19.08.2021

Reich durch den Biontech-Impfstoff – und mit Hilfe des Staats

Die Strüngmann-Brüder wurden durch die Pandemie zur reichsten Familie Deutschlands. Die Pharmainvestoren haben enorm von der Impfkampagne gegen das Coronavirus profitiert – den Aufwand und das Risiko der Impfstoffentwicklung nahmen andere auf sich.

Die Impfstoffpatente sogen bei Biontech in Mainz für Goldgräberstimmung

Die Impfstoffpatente sogen bei Biontech in Mainz für Goldgräberstimmung

IMAGO / U. J. Alexander.

Wie seit längerem öffentlich bekannt ist, haben Özlem Türeci und Uğur Şahin, Vorstandsmitglieder und Miteigentümer von Biontech, durch die Entwicklung des erfolgreichen Corona-Impfstoffs des Unternehmens ein Vermögen von mehreren Milliarden Euro erworben. Kaum bekannt sind hingegen die weiteren Eigentümer von Biontech SE. Ein erheblicher Anteil der börsennotierten Europäische Aktiengesellschaft gehört den Gebrüdern Strüngmann, die allerdings nicht im Vorstand vertreten sind. Sie wurden zwar nicht über Nacht, aber über den Verlauf eines Pandemie-Jahres auf den ersten Platz der reichsten deutschen Familien katapultiert. Der Wert der Biontech-Aktie stieg von Ende März von fast 80 Euro pro Aktie auf jüngst 395 Euro, wodurch ihr Vermögen nun auf 43,2 Milliarden Euro angestiegen ist. Ein unfassbares Wachstum von 394 Prozent in fünf Monaten.

Pharma-Investoren hinter den Kulissen

Die eher unbekannten Strüngmann-Brüder gehörten bisher zu den hinteren Rängen der Superreichen. So besaßen die Anfang 70-Jährigen noch im Frühjahr 2021, also vor dem Höhepunkt der dritten Welle, »nur« neun Milliarden Euro und rangierten auf dem zehnten Platz der reichsten deutschen Familien – weit hinter den Aldi-Eigentümern (33,25 Milliarden Euro), den Lidl-Besitzern (31,3 Milliarden Dollar) und der BMW-Erbin Susanne Klatten (23,5 Milliarden Euro).

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Die Brüder sind Erben eines kleinen Pharmaunternehmens, sie studierten jeweils Medizin und Betriebswirtschaftslehre. In den achtziger Jahren gründeten die Strüngmanns das Unternehmen Hexal, das sie 2005 für 5,6 Milliarden Euro an den Schweizer Pharmariesen Novartis verkauften. Seitdem gehören sie zu Deutschlands Superreichen und investierten in zahlreiche Pharmaunternehmen – so auch in Biontech. Bei der Gründung 2008 trugen sie bereits 180 Millionen Euro als Startfinanzierung bei. Heute halten sie ungefähr 47 Prozent der Aktien des Unternehmens, welches mit seiner Marktkapitalisierung von zeitweise 91 Milliarden Euro fast so wertvoll wie Siemens oder Volkswagen ist.

Biontech machte im ersten Halbjahr 2021 einen Gewinn von 3,9 Milliarden Euro bei 7,3 Milliarden Euro Umsatz und erzielte somit eine Umsatzrentabilität von 53 Prozent. Das Unternehmen ist damit deutlich deutlich profitabler als andere Pharmakonzerne. Zum Vergleich: Im ersten Halbjahr 2020 machte Biontech sogar einen Verlust von 141 Millionen Euro. Biontechs Profitanstieg war so spektakulär, dass er ganze 0,5 Prozentpunkte zum Wirtschaftswachstum in Deutschland beitrug, wie der Leiter des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung Sebastian Dullien anmerkt. Ihm sei außerdem kein weiteres historisches Beispiel bekannt, wo ein einzelnes Unternehmen solchen Einfluss auf die deutsche Wirtschaftsleistung hatte.

