12. Mai 2026
Mehrere Länder boykottieren den ESC in Wien wegen der Teilnahme Israels und fast die Hälfte der Menschen in Österreich hat Verständnis dafür. Doch öffentlich wird Kritik als Skurrilität abgetan – ein Armutszeugnis fürs politisch-mediale Establishment.

Der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig wünscht sich ein »Fest des Miteinanders« – ohne pro-palästinensichen Protest.
Wien befindet sich aktuell in der längsten Woche des Jahres. Am Samstag soll zum dritten Mal der Eurovision Song Contest in der österreichischen Hauptstadt stattfinden. Anders als vor zehn Jahren, als Wien das letzte Mal Austragungsort des Megaevents war, steht der ESC dieses Mal im Zentrum einer politischen Debatte. Konkret geht es um die Frage: Darf ein Land, das aktuell einen Völkermord begeht – und sich deshalb vor dem IGH verantworten muss – Teil der größten Musikshow der Gegenwart sein?
Folgt man der Europäischen Rundfunkunion (EBU), die den ESC veranstaltet, dann ist diese Frage mit Blick auf Israel mit »Ja« zu beantworten. Als diese Entscheidung im Dezember verkündet wurde, folgte der größte Boykott der ESC-Geschichte: Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Spaniens, Irlands, Sloweniens und der Niederlande sagten ihre Teilnahme ab. Island folgte wenig später.
Im Gastgeberland Österreich stand eine solche Absage nie im Raum. Der inzwischen geschiedene Ex-ORF-Generaldirektor Roland Weißmann (er liefert sich wegen des Vorwurfs der sexuellen Belästigung aktuell einen Rechtsstreit mit seinem Ex-Arbeitgeber), begrüßte die Entscheidung der EBU und erklärte sogar, er habe sich persönlich für die Teilnahme Israels eingesetzt. Auch von Wiens sozialdemokratischem Bürgermeister Michael Ludwig gab es lobende Worte für diese Entscheidung. Die konservative ÖVP soll gar hinter den Kulissen Druck auf den ORF ausgeübt haben, indem sie drohte, das Event abzusagen, sollte Israel nicht teilnehmen dürfen.
Prominente Stimmen, die sich kritisch mit der Teilnahme Israels auseinandersetzen, gibt es in Österreich nur wenige. Neben palästinasolidarischen Gruppen, die unter anderem einen »Song-Protest« und eine Großdemonstration gegen das Event organisieren, und Stellungnahmen von Amnesty International sowie der KPÖ wird die Forderung, Israels solle nicht am Song Contest teilnehmen, tendenziell als skurrile nischige Randmeinung in der Debatte abgetan. Und das, obwohl rund 40 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher den Boykott durch andere europäische Länder für gerechtfertigt halten.
Wie aufgeladen die Debatte ist, zeigte sich letztes Jahr exemplarisch am Umgang mit dem ESC-Gewinner JJ. Als dieser nach seinem Sieg im Interview mit einem spanischen Medium erklärte, er sei »enttäuscht« darüber, dass Israel noch am ESC teilnehmen durfte, entbrannte eine orchestrierter Shistorm, der so weite Wellen schlug, dass sich sogar der österreichische Bundespräsident einschalten musste. Der tat das mit einem klassischen Blabla-Statement darüber, dass man Israel weiterhin unterstützen, aber auch die »aktuelle Regierung Netanjahu« kritisieren müsse. Das war im Mai 2025 – als schon zehntausende Palästinenserinnen und Palästinenser von der israelischen Armee getötet worden waren.
Schon in den vergangenen Jahren war der Protest gegen Israels Teilnahme beim ESC groß. 2024 wurde die israelische Teilnehmerin Eden Golan ausgebuht. 2025 gewann Israel – trotz massiver Proteste – das Publikumsvotum, was dazu führte, dass mehrere Länder öffentlich die Resultate infrage stellten. Aber dieses Jahr erreicht der Protest mit dem offenen Boykott mehrerer Länder einen neuen Höhepunkt, wohl auch deshalb, weil immer bekannter wurde, wie Israel das Event als Soft-Power-Instrument verwendet. Laut aktuellen Recherchen pumpte Israel bereits 2018 über 100.000 US-Dollar in eine staatlich finanzierte Social-Media-Kampagne für seinen ESC-Beitrag, 2024 waren es über 800.000 Dollar – der Großteil davon kam vom Außenministerium.
Dass Israel so viel in das Event investiert, ist kein Zufall. Mit 166 Millionen Zusehenden zählt der ESC zu den größten kulturellen Veranstaltungen unserer Gegenwart. In den vergangenen Jahren hat sich die öffentliche Meinung immer weiter zugunsten der Palästinenserinnen und Palästinenser verschoben. Der ESC ist der ideale Ort, um Einfluss auf diese Meinung zu nehmen.
»Dass Israel so viel Geld in das Event investiert, ist kein Zufall. Mit 166 Millionen Zusehenden zählt der ESC zu den größten kulturellen Veranstaltungen unserer Gegenwart.«
Es fühlt sich fast müßig an zu erwähnen, dass ein Musikevent, bei dem Nationen unter Fahne gegeneinander antreten, offensichtlich eine hochpolitisierte Angelegenheit ist. Vor allem deshalb, weil der ESC immer Einblicke in die gegenwärtigen politischen Debatten Europas lieferte. Aber allein eine ehrliche Auseinandersetzung darüber scheint in der österreichischen Öffentlichkeit keinen Platz zu haben. Selbst der ansonsten landesväterlich-urig auftretende Wiener Bürgermeister Michael Ludwig zeigt sich bei einer propalästinensischen Protestaktion am Europatag sichtlich aufgebracht. Als Demonstranten eine gemeinsame Veranstaltung von ihm und der österreichischen Außenministerin Beate Meinl-Reisinger störten, erklärte er, man lasse sich nicht »wegterrorisieren« und würde am ESC trotzdem »ein Fest des Miteinanders« feiern.
Mit diesen Worten stellt er gewaltfreien Protest quasi unter Terrorismusverdacht. Dabei ging es den Protestierenden gar nicht nur um harmlose Forderungen wie den Ausschluss Israels vom ESC – sondern vor allem auch um die Aussetzung des EU-Assoziierungsabkommens mit Israel oder ein Ende von Waffenlieferungen. Es gibt schon länger starke Indizien dafür, dass sich Motoren der österreichischen Firma Rotax in israelischen Kampfdrohnen befinden. Vielleicht schafft es das Chaos um den diesjährigen ESC endlich auch, diese Erkenntnisse sichtbarer zu machen. Denn dort liegen die eigentlichen Hebel, um Druck auf Israel auszuüben. Aber bis es so weit ist, können wir österreichischen Entscheidungsträgern weiterhin dabei zusehen, wie sie die gesamte Situation rund um den ESC so unsouverän behandeln, dass sich auf Jahre niemand mehr einen österreichischen Sieg des Events wünschen wird.
Magdalena Berger ist Editor bei Jacobin.