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28. Februar 2026

Wie sich die Rechten die neue Weltordnung vorstellen

Rechte auf beiden Seiten des Atlantiks haben den Zivilisationismus für sich entdeckt: Die Weltpolitik soll von abgegrenzten Kulturräumen geprägt und diese von Großmächten angeführt werden. Universelle Rechte und Werte haben in dieser Vision keinen Platz.

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán und der US-Außenminister Marco Rubio bei einer gemeinsamen Pressekonferenz in Budapest, 16. Februar 2026.

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán und der US-Außenminister Marco Rubio bei einer gemeinsamen Pressekonferenz in Budapest, 16. Februar 2026.

IMAGO / Anadolu Agency

Wenige Dokumente dürften die Aufmerksamkeit der außenpolitischen Eliten so sehr auf sich gezogen haben wie die jüngste US-amerikanische Nationale Sicherheitsstrategie (NSS). Das Dokument wurde Anfang Dezember 2025 ohne große Ankündigung veröffentlicht, bald jedoch in Moskau und Peking mit Lob bedacht, wohingegen es bei den Verbündeten der USA in Westeuropa und anderswo auf der Welt für Empörung sorgte.

Im Kern legt die NSS eine zivilisatorische Sichtweise der globalen Politik dar: Die Welt sollte demnach als eine Reihe von Zivilisationskomplexen betrachtet werden, in deren Zentren Großmächte stehen, die ihre jeweiligen Zivilisationen prägen und in den Regionen eine hegemoniale Rolle einnehmen: Der Westen ist nicht nur ein geografischer Ort, sondern ein eigenständiger historischer und kultureller Raum.

Wichtig in diesem Verständnis ist, dass diese westliche Zivilisation weniger durch externe militärische Aggressoren als durch Gefahren von innen bedroht ist, namentlich von der zersetzenden Kultur und Politik des Liberalismus sowie den ökonomisch-gesellschaftlichen Verwerfungen und Verwüstungen des marktwirtschaftlichen Globalismus. Es ist eine in vielen Punkten alternative – und in vielerlei Hinsicht beunruhigende – Vision der globalen Politikgestaltung. Der Universalismus, der dem liberalen Globalismus und Ideen wie Menschenrechten zugrunde liegt, wird ausdrücklich abgelehnt. Vielmehr hat der Aufbau von Beziehungen zwischen souveränen Staaten Priorität, wobei diese Staaten durch ihre gemeinsame Zivilisation (und somit eine ausschließende Kultur gegenüber anderen) vereint sind.

»Um die Wirkmacht des Zivilisationismus und seine Popularität bei Rechten zu verstehen, müssen wir ihn sowohl als politische Strategie als auch als Ideologie betrachten.«

Die NSS mag viel Aufsehen erregt haben, doch die in ihr präsentierten Ideen sind nicht neu: Sie wurden bereits 2016 von Donald Trump verkündet und von J. D. Vance in seiner ebenfalls vielbeachteten Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2025 bekräftigt. Letzteres geschah elf Monate bevor die NSS veröffentlicht wurde. Ebenso sind die Ideen nicht spezifisch US-amerikanisch. Der Zivilisationismus ist inzwischen der vorherrschende geopolitische Diskurs radikaler Konservativer in ganz Europa.

Um die Wirkmacht des Zivilisationismus und seine Popularität bei Rechten zu verstehen, müssen wir ihn sowohl als politische Strategie als auch als Ideologie betrachten. Beim Zivilisationismus geht es darum, radikal-konservative Akteure im eigenen Land zu stärken und neurechte Strategien im Ausland zu unterstützen. Er ist Teil eines umfassenden Versuchs, die internationale Ordnung grundlegend umzugestalten.

Zivilisationismus und Staaten 

Der Zivilisationismus ist eine Form der transnationalen Politik, die auf unterschiedliche, sich jedoch gegenseitig verstärkende Weise in der Innen- und Außenpolitik auf beiden Seiten des Atlantiks zum Tragen kommt. In den Vereinigten Staaten ist er mit dem verbunden, was ein Kommentator als »Kampf um die Zukunft der Rechten nach Trump« bezeichnet hat.

Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung um die nationale Identität der USA: Sind die Vereinigten Staaten eine »Glaubensnation«, die sich durch ihr Bekenntnis zu für alle Menschen geltenden Werten definiert, oder sind sie ein Land (beziehungsweise sollten sie ein Land sein), das durch weitervererbte Werte und Abstammung der »Heritage Americans« definiert und dominiert wird? Der Zivilisationismus verleiht dieser letzteren, exklusiveren Auffassung der US-amerikanischen Identität einen ideologischen Rahmen. Es überrascht nicht, dass Vance einer seiner größten Befürworter ist. Auch die internationale Betonung zivilisatorischer Identität – und deren Unterstützung durch andere Konservative wie den ungarischen Präsidenten Viktor Orbán – ist ein Mittel, um diese Position im Inland zu stärken.

