29.06.2021

Pedro Castillo: »Keine armen Menschen mehr in einem reichen Land.«

Früher war Pedro Castillo Grundschullehrer in einem Dorf in den Anden. Heute ist der selbsterklärte Sozialist der rechtmäßig gewählte Präsident von Peru. Was ihn in die Politik getrieben hat und welche umfassenden Reformen er plant, erzählt er hier.

Pedro Castillo bei einer Wahlkampfveranstaltung, 27. April 2021.

Pedro Castillo bei einer Wahlkampfveranstaltung, 27. April 2021.

IMAGO / Agencia EFE.

Von Pedro Castillo

Übersetzung von Thomas Zimmermann

Die Präsidentschaftswahl in Peru zwischen dem Linken Pedro Castillo und der Rechten Keiko Fujimori war ein harter Kampf. Als klar wurde, dass Castillo mit einem hauchdünnen Vorsprung gewinnen würde, schrie Fujimori »Wahlbetrug«. Nun versucht sie, durch einen Putsch doch noch an die Macht zu kommen.

Internationale Beobachterinnen und sogar das US-Außenministerium sind sich einig, dass die Wahlen frei und fair gewesen sind. Doch durch Fujimoris juristische Manöver wurde die offizielle Bekanntgabe des Siegers hinausgezögert, was die Spaltung in der Gesellschaft weiter vertieft und die extreme Rechte bestärkt hat.

Als Grundschullehrer aus einem abgelegenen Dorf in den Anden ist Pedro Castillo anders als alle Politiker, die Peru bisher regiert haben. Der 51-Jährige erlangte Bekanntheit, als er 2017 einen landesweiten Streik der Lehrkräfte anführte. Im Januar 2020 bat ihn die linksgerichtete Partei Peru Libre, ihr Kandidat für die Präsidentschaftswahl zu werden. Unter den insgesamt achtzehn Kandidatinnen und Kandidaten des ersten Wahlgangs zählte er zu den Unbekanntesten. Dass er als Sieger hervorging und es in die Stichwahl schaffte, kam für viele überraschend.

Das Buch der linken Star-Ökonomin
Grace Blakeley auf Deutsch.

Ich war Teil einer Delegation der Progressiven Internationale, die zusammen mit einer Gruppe der Democratic Socialists of America nach Peru gereist ist, um die Wahl zu beobachten. Zwei Tage vor der Wahl, am 4. Juni, hatten wir die Gelegenheit, Castillo zu treffen. Der folgende Text besteht aus Exzerpten unseres Gesprächs mit ihm.

– Medea Benjamin


Ich bin in einer kleinen Stadt namens Puña in der nördlichen Provinz Cajamarca geboren und aufgewachsen. Ich wurde Lehrer in derselben Dorfgrundschule, an der mich mein Vater einst anmeldete. 24 Jahre lang habe ich in dieser Schule gearbeitet.

Es war mir eine große Ehre, Lehrer, Vorsitzender der Lehrergewerkschaft und Landwirt gewesen zu sein und mich als Rondero [Mitglied einer freiwilligen Nachbarschaftspatrouille] gegen Kriminalität, Rechtsverstöße und viele andere Probleme unserer ländlichen Gemeinden eingesetzt zu haben.

Schon als kleines Kind musste ich kämpfen, um eine Bildung zu erhalten. Meine Eltern sind Analphabeten. Mein Vater unterschreibt mit einem Strich – das ist alles. Meine Mutter kennt nicht einmal die Buchstaben des Alphabets. Ich bin eines von neun Geschwistern. Die Oberschule abzuschließen, war sehr bedeutsam für mich. Ohne die Unterstützung meiner Eltern und Geschwister hätte ich das nicht geschafft.

Daraufhin habe ich meine Ausbildung fortgesetzt und alles getan, was ich konnte, um mir einen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich arbeitete auf den Kaffeefeldern. Ich ging nach Lima, um dort Zeitungen zu verkaufen. Ich verkaufte Eiscreme. Ich reinigte Hoteltoiletten. Ich kenne die harte Lebensrealität der Arbeiterinnen und Arbeiter auf dem Land und in den Städten.