Reich dank öffentlicher Forschungsförderung und Patenten

Es ist gerecht, dass Menschen, welche die Pandemie zu besiegen helfen, fürstlich entlohnt werden. Doch am Beispiel der Strüngmann-Brüder zeigt sich wieder einmal, dass im Kapitalismus nicht Leistung belohnt wird, sondern Kapitalbesitz. Die Eigentümer von Biontech profitierten im Vergleich zu den Mitarbeiterinnen und sogar den Managerinnen nämlich um ein Vielfaches von den Innovationen des Unternehmens. Dabei ist die Grundlage ihrer Vermögensexplosion die Wirtschaftspolitik des Staates in der Corona-Pandemie.

Zum einen ist Basis des Forschungserfolgs die staatliche wissenschaftliche Ausbildung von Türeci, Şahin und ihrem Team sowie die jahrzehntelange Grundlagenforschung zu mRNA-Impfstoffen. Solche wissenschaftlichen Aufgaben übernimmt der Staat so lange, bis irgendwann Produkte daraus entstehen. Aber selbst bei der angewandten Produktentwicklung des mRNA-Impfstoffs gegen das Coronavirus half der Staat massiv mit. So erhielt Biontech für die Covid-Impfstoffforschung 375 Millionen Euro an Fördermitteln. Auch die Europäische Investitionsbank vergab hierfür einen Kredit von 100 Millionen Euro.

Der Staat agierte aber nicht nur als Entwickler und Förderer des Impfstoffs, sondern auch als Großabnehmer. Biontech bekam großzügige Abnahmegarantien und konnte seine Produktion durch höhere Anreize und geringere Risiken deutlich ausweiten. Gleichzeitig trat die öffentliche Hand bei der Verteilung der Impfstoffe als Dienstleister auf: Durch die Organisation der Verteilungslogistik, den Betrieb der Impfzentren oder die Durchführung von Impfungen mit Unterstützung der Bundeswehr.

Es war richtig und unabdingbar, dass der Staat all diese Schritte ergriffen hat. Man könnte sogar argumentieren, dass sich öffentliche Stellen in der Impfkampagne noch stärker und direkter engagieren hätten sollen. Offensichtlich ist aber, dass der Erfolg der privaten Pharmaunternehmen bei der Impfstoffentwicklung wesentlich auf Leistungen der Staates beruht.

Das Vorgehen der meisten Staaten des globalen Nordens bei der Förderung der Corona-Impfstoffforschung erinnert an den von der bekannten Ökonomin Marianna Mazzucato geforderten »unternehmerischen Staat«, welcher eine »missionsorientierte Innovationspolitik« verfolgt. Für eine solche aktive Industriepolitik, wie sie in Zeiten von Corona besonders notwendig ist, macht Mazzucato zwei Säulen aus: Erstens müsse die Zielsetzungen der öffentlichen Investitionen klar festgelegt werden, zweitens Bedingungen und Spielregeln für neue Märkte definiert werden. Ein solches Vorgehen war die Grundlage des Erfolgs bei der schnellen Impfstoffentwicklung. Doch solange Patente den Produktionsausbau verhindern und Impfdosen nicht gleichverteilt werden, sei die Innovation nutzlos, so Mazzucato. Für den Vermögensaufbau der Strüngmann-Brüder waren diese Umstände hingegen von Vorteil.

Leistungsfrei erworbenes Eigentum umverteilen

Spektakuläre Vermögenszuwächse wie die der Strüngmann-Brüdern wären ohne den Staat undenkbar. Biontech erwirtschaftet als weltweiter Versorger globale Profite und bedient sich dabei diverser öffentlicher Infrastruktur. Als Kapitalgeber haben die Strüngmanns hingegen wenig bis gar nichts bei der Entwicklung und Verteilung des Biontech-Impfstoffs geleistet, dennoch profitieren sie persönlich in besonderem Maß. Dies wirft grundsätzliche Fragen nach der gerechten Umverteilung von Großvermögen auf.

