26. April 2026
Der Konflikt zwischen Papst Leo XIV. und Donald Trump zeigt: Die Politik von MAGA lässt sich nicht so einfach mit dem katholischen Glauben vereinbaren, wie die religiöse Rechte behauptet.

Papst XIV. lässt sich von Trump nicht einschüchtern.
»Und wenn ihr auch viel betet, höre ich euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Blut.« Anlässlich der Feierlichkeiten zum Palmsonntag nahm Papst Leo XIV. in seiner Predigt vor tausenden Gläubigen diese Worte auf, die Gott zu Beginn des Buches Jesaja spricht. In Leos kurzer Ansprache war dieser Satz der letzte von mehreren Bibelversen, die der Papst ausgewählt hatte, um die Vorstellung von »Jesus, dem Friedenskönig« zu veranschaulichen. Vor dem Hintergrund des anhaltenden Krieges der Trump-Regierung gegen den Iran wurde dies jedoch umgehend als direkte Replik auf ein Gebet verstanden, das Pete Hegseth wenige Tage zuvor im Pentagon gesprochen hatte. Darin hatte der US-Verteidigungsminister den Allmächtigen um »überwältigende Gewalt« gebeten.
Leo mag seine Worte nicht als direkte Antwort auf Hegseth gemeint haben (ein Papst braucht wohl kaum einen spezifischen Anlass, um zu Ostern über Frieden zu predigen), doch er unternahm auch nichts, um diese Interpretation zu entkräften. Als er einige Tage später zu Donald Trumps Drohung, die iranische Zivilisation zu zerstören, befragt wurde, wies Leo derartige Drohungen unmissverständlich als »inakzeptabel« zurück. Er forderte die US-amerikanische Bevölkerung direkt auf, sich an ihre Kongressabgeordneten zu wenden und ein Ende der Feindseligkeiten zu fordern.
Es war nicht das erste Mal im ersten Jahr seines Pontifikats, dass Leo sich in die US-amerikanische Politik einmischt. Zuvor hatte er sich bereits öffentlich gegen die schlechte Behandlung von Migranten und gegen die Belagerung von Minneapolis geäußert. Zum Palmsonntag reagierte die Trump-Regierung aber weitaus aggressiver als bisher. Der Präsident selbst veröffentlichte spätabends einen wirren Beitrag in seinem sozialen Netzwerk Truth Social und mahnte, Leo solle sich »als Papst zusammenreißen«; Vizepräsident J. D. Vance legte dem Pontifex nahe, »vorsichtig« mit seinen Äußerungen zu sein; eine ganze Reihe von rangniedrigeren Beamten und rechten Medienpersönlichkeiten schloss sich der Kritik an den Papst-Aussagen an.
Als er von der Presse zu diesen Angriffen befragt wurde, erklärte Leo: »Ich habe keine Angst vor der Trump-Regierung.« Tatsächlich zeigte er sich unbeeindruckt: Bei einem Gebetstreffen auf seiner kürzlichen Reise durch mehrere afrikanische Länder griff Leo das Thema seiner Predigt vom Palmsonntag wieder auf. Diesmal zitierte er nicht die Bibel, sondern sprach mit eigenen Worten: »Wehe denen, die die Religion und den Namen Gottes für ihre eigenen militärischen, wirtschaftlichen oder politischen Zwecke missbrauchen. Sie ziehen das, was heilig ist, in Dunkelheit und Schmutz.«
Leo mag bei seiner Kritik an der Einwanderungspolitik und den Kriegen der Trump-Regierung einen ungewöhnlich direkten Ansatz gewählt haben, doch seine Standpunkte an sich sollten niemanden überraschen. Während Hegseth und eine ganze Reihe rechtsradikaler Beamter der US-Regierung gerne vom heiligen Krieg sprechen und Symboliken der mittelalterlichen Kreuzzüge aufgreifen, neigte die katholische Kirche in den vergangenen Jahrhunderten eher dazu, derartige kriegerische Ideale abzulehnen.
Selbst die altchristliche Theorie des »gerechten Krieges« – erstmals von Augustinus von Hippo im untergehenden Weströmischen Reich formuliert und im Laufe des Mittelalters weiterentwickelt – ist nicht als Rechtfertigung für Krieg zu verstehen, sondern als das Aufstellen strenger Bedingungen und Grenzen für eine christliche Beteiligung am Krieg.
