18. Juli 2026
In Kambodscha und Laos ist eine der neuesten Wachstumsbranchen des globalen Kapitalismus entstanden: »Scam-Fabriken« vereinen Finanzspekulation, digitale Technologie, KI, Menschenhandel und extreme Ausbeutung von Arbeitskräften.

Eine Verlassene Scam-Fabrik in Kambodscha.
Südostasien hat eine lange Geschichte als Opfer des unerbittlichen Profitstrebens im globalen Kapitalismus. Über Jahrhunderte hinweg versorgten die Handelsnetzwerke der Region die Weltwirtschaft mit kostbaren Gewürzen, duftendem Sandelholz und anderen seltenen Gütern, die an den Küstenriffen und in den dichten Regenwäldern gesammelt wurden.
Im 16. und 17. Jahrhundert eroberten Invasoren aus Portugal und den Niederlanden brutal die sagenumwobenen »Gewürzinseln«. Die Niederländische Ostindien-Kompanie schuf mit genozidaler Gewalt ein globales Monopol und war gleichzeitig Vorreiter der modernen Unternehmensstruktur, indem sie Aktien an Investoren verkaufte.
In der Hochzeit des Imperialismus wurden Arbeiterinnen und Arbeiter gezwungen, unter sklavenähnlichen Bedingungen Cash Crops wie Kaffee, Zucker und Kautschuk anzubauen. In ausländischem Besitz befindliche Minen förderten Zinn in Britisch-Malaya oder Kohle in Französisch-Indochina.
Dieses Muster setzt sich bis in die Gegenwart fort. Das Unternehmen Freeport-McMoRan mit Hauptsitz im US-Bundesstaat Arizona betreibt Grasberg, die weltweit größte Gold- und Kupfermine. Die gut geschützte Anlage wirkt wie ein militarisierter Staat im Staat im von Indonesien besetzten Papua.
Zeitgleich sind Teile von Kambodscha und Laos zu Hochburgen des groß angelegten Betrugs geworden. Hier werden vulnerable Arbeiter rücksichtslos ausgebeutet; in Berichten der Vereinten Nationen ist von einer Menschenrechtskrise die Rede.
In der gesamten Region wurden frühere Kasinostädte, Sonderwirtschaftszonen und Spekulationsobjekte zu befestigten Anlagen umgewandelt, in denen Zehntausende Arbeitskräfte aus verarmten Ländern des Globalen Südens ihre Tage damit verbringen, sich als Kryptowährungsberater, potenzielle Liebespartner, Anlagevermittler und Kundendienstangestellte auszugeben.
Ihre Zielgruppe sind vergleichsweise wohlhabende Menschen im Globalen Norden, ihre Arbeitgeber transnationale kriminelle Syndikate, ihre Arbeitsstätten von Gewalt geprägte Gefängnisse. Einzelne Regierungen sprechen von organisierter Kriminalität, während Menschenrechtsorganisationen sie schlicht als eine Form moderner Sklaverei betrachten.
»Frauen berichten von systematischer sexueller Gewalt, Menschenhandel und der erzwungenen Mitwirkung an Online-Betrugsmaschen.«
Diese Scam-Anlagen, die in Kambodscha und Laos wie Pilze aus dem Boden schießen, stehen für eine der neuesten Wachstumsbranchen des globalen Kapitalismus: eine Verschmelzung von Finanzspekulation, digitaler Technologie, künstlicher Intelligenz, Menschenhandel und extremer Ausbeutung von Arbeitskräften. Sie zeigen, was passiert, wenn das älteste und grundlegendste Gebot des Kapitalismus – das unermüdliche Streben nach Profit – auf die neuesten technologischen Tools trifft.
Ein umfangreicher Bericht von Amnesty International zeichnet ein verheerendes Bild der Betrugsindustrie in Kambodscha und der ineffizienten Gegenmaßnahmen. Trotz der Behauptungen der Regierung, Hunderte Scam-Zentren geschlossen und Tausende Verdächtige festgenommen zu haben, gibt es ebenso Beweise für anhaltenden Menschenhandel, Zwangsarbeit, Folter, Vergewaltigung und Sklaverei in Dutzenden Anlagen.
