ist dies der Zeitpunkt, zu dem Schiffe vom Golf aus in Richtung der wichtigsten Agrarregionen der Welt auslaufen.
Doch die Preisbildung bei Lebensmitteln ist auch extrem intransparent: Wie sie genau zustande kommen, wissen wir letztendlich nicht. Und die Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit zeigen, dass Krisen für mächtige Akteure auch Momente außergewöhnlicher Profite sein können. Große Düngemittelhersteller wie Yara International ASA und CF Industries Holdings Inc., der weltweit größte Ammoniakproduzent, profitieren stark von der aktuellen Krise.
Die Ökonomin Isabella Weber beschreibt eine solche Dynamik als »Verkäuferinflation« (»seller’s inflation«). Gemeint ist eine Situation, in der Unternehmen gesamtwirtschaftliche Schocks nutzen, um Preise stärker zu erhöhen, als es ihre tatsächlichen Kostensteigerungen erfordern würden. Wenn alle Unternehmen davon ausgehen, dass ihre Konkurrenten ebenfalls Preise anheben werden, können sie Erhöhungen durchsetzen, ohne Kundinnen und Kunden zu verlieren. Inflation entsteht dann nicht nur aus steigenden Kosten, sondern auch aus strategischen Preisentscheidungen. Solche Prozesse funktionieren am besten, wenn wenige große Player einen Markt dominieren.
Der deutsche Lebensmittelmarkt ist ein perfektes Beispiel dafür. Vier Unternehmensgruppen beherrschen 85 Prozent des Lebensmitteleinzelhandels. Zu ihren wichtigsten Lieferanten gehören in erster Linie Konzerne wie Dr. Oetker, Tönnies, Ferrero, Coca-Cola, Nestlé oder Danone. Die Monopolkommission hat im November 2025 ein Sondergutachten zum Wettbewerb in der Lebensmittellieferkette veröffentlicht. Darin stellt sie fest, dass die Macht des Lebensmitteleinzelhandels und teilweise der Hersteller in den letzten Jahren zulasten von Verbraucherinnen und Verbrauchern deutlich gestiegen ist.
Diese Marktkonzentration führt zu einer Preissetzungsmacht über die gesamte Wertschöpfungskette. Laut dem Vorsitzenden der Kommission sind diese Schieflage und die steigenden Preisaufschläge auf Lebensmittel durch Hersteller und Einzelhandel »besorgniserregend«. Die Grünen-Abgeordnete Zoe Mayer fragte kürzlich bei der Bundesregierung nach, welche konkreten Maßnahmen sie kurzfristig umsetzen will, um Verbraucherinnen und Verbraucher bei den Kosten für Lebensmittel zu entlasten. Die Antwort der schwarz-roten Koalition lautete: gar keine.
»Dass Gewinne in Notsituationen explodieren, dürfen wir nicht einfach als Naturgesetz akzeptieren. Es ist das Ergebnis politischer Entscheidungen darüber, wie viel Marktmacht großen Konzernen zugestanden wird.«
Nahrungsmittel sind keine gewöhnlichen Konsumgüter, sondern lebensnotwendig. Die Dynamiken der Preisbildung haben in diesem Bereich deswegen besonders weitreichende Folgen. Auch wenn die Inflationsrate sich inzwischen wieder normalisiert hat, ist das hohe Preisniveau geblieben. Lebensmittel kosten heute im Durchschnitt 35 Prozent mehr als noch 2020. Die Reallöhne konnten mit dieser Entwicklung nicht mithalten, die Lebensmittelinflation verschärfte dadurch die soziale Ungleichheit.
Denn Menschen mit niedrigem Einkommen geben gezwungenermaßen einen überdurchschnittlich großen Anteil ihres verfügbaren Budgets für Grundbedürfnisse wie Ernährung aus. Wenn Brot, Milch oder Gemüse teurer werden, trifft das also besonders jene Menschen, die ohnehin schon unter den gestiegenen Lebenshaltungskosten leiden. Dazu kommt das Phänomen der sogenannten »Cheapflation«: Die Preise von Produkten der Eigenmarken sind in den letzten Jahren zum Teil doppelt so stark gestiegen wie die von Markenprodukten. Wer auf die günstigeren Eigenmarkenprodukte besonders angewiesen war, erlebte also eine deutlich höhere Belastung.
Die Frage nach möglichen Krisengewinnen ist daher nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine politische. 16,1 Prozent der Bevölkerung war 2025 in Deutschland von Armut bedroht oder betroffen, das entspricht etwa 13,3 Millionen Menschen. Die Armutsgefährdungsquote ist im Vergleich zu 2024 um 0,6 Prozent gestiegen. Konzerne können aus globalen Krisen außergewöhnliche Profite ziehen, während gleichzeitig immer mehr Menschen Schwierigkeiten haben, über die Runden zu kommen.
