22. Februar 2026
In einer E-Mail an Jeffrey Epstein behauptete der ehemalige Barclays-CEO Jes Staley, die Massen würden nicht gegen die Reichen revoltieren, weil der Konsumismus sie bei Laune halte. Doch ganz so leicht lässt die Arbeiterklasse sich nicht abspeisen.

Der Konsum von Waren kann also nicht nur betäubend wirken, sondern auch das eigene Bewusstsein schärfen, das Anspruchsdenken befeuern und das Verlangen nach Anerkennung und fairer Behandlung verstärken.
Nach der Veröffentlichung von weiteren drei Millionen Seiten der Epstein Files Anfang Februar konzentrierten sich die Kommentarspalten und die allgemeine Debatte verständlicher- und richtigerweise auf die sexuelle Ausbeutung junger Frauen und Mädchen durch einflussreiche Männer. Die Dokumente zeichnen aber auch ein umfassendes Bild davon, wie die reichsten Männer der Welt denken und sprechen – und zwar nicht nur über Frauen.
Hier zum Beispiel eine E-Mail in Gesamtlänge und im Wortlaut von Jes Staley, dem Ex-CEO des Finanzgiganten Barclays (der offenbar ebenfalls sexuelle Kontakte mit Frauen aus dem Epstein-Komplex hatte): »willst du wissen, warum wir nicht São Paolo sind schau dir einfach die Werbung zum Superbowl an. Da gibts nur hippe Schwarze mit hippen Autos und weißen Frauen. Die Leute, die auf die Straße gehen müssten, wurden. von Jay Z gekauft«
Die Mail (mit Bezug auf São Paolo als unruhige Megacity, in der es immer wieder zu Massenunruhen kommen kann) gibt einen Einblick in die Denkweise der Finanzelite. Die Reichen wissen offensichtlich, dass das ungerechte System, das sie so unvorstellbar reich gemacht hat, eigentlich zu Volksaufständen führen müsste – auch in relativ reichen kapitalistischen Staaten, die ebenfalls von hoher Ungleichheit geprägt sind.
Warum kommt es also nicht häufiger zu Aufständen? Staleys einfache Antwort lautet: Die Konsumideologie hypnotisiert und lähmt die Massen mit der Aussicht darauf, ihren derzeitigen Status überwinden zu können, indem sie Prominente nachahmen und möglichst viele Konsumgüter kaufen. Staley behauptet hier offen, was viele Linke schon lange befürchten: Die Arbeiterinnen und Arbeiter in reichen Gesellschaften seien derart »gekauft«, dass sie den Kapitalismus nicht mehr stürzen wollen oder können.
»Nur weil der ehemalige CEO von Barclays der Meinung ist, Arbeiterinnen und Arbeiter seien zu sehr vom Konsumdenken eingelullt, als dass sie ihm eines Tages seinen Thron streitig machen könnten, muss das noch lange nicht der Wahrheit entsprechen.«
Neben vielen anderen Enthüllungen aus den Epstein Files zeigt sich mit der Mail von Staley vor allem, dass die herrschende Elite nicht so unglaublich clever ist, wie sie uns glauben machen möchte. Trotz all ihres Reichtums und ihrer Macht sind sie keine Übermenschen. Sie sind Durchschnittsmänner mit fragwürdigen sexuellen Impulsen und schlechter Rechtschreibung. Ihr Geld und ihr Einfluss zeugen nicht von ihrer exquisit entwickelten Persönlichkeit oder Intelligenz, sondern ausschließlich von der willkürlichen Ungerechtigkeit des Systems, das sie in ihre Position gebracht hat.
Mit anderen Worten: Nur weil der ehemalige CEO von Barclays der Meinung ist, Arbeiterinnen und Arbeiter seien zu sehr vom Konsumdenken eingelullt, als dass sie ihm eines Tages seinen Thron streitig machen könnten, muss das noch lange nicht der Wahrheit entsprechen.
Die grundlegendste und beständigste Erkenntnis der marxistischen Tradition ist, dass die einzelne Arbeiterin in unserer Gesellschaft zwar praktisch keine Macht hat, die Arbeiterklasse jedoch enorme Druck auf die Kapitalistenklasse ausüben kann, wenn sie geschlossen handelt und gemeinsam ihre Arbeitskraft verweigert. Die Reichen sind funktional abhängig von der Folgsamkeit aller anderen. Ohne diese Folgsamkeit schwänden ihre Profite, ihr Eigentum würde wertlos und sie würden zu gewöhnlichen Bürgerinnen und Bürgern. Es wäre das Ende ihrer Herrschaft.
