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25. Januar 2026

Das Problem mit dem »westlichen Marxismus«

Perry Andersons klassische Schrift »Über den westlichen Marxismus« wird in Deutschland kaum gelesen. Dabei wäre sie ein Schlüsselwerk, um die Akademisierung der Linken zu verstehen und wieder von ihr loszukommen.

Perry Anderson spricht auf der Konferenz »Fronteiras do Pensamento« in Porto Alegre, Brasilien, 2013.

Perry Anderson spricht auf der Konferenz »Fronteiras do Pensamento« in Porto Alegre, Brasilien, 2013.

Flickr / fronteirasweb

In der deutschen Linken wird endlich wieder vermehrt über die Lohnabhängigen und fehlende Klassenverankerung diskutiert. Dies zeigt sich etwa bei der Unterstützung gewerkschaftlicher Kämpfe oder im Haustürwahlkampf. Dass solcherlei Aktionen keine Selbstverständlichkeiten sind, sondern bereits ein Grund für Hoffnung und Freude, ist ein Ausdruck der Tatsache, dass der Marxismus eine rein akademische Angelegenheit geworden ist. Dies war natürlich nicht immer so, ist aber auch längst keine Neuheit mehr. Bereits Mitte der 1970er Jahre musste der englische Historiker Perry Anderson, seinerzeit Herausgeber und treibende Kraft der New Left Review, feststellen, dass die marxistische Theorie nach dem Zweiten Weltkrieg »ausnahmslos an die Universitäten übergesiedelt« war.

Diese wurden zu Orten »des Rückzugs und der Verbannung«. Statt einer Theorie von kämpferischen Gewerkschaften und Arbeiterparteien wurde der Marxismus zu einer akademischen Disziplin von Berufsphilosophen. Die intellektuelle Tradition oder Theoriegemeinschaft hinter diesem Phänomen taufte Anderson 1976, also vor nunmehr fünfzig Jahren, als »westlichen Marxismus«. Zwar ist dieser seither zum geflügelten Wort geworden, wen genau Anderson seinerzeit aber damit meinte und welche »strukturellen Koordinaten« er hinter dieser Denktradition ausmachte, ist zumindest im deutschsprachigen Raum kaum bekannt.

Kein Wunder: Die deutsche Übersetzung seiner Schrift Über den westlichen Marxismus erschien 1978, zwei Jahre nach der englischen Originalausgabe, im vergleichsweise kleinen westdeutschen Syndikat-Verlag. Letzteren gibt es seit Mitte der 1980er Jahre nicht mehr und Andersons Buch galt längst als vergriffen. Dass Dietz Berlin das Buch 2023 nachdrucken ließ, war also überfällig. Andersons Analyse hatte nicht an Aktualität verloren, wie die aktuellen Diskussionen über eine an kulturellen Fragen ausgerichtete akademische Linke und ihr Verhältnis zur Arbeiterklasse bezeugen.

Warum ein vom Dietz Verlag organisiertes Nachwort dazu führte, dass der gesamte Neudruck im Frühjahr 2023 noch vor der eigentlichen Auslieferung eingestanzt werden musste und wie dies in unmittelbarem Zusammenhang mit Andersons Aussagen steht – dazu später mehr. An der notwendigen Auseinandersetzung mit Andersons Text ändert der gescheiterte Nachdruck natürlich nichts. Vielmehr haben die letzten Jahre und Monate einmal mehr bewiesen, dass die Trennung zwischen einer akademisch geprägten Linken und der Arbeiterklasse ganz praktisch eine Katastrophe bedeutet. Wer einen Neustart wünscht, muss sich dem eigenen Scheitern stellen. Andersons nunmehr genau fünfzig Jahre alte Schrift ist dabei ein wichtiges Dokument in der Auseinandersetzung um den akademischen Irrweg der Linken.

Eine eigenartige Symbiose

Als westlichen Marxismus beschrieb Anderson eine von ihm ausgemachte Theoriefamilie, die nach dem Ersten Weltkrieg entstand und sich in den folgenden fünf Jahrzehnten entwickelte: Alle bedeutenden Vertreter der neuen Theorie – Vertreterinnen nennt er keine – wirkten im Westen, namentlich in Deutschland, Frankreich und Italien, oder wurden dort politisch sozialisiert. Der Dreh- und Angelpunkt, die »erste und fundamentalste Eigenart«, der damals neuen Spielart des Marxismus war seine »strukturelle Trennung von der politischen Praxis«.

Dabei wirkten seine ersten drei bedeutenden Vertreter – Georg Lukács, Karl Korsch und Antonio Gramsci – zunächst noch allesamt als politische Führungspersönlichkeiten. Erst der Siegeszug des europäischen Faschismus machte dem ein Ende. Alle nachfolgenden Exponenten waren dann von Anbeginn vom Voranschreiten des Faschismus geprägt. Dies gilt für die Vertreter der klassischen kritischen Theorie – Walter Benjamin, Max Horkheimer, Herbert Marcuse und Theodor Adorno – ebenso wie für die französischen und italienischen Repräsentanten des westlichen Marxismus. Zu ersteren zählt Anderson namentlich Henri Lefebvre, Jean-Paul Sartre, Lucien Goldmann und Louis Althusser. Zu letzteren, neben Gramsci, noch Galvano Della Volpe und Lucio Colletti.

