12. Januar 2026
Der Meidner-Plan ist bekannt als das schwedische Konzept für den Übergang zum Sozialismus. Weniger bekannt ist: Rudolf Meidner kam aus Deutschland, hatte den Aufstieg der Nazis miterlebt und wollte mit seiner Arbeit auch dem Faschismus den Boden entziehen.

Rudolf Meidner, links im Bild, entwickelte seine wirtschaftspolitischen Konzepte im Lichte seiner Erfahrungen als sozialistischer Student mit jüdischem Hintergrund in der Weimarer Republik.
An einem kalten Montag Ende Februar 1933 schaut der 18-jährige Rudolf Meidner in die Flammen, die aus dem Deutschen Reichstag peitschen. Kurz zuvor hat er noch in der Krolloper nahe dem Parlamentsgebäude getanzt, aber gegen 21 Uhr geht er hinaus, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Jemand ruft: »Schaut mal! Sie beleuchten den Reichstag!« Ein schönes Bild, bis jemand feststellt: »Nein, er brennt! Der Reichstag brennt!« Fünfzehn Minuten später rückt die Feuerwehr an – und nicht viel später liegt die deutsche Demokratie in Schutt und Asche.
Seit einigen Jahren gibt es wieder verstärktes Interesse an den schwedischen »Lohnempfängerfonds«. Das System war unter anderem von Rudolf Meidner in den 1970er Jahren für den schwedischen Gewerkschaftsbund LO entworfen worden. Der sozialdemokratische Ökonom ist zwar Gegenstand zweier ausgezeichneter schwedischsprachiger Biografien, doch in den meisten anderen Teilen der Welt, inklusive seinem Geburtsland, ist sein Lebensweg nach wie vor weitgehend unbekannt. Wer war der Mann hinter dem Konzept der Lohnempfängerfonds? Und wie kam er auf diese Idee?
Meidner verbrachte den Großteil seines Lebens in Schweden, doch aufgewachsen war er in Deutschland. Seine Kindheit und Jugend hierzulande prägten seine Weltanschauung – und damit letztlich die schwedische Gesellschaft. Um die Hintergründe seines radikalen Vorschlags aus den 1970er Jahren zu verstehen, muss man sich auch mit seiner Kindheit und Jugend in der Weimarer Republik befassen.
Rudolf Meidners Leben fiel größtenteils in die Zeit, die der Historiker Eric Hobsbawm als »das kurze 20. Jahrhundert« bezeichnete. Geboren wurde er 1914, fünf Tage bevor Franz Ferdinand in Sarajewo erschossen wurde, in der schlesischen Großstadt Breslau (heute Wrocław). Sein Vater verstarb nur sechs Monate später an Leukämie. Meidners Familie gehörte zur assimilierten, liberal gesinnten jüdischen Bevölkerung des Deutschen Reiches.
Religion scheint bei seiner intellektuellen Entwicklung keine große Rolle gespielt zu haben. Meidner erzählte einst von einer Kindheitserinnerung, als ein jüdischer Klassenkamerad, der gerade erst nach Deutschland eingewandert war, Bilder von verfolgten Juden in seiner Heimat zeigte. Meidners Reaktion: »Den mochten wir nicht. Das hier ist Deutschland! Hier gibt es keine Pogrome! Dieses Thema hatte für uns überhaupt keine Bedeutung. In den Kreisen, in denen wir uns bewegten, waren Juden absolut assimiliert.«
Als Teenager begann Meidner sich für den Marxismus zu interessieren – ein Interesse, das er in sozialistischen Studienkreisen pflegte. Er las Das Kapital, doch es war das Kommunistische Manifest, das einen tiefen Eindruck auf den jungen Mann hinterließ. Zum Ende seines Lebens erinnerte er sich an diesen Einfluss auf seine intellektuelle Entwicklung: »Ich kann wohl sagen, dass für mich das Manifest das A und O der meisten meiner politischen Ansichten ist. Es beschreibt […] die grundlegenden Machtverhältnisse in einer kapitalistischen Gesellschaft. Was darin steht, ist im Grunde immer noch wahr; wir sind nicht darüber hinausgekommen.«
Obwohl die SPD in der Zwischenkriegszeit marxistisch ausgerichtet blieb, fand Meidner dort keine politische Heimat. Die Partei kam ihm zu altbacken und verkrustet vor. Im Mai 1929 schoss die Berliner Polizei unter ihrem sozialdemokratischen Präsidenten Karl Zörgiebel auf kommunistische Demonstrationen. Dieser Vorfall sorgte bei Meidner für tiefes Misstrauen gegenüber der SPD: Das Vorgehen verstieß nicht nur gegen sozialdemokratische Prinzipien, sondern verschaffte den Kommunisten auch eine Märtyrerrolle. »Ich konnte diesen Blutmai nie vergessen«, sagte er Jahre später.
