06. Mai 2026
Sozialismus darf nicht lediglich bedeuten, den Kapitalismus gerechter zu gestalten. Er muss auf eine Gesellschaft abzielen, in der das Überleben nicht mehr vom Markt abhängt – und in der sich die Demokratie endlich auch auf die Wirtschaft erstreckt.

Arbeiterinnen und Arbeiter verdienen Würde, Sicherheit und echte Macht am Arbeitsplatz wie an der Wahlurne.
Am 22. April 2026 hat Jacobin-Gründer Bhaskar Sunkara in Toronto den Ellen Meiksins Wood Prize 2026 erhalten. Die Auszeichnung wird vom Broadbent Institute und dem lokalen Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung verliehen. Im Folgenden die Mitschrift seiner Rede bei der Preisverleihung.
Ich habe mich gerade daran erinnert, wie ich in einer der frühen Runden des Kulturkriegs in den USA – damals, als die vermeintlichen Experten des amerikanischen öffentlichen Lebens ihre Aufmerksamkeit auf die riesige Problematik »Teilnahmeurkunden im Jugendsport« gerichtet hatten – an einem Radiointerview teilnahm, in dem ebendieses Thema zur Sprache kam. Ich musste live auf Sendung zugeben, dass ich – zumindest, soweit ich mich erinnern kann – in meinem ganzen Leben noch nie eine andere Auszeichnung oder Trophäe als Teilnahmeurkunden erhalten hatte. Ich habe sie aber immer stolz aufbewahrt, als rechtmäßig geerntete Früchte meiner Bereitschaft, mich an die Regeln des Sports zu halten und dabei immer und immer wieder zu scheitern – mit Anstand und Ehre.
Heute freue ich mich, dass ich dank der Großzügigkeit des Broadbent Institute und der Rosa-Luxemburg-Stiftung eine richtige Trophäe erhalte – wobei Ihr mich vermutlich immer noch nicht in Euer Baseballteam aufnehmen solltet.
Ich habe Ellen Meiksins Woods Der Ursprung des Kapitalismus zum ersten Mal gelesen, als ich in meinem allerersten Monat an der Universität prokrastinierte und meine eigentlichen Studienaufgaben vor mir herschob. Ich las die Erstausgabe des Buches. Die ausführlichere »Longer View«-Ausgabe wäre für einen faulen Studenten wie mich eine Nummer zu groß gewesen. Doch schon die 138 Seiten dieses Werks leisteten das, was die allerbeste marxistische Wissenschaft leisten sollte.
Es war zugänglich. In klarer Sprache für normale Menschen geschrieben, nicht im Fachjargon für Akademiker. Es war sofort verständlich, hatte dennoch Tiefe. In seinem Kern stand ein materieller Mechanismus. Es war nicht nur eine moralische Klage über die Ungerechtigkeit des Kapitalismus, sondern eine Darstellung dessen, wie das System tatsächlich entstanden ist: die besonderen Marktabhängigkeitsverhältnisse, der besondere historische Umbruch auf dem englischen Land, der diese Verhältnisse ermöglichte, und die besonderen Spannungskräfte, die sie von dort über die ganze Welt verbreiteten. Das Buch bot einen Blickwinkel und eine Geschichte, die sich über Jahrhunderte und ganze Kontinente erstreckte und gleichzeitig für die Gegenwart politisch lebendig und relevant blieb.
Vor allem aber beharrte Ellen in diesem Buch darauf, den Kapitalismus als System zu betrachten, nicht als eine gesellschaftliche Ordnungsform unter vielen. Nicht als »die Wirtschaft«, nicht als »die Moderne«, sondern als den ganz grundlegenden Schlüssel zum Verständnis der Welt, in der wir leben. Ellen bezeichnete dies später in Demokratie contra Kapitalismus als »ein System sozialer Beziehungen und politischer Macht«. Ein System, das unter bestimmten Umständen entstanden ist – und daher kein Dauerzustand ist. Ellen weigerte sich, den Kapitalismus als naturgegeben zu betrachten, auch nicht rückblickend im Laufe der Geschichte. Und: Wenn er einen Anfang hatte, konnte er auch ein Ende haben.