Gleichzeitig dient der Zivilisationismus dazu, Debatten über die Zukunft der US-Außenpolitik und die Stellung des Landes in der Welt neu zu gestalten. Jahrzehntelang ging es in diesen Debatten grundsätzlich um die Wahl zwischen Internationalismus und Isolationismus, wobei Letzterer als ideologisch kurzsichtig und strategisch unrealistisch dargestellt wurde. Der Zivilisationismus bietet eine dritte Option, nämlich die eines Amerikas als Zivilisationsstaat; eine Großmacht im Zentrum einer größeren, kulturell kongruenten Region.

»Auf dem Kontinent sind Angriffe auf ›globalistische EU-Eliten‹ und Rufe nach einem Wiederaufbau exklusiv-nationaler Identitäten, Werte und Interessen seit Jahren ein fester Bestandteil rechter Politik. Inzwischen wird jedoch verstärkt auf die westliche Zivilisation verwiesen.« 

Er ermöglicht außerdem neue diplomatische Initiativen und Strategien. Wenn internationale Beziehungen nicht mehr »nur« durch die Interaktionen formal souveräner Staaten definiert sind, sondern durch das Schicksal von Zivilisationen, rechtfertigt dies eine unterschiedliche Behandlung von unterschiedlichen Staaten – je nach ihrer Kooperationswilligkeit und ihrer Bedeutung für die Zivilisation. Auch dies wird in der NSS deutlich, wenn betont wird, die Vereinigten Staaten müssten radikal konservative Regierungen unterstützen. Der Zivilisationismus eröffnet neue Taktiken, die nicht durch bisherige Normen wie die Nichteinmischung in souveräne Staaten eingeschränkt sind.

Das zeigt sich in der offenen Unterstützung beziehungsweise in den Kontakten zu zivilgesellschaftlichen Akteuren und Parteien, die ideologisch der amtierenden US-Regierung nahestehen. Dies kann die Form von öffentlicher Kritik und Zurechtweisung europäischer Regierungen wegen vermeintlicher »zivilisatorischer Rückschritte«, formeller finanzieller Unterstützung rechter Thinktanks, verbaler Unterstützung für kanadische Separatisten oder auch von scheinbar harmlosen Feiern des US-Vizepräsidenten mit Verbündeten aus der britischen Rechten im ländlichen Oxfordshire annehmen. Hier werden diplomatische Strategien verfolgt, die einerseits die traditionellen Grenzen der Nichteinmischung umgehen, andererseits aber eine selbstbewusstere Souveränität (der gemeinsamen Zivilisation) fordern.

Zivilisationsfestung Europa

Auf der anderen Seite des Atlantiks spielt der Zivilisationismus ebenfalls eine zentrale Rolle in den innenpolitischen Kampagnen der radikalen Rechten gegen den Liberalismus sowie in den Auseinandersetzungen um die Zukunft des Konservatismus. Besonders deutlich wird dies im Vereinigten Königreich, wo die Reform Party versucht, die Konservativen als führende Kraft der breiteren Rechten abzulösen. Dabei profitiert sie von der Zusammenarbeit mit Ex-Mitgliedern des rechten Flügels der Tories ebenso wie von der ausdrücklichen Unterstützung des US-Vizepräsidenten.

Auf dem Kontinent sind Angriffe auf »globalistische EU-Eliten« und Rufe nach einem Wiederaufbau exklusiv-nationaler Identitäten, Werte und Interessen seit Jahren ein fester Bestandteil rechter Politik. Inzwischen wird jedoch verstärkt auf die westliche Zivilisation verwiesen – ein Versuch, Nationalismus und Europäertum miteinander in Einklang zu bringen. Vorwürfe, man verfolge unrealistische nationale Alleingänge, sollen gekontert werden, indem eine alternative christliche oder auf der Aufklärung basierende europäische Zivilisation erdacht wird. Diese Vision sorgt für ein gewisses Maß an internationaler Einigkeit, schließt jedoch offensichtlich andere Zivilisationen, insbesondere den Islam, aus.

»Was wir aktuell in der rechten Politik beobachten, bezieht sich weniger auf eine bereits existierende Zivilisation oder einen Zivilisationsstaat.« 

Der Ansatz hat bei der radikalen Rechten auch dazu geführt, dass die EU nicht mehr derart konsequent abgelehnt wird wie früher. Stattdessen ist es nun das Ziel, die Union als Bollwerk der europäischen Zivilisation und der in ihr versammelten souveränen Nationen zu reformieren. Wichtig ist, dass es sich hierbei nicht um einen rein paneuropäischen Diskurs handelt: Ein Großteil der europäischen radikalen Rechten ist atlantisch und westlich orientiert und bemüht sich nach Kräften, durch Bündnisse mit der US-amerikanischen Rechten mehr Unterstützung für ihre Sache zu gewinnen.