»Seit Beginn des modernen Phänomens der Massenmigration im 19. Jahrhundert haben sich diverse Päpste intensiv für das Wohl von Einwanderern eingesetzt und deren legalisierte Benachteiligung kritisiert.«
Christliche Gesellschaften sind dieser Verpflichtung zum Frieden regelmäßig nicht gerecht geworden; dennoch ist sie nie aus der intellektuellen Tradition der katholischen Kirche verdrängt worden. Der Ausruf »Nie wieder Krieg!« von Paul VI., Johannes Pauls Forderung nach der Abschaffung von Atomwaffen und Franziskus’ Ansicht, es sei in der modernen Welt unmöglich, Bedingungen für einen »gerechten Krieg« zu erfüllen, sind nicht – wie manche Reaktionäre vermuten – das Eindringen einer säkularen politischen Ideologie in päpstliche Erklärungen. Vielmehr sind sie Weiterentwicklungen der alten kirchlichen Lehren gegen Krieg.
Weniger bekannt, aber für Papst Leos Einmischung in die US-amerikanische Politik ebenso wichtig, ist die Tradition der katholischen Kirche, sich für Migrantinnen und Migranten einzusetzen. Seit Beginn des modernen Phänomens der Massenmigration im 19. Jahrhundert haben sich diverse Päpste intensiv für das Wohl von Einwanderern eingesetzt und deren legalisierte Benachteiligung kritisiert. Auch wenn dies zum Teil auf konfessionelle Interessen zurückzuführen sein mag (in den Migranten-Communities waren Katholiken stets stark vertreten), haben die Päpste stets betont, dass diese Haltung auch eine theologische Grundlage habe.
Als Reaktion auf die anhaltende Flüchtlingsproblematik in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg formulierte Pius XII. die wohl eindringlichste Darlegung der kirchlichen Lehre über Migration: Unter Berufung auf die Evangeliumsgeschichte von der Flucht Jesu vor dem Zorn des Herodes nach Ägypten forderte Pius Katholikinnen und Katholiken überall auf, Migranten in ihrer Mitte aufzunehmen und für sie zu sorgen.
Angesichts dieser Lehren seiner Vorgänger ist es keineswegs innovativ oder »progressiv«, wenn Leo XIV. die brutalen Taktiken der US-Einwanderungsbehörde ICE verurteilt oder eine »universelle Autorität« fordert, um das Streben der Länder entsprechend ihrer eigenen Interessen zu zügeln. Für viele in den USA scheinen diese Äußerungen dennoch aus heiterem Himmel zu kommen: Während sie für manche eine angenehme Überraschung waren, fühlte sich die Regierung offenbar überrumpelt.
»Die katholischen Führungskräfte und Institutionen in den USA haben sich in den vergangenen Jahren konsequent dazu entschieden, einer Kulturkampfpolitik zuzustimmen, die weitgehend mit dem Programm der Republikanischen Partei übereinstimmt.«
Dass so viele Menschen überrascht von den päpstlichen Aussagen sind, liegt an der äußerst selektiven Art und Weise, wie das katholische Denken über Politik dem US-amerikanischen Publikum von Kommentatoren und sogar von den amerikanischen Bischöfen bisher vermittelt wurde. Die öffentliche Wahrnehmung des Katholizismus (sowohl unter Katholiken als auch Nichtkatholiken) wird weitgehend von Bischöfen, gemeinnützigen Organisationen und Medienpersönlichkeiten geprägt, die bewusst entscheiden, auf welche Elemente der alten Traditionen des Christentums sie sich konzentrieren und wie sie diese darstellen.
Eine solche Art der Informationsweitergabe ist geradezu unvermeidlich: Die meisten Katholikinnen und Katholiken (und andere Menschen, die daran interessiert sind, die Lehre der Kirche zu verstehen) haben in der Regel nicht die Zeit, sich durch tausende Seiten Theologie zu wühlen oder die offiziellen Erklärungen des Heiligen Stuhls zu studieren. Mit der Art, wie in den Vereinigten Staaten die politischen Standpunkte der Kirche interpretiert und für die heimischen Gläubigen aufbereitet wurden, wurden die offiziellen Erklärungen der Päpste aber nicht nur vereinfacht oder popularisiert, sondern nicht selten verzerrt und manchmal aktiv falsch dargestellt.