»Tiefer im Amazonasgebiet sind die Verhältnisse sogar noch elender. Dort haben die Menschen überhaupt nichts, der Staat hat sie völlig im Stich gelassen.«

Nachdem ich wieder zurückgekehrt war, um als Lehrer zu arbeiten, wurde ich Schuldirektor. Wir haben gemeinsam gekämpft, um unseren Familien zu helfen, denn in Puña bekamen wir keine Hilfe vom Staat. Das kleine Schulgebäude haben wir selbst errichtet. Auch unsere Straße haben wir selbst gebaut – sie ist nur im Sommer passierbar, und selbst dann kommt man nicht so leicht durch.

In diesem Jahr feiern wir das zweihundertjährige Bestehen der Republik Peru – doch auch nach zweihundert Jahren ist die Analphabetenrate immer noch hoch, und die Häuser meiner Eltern und ihrer Nachbarinnen und Nachbarn haben weder Strom noch Licht oder fließend Wasser. Es gibt nur ein verlassenes Gesundheitszentrum. Ab und zu schaut dort eine Krankenschwester vorbei, und mit etwas Glück bekommt man Verbandszeug oder ein paar Tabletten, die für alle Familien der Gemeinde ausreichen müssen.

Als ich durch die ländlichen Gebiete unseres Landes reiste, fand ich überall ähnliche Bedingungen vor wie in meinem Heimatdorf. Tiefer im Amazonasgebiet sind die Verhältnisse sogar noch elender. Dort haben die Menschen überhaupt nichts, der Staat hat sie völlig im Stich gelassen.

Das ist auch der Grund, warum es so viele Proteste gegeben hat. In letzter Zeit gehen die Menschen wegen der Pandemie weniger auf die Straße, aber davor haben sie schon jahrelang protestiert. Die Menschen forderten Gerechtigkeit und den Rücktritt der gesamten politischen Führungsriege. Unser Kongress besitzt so gut wie keine Zustimmung oder Legitimität in der Bevölkerung. Unsere Institutionen kümmern sich nicht um die drängenden Bedürfnisse des Landes.

In unserer Gesellschaft klaffen viele offene Wunden, die nicht behandelt werden. Da sind zum Beispiel die Frauen, die unter dem Regime von Alberto Fujimori zwangssterilisiert wurden; es gab Massaker von Regierungsmilizen unter anderem in Barrios Altos oder an jungen Studierenden der Universität in La Cantuta; Mütter und Mädchen, die Opfer von Gewalt geworden sind. Jetzt, mit der Pandemie, haben Tausende von Menschen ihre Arbeit verloren und verlangen nun eine Perspektive.

In Peru gibt es derzeit Hunderte ungeklärter sozialer Konflikte – aber wenn die Menschen ihre Beschwerden an die Regierung herantragen, dann stößt diese bestenfalls einen Dialog an, um die Leute zu beschwichtigen. Probleme werden aber nicht gelöst. Die Regierung hat weder den Willen noch die Fähigkeit, die großen Probleme unseres Landes anzugehen.

Spätesten mit der Pandemie ist den Menschen klar geworden, dass wir in unserem Land eine strukturelle Veränderung brauchen. Die Pandemie ist in Peru mehr als nur eine Gesundheitskrise. Sie ist ein strukturelles Problem. Diese Krise hat sich schon lange angebahnt.

Peru ist reich an Ressourcen – aber ein großer Teil dieses Reichtums, etwa  Kupfer, Gold und Silber, verschwindet ins Ausland. An den Häfen kann man einen endlosen Strom von LKWs beobachten, die die Ressourcen des Landes abtransportieren, und nur zweihundert Meter weiter steht ein barfüßiges Kind, ein Kind mit Tuberkulose, ein Kind voller Parasiten. Aus diesem Grund müssen wir unsere Verträge mit den großen Unternehmen neu aushandeln, damit mehr von den Gewinnen in Peru bleibt und den Menschen zugute kommt. Dasselbe gilt für die Freihandelsabkommen, die wir mit anderen Ländern abgeschlossen haben. Nur so können wir unsere lokale Wirtschaft fördern.

»Unsere derzeitige Verfassung wurde nicht für oder von den Menschen geschrieben – und deswegen schützt sie uns auch nicht.«

Wir müssen außerdem die peruanische Verfassung ändern. Unsere jetzige Verfassung wurde 1993 unter der Fujimori-Diktatur geschrieben. Sie behandelt die Gesundheitsversorgung als Dienstleistung anstatt als Anrecht. Und auch Bildung ist gemäß dieser Verfassung kein Recht, sondern ein Service. Anstatt zum Wohle der Menschen wurde diese Verfassung im Interesse der Unternehmen entworfen.