In der Amnesty-Recherche wurden bis Anfang 2026 mehrere Betrugszentren in Kambodscha identifiziert, und es wurde festgestellt, dass viele davon trotz wiederholter polizeilicher Eingriffe weiterhin aktiv waren. Beunruhigend ist darüber hinaus, dass kein einziger der 73 von Amnesty befragten Überlebenden von Menschenhandel von den kambodschanischen Behörden bisher offiziell als Opfer von Menschenhandel anerkannt worden ist.
Die Krise reicht weit über Kambodscha hinaus. Ähnliche Anlagen sind auch im benachbarten Laos in Betrieb, insbesondere in der Nähe von Kasinokomplexen und in den Sonderwirtschaftszonen entlang des Mekong. Hier berichten vor allem Frauen von systematischer sexueller Gewalt, Menschenhandel und der erzwungenen Mitwirkung an Online-Betrugsmaschen. Anstatt unter dem Druck der Regierung zu verschwinden, hat sich die Branche zunehmend regionalisiert und verlagert ihre Aktivitäten über die Grenzen hinweg, sobald die allgemeine Aufmerksamkeit zu groß wird.
Die geografische Lage der Scam-Zentren ist kein Zufall: Es handelt sich um Regionen, in denen seit langem lokale Ressourcen für ausländisches Kapital ausgebeutet wurden. Viele der Anlagen konzentrieren sich in Grenzstädten wie Poipet und Bavet in Kambodscha, rund um die Sonderwirtschaftszone »Goldenes Dreieck« im Nordwesten von Laos oder in einzelnen Enklaven des vom Krieg zerrütteten Myanmar. Andere befinden sich in Kasinokomplexen oder Luxusimmobilienprojekten, die einst Tourismus, ausländische Investitionen und regionale Entwicklung versprachen.
»Regierungen schaffen Räume, in denen Regulierungen gelockert und Investitionen gefördert werden und das private Kapital außergewöhnliche Autonomie genießt. Und genau hier konzentrieren sich die Scam-Anlagen.«
Während der Kolonialzeit in Indochina vergaben die französischen Kolonialbehörden riesige Landflächen an private Unternehmen, die Kautschuk, Holz und Mineralien abbauten und dabei massive Macht über Arbeiter und lokale Gemeinden ausübten. In seinen 1964 erschienenen Memoiren The Red Earth beschreibt der vietnamesische Revolutionär und General Trần Tử Bình detailliert die extreme Brutalität auf der Plantage Phu Rieng des Konzerns Michelin. Kolonialstaaten delegierten häufig Machtausübung an kommerzielle Unternehmen; die Grenze zwischen staatlicher Autorität und privatem Profit verschwamm.
Die heutigen Sonderwirtschaftszonen zwar Unterschiede zu dieser Systematik auf, reproduzieren aber eine vertraute politische Logik: Regierungen schaffen Räume, in denen Regulierungen gelockert und Investitionen gefördert werden und das private Kapital außergewöhnliche Autonomie genießt. Kasinos, Immobilienspekulationen, Logistikzentren und grenzüberschreitende Finanzgeschäfte florieren in diesen halbautonomen Gebieten. Und genau hier konzentrieren sich die Scam-Anlagen.
Wie die Recherche von Amnesty zeigt, werden viele dieser Anlagen teils direkt in oder neben lizenzierten Kasinos, Hotels und kommerziellen Bauprojekten betrieben, was weitere Fragen aufwirft: Wer profitiert von diesen Einrichtungen, und warum hat sich die Durchsetzung der Vorschriften so oft als so inkonsequent erwiesen? Im Bericht werden diverse Fälle beschrieben, in denen die Anlagen nach Polizeirazzien weiterbetrieben oder Opfer vor Eintreffen der Behörden in andere Einrichtungen verlegt worden waren. Überlebende verweisen auf offensichtliche Absprachen zwischen den Betreibern der Scam-Anlagen und lokalen Polizeibeamten.
Das ist Korruption – aber nicht nur: Besser lässt sich dieses System als die Schattenseite eines Entwicklungsmodells verstehen, das auf Deregulierung, spekulativen Investitionen und einer bestenfalls fragmentierten staatlichen Regulierung und Kontrolle basiert – verbunden mit dem Zugang zu einem globalen Pool verzweifelter, schutzbedürftiger und vulnerabler Arbeitskräfte.
Die Zahl der Online-Scam-Anlagen wuchs seit 2020 sprunghaft, als die Pandemie den Tourismus in ganz Südostasien lahmlegte und die Kasino-Einnahmen praktisch über Nacht zusammenbrachen. Hotels leerten sich, und Glücksspielzentren, die zuvor vor allem auf chinesische Touristen ausgerichtet waren, standen vor dem finanziellen Ruin.