Das vermutlich extremste Beispiel für dieses Phänomen ist die von katholisch-politischen Gruppierungen in den USA weit verbreitete Idee der »fünf unverhandelbaren« Themen, die die politischen Entscheidungen von Katholiken einschränken. Der Ansatz, der von der rechtsgerichteten Gruppe Catholic Answers als eine Art Wahlhilfe für die Präsidentschaftswahlen 2016 entwickelt wurde, fand in erzkatholischen Kreisen recht breite Akzeptanz und taucht seitdem immer wieder in Pfarrbriefen, Predigten und katholischen Medien auf. Demnach müssen Politikerinnen und Politiker, die eine »falsche« Haltung zu den angeblich »unverhandelbaren« Themen – Schwangerschaftsabbruch, Sterbehilfe, Stammzellenforschung, Klonen und gleichgeschlechtliche Ehe – vertreten, von allen Katholiken abgelehnt werden. Wer für solche Kandidaten stimmt, sündigt. (Für die Wahl 2024 wurde der Liste oft eine »unverhandelbare« Anti-Trans-Haltung hinzugefügt.)
Bei der Besprechung dieser fünf Themen wird in der Regel angedeutet, dass alle anderen Fragen, zu denen die Kirche hin und wieder Stellung bezieht – sei es Krieg und Frieden, öffentliche Gesundheit, wirtschaftliche Gerechtigkeit, Umweltschutz –, lediglich »Ermessensfragen« sind, bei denen es seitens der Kirche zwar bessere oder schlechtere Antworten geben mag, diese jedoch stets hinter den »unverhandelbaren« Themen zurückstehen.
Die Reduzierung der Politik auf Kulturkampf ist theologisch schwer zu rechtfertigen und hat nie ganz die formelle Zustimmung der US-Bischofskonferenz erhalten. Doch die wiederholte Betonung einer »vorrangigen Priorität« des Themas Schwangerschaftsabbruchs seitens der Konferenz wurde – vielleicht zu Recht – als implizite Billigung der Fünf-Themen-Sichtweise verstanden.
»Anders als 2003 wurden die Antikriegserklärungen des Papstes von den höchsten Ebenen der US-amerikanischen katholischen Institutionen aufgegriffen.«
Die katholischen Führungskräfte und Institutionen in den USA haben sich in den vergangenen Jahren konsequent dazu entschieden, einer Kulturkampfpolitik zuzustimmen, die weitgehend mit dem Programm der Republikanischen Partei übereinstimmt. Diese Haltung muss als ein genuin US-amerikanisches und nicht als ein katholisches Phänomen verstanden werden: Beispielsweise vertritt die katholische Kirche in anderen Ländern ebenfalls moralische Einwände gegen Schwangerschaftsabbrüche, doch wird dort so gut wie nie nahegelegt, die Wahl oder auch nur die Zusammenarbeit mit Kandidaten zu verbieten, wenn diese sich für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch einsetzen.
Während sie in diesen Fragen des Kulturkriegs zu keinerlei Kompromiss bereit sind, haben sich die Intellektuellen des US-Katholizismus als äußerst flexibel erwiesen, wenn es darum ging, andere Prioritäten der Republikanischen Partei mit der katholischen Lehre in Einklang zu bringen. Trotz der offenen Ablehnung von Johannes Paul II. der Irak-Invasion 2003 hielten sich die US-Bischöfe größtenteils zurück. Mehr noch: einflussreiche katholische Neokonservative wie Michael Novak, Richard John Neuhaus und Robert George hatten keinerlei Problem damit, die Einschätzung des Papstes »respektvoll« zurückzuweisen.