Doch damit kommen wir sofort zur deutlich schwierigeren politischen Frage: Wir stellen uns vor, was die Arbeiterschaft durch Solidarität und Militanz erreichen könnte, aber solche Zustände sind nicht leicht zu erreichen. Es gibt viele entgegenstehende Kräfte, sowohl materielle als auch ideologische, die verhindern, dass sich Arbeiterinnen und Arbeiter zusammenschließen, um ihre Macht durchzusetzen. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigten sich Sozialisten beunruhigt über ein besonderes Phänomen: Arbeiter, die etwas mehr Geld hatten, schienen echte Freude daran zu haben, Dinge zu kaufen – und das könnte möglicherweise ihren Revolutionseifer dämpfen.
In den Vereinigten Staaten schien es vielen Linken in der Nachkriegszeit, dass der Kapitalismus in den entwickelten Ländern die Phase der düsteren »satanischen Mühlen« der Industriellen Revolution hinter sich gelassen hatte und in eine Phase der »Lochkarten und Lunchboxen« eingetreten war. Aus revolutionärer Sicht hatte dies einen schädlichen Effekt: Die Arbeiterinnen und Arbeiter schienen recht zufrieden damit zu sein, ihre neue Freizeit und ihr Geld für den Erwerb von Waren zu verwenden, die über neue Medien wie das Fernsehen beworben wurden. »Das Aufkommen des ›wohlhabenden Arbeiters‹ in den 1960er Jahren […] schien jeder realistischen Hoffnung auf einen Arbeiteraufstand endgültig den Garaus zu machen«, schreibt der marxistische Soziologe Matthias Zick Varul.
Viele Vertreter der Neuen Linken beschäftigten sich in der Folge mit Antikonsumismus, was Zick Varul als »eine Avantgarde einiger weniger Aufgeklärter, die versuchen, die konsumabhängigen Massen von ihrer Sucht zu befreien«, beschreibt. Diese Tradition der US-amerikanischen Linken führte sich seit dem Erscheinen des Whole Earth Catalog 1968 (der einen sparsamen und nachhaltigen gegenkulturellen Lebensstil propagierte) fort bis zur Blütezeit des pop-anarchistischen Magazins Adbusters, das Anfang der 2000er Jahre einen Schuh ohne Firmenlogo verkaufte.
»Neben vielen anderen Enthüllungen aus den Epstein Files zeigt sich mit der Mail von Staley vor allem, dass die herrschende Elite nicht so unglaublich clever ist, wie sie uns glauben machen möchte.«
Zweifellos steckt ein Körnchen Wahrheit in der Konsumismus-These oder der Theorie, dass die Konsumkultur den Willen der Massen zur gesellschaftlichen Transformation abstumpfen kann. Aus rein psychologischer Sicht erscheint es intuitiv richtig, dass die Vermittlung von Fantasien, man könne durch persönlichen Konsum über sein bisheriges Dasein »hinauswachsen«, die Anziehungskraft kollektiver Kämpfe mindert.
Wir wissen, wie es sich anfühlt, wenn wir unsere innigen Hoffnungen und Wünsche nach Zugehörigkeit, Liebe, Sicherheit oder Selbstachtung auf einen Kauf projizieren. Wir sind von der Vorstellung besessen, dass ein neues Outfit oder eine neue Wohnung endlich unsere grundlegenden emotionalen Bedürfnisse befriedigen wird, was natürlich nie der Fall ist und auch nie der Fall sein wird. Es wäre produktiver, die Erfüllung dieser Bedürfnisse durch eine groß angelegte gesellschaftliche Transformation zu verwirklichen. Da wir aber nur über begrenzte Energie verfügen, gibt es hier zweifellos Zielkonflikte.
Allerdings lässt sich die Konsumismustheorie nicht vollständig mit der historischen Realität in Einklang bringen. Die 1950er Jahre gelten als das Ideal der US-amerikanischen Konsumgesellschaft; sie waren jedoch auch der Höhepunkt der Gewerkschaftsdichte in den Vereinigten Staaten: Mehr als ein Drittel der US-amerikanischen Bürgerinnen und Bürger gehörte damals einer Gewerkschaft an.