»Die neue Beziehung zwischen marxistischer und bürgerlicher Theorie führte zu einer eigenartigen Symbiose.«

Wer mit einigen der genannten Theoretiker vertraut ist, könnte sich wundern, wo Anderson die Einheit dieser zunächst sehr unterschiedlichen Theoretiker und Theorieansätze sieht. Folgen wir den Schriften der Exponenten im Original, sehen wir zwischen ihnen vor allem Spaltungen und deutliche innere Gegensätze. Anderson geht es aber gerade nicht um die »innere Vielfalt« oder spezielle Untersuchungen zu einzelnen Vertretern, sondern um eine »historische Bilanz«. Keinesfalls ist es sein Ziel, alle genannten Richtungen »gleichwertig oder gar in eins zu setzen«. Vielmehr geht es ihm um deren allgemeine Koordinaten und den historischen Hintergrund ihrer Entstehungsgeschichte. Anderson begibt sich dazu in die Vogelperspektive. Es ist beachtlich, wie eingängig, leichtfüßig und trotzdem haarscharf er die strukturellen Gemeinsamkeiten der Theoretiker offenlegt und es ihm gelingt, sie auf dieser Grundlage als westlichen Marxismus zusammenzufassen.

Die grundsätzlichste Eigenart der neuen Theorie wurde bereits genannt. Ihre Theoretiker entfernten sich »auf einem nicht endenden Abweg von jeder revolutionären Praxis«. Dies ist insofern nicht verwunderlich, als dass, bis auf Gramsci und Benjamin, alle genannten Protagonisten an Universitäten wirkten. Vorbei war die Zeit, als revolutionäre Intellektuelle nur Hohn und Spott für »Kathedersozialisten« übrig hatten und die eigene Bestimmung ganz selbstverständlich als »unvereinbar mit einer akademischen Position« betrachteten. Die bürgerliche Universität als Ort der Theoriebildung und nicht zuletzt die akademische Karriere als Background, konnten gar nicht ohne Einfluss auf die Theorie bleiben. »Das erstaunlichste Merkmal des westlichen Marxismus«, so Anderson, ist »die andauernde Präsenz der verschiedenen Ausprägungen des europäischen Idealismus und deren Wirkung auf ihn«.

Die neue Beziehung zwischen marxistischer und bürgerlicher Theorie führte zu einer eigenartigen Symbiose. Dass die universitären Gedankensysteme, mit denen es nun ein »beständiges Zusammentreffen« gab, »außerhalb des historischen Materialismus« lagen, war dabei nicht einmal das Entscheidende. Dafür um so mehr, dass diese »oft in einem ausdrücklich antagonistischen Verhältnis« zueinander standen. Dass dieser Widerspruch nicht sofort ins Gewicht viel, hat sicherlich einiges damit zu tun, dass der neuartig universitäre Marxismus sich ganz neuen Fragestellungen und Betätigungsfeldern zuwandte.

Einstmals standen die Bewegungsgesetze der kapitalistischen Produktionsweise und die daraus resultierenden Bedingungen des Klassenkampfes im Zentrum des theoretischen Interesses für Sozialistinnen und Sozialisten. Diese alles entscheidenden Felder der marxistischen Theoriebildung ließ der westliche Marxismus hinter sich. »[P]aradoxerweise« legten die neuen Theoretiker »den Weg von Marx’ eigener Entwicklung in umgekehrter Reihenfolge zurück«, also weg von den ökonomischen und politischen Fragestellungen und Erkenntnissen des reifen Marx und hin zum philosophischen Frühwerk.

Tatsächlich hatte Karl Marx seinen Werdegang mit philosophischen Fragestellungen begonnen, diese dann aber schnell aufgegeben. In den Jahren 1845 und 46 kann man mit den Thesen über Feuerbach und der Deutschen Ideologie einen klaren Bruch in der Entwicklung des damals 27-jährigen Marx aufzeigen. Er selbst machte sich von diesem Zeitpunkt an eher lustig über die philosophischen Manuskripte seiner Jugend, die er nie veröffentlicht hatte. In diesem Jugendwerk habe er sich selbst noch in »philosophischer Phraseologie« ausgedrückt. Auf dem Weg zur »wirklichkritischen Anschauung der Welt« galt es dann, diese »abgetragenen theoretischen Röcke« hinter sich zu lassen. »Philosophie und Studium der wirklichen Welt verhalten sich zueinander wie Onanie und Geschlechtsliebe«, stellten Marx und Engels in ihrer Abrechnung mit der deutschen Ideologie bereits damals fest.

»Die Wirkungen der zeitgenössischen bürgerlichen Sozialwissenschaften an den Universitäten brachten unter dem Strich mit sich, dass der neuartige Marxismus mehr und mehr zur reinen Erkenntnistheorie verkam.«

Diese harsche Selbstkritik änderte nichts daran, dass die Jugendwerke von Marx, seine sogenannten Pariser Manuskripte, viel aufsehen erregten, als sie hundert Jahre nach ihrer Niederschrift, also kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, zum ersten mal ein größeres Publikum erreichten. In den 1930er Jahren wurden sie zwar bereits publiziert, aufgrund der politischen Lage aber erst in der Nachkriegszeit wirklich zur Kenntnis genommen. Die Folgen der Veröffentlichung dieser philosophischen Manuskripte aus Marx’ Jugend auf den westlichen Marxismus können kaum überschätzt werden.