Nachdem Benedikt XVI. eine lange und wohlüberlegte Enzyklika veröffentlicht hatte, in der er eine umverteilende Wirtschaftspolitik befürwortete, nahm sich George Weigel eine Auszeit von seinen Aufgaben im Beirat der Victims of Communism Memorial Foundation, um zu erläutern, warum er die in der Enzyklika geäußerten Gedanken ablehnt. Er ging so weit, zu behaupten, der Papst sei von seinen Beratern dazu gezwungen worden, linke Ideen aufzunehmen, an die er selbst sicherlich nicht glaube. Natürlich waren weder Johannes Paul noch Benedikt Linke – Johannes Paul war ein vehementer Antikommunist; Benedikt hatte in seiner früheren Laufbahn eine regelrechte Inquisitionskampagne gegen die Befreiungstheologie angeführt. Doch für die meisten US-amerikanischen katholischen Intellektuellen war jede Abweichung dieser konservativen Päpste vom Parteiprogramm der Republikaner zu viel des Guten.
Heute vertritt Robert Barron – Bischof eines kleinen Bistums im ländlichen Minnesota sowie prominenter Youtube-Prediger und stolzes Mitglied von Präsident Trumps Kommission für Religionsfreiheit – die unplausible Position, die jüngsten Äußerungen von Papst Leo hätten keinen Bezug zum Krieg der USA und Israels gegen den Iran, sondern seien lediglich eine abstrakte Betrachtung über die Möglichkeit eines ungerechten Krieges. In seiner Verteidigung der Trump-Regierung hat Barron weiter betont: »Es ist nicht die Aufgabe der Kirche, zu beurteilen, ob ein bestimmter Krieg gerecht oder ungerecht ist.« Derweil scheut Barron sich freilich nicht, katholische Theologie auf andere, ganz konkret-weltliche politische Fragen anzuwenden: So hat er beispielsweise emsig Argumente vorgebracht, warum Katholiken das Schreckgespenst eines lokalen Sozialismus unter dem New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani ablehnen müssen.
Im Jahr 2026 scheinen allerdings nicht viele Katholiken in den Vereinigten Staaten bereit, sich an Bischof Barrons intellektuellen Verrenkungen zu beteiligen; und anders als 2003 wurden die Antikriegserklärungen des Papstes von den höchsten Ebenen der US-amerikanischen katholischen Institutionen aufgegriffen. Die Bischofskonferenz hat sich nicht auf allgemein gehaltene Friedensgebete beschränkt, sondern wiederholt Erklärungen abgegeben, in denen sie Leos Kritik am Krieg bekräftigt. Drei amerikanische Kardinäle gaben in der Fernsehsendung 60 Minutes ein gemeinsames Interview, in dem sie den Papst verteidigten, den Krieg verurteilten und ICE kritisierten.
In einem bemerkenswerten Verstoß gegen die Etikette erklärte der für die katholischen Seelsorger bei den US-Streitkräften zuständige Erzbischof öffentlich, der Krieg gegen den Iran sei ungerecht. Dieser Konsens unter den Bischöfen spiegelt sich auch bei vielen katholischen Intellektuellen wider: Jenseits des Weißen Hauses und des Pentagons gibt es heute nur sehr wenige katholische Stimmen – selbst im politisch rechten Lager – die bereit wären, sich auf die Seite von Trump und Vance statt auf die von Leo zu stellen.
Nach so vielen Jahren gezielter Bemühungen, die Autorität der katholischen Kirche mit der Politik der Republikanischen Partei zu verknüpfen (oder zumindest etwaige Differenzen zu minimieren), befinden sich die US-Kirche und die Trump-Regierung nun plötzlich im offenen Konflikt. Was hat diesen Umschwung verursacht? Und warum gerade jetzt? Ohne die Möglichkeit eines aufrichtigen moralischen Erwachens unter den US-Katholiken auszuschließen, lassen sich sowohl in Washington als auch in Rom Faktoren ausmachen, die den Konflikt ausgelöst und befeuert haben.