Sie stellte die Frage, um die es in meinem Vortrag geht: In Demokratie contra Kapitalismus wollte sie wissen, wie Demokratie über die Grenzen hinauswachsen kann, die der Kapitalismus ihr sowohl im politischen als auch im ökonomischen Bereich auferlegt. Das ist bis heute eine Frage, mit der wir uns auseinandersetzen müssen.
»Der Kapitalismus ist ein System, in dem das bloße Überleben vom Erfolg auf dem Markt abhängt. Wenn der Sozialismus von Bedeutung sein will, muss er diese Bedingung abschaffen.«
Ich hatte 2014 die Gelegenheit, mich als Redakteur mit Ellens Arbeit zu beschäftigen, als sie für Jacobin schrieb und ich einige Gedanken mit ihr austauschen konnte. Durch diese kleinen Begegnungen und durch das Studium ihrer Arbeit meine ich genug zu wissen, um sagen zu können: Vermutlich würde Ellen einigen meiner folgenden Ausführungen widersprechen.
Denn was folgt, ist ein Plädoyer für einen Sozialismus, der Märkte einbezieht. Während ich dieses Plädoyer schrieb – und gleichzeitig mit meinen Kollegen Mike Beggs und Ben Burgis an einem bald erscheinenden Buch arbeitete, das diese Ideen weiter ausführt –, dachte ich oft darüber nach, wie ich dieses Argument gegenüber Ellen oder Leo Panitch, einem weiteren großen Kritiker des Marktsozialismus, verteidigen würde.
Ich würde es folgendermaßen tun: Wie Ellen hervorhob, gab es Märkte bereits vor dem Kapitalismus. Was der Kapitalismus seinerseits einführte, war die Abhängigkeit vom Markt. Der Kapitalismus ist ein System, in dem das bloße Überleben vom Erfolg auf dem Markt abhängt. Wenn der Sozialismus von Bedeutung sein will, muss er diese Bedingung abschaffen.
Die Fähigkeit eines Menschen, sich zu ernähren, Zugang zu Gesundheitsversorgung zu erhalten, Kinder großzuziehen oder eine Wohnung zu haben, sollte nicht von seiner Position auf dem Markt abhängen. Das ist der Kern des sozialistischen Versprechens, und davon sollten wir niemals abrücken. Doch Anreize für die Teilnahme an Märkten – für die Teilnahme am komplexen Produktionsnetzwerk der Wirtschaft – könnten dazu beitragen, den finanziellen Überschuss zu generieren, der ein Ende dieser Marktabhängigkeit überhaupt erst möglich macht.
Unser Ziel als Egalitaristen ist es nicht, die auf einer komplexen Arbeitsteilung basierende Produktion oder den Warenaustausch abzuschaffen – sondern das System der Marktabhängigkeit und Ausbeutung, das diese derzeit beherrscht.
So würde ich mein Argument im Groben verteidigen. Nun aber zu den Details.
Entgegen dem heutigen Image als glücklose Loser ist die Geschichte der modernen Linken von erstaunlichen, wenn auch unbeständigen Erfolgen geprägt.
Erfolg zumindest im Sinne einer Übernahme der Staatsmacht im 20. Jahrhundert. Seit den frühen islamischen Eroberungen des 7. und 8. Jahrhunderts gab es in der Geschichte nichts Vergleichbares. Aufbauend auf den gemeinsamen Ursprüngen in kleinen Gruppen von Arbeiterinnen und Handwerkern sowie später in den Parteien der Zweiten Internationale eroberte der Kommunismus innerhalb von hundert Jahren ein Drittel der Welt; die Sozialdemokratie in ihrer einen oder anderen Ausprägung übernahm ein weiteres Fünftel.
Hal Draper, ein Kritiker der konkurrierenden Sozialismen seiner Zeit, stellte 1966 fest: »Zum ersten Mal in der Weltgeschichte bezeichnet sich höchstwahrscheinlich eine Mehrheit der Menschen in dem einen oder anderen Sinne als ›sozialistisch‹.«
Noch bevor sie die politische Macht erlangte, schuf die Arbeiterbewegung jener Zeit eine eigene Kultur. Bergleute in Wales äußerten den Wunsch, mit ihren Exemplaren des Kommunistischen Manifests begraben zu werden, so wie frühere Generationen noch darum gebeten hatten, mit einer Bibel beerdigt zu werden. Es entstand eine säkulare Kultur, in deren Mittelpunkt die arbeitende Bevölkerung stand. In Haushalten in ganz Europa hingen Porträts von Führern der Arbeiterklasse dort, wo einst Heiligenbilder zu sehen waren, und in Gewerkschaftshäusern wurden die früheren kirchlichen Feiertage mit neuen Kalendern und Feiertagen kombiniert.