Das große Interesse am Marxschen Frühwerk kann nicht verwundern. Immerhin waren, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, alle Vertreter des neuen Marxismus von Berufs wegen Philosophen. Trotzdem bleibt es beachtlich, wie die neu publizierten Jugendschriften intellektuell verarbeitet wurden. Letztlich trugen sie dazu bei, dass von nun an »Marx’ Denken selbst zum wichtigsten theoretischen Objekt« wurde. Die neue Aufgabe, die sich die Berufsphilosophen stellten, hieß, geistige Vorfahren des Marxismus ausfindig zu machen, von denen ausgehend man Marx jeweils neu entdecken, verstehen und interpretieren konnte.

Wenig verwunderlich stand in dieser Auseinandersetzung zunächst Hegel im Zentrum. Die Einschätzung und Beurteilung von Hegel und dessen Einfluss auf den Marxismus divergierten in den Diskussionen und Neuinterpretationen im westlichen Marxismus erheblich. Während die einen noch Hegel überhegelten – so Lukács später selbstkritisch über sich –, waren andere gleich entschieden antihegelianisch. Aber der Kern der Auseinandersetzung war derselbe. Es ging um einen Rückgriff auf vormarxistische Philosophien und letztlich darum, für Marx eine »philosophische Abstammungslinie zu konstruieren«. Bei dem Anliegen, diesen philosophischen Stammbaum herzuleiten, hatte fast jede Richtung innerhalb des westlichen Marxismus ihren eigenen Favoriten. Setzten die einen auf Schelling oder Kierkegaard, so die nächsten auf Kant oder Spinoza, Rousseau, Montesquieu und andere. Einig waren sich die Protagonisten, dass es darum ging, nach einer Ahnenreihe Ausschau zu halten.

Neben der bürgerlichen Philosophie waren es vor allem psychoanalytische Konzepte, die großen Einfluss auf den westlichen Marxismus ausübten. Dies galt nicht nur für die Frankfurter Schule. Vielmehr war auch hier die Faustregel, dass einzelne Denker der Psychologie, wie Piaget oder Freud, nicht nur in verschiedenste Richtung interpretiert wurden, sondern teils Theorien zusammengesetzt wurden, die sich augenscheinlich widersprachen. »Freud war eine gemeinsame Entdeckung nicht nur von Adorno und Marcuse, sondern auch von Althusser und Satre.« Faktisch sind weite Teile des westlichen Marxismus tief durchdrungen von der Ideenwelt der Psychoanalyse, was bereits Vokabular und Schlagworte deutlich machen. Denken wir etwa an Überdeterminierung, Triebstruktur, Verdrängung, Sublimierung oder Eros.

Die Wirkungen der zeitgenössischen bürgerlichen Sozialwissenschaften an den Universitäten brachten unter dem Strich mit sich, dass der neuartige Marxismus mehr und mehr zur reinen Erkenntnistheorie verkam. »[A]priorische Begriffsschemata zum Verständnis der Geschichte« und damit letztlich »spekulative Konstruktionen in einem älteren philosophischen Sinne«. Hier verwickelte man sich in endlosen Diskussionen über Methodenfragen. Es blieb dabei nicht aus, dass der westliche Marxismus in die Unsitte zurückfiel, sich in einer für Außenstehende nur schwer verständlichen Sprache auszudrücken. »[D]ass weder die Gedanken noch die Sprache für sich ein eigenes Reich bilden; dass sie nur Äußerungen des wirklichen Lebens sind«, hatte Marx in seiner Bilanz zur eigenen philosophischen Herkunft klargestellt und gewitzelt: »Die Philosophen hätten ihre Sprache nur in die gewöhnliche Sprache, aus der sie abstrahiert ist, aufzulösen, um sie als die verdrehte Sprache der wirklichen Welt zu erkennen.« Dazu müsse man aber, zumindest wenn wir Marx folgen, die gesellschaftliche Praxis und das Begreifen dieser Praxis ins Zentrum der Aufmerksamkeit stellen – eine Herangehensweise, die fernab der Interessen der westlichen Berufsphilosophen lag. Diese verloren sich vielmehr in einer immer unzugänglicheren und verschlüsselten Ausdrucksweise. Anderson spitzte zu, dass die Theorie »zu einer esoterischen Disziplin [wurde], an deren abgehobener Fachsprache man ihre Distanz zur Politik ermessen konnte«.

Dass Ökonomie und Politik nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit des westlichen Marxismus lagen, wurde bereits klargestellt. Neben abstrakten Methodenfragen gab es aber doch ein Themenfeld, dem sich in der einen oder anderen Variante fast alle seine Theoretiker widmeten und dies war bemerkenswerterweise die Kultur. Dieser ideologische Teil des gesellschaftlichen Überbaus ist – zumindest verglichen mit dem Staat oder dem Recht – sowohl von der ökonomischen Basis der Gesellschaft als auch vom politischen Tagesgeschehen weit entfernt.

»Bei den auf Gramsci folgenden Theoretikern bekam die Behandlung des kulturellen Überbaus häufig einen elitären Anstrich. Kulturindustrie und Massenkultur galten als Verdummung, Halbbildung oder gleich Massenbetrug.« 

Dies schien den kulturellen Überbau der Gesellschaft als Untersuchungs- und Forschungsgegenstand für die Theoretiker des westlichen Marxismus umso attraktiver zu machen. Zumindest lieferte er auf diesem Gebiet nicht nur reichhaltige, sondern wohl auch seine interessantesten Ergebnisse. Je nach Theoretiker ging es dabei um die unterschiedlichsten kulturellen Gattungen und Aspekte: Theater, Literatur, Musik, Kunst, Film, Dichtung oder Ästhetik. Hier hält auch Anderson anerkennend fest: »Der Reichtum und die Vielfalt der Schriften, die auf diesem Gebiet hervorgebracht wurden und die bei weitem gehaltvoller und differenzierter sind als alles, was das klassische Erbe des historischen Materialismus an Ansätzen enthält, könnte sich am Ende als die bleibende kollektive Leistung dieser Tradition erweisen«.