»Obwohl Trump im Jahr 2024 die Mehrheit der katholischen Menschen für sich gewinnen konnte, lässt sich dies eher durch die ethnische und soziale Zusammensetzung der US-Katholiken erklären als durch einen spezifisch religiösen Einfluss auf ihr Wahlverhalten.«
Der erste und wichtigste Faktor ist die schamlose Grausamkeit der Trump-Regierung. Für die katholische Kirche ist dabei die Schamlosigkeit wichtiger als die Grausamkeit. Willkürliche Kriege, Angriffe auf Zivilisten und die schlechte Behandlung von Migrantinnen und Migranten sind keine neuen Phänomene in der US-Geschichte, doch gab es bislang immer Bemühungen, ihnen ein ideologisches Feigenblatt zu verschaffen. Schon in Vietnam, Afghanistan und im Irak mag es unglaubwürdig gewesen sein zu behaupten, die USA kämpften für Demokratie und eine zukünftige friedliche Koexistenz der Länder. Dennoch wiederholten die jeweiligen US-Administrationen diese Aussage immer wieder, und große Teile der amerikanischen Gesellschaft glaubten daran – oder taten zumindest so. So dünn und durchsichtig diese ideologischen Feigenblätter auch gewesen sein mögen, sie boten den katholischen Führern und Intellektuellen in den USA einen Vorwand, von der Aufrichtigkeit der politischen Führungen auszugehen und eine offene Konfrontation zu vermeiden.
Die amtierende US-Regierung hat diese Feigenblätter nun weggerissen. Das Ministerium für Innere Sicherheit und das kürzlich umbenannte »Kriegsministerium« geben immer wieder Erklärungen und Bilder heraus, die staatliche Gewalt verherrlichen und mit denen sich am Leid der Opfer ergötzt wird. Während kriegerische Handlungen und Exzesse früher noch (unaufrichtigerweise) als bedauerliche Notwendigkeit gerechtfertigt werden konnten, ist es heute weitaus schwerer zu akzeptieren, dass sie als etwas grundsätzlich Gutes gefeiert werden.
Die katholische Moraltheologie hat ein ausgeklügeltes System der Kasuistik entwickelt, das es erlaubt, gewisse »Kollateralschäden« mit Gelassenheit zu betrachten. Doch dieses System lässt sich nicht weit genug dehnen, um die angedrohte »Zerstörung einer Zivilisation« zu rechtfertigen. Der ständige Einsatz explizit christlicher Sprache und Bildsprache durch Hegseth und andere in der Regierung verschärft die Widersprüche für Katholiken noch weiter. Hegseths eigene theologische Einflüsse sind weit von Rom entfernt; doch seine ständige Bezugnahme auf Jesus Christus im Zusammenhang mit militärischen Operationen zieht unweigerlich eine Reaktion der Kirche nach sich, die härter ausfällt als es bei einer rein säkularen Rechtfertigung für eine solche Kriegspolitik der Fall wäre.
Zweitens ist Papst Leo Amerikaner. Dadurch kann seine Kritik an der US-Politik schwerer ignoriert werden. Wie er selbst festgestellt hat, haben US-amerikanische Kritiker früherer Päpste oft argumentiert, deren Ansichten über die Vereinigten Staaten beruhten auf unzureichenden Informationen. Leos eigene politische Haltung ist zwar durch seine jahrzehntelange Arbeit in Peru geprägt, doch er ist in den Vereinigten Staaten geboren und aufgewachsen, und er äußert seine Kritik an der US-Politik in Englisch mit Midwest-Akzent.
Darüber hinaus lehnt Leo es – im Gegensatz zu einigen seiner Amtskollegen in den Vereinigten Staaten – ab, seine Kritik mit abstrakt-religiösen Prinzipien zu verwässern: Sie richtet sich klar gegen den Krieg im Iran, gegen ICE und gegen Trump. Für US-Katholiken ist es weitaus schwieriger, derartige Kritik zu bagatellisieren oder mit vagen theologischen Abstraktionen zu übertünchen, wenn sie so direkt von jemandem aus den eigenen Reihen vorgebracht wird.
»Für die vielen Katholiken, denen die politischen Loyalitäten ihrer religiösen Führer und Intellektuellen Unbehagen bereitet, haben die Aussagen von Papst Leo gezeigt, dass es einen anderen Weg gibt, US-Amerikaner (und US-amerikanischer Katholik) zu sein.«
Ein dritter Faktor für den Konflikt zwischen Rom und Washington/Mar-a-Lago ist die religiöse Einstellung vieler Beamter und Angestellter der Trump-Regierung. Diese macht es ihnen unmöglich zu akzeptieren, dass der Vatikan möglicherweise nicht auf ihrer Seite sein könnte. Trotz der Behauptung des Präsidenten, er stehe »voll auf das Evangelium«, hat er nie großes Interesse an dessen tatsächlichem Inhalt gezeigt.