Vor diesem Hintergrund reicht eine rein reaktive Politik nicht aus. Wer verhindern will, dass geopolitische Krisen und Konflikte regelmäßig in steigenden Preisen lebensnotwendiger Güter enden, muss die Strukturen der Märkte selbst in den Blick nehmen. Denn wenn man zulässt, dass Preise bei jedem globalen Schock automatisch durch die Decke gehen, könnte am Ende ein System entstehen, in dem Krisen nicht nur Risiken darstellen, sondern auch Geschäftsgelegenheiten.
»Wenn die Gewinne in einer Notsituation explodieren«, schreibt Isabella Weber, »besteht die Gefahr, dass die wirtschaftliche Stabilität und Widerstandsfähigkeit den Interessen der Unternehmen geopfert wird, die zufällig einen kritischen Sektor […] kontrollieren.« Wir dürfen diese Dynamik nicht einfach als Naturgesetz akzeptieren – denn das ist sie nicht. Es ist das Ergebnis politischer Entscheidungen darüber, wie viel Marktmacht großen Konzernen zugestanden wird. Das kann man ändern.
»Nur wenn es Transparenz über die Preisbildung entlang der Lebensmittelketten gibt, lassen sich gezielte politische Maßnahmen entwickeln – etwa Übergewinnsteuern, die Zerschlagung von Monopolen und strengere Wettbewerbsregeln.«
Gebraucht werden zum Beispiel eine strengere Regulierung der Finanzmärkte, um Spekulation mit Agrarrohstoffen zu begrenzen, und mehr Transparenz über die Preisbildung entlang der Lebensmittelketten. Nur wenn klar ist, welche Akteure in Krisenzeiten besonders profitieren, lassen sich gezielte politische Maßnahmen entwickeln – etwa Übergewinnsteuern, die Zerschlagung von Monopolen und strengere Wettbewerbsregeln. Selbst die konsequentere Durchsetzung bestehender Regeln wäre ein erster Schritt.
Langfristig stellt sich zudem die Frage nach der Resilienz der Ernährungssysteme selbst. Eine stärker regionalisierte, ökologisch nachhaltige und sozial gerechte Lebensmittelproduktion würde die Abhängigkeit von globalen Preisschocks verringern. Dafür ist die Anpassung von Agrarsubventionen notwendig, die immer noch Fehlanreize senden.
Vier Jahre nach Beginn des Ukrainekriegs steht die Ernährungsindustrie anscheinend immer noch verletzlich da – und ihr fällt nichts anderes ein, als sofort nach Entlastungen zu rufen. Dabei muss der Branche spätestens seit 2022 klar gewesen sein, wie riskant ihre extreme Abhängigkeit von fossilen Energien und unsicheren, globalen Lieferketten ist. Sie hatte Zeit und auch die nötige politische Unterstützung, um sich widerstandsfähiger aufzustellen.
Zu ihrem eigenen Vorteil wissen große Unternehmen und gut organisierte Verbände ihre wirtschaftliche und politische Macht hingegen sehr geschickt zu nutzen. Angesichts der erneut steigenden Energiepreise präsentiert die Industrie eine lange Wunschliste für Entlastungen, anstatt sich endlich zukunftsfähiger aufzustellen. Zu den »Sofortmaßnahmen« gehören übliche Forderungen wie das Abschaffen von »Belastungen durch Steuern, Abgaben und bürokratische Dokumentationspflichten«. Kein Wort über den Ausbau erneuerbarer Energien oder die Abhängigkeit von energieintensiven Düngemitteln in der Landwirtschaft.
Der Irankrieg muss gestoppt werden – seine weltwirtschaftlichen Folgen sind nur einer unter vielen Gründen dafür. Doch die nächste Krise ist so oder so nur eine Frage der Zeit: Die Folgen des Klimawandels werden immer sichtbarer, geopolitische Spannungen nehmen zu. Der freie Markt allein wird es nicht regeln, schon gar nicht, wenn es um lebensnotwendige Güter wie Nahrungsmittel geht. Eine zukunftsfähige Wirtschaftspolitik, die es mit der gesellschaftlichen Widerstandsfähigkeit ernst meint, muss die Marktstrukturen verändern, die die aktuellen Machtpositionen produzieren.
Silvia Monetti ist Politikwissenschaftlerin, arbeitet im Verbraucherschutz und promoviert zum Thema Ernährungspolitik und soziale Gerechtigkeit.