11. Juni 2026
Der Fußball gehörte einst den Fans. Davon ist heute nichts mehr übrig. Die FIFA prellt Zuschauer, duckt sich vor Trump weg und opfert den Sport dem großen Geld. Die WM 2026 ist kein Fest des Fußballs, sondern seine Versteigerung an den Meistbietenden.

Infantino überreicht Trump nicht nur einen eigens für ihn geschaffenen Friedenspreis, sondern auch den WM-Pokal.
Wir haben uns längst daran gewöhnt, dass sportliche Großveranstaltungen als undurchsichtige Schmiergeldquellen für Verbrecherorganisationen wie die FIFA, die UEFA und das IOK dienen. Die anstehende Fußballweltmeisterschaft der Männer in den USA, Kanada und Mexiko bringt das Fass allerdings zum Überlaufen. Für diese WM wird jeder Anschein von sportlicher Integrität oder Publikumsnähe über Bord geworfen. Man widmet sich ganz offen dem Ziel, die Fans so sehr wie nur irgend möglich auszupressen.
Denn bei welchem anderen Sportturnier würden im Namen der »Sicherheit der Spieler« obligatorische Drei-Minuten-Trinkpausen pro Halbzeit eingeführt (die rein zufällig die perfekte Gelegenheit bieten, zwei zusätzliche Werbepausen in die TV-Übertragungen zu quetschen), und gleichzeitig versucht, den Fans zu verbieten, leere Wasserflaschen mitzubringen, um diese in den Stadien wieder aufzufüllen?
Menschen im glühend heißen texanischen Sommer Wasser vorzuenthalten – wovon die FIFA nach einer Empörungswelle glücklicherweise Abstand nehmen musste – ist bei diesem Turnier nur das Tüpfelchen auf dem i. Noch schlimmer als die Geldgier wirkt, dass der Weltfußballverband ein neues Tief erreicht hat, indem er sich konsequent dem ebenso brutalen wie empathiebefreiten Donald Trump unterwirft. Was ist nur aus dem einstigen »Volkssport« geworden?
Andererseits ist das Kuschen vor Trump nur konsequent: Dessen zunehmender Autoritarismus macht die USA zu einem würdigen Austragungsort nach Russland und Katar. Die anstehende WM zementiert die Rolle des Fußballs als bloßes Instrument für Despoten und Betrüger.
Was einst ein globales Fest sein sollte, wird in den kommenden Wochen in einer kriegstreiberischen Nation durchgeboxt, die darauf fixiert ist, ihre Grenzen zu schließen und gleichzeitig damit durchkommen will, alle Beteiligten so unverhohlen wie möglich zu betrügen. Es dürfte ein Tiefpunkt und ein weiterer, entscheidender Schritt in der Amerikanisierung der beliebtesten Sportart der Welt sein. Die Finanzialisierung, Korruption und Vetternwirtschaft, die sich von den USA in alle Ecken der Weltwirtschaft ausgebreitet hat, dürften letztlich dafür sorgen, dass auch der Fußballsport nicht wiederzuerkennen ist.
Als die Vereinigten Staaten 2018 gemeinsam mit den Nachbarländern Kanada und Mexiko den Zuschlag für die Weltmeisterschaft erhielten, versprachen Donald Trump und FIFA-Präsident Gianni Infantino selbstredend die »beste Weltmeisterschaft aller Zeiten«. Seitdem hat sich aber einiges geändert. Trumps zweite Amtszeit weist deutlich weniger amüsant-tollpatschige Züge auf als seine erste. Die vollständige Machtübernahme der Republikanischen Partei durch stramm rechtsradikale Kräfte (gepaart mit dem schwachen institutionellen Widerstand) hat dazu geführt, dass es wortwörtlich mörderischen Autoritarismus im Inland sowie unberechenbare Kriege im Ausland gibt.
Früheren Weltmeisterschaften in Russland und Katar – Lehrbuchbeispiele für »Sportswashing« – wurde mit erheblich deutlicher Kritik begegnet als dem nun anstehenden Turnier. Auch Saudi-Arabiens Übernahme praktisch aller Bereiche des Sports, gipfelnd in der Ausrichtung der Fußball-WM der Männer 2034, wird regelmäßig aufs Korn genommen. Doch anstelle von spürbarem Widerstand herrscht rund um die WM 2026 vielmehr eine zunehmend verwirrte Stimmung. Viele fragen sich: »Kann der ganze Mist überhaupt wahr sein«? Darüber hinaus vermittelt Trumps Nähe zu Infantino den Eindruck, er könne diese WM für sich beanspruchen und nutzen, wie er will. Auch in Europa und Deutschland hält sich die Empörung in Grenzen. Zwar mag die große Mehrheit der Menschen hierzulande Trump nicht sonderlich mögen, doch die meisten Fußballkneipen werden wohl nicht die gleichen Konsequenzen ziehen wie 2022.