Und diese Gewerkschaften waren nicht untätig: Im Laufe des Jahrzehnts gab es 42.476 Arbeitsniederlegungen, darunter hunderte Großstreiks pro Jahr. Allein am Stahlstreik 1959 waren Arbeiter von fast 500 Betrieben in über fünfzig Städten beteiligt. Eine halbe Million Menschen streikten 116 Tage lang und legten nahezu alle Stahlwerke in den Vereinigten Staaten lahm. Dieselbe Gesellschaft, die nach modernen Küchengeräten lechzte, führte gleichzeitig einen erbitterten und militanten Kampf gegen die Kapitalistenklasse.
1959 war auch das Jahr der American National Exhibition in Moskau, wo Richard Nixon in einem mit Konsumgütern vollgestopften klassischen US-Vorstadthausmodell die vermeintliche Überlegenheit des amerikanischen Kapitalismus gegenüber dem sowjetischen Kommunismus darlegte. »Unsere Stahlarbeiter befinden sich, wie Sie wissen, derzeit im Streik«, sagte Nixon im Gespräch mit Nikita Chruschtschow. »Aber jeder Stahlarbeiter könnte sich dieses Haus kaufen«.
Die ikonischen 1950er Jahre waren eine Zeit mit hohen verfügbaren Einkommen, hohem Konsum und hoher Militanz zugleich. Dies deutet darauf hin, dass die Dynamiken komplexer sind, als es die Konsumismustheorie vermuten lässt.
Historische Paradoxien wie diese werden weniger irritierend, wenn wir akzeptieren, dass zwei unterschiedliche Prozesse gleichzeitig stattfinden können. Eine Gesellschaft kann gleichzeitig shoppen und streiken. Der einzelne Mensch kann sich in Fantasien einer Lebensverbesserung durch Konsum verlieren und gleichzeitig empört sein über Ungerechtigkeit und Ungleichheit. Mir geht es jedenfalls so. Dir, liebe Leserin, lieber Leser, möglicherweise auch?
Einigen linken theoretischen Ansätzen zufolge sind diese Impulse nicht so gegensätzlich, wie sie erscheinen mögen. In seiner sozialistischen Kritik am Anti-Konsumismus argumentiert Zick Varul beispielsweise, dass die kapitalistische Konsumgesellschaft den Menschen paradoxerweise ein durchaus aufbauendes Gefühl der individuellen Wahlfreiheit und des Anspruchs auf Glück vermittelt. Haben die Menschen ein wenig Geld in der Tasche, beginnen sie darüber nachzudenken, was sie damit machen können. Dies führt unweigerlich zu Überlegungen darüber, wie und wer sie gerne sein möchten – ein Tagtraum von persönlicher Weiterentwicklung, den sich der Arbeiter, dessen Gehalt lediglich die Grundbedürfnisse (und sonst nichts) deckt, schlicht nicht leisten kann.
»Dieselbe Klasse, die vom Konsumismus profitiert, weckt auch Erwartungen, die sie nicht erfüllen kann. Und das ist gefährlich für sie.«
Konsumismus entfremdet; er kapert unsere intimen Wünsche nach Anerkennung und Selbstachtung und lenkt sie in den Erwerb materieller Güter, leerer Symbole für ein gutes Leben, die leicht zu einem billigen Ersatz für das Wahre werden können. Andererseits kann Konsumismus aber auch belebend sein und uns in einen autonomen Prozess der Selbstfindung versetzen. Er »enthält das Gebot der Selbstverwirklichung, der Selbstentfaltung, d. h. er verkörpert als Bestreben das, was Marx für den Kommunismus vorhergesagt hat«, schreibt Zick Varul. Das klingt provokativ, wirkt aber zutreffend: Die tatsächliche subjektive Erfahrung eines jungen Teenagers im Einkaufszentrum ist keine Erfahrung hypnotischer Benommenheit. Es ist eine Erfahrung lebendiger Selbstwahrnehmung, man ist hellwach und blüht angesichts der Aussichten auf Persönlichkeitsbildung und Handlungsfähigkeiten auf.