Eric Hobsbawm berichtete von einer Ankündigung zum Internationalen Tag der Arbeit 1891 in der Po-Ebene: »Die Priester haben ihre Feste und Feiern […] Der 1. Mai ist der Festtag der Arbeiter weltweit.«
»Was nirgendwo jemals erreicht wurde, war Sozialismus nach dem Kapitalismus, als dessen Nachfolger.«
Bald verfügten die Arbeiterinnen und Arbeiter über mehr als nur Identitäts- und Ehrensymbole. Der Sozialismus innerhalb des Kapitalismus (Sozialdemokratie) und der Sozialismus außerhalb des Kapitalismus (Kommunismus sowjetischer Prägung sowie seine Ableger) erschienen als reale Beispiele für eine andere Welt.
Doch sie brachen fast ebenso plötzlich zusammen, wie sie entstanden waren. Und: Was nirgendwo jemals erreicht wurde, war Sozialismus nach dem Kapitalismus, als dessen Nachfolger.
Selbst heute, wo die Linke im englischsprachigen Raum – durch Persönlichkeiten wie Bürgermeister Zohran Mamdani und Organisationen wie die Democratic Socialists of America – wieder an Fahrt gewinnt, ist es schwer vorauszusagen, wie viel Erfolg wir dabei haben werden, auch nur eine Form des Sozialismus innerhalb des Kapitalismus wiederzubeleben.
Sozialistinnen und Sozialisten brauchen heute mehr denn je das, was man als weltgeschichtliches Selbstbewusstsein bezeichnen könnte. Das Selbstbewusstsein, das Bergleute in Wales und Bäuerinnen in Vietnam einst dazu brachte, sich nicht als Opfer der Geschichte zu sehen, sondern als ihre großen Protagonisten.
Beide Modelle des Sozialismus im 20. Jahrhundert – die zentralistische Planwirtschaft sowjetischer Prägung und die Sozialdemokratie – wurden nicht nur angegriffen und besiegt. Sie sind vielmehr selbst gescheitert.
Jeder kennt irgendeinen Witz über die sowjetische Wirtschaft. Ich mag den mit der Nagelfabrik: Die Planer geben vor, wie viele Nägel produziert werden sollen, also produzieren die Arbeiter viele winzig kleine Nägel, die man nicht gebrauchen kann. Daher wird der Plan geändert und es soll ein Gewichtsziel erreicht werden. Und so produzieren die Arbeiter riesige, ebenso unbrauchbare Nägel.
In der realen Welt haben neben dem offenkundigen eigenen politischen Versagen zwei miteinander verknüpfte Probleme die Systeme sowjetischer Prägung destabilisiert.
Das erste war die Kalkulation. Die administrative Planung einer gesamten Wirtschaft war nicht eine schwierige technische Herausforderung, die es zu bewältigen galt; sie war schlicht unmöglich zu bewältigen. Gosplan beaufsichtigte fast 400 Behörden, 43.000 Fabriken, 26.000 Bauunternehmen, 47.000 landwirtschaftliche Betriebe, 260.000 Dienstleistungsbetriebe und über eine Million Einzelhandelsgeschäfte. Allein die Fabriken produzierten rund zwölf Millionen verschiedene Produkte – und jedes dieser Produkte erforderte die entsprechenden Vorleistungen von den passenden Zulieferern an den richtigen Standorten zu den richtigen Zeitpunkten, alles verflochten in Lieferketten, die sich über elf Zeitzonen erstreckten. Die Planer hatten es also mit mindestens Dutzenden Milliarden Variablen zu tun – eine Zahl, die sich auf Billionen belief, wenn man den zeitlichen Rahmen mit einbezieht.
Um so etwas auch nur ansatzweise rational zu planen, musste man im Voraus wissen, was jedes Unternehmen produzieren kann, was jeder Haushalt braucht und will und wie jeder Input mit jedem Output zusammenhängt. Niemand konnte das wissen. Wortwörtlich Niemand.