»Ironischerweise scheint es Trump trotz aller Parallelen zu den Staatschefs von Russland oder Katar egal zu sein, ob sein Ruf (oder der seines Landes) durch den Sport reingewaschen wird.«
In den letzten Monaten vor dem Turnier hat sich die Rolle der USA als Gastgeber von einer lächerlichen Farce zur Travestie entwickelt (dass Mexiko und Kanada die WM ebenfalls ausrichten, ist völlig in den Hintergrund getreten). Aufgrund der US-Aggression gegen den Iran befindet sich zum ersten Mal in der WM-Geschichte ein Gastgeberland mit einem teilnehmenden Team im Krieg. Trump bemüht sich nicht einmal oberflächlich, die Sicherheit der iranischen Nationalmannschaft während des Turniers zu gewährleisten. Das sollte das absolute Minimum an Gastgeberpflichten gegenüber den teilnehmenden Nationen sein.
Als Russland 2022 in die Ukraine einmarschierte, wurde es sofort von der Teilnahme an FIFA-Wettbewerben ausgeschlossen. Obwohl die USA einen brutalen Krieg begonnen haben, der schon jetzt Tausende Menschenleben gekostet und eine Region ins Chaos gestürzt hat, ohne auch nur zu versuchen, ihre Handlungen schlüssig zu rechtfertigen, können sie den Kriegsgegner Iran empfangen, als wäre nichts geschehen. Aus rein sportlicher Sicht wirkt noch schlimmer, dass das iranische Team sein Trainingslager nur wenige Wochen vor Turnierbeginn von Arizona ins mexikanische Tijuana verlegen musste. Mehreren Mitarbeitern des Teams wurden überhaupt keine Visa für die Einreise in die USA erteilt; die Mannschaft ist nun gezwungen, an Spieltagen in die USA und danach sofort zurück nach Mexiko zu reisen. Das ist nicht nur eine politische Farce, sondern bietet weitere (sportliche) Nachteile für eine Mannschaft, die sich entschieden hat, trotz eines verheerenden Krieges beim Turnier anzutreten.
Selbst für Menschen aus Ländern, die Trump aktuell nicht bombardieren lässt, ist das Umfeld nicht gerade angenehm. Maskierte, bekanntlich mordende ICE-Beamte patrouillieren in den amerikanischen Städten und sollen Berichten zufolge eine wichtige Rolle bei der »Sicherheit« während der Weltmeisterschaft spielen. Viele Fans werden abwägen, ob sie in die zunehmend brutalen und autoritären Vereinigten Staaten reisen wollen. Anderen stellt sich nicht einmal diese Frage: Der Iran und Haiti nehmen am Turnier teil, stehen jedoch beide auf der Liste der Länder, deren Staatsangehörigen die Einreise verwehrt ist. Auch Menschen mit einem Pass der WM-Teilnehmer Elfenbeinküste und Senegal sehen sich teilweisen Einreiseverboten gegenüber.
»FIFA-Boss Gianni Infantino hat auf die beunruhigenden Entwicklungen im Co-Gastgeberland genauso reagiert, wie er Despoten der ganzen Welt begegnet: mit Unterwürfigkeit.«
Besonders hart: Haiti hat sich zum ersten Mal seit 1974 für eine Weltmeisterschaft qualifiziert. Doch die Trump-Regierung hat deutlich gemacht, dass alle haitianischen Fans auf US-amerikanischem Boden nicht willkommen sind. Andererseits ist das wohl keine große Überraschung, wenn man sich an Trumps Wahlkampf erinnert, in dem die Entmenschlichung der in den USA lebenden haitianischen Personen ein Eckpfeiler war.
Ironischerweise scheint es Trump trotz aller Parallelen zu den Staatschefs von Russland oder Katar egal zu sein, ob sein Ruf (oder der seines Landes) durch den Sport reingewaschen wird. Während die meisten autoritären Regime bewusst Sportveranstaltungen ausrichten, um ihr Image international aufzupolieren und sich im globalen Rampenlicht von ihrer besten Seite zu zeigen, scheint Trump sich nicht sonderlich darum zu kümmern, wie er im Vorfeld des Turniers wirkt. Für ihn sind Korruption und Sportswashing offensichtlich Alltag; wie so oft in seiner Präsidentschaft versucht er gar nicht erst, sich halbwegs korrekt zu verhalten, sondern schreit dem Rest der Welt ins Gesicht: »So what? Was wollt ihr dagegen tun?«
FIFA-Boss Gianni Infantino hat auf die beunruhigenden Entwicklungen im Co-Gastgeberland genauso reagiert, wie er Despoten der ganzen Welt begegnet: mit Unterwürfigkeit. Der von Trump geadelte »King of Soccer« kuschelte sich so eng an den US-Präsidenten, dass er inzwischen in dessen schlechtsitzende Sackos mithineinpassen dürfte. Er krönte die Bromance, indem er Trump den »FIFA-Friedenspreis« verlieh. Rückblickend ist es ein Geniestreich, dass Infantino Trump diese bestimmt weltweit anerkannte, ehrerbietende Trophäe überreichte. Hier wurde sicherlich keine imaginäre Teilnehmerurkunde verliehen, um den beleidigten US-Präsidenten zu beschwichtigen, der beim Friedensnobelpreis leider, leider leer ausgegangen war.