Im Fall die Strüngmann-Brüder ist die Frage der Patentfreigabe eng mit der generellen Verteilungsfrage verknüpft. Durch das Festhalten am Patentschutz für den Biontech-Impfstoff ermöglichte die Bundesrepublik ihre enormen Krisengewinne und verschaffte dem Unternehmen die Verhandlungsmacht für die kürzliche Erhöhung des Impfstoffpreis, wodurch es massive Gewinnerwartungen für die Zukunft vermelden kann. Nur eine Freigabe des Patents, wie sie auch die Weltgesundheitsorganisation und rund einhundert Länder (darunter Joe Biden und die USA) fordern, würde diese Gewinnerwartungen unmittelbar einschränken. Dies wurde offensichtlich, als eine mögliche Patentfreigabe im Mai auf der konkreten politischen Tagesordnung stand: »Aktien von Curevac und Biontech brechen wegen Patentdiskussion ein« titelte damals die FAZ.

Das Vermögen der Superreichen in Deutschland wuchs während der Pandemie besonders rasant, nicht nur aufgrund des Festhalten am Impfstoff-Patentschutz wie im Fall der Strüngmann-Brüder, sondern auch allgemeiner wirtschafts- und geldpolitischer Entscheidungen sowie einer faktisch nicht vorhanden Besteuerung ihrer Vermögen. Um diese zutiefst ungerechten Verhältnisse zumindest teilweise Rückgängig zu machen, braucht es neben der Patentfreigabe auch eine Reform des deutschen Steuersystems.

Ob eine höhere Besteuerung von Unternehmensgewinnen etwa über eine höhere Körperschaftsteuer oder die Einführung einer Übergewinnsteuer auf außerordentliche Krisengewinne, wie sie selbst der Internationale Währungsfonds zuletzt forderte, zum Ziel führen würde, ist fraglich. Die Reduzierung der Rendite durch Steuern könnte ein Unternehmen wie Biontech aufgrund seiner hohen Marktmacht wohlmöglich einfach auf die Preise der Impfstoffe umlegen. Viel wichtiger wäre eine gerechte Besteuerung von Kapitalerträgen. Nach gültigem Recht müssten die Strüngmanns beim Verkauf ihrer Biontech-Anteile nur 25 Prozent Steuern auf den Gewinn zahlen (Steuersparmodelle nicht mit eingerechnet), während ihre Angestellten mit mittlerem Einkommen schon höhere Steuersätze zahlen.

Wenn man es mit der Umverteilung wirklich ernst meint, sollte man sich auch an die Vermögensabgabe trauen. Sie wäre der radikalste Bestandteil einer linken Steuerreform, da sie im Gegensatz zu einer Vermögensteuer die Vermögensubstanz selbst berühren dürfte. Dies würde bedeuten, dass nicht nur die Renditen der Superreichen geschmälert würden, sondern auch tatsächlich eine absolute Verringerung ihren Vermögens erzielt werden könnte. Eine solche Vermögensabgabe gab es mit dem sogenannten Lastenausgleich sogar unter CDU-geführten Regierungen der Nachkriegszeit. Sie sollte also eigentlich kein Schreckgespenst sein.

Zuletzt leistet auch die Erbschaftssteuer einen erheblichen Beitrag zur hohen Vermögensungleichheit in Deutschland. Momentan können Betriebsvermögen, wozu natürlich auch riesige Aktienpakete zählen, nahezu steuerfrei vererbt werden. Das Steuersystem muss an verschieden Stellen gerechter werden. Großvermögen und Erbschaften sollten endlich wirksam besteuert werden, wenn die Strüngmanns nicht noch in zweihundert Jahren zu den reichsten Familien Deutschland gehören sollen.

Lukas Scholle ist Ökonom und arbeitet für den Bundestagsabgeordneten und finanzpolitischen Sprecher der Linksfraktion Fabio De Masi.

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