»Die Nazis gewannen 1930 bereits 107 Sitze im Reichstag. Es war ein Schock für Meidner und seine Genossen. Schon bald versuchten junge SA-Männer immer wieder, ihre Versammlungen zu sabotieren.«
Als es wenige Monate darauf zum Crash an der Wall Street kam, sahen Meidner und seine Genossen die Prophezeiungen von Marx erfüllt. Die Ereignisse stärkten seinen Glauben an die Notwendigkeit des Sozialismus. Letztlich entstand aus dieser Krise aber alles andere als ein Triumph der Arbeiterklasse: Die Nazis gewannen 1930 bereits 107 Sitze im Reichstag. Es war ein Schock für Meidner und seine Genossen. Schon bald versuchten junge SA-Männer immer wieder, ihre Versammlungen zu sabotieren.
Meidner war zunehmend davon überzeugt, dass die Sozialdemokraten nicht in der Lage sein würden, der wachsenden Nazi-Bewegung entgegenzuwirken. Er spielte kurzzeitig mit dem Gedanken, in die Sowjetunion zu emigrieren. Mehrmals besuchte er offene Treffen und Versammlungen der KPD, trat der Partei aber nicht bei. Es war offenbar eine Sache, Lenin zu lesen, und eine andere, sich in der Praxis für die »Diktatur des Proletariats« einzusetzen. Positiver stand Meidner der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAPD) gegenüber, die 1931 gegründet wurde, nachdem Mitglieder des linken SPD-Flügels um Max Seydewitz und Kurt Rosenfeld aus der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion ausgeschlossen worden waren. Doch da war es bereits zu spät – zumindest bewertete Meidner das im Rückblick so.
Im Herbst 1932 zog er zum Studium nach Berlin. Dort sollte er Hitlers Aufstieg zur Macht hautnah miterleben. Im Januar 1933 organisierten die Nazis eine Demonstration vor dem Karl-Liebknecht-Haus der KPD. Als Reaktion darauf starteten die Kommunisten eine Gegendemonstration. In der eisigen Kälte schloss sich Meidner dem Zug an, den er später als symbolischen Abschied von der Demokratie in Deutschland beschrieb: »Es war ganz einfach das Proletariat Berlins, das Weimar Adieu sagte.« Ausgehungerte Massen, die für die eisigen Temperaturen und den Schnee viel zu leicht bekleidet waren; keine Begeisterungsstürme; keine Trillerpfeifen oder Trommeln. Die Demokratie wurde in Stille begraben. »Eine würdevolle, fast passive Demonstration, ein Todesmarsch der Demokratie«, wie Meidner es später formulierte.
Der junge Sozialist erkannte die Zeichen der Zeit noch nicht in Gänze. Als Hitler am 30. Januar die Macht übernahm, tummelte sich Meidner in den Menschenmassen vor dem Reichstag. Später sagte er, es sei bemerkenswert, dass ihm an diesem Tag seine jüdische Herkunft nicht in den Sinn gekommen sei: »Ich habe überhaupt nicht daran gedacht.«
Als das Wintersemester in Berlin im März zu Ende ging, kehrte Meidner nach Breslau zurück. Zunächst hatte er nicht vor, Deutschland zu verlassen. Doch die Ernennung von Edmund Heines, einem Teilnehmer des Münchner Putschversuchs von 1923, zum Polizeichef in Breslau ließ ihn seine Meinung ändern. Als seine Mutter am 29. März ins Zimmer stürmte und berichtete, dass alle Juden ihre Pässe abgeben müssten, machte er sich bereit zur Abreise. Noch am selben Nachmittag saß Meidner im Zug zurück nach Berlin. Von dort ging es über Sassnitz auf Rügen per Zug und Fähre weiter bis nach Stockholm.
Als Meidner in Schweden ankam, begann dort gerade die lange sozialdemokratische Hegemonie: Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Schwedens (SAP) war 1932 an die Macht gekommen und sollte dort für die folgenden vier Jahrzehnte verbleiben. Meidner selbst würde bald als Chefökonom des Gewerkschaftsbunds LO zu einer wichtigen Figur der schwedischen Arbeiterbewegung werden.
