ABO
Das Online-Magazin von JACOBIN Deutschland

29. Januar 2026

Willkommen im Sopranos-Stadium des Imperialismus

Die USA sind unter Trump in das Sopranos-Stadium des Imperialismus eingetreten: Aus Hegemonie wird schamlose Erpressung, Loyalität ist im Zweifel nichts wert und Verträge können mit vorgehaltener Waffe gebrochen werden.

Donald Trump ballt die Faust bei der Ernennungszeremonie für sein sogenanntes »Friedensrat« in Davos, 22. Januar 2026.

Donald Trump ballt die Faust bei der Ernennungszeremonie für sein sogenanntes »Friedensrat« in Davos, 22. Januar 2026.

IMAGO / Anadolu Agency

In der ersten Episode von The Sopranos spricht Tony Soprano mit seiner neuen Psychotherapeutin Dr. Jennifer Melfi, bei der er nach einer Panikattacke vorstellig wird: »Es ist gut, wenn man was von Anfang an macht, und ich war dafür zu spät gekommen, ich weiß. Aber in letzter Zeit habe ich dauernd das Gefühl, dass ich ganz zum Schluss eingestiegen bin – dass das Beste schon vorbei ist.«

Der fiktionale Mob-Boss aus New Jersey bezieht sich hier natürlich auf die Mafia, doch seine Aussage könnte auch als Metapher für die aktuelle Angst der USA stehen: Angst vor schwindender imperialer Macht und Hegemonie. Donald Trumps Aufstieg, Sturz und Rückkehr an die Macht sind zum großen Teil von dieser Angst in ihren verschiedenen Ausprägungsformen getrieben – ebenso wie der mafiöse Stil seiner Präsidentschaft in seiner zweiten Amtszeit. Am deutlichsten wurde dies Anfang des Jahres mit der Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro und dessen Ehefrau Cilia Flores.

Dabei war diese Entführung kein Präzedenzfall: Seit 1989 haben die USA drei amtierende Präsidenten gekidnappt. Alles fing mit George H. W. Bushs Verrat an seinen alten Partner im konterrevolutionären Drogenhandel, Manuel Noriega, an und ging weiter mit der Entführung des demokratisch gewählten Präsidenten Haitis, Jean-Bertrand Aristide, durch George W. Bush im Jahr 2004. Noriega wurde in einem US-Kerker dahinvegetieren lassen, während Aristide letztendlich in Südafrika Asyl gewährt wurde. In den kommenden Monaten wird sich zeigen, ob die lächerlichen Rechtfertigungen für die Entmachtung Maduros vor einem US-Gericht Bestand haben. Es gibt allerdings wenig Grund, einen unparteiischen Prozess zu erwarten. Was Venezuela von Panama und Haiti unterscheidet, ist allerdings, dass es kein kleiner, von den USA abhängiger Staat ist. Vielmehr gilt das Land als einer der offiziell deklarierten Feinde der Vereinigten Staaten. Seit Hugo Chávez’ Machtübernahme ist Venezuela im US-amerikanischen Fadenkreuz. Und: Es ist ein großes Land mit 28 Millionen Menschen und einem Militär, das zumindest auf dem Papier in der Lage sein sollte, im Falle einer Invasion gewissen Schaden beim Gegner anzurichten.

»Für die Vereinigten Staaten bedeutet Souveränität nun das Recht des Souveräns, alle ökonomischen oder militärischen Mittel einzusetzen, die er für notwendig erachtet, um das zu erreichen, was er als im Interesse der Vereinigten Staaten liegend definiert.«

Die militärische Operation der USA hat nicht nur jede noch verbliebene Vorstellung von einer internationalen Ordnung, die auf staatlicher Souveränität und internationalem Recht basiert, endgültig zunichtegemacht. Wie ich vor ein paar Monaten geschrieben habe, signalisiert sie auch »eine Rückkehr zu einem Souveränitätsverständnis, das auf dem Prinzip ›die Starken tun, was sie wollen‹ basiert«. Trumps ursprüngliche Behauptung, die USA würden in Venezuela effektiv die Kontrolle übernehmen, war ebenso ein Beleg dafür wie seine Tendenz hin zu einer extremen Form des Rohstoffimperialismus. Angesichts der unklaren Lage, der unglaublichen Selbstüberschätzung der MAGA-Propaganda und der Probleme, aus Venezuela kommende Informationen verlässlich einzuordnen, ist es noch zu früh, die Zukunft der venezolanischen Politik oder des Chavismus einzuschätzen.