Was man daher in der Realität hatte, waren grobe Schätzungen der brillantesten Planer der Welt – normalerweise die Zahlen des Vorjahres plus ein bisschen mehr. Hinzu kam Unterstützung von einer riesigen Schattenwirtschaft aus Tauschgeschäften, Hamsterkäufen und Hinterzimmer-Deals, die von den Firmenleitern nebenbei abgewickelt wurden, um die eigene Produktion irgendwie am Laufen zu halten.
»Während der Sozialismus außerhalb des Kapitalismus also scheiterte, weil er versuchte, die Märkte abzuschaffen, scheiterte der Sozialismus innerhalb des Kapitalismus (die Sozialdemokratie) aus genau dem entgegengesetzten Grund: Sie versuchte, den Kapitalismus zu zähmen, ohne ihn zu überwinden.«
Dies führt uns zum zweiten Problem: Anreize. Jede Firmenleiterin war sich vollkommen bewusst, dass die Ressourcen, die sie im nächsten Jahr erhalten würde, von den Zahlen abhingen, die sie dieses Jahr vorlegte. Entsprechend gaben die Führungskräfte ihre Produktionsprognosen im Vergleich zu ihrer tatsächlichen Produktionskapazität zu niedrig an. Anschließend meldeten sie die tatsächliche Produktion höher. Sie horteten Arbeitskräfte und Materialien, da die Strafen für das Verfehlen eines Produktionsziels weitaus gravierender waren als die Strafen für Ineffizienz.
Ebenso erkannten die für sie arbeitenden Arbeiterinnen und Arbeiter schnell, dass eine Übererfüllung der Quote lediglich die Konsequenz hatte, dass im nächsten Jahr eine höhere Quote erreicht werden musste. Also gab es keinen Anreiz, effizient zu produzieren. Auch das schwächste Unternehmen durfte nicht scheitern, denn das würde Arbeitslosigkeit und unterbrochene Lieferketten bedeuten. Deswegen wurde Ineffizienz nie konsequent bestraft. In der gesamten Hierarchie, vom Politbüro bis hinunter zu dem Mann, der vorgab, in der Fabrikhalle zu arbeiten, gab es einen Anreiz, über die tatsächlichen Aktivitäten und Arbeiten zu lügen.
Dies waren keine Fehler, die man mit einem besseren Algorithmus oder einem schnelleren Computer beheben könnte. Sie waren in die Struktur der Verwaltungsplanung einprogrammiert.
Während der Sozialismus außerhalb des Kapitalismus also scheiterte, weil er versuchte, die Märkte abzuschaffen, scheiterte der Sozialismus innerhalb des Kapitalismus (die Sozialdemokratie) aus genau dem entgegengesetzten Grund: Sie versuchte, den Kapitalismus zu zähmen, ohne ihn zu überwinden.
Eine Zeit lang funktionierte das hervorragend. Das Schweden der Nachkriegszeit war wahrscheinlich die lebenswerteste Gesellschaft der Welt: Vollbeschäftigung, starke Gewerkschaften, die wirklich auf Augenhöhe mit den Arbeitgebern verhandelten, und ein universeller Wohlfahrtsstaat, der von einer wachsenden Wirtschaft getragen wurde. Die Arbeiterinnen und Arbeiter genossen Würde, Sicherheit und echte Macht am Arbeitsplatz wie an der Wahlurne. Und je sicherer ihre Lage wurde, desto mehr Solidarität zeigten sie – nicht nur untereinander, sondern auch gegenüber den Menschen in der sogenannten Dritten Welt. Die letzte öffentliche Rede des schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme, wenige Tage vor seinem Tod, hielt er gemeinsam mit dem Präsidenten des ANC [African National Congress], Oliver Tambo. Dabei sagte Palme: »Ein System wie die Apartheid kann nicht reformiert werden; es kann nur abgeschafft werden.« Er hätte dafür ermordet werden können.
»Die Sozialdemokratie stärkte die Arbeiterschaft politisch, beließ aber das Eigentum an den Produktionsmitteln und die Investitionsmacht in den Händen der Kapitalisten.«
Doch im Kern von Palmes Projekt lag ein Widerspruch, der es schon lange vor seinem Tod zum Scheitern verdammte. Die Sozialdemokratie stärkte die Arbeiterschaft politisch, beließ aber das Eigentum an den Produktionsmitteln und die Investitionsmacht in den Händen der Kapitalisten. Das führte zu einer Blockade zwischen einer starken Arbeiterbewegung und diesen traditionellen Machtzentren der Wirtschaft.