Viele kriminelle Organisationen passten sich mit bemerkenswerter Geschwindigkeit an. Sie nutzten die vorhandene physische Infrastruktur: Kasinohallen, Schlafsäle, Sicherheits- und Überwachungssysteme, private Wachleute und grenzüberschreitende Finanznetzwerke. Was sich änderte, war die produzierte Ware. Anstelle von Spielern, die Grenzen überquerten und physische vor Ort waren, fand sich die neue Kundschaft nun online; und die Angestellten saßen nicht mehr an Roulettetischen, sondern an Computern. Ehemalige Kasinostädte in abgelegenen Ecken von Kambodscha, Laos und Myanmar wurden zu global vernetzten »Betrugsfabriken«, deren Belegschaft sich zunehmend aus Opfern von Menschenhandel zusammensetzte.
Eines der markantesten Merkmale der Scam-Wirtschaft ist die allgegenwärtige extreme Ausbeutung. Die Opfer verlieren teilweise ihre gesamten Ersparnisse durch Kryptowährungsbetrug, Liebesscams, gefälschte Anlageprogramme und andere Betrugsmaschen. Darüber hinaus sind aber auch die Arbeiterinnen und Arbeiter selbst Opfer. Amnesty befragte zahlreiche Personen aus Afrika, Lateinamerika, Südasien und Ostasien, die vermeintlich seriöse Stellenangebote angenommen hatten, um sich dann in streng bewachten, gefängnisähnlichen Anlagen wiederzufinden.
»Lange ging man davon aus, dass diese Opfer der Betrugsindustrie lediglich Kleinkriminelle seien. In Wirklichkeit nehmen viele von ihnen aber Positionen ein, die denen von Arbeiterinnen und Arbeitern in anderen Bereichen der globalen Wirtschaft ähneln.«
Die Überlebenden berichteten von beschlagnahmten Pässen, Elektroschocks, Schlägen, Zwangsarbeit, Vergewaltigung und Drohungen gegen Familienangehörige. Viele gaben an, wie Handelsware von einer Scam-Anlage zur nächsten verkauft worden zu sein.
Lange ging man davon aus, dass diese Opfer der Betrugsindustrie lediglich Kleinkriminelle seien. In Wirklichkeit nehmen viele von ihnen aber Positionen ein, die denen von Arbeiterinnen und Arbeitern in anderen Bereichen der globalen Wirtschaft ähneln: Sie werden durch falsche Versprechungen angeworben, per Überwachung diszipliniert, mit Entlassung bedroht und anhand von Produktivitätszielen bewertet. Der Unterschied zur klassischen Anstellung ist, dass organisierte, kriminelle Gruppen Schläge, sexuelle Übergriffe und Morddrohungen in dieses Geschäftsmodell integriert haben.
Die modernen Betrugszentren ähneln eher einem Industriebetrieb als einem kriminellen Unterschlupf. Manager legen Leistungsquoten für die Belegschaft fest, die standardisierte Skripte befolgt. Durch ständige Tests werden psychologische Techniken verfeinert, um Opfer in die Falle zu locken.
Die Angestellten sind auf verschiedene Phasen der Betrugsmasche spezialisiert: Einige nehmen den Kontakt auf, bevor ihre Kollegen über Wochen oder Monate hinweg emotionale Beziehungen pflegen, während andere wiederum die entscheidenden Finanztransaktionen abschließen. Der Prozess gleicht einem digitalen Fließband: So wie Henry Ford die Automobilproduktion standardisierte, standardisieren südostasiatische Scam-Zentren die Massenproduktion von Betrug.
Als Innovationsmotoren gefeierte Technologien wie Highspeed-Internet, verschlüsselte Kommunikation, Kryptowährungen, Cloud-Computing und digitale Zahlungssysteme bilden die Infrastruktur für diese Betrugsindustrie. Künstliche Intelligenz steigert die Produktivität der Scam-Anlagen nur noch weiter. Large Language Models generieren überzeugende Gespräche in Dutzenden Sprachen; Übersetzungssoftware ermöglicht es den Betreibern, glaubwürdig mit Opfern über Kontinente hinweg zu kommunizieren. Mit Voice-Cloning-Technologie lassen sich verzweifelte Verwandte imitieren, Bildgeneratoren produzieren fiktive Anlageberater oder attraktive Partner. Und die Entwicklung von Deepfake-Videos verspricht noch mehr Wirklichkeitsnähe.