Im Herbst 1933, nur wenige Monate nach seiner Ankunft, begann er Vorlesungen – vor allem in Wirtschaft und Statistik – an der Universität Stockholm zu besuchen, der intellektuellen Heimat der sogenannten Stockholmer Schule. Meidner wurde besonders von Gunnar Myrdal beeinflusst, der in den 1930er Jahren an der Hochschule lehrte. Für Meidner war das Studium zunächst ein Grund, in Schweden zu bleiben, doch als Neuankömmling war er sich über seine Zukunft unsicher. Eine Zeit lang dachte er beispielsweise darüber nach, eine Farm an der kanadischen Ostküste zu kaufen. Im Februar 1934 lernte er jedoch seine zukünftige Frau kennen, eine gebürtige Schwedin, die von der Aussicht auf ein Leben in Kanada offenbar nicht begeistert war. Im Mai verlobten sich die beiden. Im Dezember 1945 wurde Meidner auf Empfehlung von Myrdal als Chefökonom bei der LO eingestellt. Dort verbrachte er praktisch seine gesamte berufliche Laufbahn.
Heute ist Meidner für zwei politische Initiativen bekannt. Erstens für das sogenannte Rehn-Meidner-Modell, das er zusammen mit Gösta Rehn in seinen ersten Jahren bei der LO entwickelte. Das Modell wird auch als »solidarische Lohnpolitik« bezeichnet, weil es darauf abzielte, die Lohnunterschiede zwischen unterschiedlichen Teilen der Arbeiterschaft zu verringern. Dieser politische Ansatz wurde 1951 offiziell von der LO übernommen. Er trug wesentlich dazu bei, die Solidarität unter den Lohnempfängern zu stärken und ihre Verhandlungsposition zu verbessern.
»Die Idee war, die Eigentumsverhältnisse der großen schwedischen Unternehmen nach und nach zu verändern, indem man sie dazu verpflichtete, einen Teil ihrer Gewinne in Form von Aktien Lohnempfängerfonds zu übergeben, die von den Gewerkschaften verwaltet werden sollten.«
Meidners zweiter wichtiger Beitrag war das radikalere und daher sehr umstrittene Konzept der Lohnempfängerfonds, die er in der ersten Hälfte der 1970er Jahre für die LO entwickelte. Als Reaktion auf mehrere Anträge von Mitgliedern der Metallarbeitergewerkschaft beschloss der LO-Kongress 1971, eine Studie über die mögliche Einrichtung von branchenspezifischen Anlagefonds durchzuführen. Meidner wurde mit der Leitung einer kleinen Arbeitsgruppe beauftragt, der außer ihm die junge Ökonomin Anna Hedborg und der Student Gunnar Fond angehörten. Hedborg stammte aus bürgerlichen Verhältnissen, hatte sich aber in den 1960er Jahren in der Anti-Vietnamkriegsbewegung radikalisiert. Fond wurde seinerseits von Wirtschaftsprofessor Erik Lundberg vorgeschlagen, Gerüchten zufolge aufgrund seines zum Projekt passenden Nachnamens.
Das Trio konnte sich im Frühjahr 1974 ernsthaft an die Arbeit machen; Meidner und Hedborg unternahmen eine Studienreise nach Deutschland und Österreich. Ihre Vorstellungen für Lohnempfängerfonds stießen dort auf viel Gleichgültigkeit und auch offene Ablehnung. Meidner erinnerte sich später, wie er am Heidelberger Bahnhof aus dem Zugfenster schaute und eine Anzeige sah, auf der ein glückliches Gewerkschaftsmitglied zu sehen war, das einen persönlichen Aktionärsbrief in den Händen hielt. Hedborg zeigte auf das Bild und fragte Meidner: »Ist es das, was du willst?« Meidner antwortete: »Nein, so wird es nicht sein.« Die beiden entschieden sich für einen radikaleren Ansatz.
Obwohl ihr Vorschlag später Mittelpunkt einer der am härtesten umkämpften politischen Episoden der modernen schwedischen Geschichte werden sollte, verlief ihre Arbeit zunächst ohne sonderlich große Aufmerksamkeit. Passend dazu: Als einer der führenden Ökonomen der LO hatte Meidner eigentlich ein Büro in einem der Türme des LO-Hauptsitzes am Stockholmer Platz Norra Bantorget mit Blick über die Stadt. Für seine Arbeit am Lohnempfängerfonds-Modell bat er jedoch um einen kleinen Raum im Erdgeschoss, versteckt hinter der Küche und ohne Telefonanschluss.