In der NSS liest sich dies kurz zusammengefasst in etwa so: Amerika will Europa und die westliche Zivilisation vor den liberalen Eliten retten, die sie zerstören. Diese Darstellung liefert rechtsradikalen Parteien nicht nur Munition für ihre klassischen Angriffe auf Eliten, sondern auch das Argument, dass Europa nur durch einen Rechtsruck sicherstellen kann, dass die USA sich weiterhin für die wirtschaftliche und militärische Sicherheit des europäischen Kontinents einsetzen.

Aus dieser Position heraus ist die rechte Schlussfolgerung naheliegend: »Trotz der Warnungen aus Washington werden sich die EU-Eliten nicht ändern – so viel ist mittlerweile klar. Stattdessen beschleunigen sie ihren Abstieg. Damit untergraben sie das einzige verbleibende Bündnis, das ihnen in einer zunehmend volatilen und sich wandelnden Weltordnung Halt geben könnte – ein Bündnis, ohne das Europas wirtschaftliche und diplomatische Macht weiter schrumpfen wird.«

Durch die enge Anbindung an ideologische Partner auf der anderen Seite des Atlantiks versucht die europäische Rechte, sich Wahlerfolge sowie Unterstützung und Legitimation aus dem Ausland zu sichern.

Gegen den Universalismus

Was wir aktuell in der rechten Politik beobachten, bezieht sich weniger auf eine bereits existierende Zivilisation oder einen Zivilisationsstaat. Vielmehr werden zivilisatorischer Diskurse in politischen Auseinandersetzungen im In- und Ausland eingebracht, verbunden mit der Entwicklung neuartiger transnationaler Strategien, die darauf abzielen, politische Selbstverständnisse, Wahlen und die Außenpolitik zu beeinflussen.

Diese Zivilisationismusstrategie hat ihre Grenzen. Solange Zivilisation und nationale Souveränität harmonisch miteinander vereinbar zu sein scheinen, lassen sich die offensichtlichen Spannungen zwischen ihnen aushalten. Wenn jedoch der Kernstaat einer Zivilisation wie eine egoistische Großmacht agiert (und dabei aus eigenen nationalen Interessen die Souveränität anderer verletzt), lassen sich die Konflikte kaum übertünchen. Das Paradebeispiel waren die Pläne der Trump-Regierung für Grönland und die Empörung, die diese Pläne auch bei weiten Teilen der europäischen radikalen Rechten ausgelöst haben. Die Gegner der Rechtsradikalen sollten sich jedoch nicht darauf verlassen, dass derartige Spannungen das Gesamtprojekt zerstören könnten.

»Der Zivilisationismus scheint plötzlich überall in den internationalen Beziehungen präsent. Das sollte uns alarmieren.«

Hinzu kommt: Dass die europäischen Rechten so empört reagiert haben, hängt damit zusammen, dass die USA die Souveränität Dänemarks, eines europäischen Staates und NATO-Verbündeten, infrage stellten. Ähnlicher Aufruhr und Kritik ist als Reaktion auf US-Interventionen in Mittelamerika und der Karibik weniger wahrscheinlich. Darüber hinaus können Divergenzen strategisch geglättet werden, ohne das übergeordnete Ziel einer Neuordnung der geopolitischen Beziehungen aufzugeben. Marco Rubio zeigte sich in seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2026 in gewisser Weise versöhnlicher als noch Vance 2025. Doch seine anschließenden Besuche in der Slowakei und Ungarn – zwei Länder mit rechten Regierungen, die auf Kriegsfuß mit der EU stehen – unterstrichen die grundlegende Botschaft.

Die Anziehungskraft des Zivilisationismusnarrativs der Rechten wird durch die Tatsache verstärkt, dass die klassische liberale Antwort, nämlich ein auf Universalismus basierendes Gegenargument, nicht nur von der Rechten, sondern auch von linken Kritikern sowie den Erfahrungen des Globalen Südens geschwächt wurde, weil sie mit westlichem Imperialismus in Verbindung gebracht wird. Die EU-Kommission hat offensichtliche Probleme, ein Gegennarrativ zu entwickeln. Es zeigt sich das Risiko, dass Gegenrede unbeabsichtigt die Zivilisationismusargumente der rechten Gegner verstärken könnte. Der Zivilisationismus scheint plötzlich überall in den internationalen Beziehungen präsent. Das sollte uns alarmieren.

Michael C. Williams lehrt Politikwissenschaften an der Universität Ottawa und ist Research Fellow an der Queen Mary University of London. Sein jüngstes Buch trägt den Titel World of the Right: Radical Conservatism and Global Order.