Im Laufe der Geschichte des Kapitalismus wurde technologische Innovation immer wieder genutzt, um Arbeitskosten zu senken, die Produktivität zu steigern und neue Möglichkeiten für die Kapitalakkumulation zu eröffnen. Dabei mag die jeweilige Technologie an sich neutral sein, doch die sozialen Rahmenbedingungen, die ihren Einsatz bestimmen, sind es nicht. Unter anderen politischen und ökonomischen Bedingungen könnte KI durchaus Bildung demokratisieren, die öffentliche Gesundheit verbessern oder gefährliche Arbeit reduzieren. Im heutigen Kapitalismus trägt sie stattdessen zur Industrialisierung von Betrug bei.
Auf Druck der USA und der Volksrepublik China haben Regierungen in ganz Südostasien mit zunehmend aggressiven Strafverfolgungsmaßnahmen reagiert. Es kam zu aufsehenerregenden Festnahmen, einzelne Anlagen wurden aufgelöst, Tausende Opfer des Menschenhandels konnten fliehen.
Doch Strafverfolgung allein kann eine Branche nicht beseitigen, die so stark in globale Finanznetzwerke eingebettet ist und mit extrem hohen Gewinnen lockt. Im Bericht von Amnesty wird das Problem gut dokumentiert: Die Behörden kündigen umfassende Razzien an, die Anlagen bleiben aber meist weiter in Betrieb, die Opfer werden zwischen einzelnen Einrichtungen hin- und hergeschleust und Überlebende des Menschenhandels erhalten oft kaum nennenswerten Schutz, wenn sie es schaffen sollten, dem System zu entkommen.
»Es wäre falsch, die südostasiatischen Betrugszentren als eine exotische kriminelle Schattenwelt an der Peripherie der Globalisierung zu betrachten.«
In den Regierungsstatistiken stehen einzelne Razzien und Abschiebungen im Vordergrund, nicht aber Bemühungen um Opferhilfe oder strukturelle Reformen. Weitaus weniger Beachtung finden tiefergehende Fragen: Wem gehört das Land, wer finanziert diese Anlagen und wer wäscht die Gewinne? Ohne diese Probleme anzugehen, behandeln die Regierungen lediglich die Symptome. Die zugrunde liegenden politischen und ökonomischen Strukturen bleiben unberührt.
Es wäre zwar beruhigend, aber falsch, die südostasiatischen Betrugszentren als eine exotische kriminelle Schattenwelt an der Peripherie der Globalisierung zu betrachten. Die Scam-Zentren mögen sich in einer abgelegenen Ecke des Mekong oder in einem isolierten Tal im Goldenen Dreieck befinden, doch sie sind auf internationale Bankensysteme, Kryptowährungsbörsen, globale Telekommunikationsinfrastruktur, Migrationsnetzwerke, spekulative Immobilienmärkte und Technologien angewiesen, die von einigen der weltweit größten Konzerne entwickelt wurden.
Mit Opfern überall – von Tokio und São Paulo bis nach London und Johannesburg – und einer aus dem gesamten Globalen Süden rekrutierten Arbeitskraft sowie Gewinnen, die durch internationale Finanznetzwerke zirkulieren, haben die Betrugszentren in Südostasien nichts Peripheres an sich. Hier kann man beobachten, wie die Globalisierung funktioniert – nur dass statt Konsumgütern eben Betrug produziert wird.
Karl Marx stellte bekanntlich fest, dass Kapital und Kapitalismus »von Kopf bis Zeh blut- und schmutztriefend zur Welt« gekommen seien. Zwei Jahrhunderte später hat diese Beobachtung eine digitale Dimension hinzugewonnen.
Die befestigten Anlagen, die in den Grenzgebieten von Laos und Kambodscha verstreut sind, legen etwas Grundlegendes über unseren aktuellen historischen Moment offen: Sie zeigen, was geschieht, wenn spekulative Finanzmärkte, digitale Technologie, Künstliche Intelligenz und prekäre Arbeitsverhältnisse in einer globalen Wirtschaftsordnung zusammenlaufen, in der Profit über allem steht.
Michael G. Vann ist Professor für Geschichte an der Sacramento State University und Co-Autor des Buches The Great Hanoi Rat Hunt: Empire, Disease, and Modernity in French Colonial Vietnam.