Die Arbeitsgruppe präsentierte ihre Vorschläge am 27. August 1975. Kurz gesagt war die Idee, die Eigentumsverhältnisse der großen schwedischen Unternehmen nach und nach zu verändern, indem man sie dazu verpflichtete, einen Teil ihrer Gewinne in Form von Aktien sogenannten Lohnempfängerfonds zu übergeben, die von den Gewerkschaften verwaltet werden sollten.
Dieser Plan bedeutete eine radikale Abkehr vom Klassenkompromiss, der in Schweden seit dem berühmten Abkommen von Saltsjöbaden aus dem Jahr 1938 bestand. Daher löste der Vorschlag eine der heißesten politischen Debatten in der schwedischen Geschichte aus. Er war nicht nur ein Affront gegen die Interessen der Unternehmen, sondern widersprach auch dem sogenannten funktionalen Sozialismus der SAP-Parteielite, laut dem die Ziele des Sozialismus ohne Eigentumsübertragungen erreicht werden könnten.
Was veranlasste Meidner zu einem derart kontroversen Vorschlag? Eine naheliegende Antwort wären die radikalen politischen Strömungen, die in den 1960er und 1970er Jahren in vielen westeuropäischen Ländern vorherrschten. Zwar lassen sich die allgemeinen Tendenzen dieser Zeit als Erklärung dafür anführen, warum Meidners Vorschlag gerade von aktivistischen Gewerkschaftern begeistert aufgenommen wurde, doch als Erklärung für Meidners eigenen Radikalismus sind sie wohl nicht ausreichend. Denn mit Ausnahme seiner Zusammenarbeit mit Hedborg hatte Meidner wenig Kontakt zu jungen Radikalen. Vielmehr hatte seine persönliche Haltung ihre Wurzeln in seinen Erfahrungen in der Weimarer Republik. Und es waren seine frühen Auseinandersetzungen mit Marx, die die Eigentumsfrage zu einem zentralen Bestandteil von Meidners politischem Denken machten.
»Meidner bekannte sich zu Marx und dessen Einfluss: Im Kapitalismus werde Macht durch Eigentum ausgeübt; daher gebe es keinen anderen Lösungsansatz als die herrschenden Eigentumsverhältnisse zu verändern.«
Eine zentrale Passage des ausgearbeiteten Vorschlags liest sich dementsprechend wie eine Hommage an das Kommunistische Manifest: »Die Geschichte des Industrialismus ist die Geschichte des Entstehens von Klassen und Klassenkämpfen: Eine kleine Gruppe hat in einer frühen Phase des Industrialismus Eigentumsrechte an den Produktionsmitteln erworben und diese anschließend ausgeweitet. Die große Mehrheit der Bevölkerung konnte nur für ihr Überleben sorgen, indem sie ihre Arbeitskraft an die Eigentümer der Produktionsmittel verkaufte.«
In einem kurz darauf in einer LO-Publikation erschienen Interview bekannte sich Meidner erneut zu Marx und dessen Einfluss: Im Kapitalismus werde Macht durch Eigentum ausgeübt; daher gebe es keinen anderen Lösungsansatz als die herrschenden Eigentumsverhältnisse zu verändern.
Letztendlich bewirkte Meidners Vorschlag nicht das Ende der kapitalistischen Klassenverhältnisse. Stattdessen gingen die Arbeitgeber in die politische Offensive. Einige Jahrzehnte später ist die schwedische Gesellschaft deutlich ungleicher geworden und wurde der Wohlfahrtsstaat erheblich privatisiert.
Dennoch hat Meidner die schwedische Sozialdemokratie nachhaltig geprägt. Nur wenige hätten die heftige Debatte um die Lohnempfängerfonds erwartet, die auf Meidners für die LO erarbeiteten Vorschläge folgten. Die Radikalität seines Ansatzes ist maßgeblich auf Meidners Biografie und sein Aufwachsen am Ende der Weimarer Republik zurückzuführen. Als langjähriger Gewerkschaftsökonom wurde er eine angesehene und etablierte Persönlichkeit in der Bewegung; aufgrund seiner frühen intellektuellen Prägung in Deutschland war er darüber hinaus Marxist und sich der politischen Konsequenzen des Privateigentums sehr bewusst. Aus der Kombination dieser beiden Aspekte formulierte Meidner die Vision eines radikalen Reformismus, die auch heute noch bei Sozialistinnen und Sozialisten Anklang findet.
Troels Skadhauge ist Postdoc an der Süddänischen Universität (Syddansk Universitet). Er arbeitet derzeit an einem Buch über den ideologischen Wandel der schwedischen Sozialdemokratie vom Marxismus zum Neoliberalismus.