Der Konsum von Waren kann also nicht nur betäubend wirken, sondern auch das eigene Bewusstsein schärfen, das Anspruchsdenken befeuern und das Verlangen nach Anerkennung und fairer Behandlung verstärken. Der sozialistische Politikwissenschaftler Ishay Landa argumentiert, dies stelle ein Problem für Kapitalisten dar, da der sich nun selbst bewusste Arbeiter-Konsument auf dem Arbeitsmarkt unerbittlicher Ausbeutung und Demütigung ausgesetzt ist und zusätzlich unter der offensichtlichen Ungerechtigkeit der Vermögensungleichheit zu leiden hat. Der Verbraucher ist frei und hat Macht, der Arbeiter hingegen nicht – ein Widerspruch, der zu Spannungen innerhalb des Individuums führt. »Der Massenkonsum wird zu einem Trojanischen Pferd innerhalb des kapitalistischen Gefüges, gerade weil dieses System ihn nur unvollkommen bewältigen kann«, so Landa.
Mit anderen Worten: Dieselbe Klasse, die vom Konsumismus profitiert, weckt auch Erwartungen, die sie nicht erfüllen kann. Und das ist gefährlich für sie.
Was machen wir also mit Staleys Einschätzung gegenüber Epstein, gerade diejenigen Menschen, die den größten Grund zur Revolte hätten, würden durch Super-Bowl-Werbespots mit »hippen Schwarzen in hippen Autos« erfolgreich ruhiggestellt?
Staley ist wohl zu selbstsicher. Wie viele linke Konsumkritiker geht er davon aus, dass eine sedierende Konsumkultur als Hemmstoff für Militanz wirkt. Er übersieht dabei ihre stimulierenden Eigenschaften. Er hat die Warnung des liberalen Soziologen Daniel Bell aus dem 20. Jahrhundert nicht vernommen, der eine »Revolution der steigenden Ansprüche« beobachtete, in der sich die Konsumwünsche der breiten Masse allmählich in ebenfalls höhere Erwartungen im politischen wie gesellschaftlichen Bereich verwandeln.
»Wäre Staleys Sichtweise richtig, hätte das wohl konsumistischste Ereignis im US-Jahreskalender lediglich den Effekt haben müssen, die Menschen im Land zu besänftigen und von der aktuellen Krise abzulenken, die sie gegen die herrschende Klasse aufbringt.«
Staley selbst hatte keinen guten Start ins Jahr 2026; sein Ruf ist durch die enge Verbindung zu Epstein beschädigt. Wenn er sich die Zeit genommen haben sollte, sich mit Football von seinen persönlichen Problemen abzulenken, könnte er beim diesjährigen Super Bowl das Konsumismus-Paradoxon live in Aktion gesehen haben: Der puertoricanische Superstar Bad Bunny präsentierte Amerika eine perfekte Mischung aus glitzerndem Promi-Konsumismus und rotzigem Selbstbewusstsein – mitten ins Gesicht der gewaltaffinen Einwanderungs- und Zollbehörde ICE.
Wäre Staleys Sichtweise richtig, hätte das wohl konsumistischste Ereignis im US-Jahreskalender lediglich den Effekt haben müssen, die Menschen im Land zu besänftigen und von der aktuellen Krise abzulenken, die sie gegen die herrschende Klasse aufbringt. Stattdessen waren im ganzen Land während Bad Bunnys Auftritt Sprechchöre mit dem Slogan »Fuck ICE« zu vernehmen. Mehr noch: Eingebettet zwischen Werbespots für Pickup-Trucks und Abnehmpillen wurde ein beeindruckender Clip mit Opfern des Epsteinschen Missbrauchssystems ausgestrahlt, der maximale Aufmerksamkeit auf diesen Skandal lenkte, der Staley und weite Teile der globalen wirtschaftlichen und politischen Elite erschüttert.
Die selbsternannten Masters of the Universe mögen sich einbilden, dass sie die Arbeiterklasse mit Konsumgütern und Promi-Spektakel kaufen und ruhigstellen können. Die Realität ist aber nicht so einfach.
Meagan Day ist Redakteurin bei Jacobin und Co-Autorin des Buches Bigger than Bernie: How We Go from the Sanders Campaign to Democratic Socialism.