Unabhängig davon, wie ernst Trump seine gepostete (und bald darauf wieder gelöschte) Selbstdarstellung als Christus im Streit mit Papst Leo meinte: das Spiel mit solch blasphemischer Symbolik birgt die Gefahr, selbst Christinnen und Christen, die Trumps Politik gutheißen, ernsthaft zu verprellen. Ebenso ist Trumps Behauptung, Leo XIV. setze sich für einen nuklear bewaffneten Iran ein, nicht nur haltlos, sondern ignoriert sogar die lange Geschichte des Heiligen Stuhls im Kampf gegen die Verbreitung von Atomwaffen weltweit. Die Ablehnung der Päpste gegenüber der Entwicklung von Atomwaffen reicht bis ins Jahr 1943 zurück, als die Atombombe noch eine wissenschaftliche Theorie war.
Trump selbst interessiert sich vermutlich nicht für die Einzelheiten der katholischen Lehre, doch vielen anderen in seiner Regierung liegt das Thema sehr wohl am Herzen (oder sie wollen zumindest als Verteidiger des Glaubens wahrgenommen werden). Nur wenige Wochen nach seiner Amtseinführung reagierte Vizepräsident Vance – der während der ersten Amtszeit Trumps zum Katholizismus konvertiert war – auf Kritiker seiner unmenschlichen Einwanderungspolitik einerseits mit abgedroschenen Argumenten über »nationale Sicherheit« und Kriminalität. Er betonte aber auch, Massenabschiebungen stünden im Einklang mit der Moraltheologie des heiligen Augustinus. Vances theologische Rechtfertigung für ICE-Razzien wurde von den meisten tatsächlichen Augustinus-Experten scharf kritisiert – unter anderem von einem gewissen Augustiner-Mönch namens Robert Prevost, der wenige Monate später Papst Leo XIV. werden sollte.
Vances religiöse Argumentation war mangelhaft, aber die Entscheidung, sich zur Rechtfertigung seiner Politik ausdrücklich auf ein theologisches Argument zu stützen, spiegelt wider, dass wir es hier weniger mit den Prioritäten eines Politikers, sondern vielmehr denen eines eifrigen christlichen Möchtegern-Intellektuellen zu tun haben. Im Wahlkampf 2024 war die Abschiebepolitik nicht mit religiösen Argumenten begründet worden, und weder in der allgemeinen noch in der elitären Debatte in den Vereinigten Staaten dürften sonderlich viele Menschen mit den Schriften eines nordafrikanischen Bischofs aus dem fünften Jahrhundert argumentieren. Vance hatte den Wahlsieg im Rücken; und die Kirche hatte keinerlei Möglichkeiten, die Trump-Regierung daran zu hindern, ihr Programm umzusetzen.
Dass Vance trotzdem mit Augustinus argumentierte, zeigt: Für ihn und andere im inneren Zirkel der Trump-Regierung geht es bei der Berufung auf religiöse Autorität nicht darum, die gläubige Wählerschaft abzuholen. Vielmehr will man sich selbst davon überzeugen, dass man einen göttlichen Auftrag für das eigene Handeln hat; dass man die Autorität der alten christlichen Tradition auf der eigenen Seite hat. Dieser Trieb, religiöse Autorität für sich zu beanspruchen, kann mitunter seltsame, regelrecht abergläubische Formen annehmen, die ins Grotesk-Unfassbare umschlagen. So scheint Gladden Pappin, Vances Freund und Verbindungsmann nach Ungarn, aufrichtig geglaubt zu haben, dass Papst Franziskus Trump dabei unterstützen würde, die Wahl 2020 für ungültig zu erklären und in diesem Zuge Trumps Ehefrau Melania zu einer katholischen Königin Amerikas zu krönen.