Trotzdem muss auch hier kritisch angemerkt werden, dass Fragen des ideologischen oder künstlerischen Überbaus von sehr unterschiedlichen Gesichtspunkten aus aufgeworfen werden können. Schon Gramsci widmete sich intensiv kulturellen Fragestellungen, allerdings fasste er diese »als politisches Problem auf, das theoretisch ausdrücklich als solches in seiner Beziehung zur Aufrechterhaltung oder zum Umsturz der Gesellschaftsordnung begriffen werden müsse«. Bei den auf Gramsci folgenden Theoretikern bekam die Behandlung des kulturellen Überbaus dann häufig einen elitären Anstrich. Kulturindustrie und Massenkultur galten als Verdummung, Halbbildung oder gleich Massenbetrug.

Neben dieser offen akademisch-elitären Wendung springt hier noch ein anderer Zug des westlichen Marxismus ins Auge, und zwar »ein allgemeiner, latenter Pessimismus«. Die »Düsternis« und »Melancholie« der »Implikationen und Schlußfolgerungen«, die alle Theoretiker des westlichen Marxismus auszeichnet, verkörpert einen krassen Bruch zu ihren historischen Vorgängern und wurde ein weiteres Wesensmerkmal der neuen Theorie. Zusammenfassend gibt Anderson folgendes Bild der vom europäischen Idealismus gezeichneten Berufsphilosophen: »Methode aus Ohnmacht, Kunst als Trost, Pessimismus aus Regungslosigkeit«.

In Ermangelung einer revolutionären Klassenbewegung

Nun wäre Anderson kein Marxist, wenn er nicht den ökonomischen, politischen und historischen Hintergrund ausleuchten würde, vor dem die beschriebene Revision der Marxschen Theorie stattfand. Nichts wäre falscher, als sich hier auf moralische und letztlich subjektivistische Vorwürfe von Opportunismus, Verrat oder bürgerlicher Degeneration zu konzentrieren. Vielmehr stellt sich die Frage, warum es überhaupt passieren konnte, dass die Marxsche Theorie komplett in den akademischen Bereich wechselte. Auch die bereits mehrfach erwähnte Trennung von jeglicher Praxis der Arbeiterinnenbewegung lässt sich kaum als Ergebnis böswilliger Absichten deuten, sondern bedarf einer Erklärung.

»Das verborgene Kennzeichen des westlichen Marxismus besteht darin, daß er Resultat einer Niederlage ist«. Anders als von Marx und Engels prognostiziert, blieb die sozialistische Revolution in den Kernländern der kapitalistischen Produktionsweise aus. Dabei sollten doch deren entwickelte Produktivkräfte die Basis für eine höhere Gesellschaftsformation stellen. Auch die siegreiche russische Oktoberrevolution am Ende des Ersten Weltkriegs wurde, anders als von ihren Protagonisten erhofft, nicht zum Auftakt der sozialistischen Revolution im Westen. Auf sich alleine gestellt scheiterte der Versuch, aus den vormodernen Verhältnissen des zaristischen Russland eine klassenlose Gesellschaft zu errichten.

Alle Versuche, die russischen Erfahrungen auf Westeuropa zu übertragen, scheiterten. Zwar wurden die nach sowjetischem Vorbild gegründeten Kommunistischen Parteien in einigen westlichen Ländern Massenparteien und hatten zumindest zeitweise erheblichen politischen Einfluss, aber kein Versuch der Machtübernahme in den kapitalistischen Zentren war erfolgreich. Diese Reihe der politischen Niederlagen ist »der Hintergrund, vor dem die gesamte Tradition dieser Periode gesehen werden muß«. Statt zu Befreiung und Revolutionen kam es zu Weltkrieg und Faschismus. Dies musste zwangsläufig »tiefgreifende Auswirkungen auf den Charakter des in dieser Epoche ausgebildeten Marxismus haben«. Entscheidende Werke wurden in Einsamkeit und Verzweiflung geschrieben, auf der Flucht, im Gefängnis oder im Exil.

»Im Kern postulierte die Schrift Über den westlichen Marxismus den Bruch mit dem neu entstandenen akademischen Philosophenmarxismus und ein Zurück zu Fragen des Klassenkampfes.«

Während die Arbeiterbewegung im Westen von Niederlage zu Niederlage taumelte, konnte sich die bürgerliche Ordnung stabilisieren. Dies galt vor allem für die Zeit nach den zwei Weltkriegen. Die ökonomischen Verwerfungen und die große Krise der 1920er und 30er Jahre waren Geschichte. Nun kam es »in allen fortgeschrittenen Industrieländern zu einer nie dagewesenen objektiven Konsolidierung des Kapitals. Ökonomisch gesehen war die weltweite Dynamik des lang anhaltenden Booms der 50er und 60er Jahre größer als irgendein früherer Aufschwung in der Geschichte des Kapitalismus. Das allgemeine massive Wachstum, das in dieser Periode zu verzeichnen war, leitete tatsächlich eine neue Phase in der Entwicklung der Produktionsweise als solcher ein«.