Als ich im Wahlkampf von Stadt zu Stadt fuhr, fragte ich die Leute zu Beispiel: »Hebt die Hand – ist hier irgendjemand 1993 gebeten worden, beim Entwurf der Verfassung zu helfen?« Bis jetzt hat sich noch niemand gemeldet. Unsere derzeitige Verfassung wurde nicht für oder von den Menschen geschrieben – und deswegen schützt sie uns auch nicht.

Wenn man vor Gericht zieht, um zu fordern, dass der Staat arme Gemeinden mit Wasser, Bildung oder Gesundheitsversorgung ausstattet, dann sagen die Gerichte, das sei verfassungswidrig, weil es sich bei all diesen Dingen um Dienstleistungen handelt und nicht um Rechte. Wenn man vor Gericht zieht, um gute Straßen zu fordern, damit die Produkte der Bauern zu den Märkten gelangen können und nicht verrotten, dann sagen sie, dass es verfassungswidrig sei, diese Art von Hilfe vom Staat zu fordern.

Deshalb sind wir in die Gemeinden gegangen und haben gesagt, dass wir, die Partei Peru Libre, Folgendes vorschlagen: Lasst uns ein Referendum abhalten und die Bevölkerung von Peru fragen, ob sie eine neue Verfassung möchte. Wir sprechen mit den Leuten über unsere Gegenentwürfe. Wir ermutigen sie, sich zu äußern und sich gemeinsam mit uns am demokratischen Prozess zu beteiligen, damit wir endlich eine neue Verfassung bekommen. Wir fordern sie auf, sich uns anzuschließen, um das gewaltige Problem der institutionalisierten Korruption zu bekämpfen. Wir können keinen Staat unterstützen, der von Drogenkartellen und dem organisierten Verbrechen kontrolliert wird.

Die Eliten und die Profiteure der Korruption haben alles getan, um uns aufzuhalten. Sie haben versucht, den Menschen Angst vor uns einzujagen, damit sie für meine korrupte Gegnerin stimmen. Sie haben uns als Terroristen bezeichnet. Sie sagten, wir würden den Menschen ihre Häuser wegnehmen, wir würden sie um ihr Land und um ihre Ersparnisse bringen. Wegen dieser Anschuldigungen ist der Dollarpreis gestiegen, ebenso wie der Preis von Brot und sogar der von Hühnern. Alles ist teurer geworden.

Auch die Presse hat entweder Lügen über uns verbreitet oder uns ignoriert. Es gab keinen einzigen Bericht, weder in den Zeitungen noch im Fernsehen, in dem unsere Vorschläge wahrheitsgetreu wiedergegeben wurden.

Vor uns liegen große Hindernisse, unter anderem im Kongress. Aber wenn der Kongress versucht, uns daran zu hindern, diese dringend nötigen Reformen vorzunehmen, dann werden wir die Mobilisierung auf den Straßen fortsetzen. Ich bin Teil dieser Kämpfe an der Basis gewesen. Ich trage noch immer die Spuren der Schrotkugeln auf meinem Rücken und an meinen Beinen. Dieser Kampf hat mich persönlich in vielerlei Hinsicht berührt.

Deshalb bin ich hier. Ich bin durch keinerlei anderweitige Interessen motiviert. Ich kämpfe für die Menschen in diesem Land. Und unser Kampf wird nicht enden, bis wir für alle ein Leben in Würde ermöglicht haben. Wie ich schon während des Wahlkampfs gesagt habe: »Keine armen Menschen mehr in einem reichen Land. Darauf gebe ich mein Wort als Lehrer.«

Pedro Castillo ist ehemaliger Grundschullehrer und wurde am 6. Juni 2021 zum Präsidenten von Peru gewählt.

#5
Pause

Nach diesem Jahr brauchen wir alle eine Pause. Wie wir uns mehr Freizeit und weniger Arbeit erkämpfen können, erfährst Du in der neuen JACOBIN-Ausgabe. Jetzt abonnieren und mit an den See nehmen!

JACOBIN Tragetasche
JACOBIN Tragetasche

Als Dank für ein Soli-Abo schenken wir Dir einen JACOBIN Beutel.

Druck

Digital