»In einer Zeit in der die Brutalität, Xenophobie, Aggression und Grausamkeit der US-amerikanischen Politik auf ein neues Niveau gesteigert wurde, sollten wir vielleicht froh sein, dass der Papst die Bereitschaft zeigt, seinen Beitrag zu einer Volksfront zu leisten.«
Im Januar stellte Elbridge Colby, Hegseths Unterstaatssekretär für Verteidigungspolitik und ein weiterer katholischer Freund von Vance, die bisher beispiellose Forderung, der päpstliche Nuntius solle im Pentagon erscheinen. Berichten zufolge wurde der Nuntius aufgefordert, der Vatikan solle sich Trumps außenpolitischer Agenda anschließen. Dabei sei auch auf das Avignonesische Papsttum im 14. Jahrhundert angespielt worden. Damals amtierten insgesamt sieben aufeinanderfolgende Päpste nicht im Vatikan, sondern in Frankreich unter der Kontrolle des französischen Königs.
Pappins und Colbys Fantasien mögen in der politischen Realität des 21. Jahrhunderts kaum haltbar sein, doch sie zeigen ein aufrichtiges Bedürfnis für den Glauben, ihre Handlungen hätten die Zustimmung der Kirche oder würden sie bekommen. Ganz abgesehen von innenpolitischen Erwägungen bezüglich der »katholischen Wählerschaft« sind diese Figuren in Trumps Kabinett nicht gewillt und nicht in der Lage, Kritik seitens des Heiligen Stuhls zu ignorieren.
Tatsächlich dürften die Auswirkungen der Auseinandersetzung mit dem Papst auf die »katholische Wählerschaft« in den USA eher begrenzt sein. Katholiken in den Vereinigten Staaten sind kein geschlossener Wählerblock; und obwohl Trump im Jahr 2024 die Mehrheit der katholischen Menschen für sich gewinnen konnte, lässt sich dies eher durch die ethnische und soziale Zusammensetzung der US-Katholiken erklären als durch einen spezifisch religiösen Einfluss auf ihr Wahlverhalten. Tatsächlich stimmte die Mehrheit der Katholikinnen und Katholiken 2020 für Joe Biden – obwohl viele katholische Intellektuelle und religiöse Führer sich mit aller Kraft bemüht hatten, ihren Glauben mit dem Wahlprogramm der Republikanischen Partei in Einklang zu bringen.
Da die Beliebtheit der Trump-Administration allgemein sinkt, ist die Annahme gerechtfertigt, dass sich Katholiken aus Gründen gegen die Regierung wenden, die nichts mit der Kritik US-amerikanischer Politiker an Papst Leo zu tun haben. Allerdings sind die Angriffe gegen die geistliche Führung des Katholizismus sicherlich nicht der Popularität der US-Regierung zuträglich. Der erste Papst aus den Vereinigten Staaten wird in seinem Geburtsland weithin geschätzt – nicht nur von Katholiken. Es ist unwahrscheinlich, dass sich außer den Hardcore-Trump-Anhängern und einigen rechtsextremen Medienvertretern irgendwer gegen Leo ausspricht, weil dieser einen unpopulären Krieg kritisiert hat.
Unterdessen könnten Leos Äußerungen jenen innerhalb der US-amerikanischen katholischen Kirche, die für eine »nahtlose Verbindung« aus katholischem Glauben und MAGA-Politik plädieren, entscheidend den Boden unter den Füßen wegziehen. Sie könnten nun in die wenig beneidenswerte Lage geraten, beweisen zu müssen, dass sie richtig liegen und katholischer sind als der Papst. Für die vielen Amerikanerinnen und Amerikaner, denen das Verhalten ihrer Regierung peinlich ist, und für die vielen Katholiken, denen die politischen Loyalitäten ihrer religiösen Führer und Intellektuellen Unbehagen bereitet, haben die Aussagen von Papst Leo gezeigt, dass es einen anderen Weg gibt, US-Amerikaner (und US-amerikanischer Katholik) zu sein.
Man kann davon ausgehen, dass Leo XIV. auch viele Meinungsverschiedenheiten mit der Demokratischen Partei sowie mit der Linken hat. Doch in einer Zeit, in der die Brutalität, Xenophobie, Aggression und Grausamkeit der US-amerikanischen Politik auf ein neues Niveau gesteigert wurde, sollten wir vielleicht froh sein, dass der Nachfolger Petri und Stellvertreter Jesu Christi auf Erden die Bereitschaft zeigt, seinen Beitrag zu einer Volksfront zu leisten.
Kevin Gallagher ist Journalist aus Connecticut.