Die tragische Entwicklung der Sowjetunion im Osten und die Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise im Westen führten zu einem fast vollständigen Verschwinden der revolutionären Arbeiterbewegung in den kapitalistischen Zentren. Anders als zuvor konnten hier nun weite Teile der Lohnabhängigen fest in die bürgerliche Ordnung integriert werden. Es kam dadurch erstmals »zur Errichtung repräsentativer, auf dem allgemeinen Wahlrecht beruhender Demokratien«, die sich als normale und stabile Staatsstrukturen etablieren konnten. Die bürgerliche Klassenherrschaft bekam damit ein neues Gesicht.

Der nicht enden wollende kapitalistische Boom und die damit einhergehenden stabilen politischen Verhältnisse waren der eigentliche Hintergrund dafür, dass aus einer revolutionären Theorie das hervorging, was Anderson als westlichen Marxismus zusammenfasste: »In Ermangelung des magnetischen Pools einer revolutionären Klassenbewegung schlug die Kompaßnadel der ganzen Tradition immer stärker in die Richtung der zeitgenössischen bürgerlichen Kultur aus.«

Zur Bewertung des klassischen Marxismus

Als Anderson seine hier behandelte Schrift zu Papier brachte, steckte er voller Hoffnung auf den Anbruch einer neuen politischen Periode. Der Pariser Mai 1968 und die darauf folgenden Arbeiterunruhen lagen noch in der Luft. Hier hatten sich zumindest Teile der Klasse selbstständig zu Wort gemeldet, die weder unter bürgerlich-sozialdemokratischer Hegemonie standen noch unter der Fuchtel einer der Moskau-hörigen Kommunistischen Parteien. Anderson sah damit zu diesem Zeitpunkt immerhin die »Möglichkeit der Wiedervereinigung von marxistischer Theorie und Praxis« gegeben. Der konfrontative Schlusssatz des letzten Kapitels gibt einen guten Einblick in seine damalige Stimmungslage: »Wenn die Massen selbst sprechen, werden die Theoretiker, wie sie der Westen seit 50 Jahren hervorgebracht hat, notgedrungen schweigen«. Schon ein paar Seiten vorher hatte er festgestellt, dass die »Abrechnung« mit dem westlichen Marxismus überall »Voraussetzung für die Erneuerung der marxistischen Theorie« sei.

Dieses Urteil mag forsch formuliert sein, wurde von Anderson jedoch gut inhaltlich begründet. Ankerpunkt seiner Überlegungen war für ihn die Frage, wie man eine revolutionär-sozialistische Programmatik entwickeln wolle. In Anerkennung der sich verändernden ökonomischen und politischen Realitäten müsse man zum einen die ökonomischen Bewegungsgesetze der kapitalistischen Produktionsweise untersuchen. Zum anderen galt es, den Charakter und die Struktur der bürgerlichen Demokratie sowie die Bedeutung von Nation und Nationalismus zu analysieren. Aus letzterem ergab sich die Herausforderung, vom internationalistischen Standpunkt aus eine authentische Praxis zu entwickeln. Anderson hielt fest – und dies galt damals wie heute –, dass Antworten auf diese alles entscheidenden Fragen nicht im »Zuständigkeitsbereich der Philosophie liegen«. Aus diesem Grunde, forderte er die Abrechnung mit der Denktradition des westlichen Marxismus.

»Wenn wir die Niederlagen der Arbeiterbewegung und das jeweilige Verhältnis zu diesen als Ausgangspunkt der Zuordnung der Theoretikerinnen und Theoretiker nehmen, wird der Bruch, den Anderson zwischen klassischer Traditionund westlichem Marxismus ausmacht, weniger eindeutig.«

Im Kern postulierte die Schrift Über den westlichen Marxismus also den Bruch mit dem neu entstandenen akademischen Philosophenmarxismus und ein Zurück zu Fragen des Klassenkampfes. Darin liegt die große Stärke dieser Schrift, die sie noch heute aktuell und attraktiv macht. Doch schon damals beinhaltete sie eine gewisse Verkürzung. Richtig war und bleibt die Aufforderung, sich von lebensfernen Thematiken loszusagen und sich den objektiven Entwicklungstendenzen der Gesellschaft zuzuwenden. Richtig war und bleibt ebenfalls, die Gesellschaft dabei stets von ihrem antagonistischen Widerspruch aus zu denken, sprich als Klassengesellschaft.

Auffällig an Andersons Analyse war allerdings, dass sein Angriff auf den westlichen Marxismus mit einer sehr positiven Auffassung der »klassischen Tradition« einherging. Diese beinhaltete für ihn Marx und Engels als die Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus sowie die typischen Theoretiker der II. Internationale, etwa Mehring, Kautsky, Hilferding oder Plechanow, ebenso die Revolutionärin Luxemburg und russische Revolutionäre wie Lenin, Trotzki oder Bucharin. Diese von ihm ausgemachte klassische Tradition behandelt er dabei als Gegenstück zum westlichen Marxismus. Allen diesen Klassikern sei es gemeinsam gewesen, die ökonomischen Bewegungsgesetze des Kapitals als Ausgangspunkt zu nehmen, um daraus Strategien für den Klassenkampf zu entwickeln. Auf dieser Abstraktionsebene ist die Zusammenfassung nicht ganz falsch, doch sie ist genau genommen kein Pendant zum westlichen Marxismus. Zwar waren tatsächlich alle genannten Vertreterinnen und Vertreter der klassischen Tradition sowohl Theoretikerinnen als auch Praktiker, aber letzteres doch in sehr verschiedenem Sinne.