Solange die Wirtschaft wuchs, konnte das Gleichgewicht bestehen: Es gab genügend Überschuss, um sowohl Lohnerhöhungen zu gewähren als auch gleichzeitig Gewinne für das Kapital zu sichern und darüber hinaus den Sozialstaat zu finanzieren. Doch als sich das Wachstum in den 1970er Jahren verlangsamte, begann das System zu bröckeln.
Der linke Flügel der Sozialdemokratie erkannte das Problem und versuchte, es zu lösen. Der Meidner-Plan von 1976 sah vor, das Eigentum an großen Unternehmen schrittweise auf von der Arbeiterschaft kontrollierte Fonds zu übertragen. Es wäre ein Weg von der Sozialdemokratie zum Sozialismus gewesen, finanziert durch die Gewinne, die die Arbeiterinnen und Arbeiter durch jahrelange Lohnzurückhaltung erwirtschaftet hatten. Es war eine brillante Lösung sowohl für Schwedens ökonomische Schwierigkeiten als auch für die politisch festgefahrene Situation.
Es war etwas, das ohne eine Massenmobilisierung der Arbeiterschaft von unten nicht hätte durchgesetzt werden können – und somit etwas, das die sozialdemokratische Führung in Schweden nicht hinnehmen wollte. Trotz der bestenfalls lauwarmen Unterstützung durch die Sozialdemokratische Partei betrachtete das schwedische Kapital den Meidner-Plan als existenzielle Bedrohung. Entsprechend aggressiv wurde das Vorhaben attackiert und ausgehöhlt.
Die wahre Lehre aus dieser Geschichte unterscheidet sich sehr von der, die die heutigen Sozialdemokraten daraus ziehen. Letztere sagen: »Sozialdemokratie ist das Maximum, das man erreichen kann. Das ist an sich schon eine radikal egalitäre Errungenschaft, also gebt Euch damit zufrieden. SEID REALISTISCH und macht weiterhin langsame, aber stetige Fortschritte.« Doch das Kapital ist ein sich ständig bewegendes Ziel, kein statisches. Es akzeptiert kein Unentschieden und lässt sich nicht langwierig belagern. Irgendwann muss aus einem solchen Stellungskrieg ein Manöverkrieg werden.
Tatsächlich hatte es in Schweden jahrelange, stetige Organisierungsarbeit und geduldige Reformen gebraucht, um den Weg für den von Meidner angedachten Strukturwandel überhaupt erst zu ebnen. Meidner und Generationen sozialdemokratischer Arbeiterinnen und Arbeiter wussten das. Nun müssen wir vollenden, was sie begonnen haben.
Nicht nur aufgrund kapitalistischer Propaganda, sondern auch wegen der tatsächlichen Misserfolge sowohl der Sozialdemokratie als auch des »real existierenden Sozialismus« im 20. Jahrhundert hat sich Skepsis gegenüber einer sozialistischen Zukunft breitgemacht. Würde die demokratische Kontrolle über eine komplexe Wirtschaft nicht letztendlich in Krisen münden, in Ineffizienz versinken oder erneut in Autoritarismus erstarren? Um die Hegemonie dieser kapitalistischen Sichtweise zu erschüttern, müssen wir Alternativen wiederentdecken.
Karl Marx verbrachte einen Großteil seines Lebens damit, sich mit fantasievollen utopischen Sozialisten auseinanderzusetzen und warnte in diesem Zuge davor, »Rezepte für die Garküche der Zukunft« zu schreiben. Doch heute reicht es nicht mehr aus, zu argumentieren, dass eine Alternative zum Kapitalismus politisch wünschenswert ist. Wir müssen auch zeigen, dass und wie sie technisch möglich ist.