Mafiamethoden

In diesem Sinne treten die USA mit ihrem Angriff auf Venezuela in das Sopranos-Stadium ihres Imperialismus ein: die US-Hegemonie verwandelt sich in offenes Drohen und Gewaltanwendung. Wie ich bereits im vergangenen Oktober in Jacobin argumentierte: »Die plumpen Erklärungen für den faktischen Krieg gegen Venezuela spiegeln sowohl den Niedergang der Soft Power der USA wider – insbesondere nach der Auflösung der US-Agentur für internationale Entwicklung (USAID) – als auch die Überzeugung der Trump-Regierung, dass sie nicht mehr die Propagandamaßnahmen früherer Kriege einsetzen muss. Der Kongress handelt nach Vorgabe, und die Bevölkerung muss nicht mehr wirklich überzeugt werden; die vermeintliche öffentliche Meinung kann heute nachträglich per Algorithmus generiert werden.«

Dass Trump eine erfolgreiche Militäroperation gegen Venezuela – ohne Konsultation des Kongresses und mit den fragwürdigsten und unhaltbarsten Prämissen der jüngeren Vergangenheit – durchgeführt hat, unterstreicht einmal mehr: »Für die Vereinigten Staaten bedeutet Souveränität nun das Recht des Souveräns – also Donald J. Trump –, alle ökonomischen oder militärischen Mittel einzusetzen, die er für notwendig erachtet, um das zu erreichen, was er als im Interesse der Vereinigten Staaten liegend definiert: von Sanktionen gegen Brasilien, weil es wagt, einen Ex-Präsidenten wegen eines Putschversuchs strafrechtlich zu verfolgen, bis hin zur Tötung von venezolanischen Fischern, um den Anschein zu erwecken, den Drogenhandel zu bekämpfen.«

In einem von den US-Bundesbehörden abgehörten Telefonat erklärte der Gambino-Mafioso Aniello »Neil« Dellacroce dem zukünftigen Top-Mobster John Gotti und dem Familienmitglied Angelo »Quack Quack« Ruggiero einst: »La Cosa Nostra bedeutet, dass der Boss dein Boss ist.« Das bedeutet: Man tut, was einem gesagt wird, denn so laufen die Dinge in der Mafia. Im Gegensatz zur Gambino-Familie verfügt Trump freilich nicht nur über ein paar hundert Killer, auf die er bei Bedarf zurückgreifen kann. Er befehligt stattdessen die mächtigste Militärmaschine der Geschichte und er kann sie offenbar jederzeit einsetzen, um den Rest der Welt zu erpressen.

Der Autor John Ganz hat in seinem Buch When the Clock Broke einen Vergleich zwischen Gottis populistischer Anziehungskraft in den amerikanischen Vororten und Trumps kometenhaftem politischen Aufstieg gezogen. Ganz meint: »Trump hat die Rolle des capo di tutti capi schon lange als sein persönliches Ideal verstanden.«

Schutz und Drohung

Der Angriff auf Venezuela verdeutlicht, dass Trump von seinem Mafiaboss-Sitz in Mar-a-Lago aus mehr oder weniger dasselbe Prinzip in Bezug auf die Souveränität der USA etabliert hat. Nur er kann festlegen, wie der US-amerikanische Staat zu handeln hat; und er muss dabei niemanden konsultieren. Auf die Frage der New York Times, ob es Grenzen für seine Macht auf internationaler Ebene gebe, antwortete er: »Ja, es gibt eine Sache. Meine eigene Moral. Mein eigener Verstand. Das ist das Einzige, was mich stoppen kann.«