Das Verdienst der fundierten und kohärenten ökonomischen Analyse der kapitalistischen Produktionsweise fiel allein Marx anheim. Daran wollten zwar alle genannten Theoretikerinnen und Theoretiker der klassischen Traditionunmittelbar anschließen, bezüglich der theoretischen Schärfe, Weitsicht und Tiefgründigkeit sollte dies aber nicht mehr gelingen. Eine adäquate politische Theorie – aus der man Strategie und Taktik hätte ableiten können – hinterließen weder Marx noch Engels. Hier entwickelten die genannten Sozialistinnen und Sozialisten ihre eigenen Maximen und schlugen sich dabei im Großen und Ganzen eher schlecht als recht. Vermittelt über die ökonomische und historische Situation brachten die sozialdemokratischen Parteien der II. Internationale den Revisionismus hervor, der unmittelbar in der Vaterlandsverteidigung des Ersten Weltkrieges mündete. Ihre Theoretiker hatten keinen geringen Anteil an diesem Versagen oder standen bestenfalls hilflos neben diesen Entwicklungen.

Auch wenn die russischen Bolschewiki um Lenin immun gegen Revisionismus und Vaterlandsverteidigung blieben, so hatten auch sie ihren Anteil an der Geschichte der Niederlagen der Arbeiterbewegung. Zwar standen sie 1917 an der Spitze der einzig siegreichen Revolution der Nachkriegswirren, die spezifische Rückständigkeit der russischen Gesellschaftsformation aber hatten sie theoretisch nie verstanden und waren ihr praktisch nicht gewappnet. Der Ursprung der blockierten Theoriebildung des revolutionären Sozialismus wurzelte darin, dass aus dem Zusammenhang gerissene Marx- und Engelszitate der russischen Wirklichkeit schematisch übergestülpt wurden. Hier erstarrte die Marxsche Theorie zum Dogma, noch bevor sie zur blutleeren Staatsdoktrin erhoben wurde. Anderson weiß nicht nur um diese Probleme, in einem später verfassten Nachwort zu seiner Schrift benennt er diese sehr deutlich. Dass er trotzdem dabei bleibt, die klassische Tradition quasi als goldene Frühzeit und Gegenstück zum westlichen Marxismus zu charakterisieren, überzeugt dadurch umso weniger.

»Die größte Fehleinschätzung in Andersons Schrift bleibt die 1974 erhoffte Wiedervereinigung von marxistischer Theorie und Praxis. Es sollte ganz anders kommen.« 

Aus dieser Schwachstelle von Andersons Analyse ergibt sich ein weiterer nicht unwesentlicher Kritikpunkt. Wenn wir die Niederlagen der Arbeiterbewegung und das jeweilige Verhältnis zu diesen als Ausgangspunkt der Zuordnung der Theoretikerinnen und Theoretiker nehmen, wird der Bruch, den Anderson zwischen klassischer Tradition und westlichem Marxismus ausmacht, weniger eindeutig. Für Anderson ist bloß Gramsci die große Ausnahmeerscheinung im westlichen Marxismus. Er war »nicht Philosoph, sondern Politiker«. Wie Anderson zu Recht betont, ging es Gramsci stets um die Möglichkeit oder die Schwierigkeiten des Umsturzes der Gesellschaftsordnung. Sogar seine intensive Beschäftigung mit kulturellen Fragen sind bei ihm in genau diesem Sinne ein »politisches Problem«.

In dieser Laudatio versteigt Anderson sich zu der Aussage, Gramsci habe sich als einziger Theoretiker des westlichen Marxismus um eine »theoretische Erklärung für die historische Sackgasse« der Arbeiterbewegung interessiert. Genau das aber hatten auch Korsch und Lukács getan, vielleicht nicht zufällig die beiden Theoretiker, die neben Gramsci zunächst als bedeutende politische Führungspersönlichkeiten gewirkt hatten. Vielleicht ebenfalls nicht ganz zufällig ist, dass Lukács bereits 1962 eine harsche Kritik an der Frankfurter Schule formulierte, die in vielerlei Hinsicht Anderson vorwegnahm: »Ein beträchtlicher Teil der führenden deutschen Intelligenz«, heißt es bei Lukács, »darunter auch Adorno, hat das ›Grand Hotel Abgrund‹ bezogen, ein schönes, mit allem Komfort ausgestattetes Hotel am Rande des Abgrundes, des Nichts, der Sinnlosigkeit. Und der tägliche Anblick des Abgrunds, zwischen behaglich genossenen Mahlzeiten oder Kunstproduktionen, kann die Freude an diesem raffinierten Komfort nur erhöhen.« So ganz scheint die Abgrenzung zwischen klassischer Tradition und westlichem Marxismus nicht zu passen.

Aber wie Anderson bereits in seinem Vorwort bemerkte, ging es ihm nie darum, alle Theoretiker des westlichen Marxismus »in eins zu setzen«. Wie auch immer man also zu einzelnen Protagonisten stehen mag, grundsätzlich hatte Anderson recht. Bereits in den 1920er Jahren wurden im Westen die Grundlagen für einen akademischen Marxismus gelegt, »in wachsender Entfernung von jener Klasse, deren Geschicken er eigentlich dienen und zur Sprache verhelfen sollte«. Die Frankfurter Schule und ihre Genese gaben dieser Entwicklung dabei noch einmal einen ganz speziellen Ausdruck. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Institut für Sozialforschung in »Westdeutschland gefeiert und gefördert. Die von Horkheimer in den 30er Jahren vertretene ›Kritische Theorie‹ kündigte nun jede Verbindung zur sozialistischen Praxis auf«.