Dies bedeutet nicht, so zu tun, als gäbe es ein einziges, feststehendes Modell des Sozialismus, das nur darauf wartet, umgesetzt zu werden. Es gibt eine Reihe unvermeidbarer Fragen, die jede glaubwürdige Alternative beantworten können muss. Könnte eine sozialistische Wirtschaft Preise, Gewinne und Wettbewerb nutzen, um komplexe Produktionsprozesse zu koordinieren, ohne Herrschaftsverhältnisse oder massive Ungleichheit zu reproduzieren? Welche Anreize können in einer Wirtschaft aus demokratisch geführten Unternehmen zu Effizienz und Innovation führen? Wie lässt sich Produktivitätswachstum aufrechterhalten, damit der Lebensstandard weiter steigt, Versorgungsengpässe vermieden werden und der technologische Wandel keine Verunsicherung hervorruft? Und welche Rolle muss der Staat bei der Stabilisierung der Makroökonomie, der Steuerung von Investitionen und der Durchsetzung demokratischer Prioritäten spielen, ohne dabei Eigeninitiative zu ersticken?
»Jeder praktikable Sozialismus muss gewisse Haushaltszwänge vermeiden und es zulassen, dass ineffiziente Unternehmen scheitern, während produktive expandieren.«
In einer Form des Sozialismus, die in unserer Lebenszeit plausibel verwirklicht werden könnte, würden weite Bereiche des gesellschaftlichen Lebens aus der Logik der Kommodifizierung herausgerissen: Gesundheitsversorgung, Bildung, Verkehr, Energie und Telekommunikation sind keine Konsumgüter, sondern gesellschaftliche Infrastrukturen, von denen die Teilhabe am modernen Leben abhängt. Ihre Steuerung durch profitorientierte Akteure, die nach Preis statt nach tatsächlichem Bedarf rationieren und allokieren, führt zu vorhersehbaren Fehlentwicklungen. Das Ergebnis ist ein System, das sowohl Gleichheit als auch Effizienz schädigt. Jahrzehntelange vergleichende Beobachtungen legen nahe, dass eine öffentliche Versorgung in diesen Bereichen bessere Ergebnisse bei geringeren gesellschaftlichen Kosten erzielen kann – gerade, weil sie die Versorgung am Bedarf statt an der Kaufkraft ausrichtet.
Jenseits dieser Bereiche gibt es die breitere Wirtschaft der Güter und Dienstleistungen, in der Koordinationsprobleme vielschichtiger sind und Märkte weiterhin eine wichtige Rolle spielen müssen. Auf diesen Märkten in einer Wirtschaft aus demokratisch geführten Unternehmen würden Preissignale weiterhin Informationen über Angebot und Nachfrage vermitteln und so zur Steuerung von Produktion und Konsum beitragen. Doch der durch die Wirtschaftstätigkeit generierte Überschuss würde von denjenigen kontrolliert, die ihn erwirtschaften, und Investitionen würden über öffentliche Finanzinstitute statt durch Kapitalisten getätigt. Auf diese Weise können Märkte als Koordinationsinstrumente fungieren, aber ohne die derzeitigen Machtverhältnisse des Kapitalismus zu reproduzieren.
In diesem sozialistischen Rahmen werden Unternehmen im Warenproduktionssektor von ihren Angestellten und nicht von externen Anteilseignern oder Privatinvestoren kontrolliert. Führungs- und Mitspracherechte sind an die Beteiligung an der Produktion geknüpft, nicht an finanzielle Beteiligung. Die Mitgliedschaft in einem Unternehmen gleicht der Mitgliedschaft in einer politischen Gemeinschaft: Sie verleiht Mitspracherecht, bringt Verpflichtungen mit sich und kann nicht wie eine Ware gehandelt oder weiterverkauft werden.
Für eine solche Veränderung der Führungsstrukturen ist eine entsprechende Umgestaltung der Investitionstätigkeit erforderlich. Jeder praktikable Sozialismus muss gewisse Haushaltszwänge vermeiden und es zulassen, dass ineffiziente Unternehmen scheitern, während produktive expandieren.
Von den Arbeiterinnen und Arbeitern in den demokratisch geführten Unternehmen sollte jedoch nicht erwartet werden, dass sie selbst Kapital bereitstellen oder ihre persönlichen Ersparnisse an das Schicksal eines einzelnen Arbeitsplatzes binden. Würden Investitionsentscheidungen auf der Ebene einzelner Unternehmen belassen, würde dies zu systemischen Verzerrungen führen, die ein sozialistisches System zerstören würden: Unterschiede in der Kapitalintensität würden Arbeiter dazu veranlassen, sich in kapitalintensiven Sektoren zu konzentrieren, während arbeitsintensive Produktionszweige und der öffentliche Sektor unterbesetzt blieben. Es ist daher unerlässlich, Eigentum und Investitionen nach ihrer gesamtgesellschaftlichen Funktion und nicht als unternehmensinterne Entscheidung zu organisieren.