Was Trump und seine Handlanger wie Stephen Miller und Marc Rubio daraus schließen, ist klar: Sie können und werden mit imperialer Erpressung davonkommen, ohne sich Kritik des Kongresses oder irgendwelchen innenpolitischen Einschränkungen stellen zu müssen. Dass die Europäische Union und die NATO, mit der bemerkenswerten Ausnahme Spaniens, die Operation faktisch gebilligt haben, unterstreicht diese Erkenntnis nur noch. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass es weitere offene Aggression in Lateinamerika geben könnte, sei es gegen Mexiko, Kolumbien, Kuba, Nicaragua oder andere Staaten. Dieses Risiko steigt noch, da Trumps Beliebtheit im Inland aufgrund des starken Anstiegs der Lebenshaltungskosten und der gewalttätigen ICE-Maßnahmen sinkt. Hierzulande sieht es aktuell so aus, dass das Regime und seine Anhänger eine Bundesbehörde verteidigen, die eine US-Bürgerin hingerichtet hat.

»Was können Dänemark und Europa auch schon dagegen tun? Bislang verfolgt Europa jedenfalls nur den Ansatz, seine Rolle als erpressbarer Vasall zu akzeptieren.«

Angesichts dieser Entwicklung ist es wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis die Vereinigten Staaten tatsächlich in Sachen Grönland aktiv werden. Es wäre ein weiterer Beleg für das Sopranos-Stadium des Imperialismus: Die Transformation des US-Imperiums von einer Hegemonialmacht in der Nachkriegszeit, die ihren Verbündeten zu einem akzeptablen Preis echten Schutz bieten konnte, zu einem reinen Schutzgeld-Erpresser, der seinem wirtschaftlichen Niedergang nur noch militärische Macht entgegenhalten kann, wurde bereits 2005 von Giovanni Arrighi in der New Left Review beschrieben: »Nach einem Jahrzehnt sich verschärfender Krisen leitete die Reagan-Regierung die Transformation von echtem Schutz hin zu Schutzgeld-Erpressung ein.«

Schwäche ermutigt die Mächtigen nur dazu, den Druck zu verstärken. So erweisen sich sowohl die fiktiven Gangster aus den Sopranos (von Tony, der Chrissy tötet, bis hin zu Paulie »Walnuts« Gualtieri, der Geheimnisse ausplaudert) als auch ihre realen Pendants als absolut gewillt, ihre eigentlichen Verbündeten für kurzfristige Gewinne, aus Selbstschutz oder aus purer Hybris bei der ersten Gelegenheit zu verraten. Was können Dänemark und Europa auch schon dagegen tun? Bislang verfolgt Europa jedenfalls nur den Ansatz, seine Rolle als erpressbarer Vasall zu akzeptieren. Trump hat sich dazu recht offen geäußert. Auf Fox News prahlte er: »Wir müssen das wieder tun. Und wir können es wieder tun. Niemand kann uns aufhalten.«

Ist Miami die Zukunft?

Der Angriff auf Venezuela war darüber hinaus das bislang deutlichste Signal für die Rückkehr der Monroe-Doktrin – also das alleinige Recht der Vereinigten Staaten, die westliche Hemisphäre zu dominieren. Hier konnten sich Rubios fanatisch antikommunistischer Flügel der MAGA-Bewegung und Millers weiß-nationalistischer »America First«-Flügel auf einen gemeinsamen Ansatz einigen. Wie Greg Grandin in der Financial Times schrieb: »America First wird oft als isolationistisch missverstanden. Das war es nie; seine lautstärksten Befürworter begrüßen es, wenn die USA ihre Macht innerhalb der westlichen Hemisphäre voll ausüben. Man könnte eher von einer anti-universalistischen Bewegung sprechen, einem tribalistischen Nationalismus, der keine globale Verantwortung übernehmen, aber gleichzeitig vehement an seiner regionalen Vormachtstellung festhalten will. Die Monroe-Doktrin nimmt in dieser Weltanschauung einen besonderen Platz ein, da sie in der Form, die sie unter Trump angenommen hat, Dominanz ohne weitere Bindungen verspricht. Unter Berufung auf Monroe hat die Trump-Regierung einen Bereich der Welt definiert, in dem die USA nicht überzeugen, integrieren oder vereinen müssen – sondern lediglich per Anordnung befehlen.«