Ein Ende der großen Theorien?

Die größte Fehleinschätzung in Andersons Schrift aber bleibt die 1974 erhoffte Wiedervereinigung von marxistischer Theorie und Praxis. Es sollte ganz anders kommen. Die kapitalistische Produktionsweise konnte im Weltmaßstab weitere drei Jahrzehnte prosperieren und mindestens in den Zentren des Weltsystems blieb die bürgerliche Hegemonie über die Lohnabhängigen stabil. Auf der intellektuellen Ebene gab es keinen Bruch mit den bürgerlichen Ideologien, sondern vielmehr einen Bruch mit allem, was noch an den revolutionären Sozialismus erinnert hatte. Es kam nun zur offenen Symbiose von den sich fortan »links« oder »progressiv« verstehenden Akademikerinnen und Akademikern mit dem Liberalismus.

Mit anderen Worten, die Entfernung der Theoretikerinnen und Theoretiker vom Marxismus und die Verbrüderung mit Idealismus und Subjektivismus nahm ab Mitte der 1970er Jahre erst richtig Fahrt auf. Erinnert sei an die Schlagworte »Abschied vom Proletariat«, »Ende des Marxismus«, oder »Ende der großen Theorien«, wenn nicht gleich »das Ende aller großen Erzählungen«. Die Trennung vom revolutionären Sozialismus wurde an den Universitäten mit einer bis in die Absurdität gesteigerten Anzahl von geisteswissenschaftlichen »Turns« begleitet. Was heute allgemein als »links« gilt, ist oft vom »Linksliberalismus« nicht mehr zu unterscheiden und hat sich zentraler Merkmale entledigt, für welche die politische Linke einmal stand. Den unteren Klassen begegnet man eher mit Verachtung denn mit Beachtung, geschweige denn Sympathie.

»Bei aller Kritik konnte Anderson vor fünfzig Jahren immerhin noch festhalten, dass die ›bedeutenden Denker gegenüber dem Reformismus immun‹ geblieben waren. Keiner von ihnen ›kapitulierte‹ vor dem »›riumphierenden Kapitalismus‹.« 

Durch intellektuellen Habitus und allerlei soziale Distinktionsmerkmale, wie Sprache und Konsumverhalten, hat man sich in einen offenen Gegensatz zu weiten Teilen der Lohnabhängigen begeben, der in allerlei Kulturkämpfen verbittert ausgetragen wird. Die materiellen Grundlagen sozialer Probleme werden dabei oft übergangen. Auf theoretischer Ebene ist nunmehr nicht nur der Fortschrittsgedanke in die Kritik geraten, vielmehr wird mittlerweile oft genug ganz generell die Existenz von »objektiver Wahrheit« in Frage gestellt. Die Epoche des vereinzelten Einzelnen hat die Theoriebildung soweit getrieben, dass es mittlerweile als progressiv gilt, wenn einfach jede und jeder seine eigene Wahrheit hat, der am besten nicht auf Grundlage objektiver Fakten widersprochen werden sollte.

Nun wäre es nicht nur unfair, sondern auch falsch, alle gerade genannten »postmodernen« Entwicklungen einfach dem westlichen Marxismus in die Schuhe zu schieben. Bei aller Kritik konnte Anderson vor fünfzig Jahren immerhin noch festhalten, dass die »bedeutenden Denker gegenüber dem Reformismus immun« geblieben waren. Keiner von ihnen »kapitulierte« vor dem »triumphierenden Kapitalismus«. Dennoch finden wir viele Entwicklungen und Tendenzen der Neuen und neusten Linken im westlichen Marxismus schon angelegt: Die große Distanz zu den Massen, die akademische Aura, die verschlüsselte Sprache oder der allgegenwärtige Pessimismus.

Auch stehen kulturelle und psychologische Fragen nach wie vor hoch im Kurs. Im Zuge der letzten Krisen kam es zwar zu einer gewissen Wiederentdeckung von »Klasse«, allerdings allzu oft eher im identitätspolitischen Sinne. »Klasse« nennt man dann im Zusammenhang mit »Klassismus« und beklagt Ungleichheit, anstatt die zentralen Aspekte von »Macht« und »Klassenkampf« ins Zentrum zu rücken. Dies gilt gerade auch für die Themen Ökologie, Rassismus und Feminismus, die vollkommen zu Recht einen enormen Stellenwert bekommen haben. Tragischerweise werden aber gerade diese meist auf subjektivistischer Grundlage und unter den Gesichtspunkten von Kultur und Identität gefasst. Besonders verheerend ist dies in Anbetracht der riesigen ökologischen Probleme. Obwohl es augenscheinlich ist, dass diese in einem unmittelbaren Zusammenhang zur Klassengesellschaft und dem Klassenkampf stehen, werden sie häufig auf moralischer und individueller Grundlage verhandelt.

Die Einsichten des klassischen historischen Materialismus und gerade auch Friedrich Engels’ dialektische Naturbetrachtungen wären ein reichhaltiger Schatz bei der Erprobung eines ökologischen Klassenstandpunktes. Ironischerweise hat der westliche Marxismus diesen Zugang durch die entschiedene Zurückweisung von Engels dialektischem Gesamtzusammenhang genau indem Moment verbaut, als die ökologische Frage dringend wurde. All das zeigt, weshalb eine kritische Hinterfragung des Erbes des westlichen Marxismus unbedingt notwendig ist und warum es sich lohnt, Andersons Abrechnung mit diesem zu studieren.