Diese Rolle muss von öffentlichen Banken übernommen werden, die produktive Assets gemeinsam halten und Kapital im Namen und Interesse der Gesamtgesellschaft zuteilen. Auf diese Weise agieren Unternehmen mit echter Autonomie, bleiben dabei aber Verwalter (statt Eigentümer) des gesellschaftlichen Reichtums. Der Staat ist seinerseits in der Lage, eine breite Palette makroökonomischer Instrumente einzusetzen, um die Entwicklungsrichtung zu beeinflussen.
»Natürlich ist der Sinn der Produktivitätssteigerung in einer sozialistischen Wirtschaft nicht Wachstum um des Wachstums willen. Vielmehr geht es um eine Ausweitung von Freizeit, Sicherheit und Lebenszeit außerhalb der Produktion.«
Ein weiterer Mechanismus ist unerlässlich, soll eine solche Wirtschaft auf Dauer sowohl effizient als auch egalitär bleiben: die Einführung von nach Berufen differenzierten Mindestlöhnen. Anstatt zuzulassen, dass die Arbeitsmärkte Angestellte und Führungskräfte allein anhand lokaler Verhandlungsmacht oder branchenspezifischer Einkommen unterscheiden, legen Referenzlöhne eine Untergrenze fest, die Prioritäten wie Würde, Qualifikation und gesellschaftlichen Beitrag widerspiegelt.
Unternehmen und Branchen, die auf niedrige Löhne und streng disziplinierte Arbeitskräfte setzen, stehen dann unter Druck, innovativ zu sein, sich neu zu organisieren oder eben zu schrumpfen, während diejenigen, die ihre Produktivität durch neue Arbeitstechniken, Weiterbildung und technologische Verbesserungen steigern,wachsen und durch höhere Ausschüttungen belohnt werden. Auf diese Weise wird die Wirtschaft auf einen Entwicklungsweg gelenkt, der Innovation statt Ausbeutung der Arbeitskräfte honoriert.
Natürlich ist der Sinn der Produktivitätssteigerung in einer sozialistischen Wirtschaft nicht Wachstum um des Wachstums willen. Vielmehr geht es um eine Ausweitung von Freizeit, Sicherheit und Lebenszeit außerhalb der Produktion. Ein Sozialismus, der lediglich Einkommen umverteilt, ohne die Zeitgestaltung zu verändern, würde sein Versprechen nicht erfüllen. Ein Sozialismus hingegen, der Umverteilung mit gesellschaftlichem Eigentum, demokratisch gelenkten Investitionen und effizienzbelohnenden Einkommensstrukturen verbindet, kann eine dynamische Wirtschaft mit kürzeren Arbeitszeiten, ein längeres Leben und größere Freiheit darüber, wie dieses Leben gestaltet wird, schaffen.
Nichts an dieser Vision steht für ein Ende politischer Auseinandersetzungen oder bestimmter Formen der Ungleichheit: Unterschiede in Bezug auf Fähigkeiten, Einsatzbereitschaft und gesellschaftliche Wertschätzung würden fortbestehen; ein gewisses Maß an Einkommensunterschieden ebenso. Was jedoch beseitigt würde, ist die Verfestigung dieser Unterschiede in dauerhaft ungleiche Machtverhältnisse.
Ich habe bewusst versucht, diese Vision eines Sozialismus herunterzuspielen, unter anderem, um sie realistischer erscheinen zu lassen. Doch die Auswirkungen einer solchen alternativen Gesellschaftsform wären enorm. In vielen Teilen der Welt wäre es die erste Gesellschaft seit der neolithischen Revolution, die nicht in eine Klasse von Produzenten und eine Klasse von Ausbeutern gespalten wäre.
Das – so würde ich meinen sozialistischen Freundinnen und Freunden, die dem Marktsozialismus kritisch gegenüberstehen, entgegenhalten – ist eine Aufgabe, die für eine Generation bereits hoch gesteckt ist.