Millers Begeisterung für die Monroe-Doktrin rührt demnach zum großen Teil daher, dass »der Krieg gegen Drogen-Terroristen im Ausland als Rechtfertigung für eine verstärkte Repression im Inland dienen kann – ja, bereits dient. ICE und die Nationalgarde besetzen und terrorisieren Großstädte, während die Trump-Regierung versucht, eine linksterroristische Bedrohung zu konstruieren, um alle Befugnisse der Bundesregierung gegen die Linke einsetzen zu können. ›Derzeit wird Venezuela nicht als außenpolitisches Thema behandelt‹, sagt auch Carrie Filipetti, die in der ersten Trump-Regierung die Venezuela-Politik des Außenministeriums leitete. Venezuela werde ›als Frage der inneren Sicherheit verstanden, und das ist auch gut so‹.«

»Sich an das Sopranos-Stadium des Imperialismus anzupassen, bedeutet, diesen Machtwechsel und die brutale Tatsache anzuerkennen, dass Gangster nur vor einer Sache Respekt haben: Stärke.«

Vor diesem Hintergrund erscheint die nahe Zukunft für Lateinamerika düster und ungewiss. Miami – eine Stadt, die von konterrevolutionären, von der CIA unterstützten Drogenhändlern (wie Rubios Familie) erbaut wurde und heute ein Sehnsuchtsort für Kryptobetrüger, Sportwetten-Influencer, OnlyFans-Models, Streamer und andere Versatzstücke der MAGA-Anhängerschaft ist – hat sich faktisch zur neuen Hauptstadt des US-Imperiums entwickelt. Mit Unterstützung der reaktionärsten Teile der lateinamerikanischen herrschenden Klasse fungiert Südflorida nun als Koordinationszentrum für die reaktionäre Elite der westlichen Hemisphäre. Wie der linke kolumbianische Präsidentschaftskandidat Iván Cepeda gegenüber Jacobinerklärte: »Miami und Florida sind zu einem Zentrum der internationalen Politik geworden, von wo die Ansätze der radikalen Rechten der gesamten Hemisphäre koordiniert werden. Hinter ihnen stehen mächtige Wirtschaftskonzerne, die zu allen erdenklichen Methoden greifen. Im Gegensatz zur Politik der Linken sind schmutzige Methoden und Deals in der rechtsextremen Politik gang und gäbe. Die strategische Offensive auf dem Kontinent – das ist wirklich bedeutend. Andererseits gibt es eine Stärkung der Linken in bestimmten Ländern sowie gesellschaftliche Mobilisierungen in allen Staaten.«

Bei den Sopranos fungiert Florida als ein Ort der Neuerfindung und Flucht. Es ist der Ort, an dem Junior Soprano einer Romanze nachgeht, an dem Little Carmine sich nach einer Karriere in der Filmindustrie sehnt und an dem Tony und Paulie untertauchen. Seit fast einem Jahrhundert steht Florida bei Mafiosi als Inbegriff für ein angenehmes Leben fernab von der Kälte und dem Schmutz der Ostküste oder Chicagos.

Sich an das Sopranos-Stadium des Imperialismus anzupassen, bedeutet, diesen Machtwechsel und die brutale Tatsache anzuerkennen, dass Gangster nur vor einer Sache Respekt haben: Stärke. Wie unter anderem María Corina Machado bezeugen kann, können Trumps Zusagen und Deals jederzeit widerrufen werden – manchmal auch mit vorgehaltener Waffe.

Benjamin Fogel ist Contributing Editor bei Jacobin sowie Leiter der Publikationsabteilung beim Alameda Institute.