Das Spiegelbild des Scheiterns

Als der Dietz Verlag entschied, Andersons nunmehr fünfzig Jahre alte Schrift in Deutschland neu aufzulegen, organisierte er ein Nachwort, für das Stephan Lessenich, der Direktor des Instituts für Sozialforschung, gewonnen wurde. Die Idee, ausgerechnet Lessenich damit zu beauftragen, Andersons Schrift zu kontextualisieren und seine Bedeutung für heute zu beurteilen, war von vorneherein irritierend, standen doch gerade die Frankfurter Vertreter des westlichen Marxismus, die sogenannte Frankfurter Schule, in der besonderen Kritik von Andersons Schrift.

Dem Direktor des Instituts für Sozialforschung per Nachwort die Deutungshoheit über das Buch zu geben, steht in einem krassen Widerspruch zu den Kernaussagen des Textes. Zumindest sah das Perry Anderson so. Unglücklicherweise bekam er das Nachwort erst nach Drucklegung zu lesen, bestand dann aber darauf, das Buch nicht weiter auszuliefern. Um einen Rechtsstreit zu vermeiden, entschied der Dietz Verlag diesem Wunsch nachzukommen und die Auflage wurde vernichtet.

»Obwohl heute die Widersprüche dieser Produktionsweise mehr oder minder offen zutage treten und die bürgerliche Hegemonie über die Gesellschaft ins Rutschen kommt, ist die politische Linke für weite Teile der Lohnabhängigen ein rotes Tuch.« 

Tatsächlich fiel Lessenichs Gesamturteil über Andersons Schrift erwartungsgemäß aus. Zwar findet er Eingangs ein paar lobende Worte über die »bündige und doch umfassende, konzise und pointierte Darstellung […] einer historischen Denktradition«. Aber ansonsten räumt Lessenich nur ein, dass die zentralen Fragestellungen der marxistischen Theoriebildung, die Anderson adressiert, nach wie vor nicht abschließend geklärt sind um dann dagegen zu halten: »Die Antworten aber, die heute auf diese Fragen zu geben sind, müssen weitestgehend das hinter sich lassen, wofür die von Anderson damals noch hochgehaltenen marxistischen Traditionen standen: ihren engen Begriff von Politik und politischer Praxis, ihren ungebrochenen Proletarierkult, überhaupt das Patriarchale und Männerbündische nicht nur ihrer Vorstellung von sozialer Bewegung, sondern auch von theoretischem Fortschritt«, so Lessenich.

An dem ganzen Schlamassel ist für ihn die »marxistische Theorie« selber Schuld. Immerhin habe sie den Kardinalfehler begangen, indem sie »den Arbeiter eigenhändig – kraft theoretischer Anstrengung – als das alleinige und alternativlose revolutionäre Subjekt konstruierte«. Und mit diesen allseits bekannten akademisch-linksliberalen Allgemeinplätzen wird Andersons Schrift dann von Lessenich zum »Spiegelbild des Scheiterns« erklärt. Dass Anderson sich nach der Lektüre dieser plumpen Vorurteile gegen die Auslieferung der Neuauflage seines Buches stellte und diese letztlich verhinderte, kann eigentlich niemanden ernsthaft verwundern. Schade ist es dennoch, weil nun im deutschsprachigen Raum eine wichtige Schrift der Auseinandersetzung fehlt. Und in gewisser Hinsicht hätten die elitär-akademischen Vorwürfe des Nachwortes sogar einen Reiz gehabt.

Obwohl heute die Widersprüche dieser Produktionsweise mehr oder minder offen zutage treten und die bürgerliche Hegemonie über die Gesellschaft ins Rutschen kommt, ist die politische Linke für weite Teile der Lohnabhängigen ein rotes Tuch. Man verbindet sie wohl in erster Linie mit dem, womit man auch die geisteswissenschaftlichen Fakultäten verbindet: mit akademischem Gehabe, protestantischer Sprachreinheit und elitärer Haltung. Ob man nun angesichts dieser Lage in Andersons Schrift oder Lessenichs Nachwort zur Neuauflage ein »Spiegelbild des Scheiterns« erblickt, hat fundamentale Auswirkungen auf die eigene politische Orientierung.

Dass auch eine klassenkämpferische Linke ökologischen, feministischen und antirassistischen Kämpfen große Aufmerksamkeit wird schenken müssen, ist dabei eine Selbstverständlichkeit. Ohnehin ist das Proletariat – und gerade seine unteren Schichten – heute sehr weiblich und migrantisch geprägt. Auch sind soziale Katastrophen von ökologischen kaum mehr zu trennen. Indes bleibt die entscheidende Frage, wie diese Thematiken aufgeworfen werden: im Sinne »diskursiver Auseinandersetzungen« im Geiste privilegierter Lebensformen oder als Fragen des Klassenkampfes. Wem auch immer sich diese Frage stellt, sei Andersons Abrechnung mit dem westlichen Marxismus ans Herz gelegt.

Christian Hofmann veröffentlichte 2022 gemeinsam mit Philip Broisted die Edition »Linke Klassiker« zum Thema »PLANWIRTSCHAFT: Staatssozialismus, Arbeitszeitrechnung, Ökologie« sowie 2020 »Goodbye Kapital« im PapyRossa-Verlag.