Doch natürlich ist dies nur eine Skizze eines Organisationsmodells für eine postkapitalistische Gesellschaft – oder, wie Marx es vielleicht weniger wohlwollend bezeichnen würde, ein ungetestetes Rezept für eine Garküche der Zukunft. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass es sich lohnt, diesen Ansatz weiterzuverfolgen. Da die Linke seit Längerem zögert, sich mit Fragen der Wirtschaftsgestaltung auseinanderzusetzen, lässt sie viel Raum für diejenigen, die betonen, es gebe einfach keine Alternative zum Kapitalismus.
»Alle, die in der Arbeiterbewegung von der Ersten Internationale bis in die 1980er Jahre mitwirkten glaubten, sie seien die Avantgarde der Geschichte.«
Eine von mir dargestellte postkapitalistische Ökonomie schließt Experimente und Debatten nicht aus – im Gegenteil, sie regt sie an. Ein realistisches Bild davon, wie eine sozialistische Zukunft aussehen könnte und wie wir dorthin gelangen wollen, ermöglicht es Bewegungen, eigene Forderungen in ein längerfristiges Projekt einzubetten.
In gewisser Weise ist die technische Herausforderung für den Sozialismus untrennbar mit der politischen verbunden. Eine Linke, die nicht beschreiben kann, wie eine demokratische Wirtschaft funktionieren soll, wird Schwierigkeiten haben, Vertrauen aufzubauen und aufrechtzuerhalten, wenn sie unweigerlich mit Widerstand konfrontiert wird.
In jedem Fall brauchen wir eine dritte Option über die reine Verwaltung des kapitalistischen Staates und dem bloßen Protest gegen dessen Versagen hinaus.
Ich möchte zu meinem Ausgangspunkt zurückkehren – nicht zu meinen katastrophalen Baseball-Leistungen in der siebten Klasse, sondern zu Ellen und ihrer Arbeit. Ellen hat sich stets geweigert, den Kapitalismus als selbstverständlich hinzunehmen. Sie hat sich dagegen gestemmt, dass wir (ebenso wie die Vertreter jeder herrschenden Klasse vor der Bourgeoisie) annehmen, die Dinge seien nun einmal so, wie sie sind; dass sie schon immer so waren und dass sie immer so bleiben werden.
Natürlich ist es schwieriger, eine sozialistische Zukunft Wirklichkeit werden zu lassen, als sie zu beschreiben und sich vorzustellen. Für den Weg in eine sozialistische Zukunft ist es notwendig, dass die Linke wieder eine Verbindung zur Arbeiterklasse herstellt, diese Klasse organisiert, Macht an Arbeitsplätzen sowie in Regierungen erobert und ein Transformationsprogramm verfolgt, das dazu beiträgt, eine wahrhaft demokratische Wirtschaft hervorzubringen.
Wenn wir das, was von der Linken noch übrig ist, nicht davon überzeugen können, dass (wie C. L. R. James sagte) »jeder Koch regieren kann« und dass ein auf Hierarchie und Ausbeutung basierendes System durch eines ersetzt werden kann, das auf Demokratie und geteiltem Wohlstand beruht, dann haben wir auch wenig Hoffnung, die Arbeiterinnen und Arbeiter im Allgemeinen für eine solche Vision zurückzugewinnen.
Alle, die in der Arbeiterbewegung von der Ersten Internationale bis in die 1980er Jahre mitwirkten – selbst die am stärksten reformistisch ausgerichteten und kompromissbereitesten Vertreter – glaubten, sie seien die Avantgarde der Geschichte.
In einer Zeit, in der jedem großen Narrativ misstraut wird, in der man sich mit dem kleineren Übel zufrieden gibt und die bestehende Ordnung als das Äußerste betrachtet, was unsere Vorstellungskraft zu erfassen vermag, können wir bei diesen früheren Arbeiterinnen und Arbeitern das Selbstvertrauen entdecken, das wir wiedererlangen müssen. Es ist das Bekenntnis zu einem Sozialismus, der sich nicht allein in Wahlkampfrhetorik und kleineren Protesten ausdrückt, sondern wieder eine Sprache spricht, die Jahrhunderte und ganze Kontinente umspannt.
Bhaskar Sunkara ist der Gründer von Jacobin, Präsident der Zeitschrift The Nation und Autor des Buches The Socialist Manifesto: The Case for Radical Politics in an Era of Extreme Inequality.