Die FIFA nutzt die WM 2026 ähnlich wie Trump die USA: Auch noch die letzten Goldverzierungen werden abgekratzt, um sich dann mit dem Rettungsboot in Sicherheit zu bringen. Von den vermeintlichen Werten der FIFA ist nichts mehr übrig. Es geht nur noch darum, auf Kosten der Fans und der Austragungsorte jeden Cent herauszupressen.
»Es ist offensichtlich, dass die USA in ihrer derzeitigen Verfassung keine Fußball-WM ausrichten sollten.«
Das aufgeblähte Turnier mit inzwischen 48 Mannschaften, das sich über ganz Nordamerika erstreckt, wäre selbst unter den besten Bedingungen schwer zu stemmen. Dabei ist es die eine Sache, dass die FIFA die Fans offen ausbeutet und Tausende Dollars für Tickets verlangt. Der Verband hofft, aus der WM 2026 elf Milliarden Dollar rauszuholen. Ein »dynamisches Preissystem«, bei dem die Ticketkosten von der Nachfrage abhängen, sowie eine Wiederverkaufsplattform, über die die FIFA 15 Prozent von Käufern und Verkäufern einbehält, sollen die Kassen füllen. Sich bei Trump einzuschleimen, ist ein kleiner Preis, wenn man sich im Gegenzug derart die Taschen vollmachen kann.
Die andere Sache ist: Bei den meisten Sportswashing-Projekten gibt es in der Regel ein wenig öffentliche Infrastrukturentwicklung, um den Anschein von Modernität und gesamtgesellschaftlichem Nutzen zu erwecken. Auch hier haben sich die FIFA und die USA dieses Jahr nicht einmal den Hauch einer Mühe gemacht. Alle Fans, die es gewohnt sind, die Gastgeberländer der Weltmeisterschaft mit Hochgeschwindigkeitszügen zu durchqueren, werden eine fiese Überraschung erleben, wenn sie ein Auto mieten und mehr fürs Parken bezahlen müssen als die Eintrittskarten bei früheren Turnieren gekostet haben. Die wenigen Städte, die über einen öffentlichen Personennahverkehr verfügen, melken die Fans ebenso offen, indem es schlicht keine andere Möglichkeit gibt, zum Stadion zu gelangen. Bestimmt finden sich immer noch Leute, die sich seit der EM 2024 vom emotionalen Trauma erholen müssen, nach Gelsenkirchen zu fahren. Doch dieses infrastrukturelle Chaos bei der Fußball-EM in Deutschland ist kaum mit dem zu vergleichen, was die Fans in den USA erwartet.
»Niemand hat um zusätzliche Werbepausen, eine Super-Bowl-ähnliche Halbzeitshow oder ›dynamische Preisgestaltung‹ gebeten – aber wir werden sie trotzdem bekommen.«
Darüber hinaus hat die FIFA beschlossen, die Spiele für daheimgebliebene Fans anders zu gestalten, indem angeblich »fanorientierte« Modifikationen am Turnier vorgenommen wurden. Das heißt: Obwohl kein einziger Fan, in den USA oder sonstwo, um diese Neuerungen gebeten hat, wird die Amerikanisierung der Fußball-Weltmeisterschaft über reine Abzocke hinausgehen und das Geschehen auf dem Spielfeld beeinflussen. Das reicht von den bereits angesprochenen werbefreundlichen »Trinkpausen« – die bei allen Spielen unabhängig vom Wetter vorgeschrieben sind – bis hin zum Finale, bei dem die Fans eine Halbzeitshow mit Madonna, Shakira und BTS über sich ergehen lassen müssen. Endlich lernt die internationale WM vom US-amerikanischen Super Bowl. Dass letzterer im direkten Vergleich weit weniger beliebt ist als ein WM-Finale, interessiert an den entsprechenden Stellen niemanden.
Es ist offensichtlich, dass die USA in ihrer derzeitigen Verfassung keine Fußball-WM ausrichten sollten. Dennoch wird diese erbärmliche Schändung des weltweit beliebtesten Sports stattfinden. Niemand hat um zusätzliche Werbepausen, eine Super-Bowl-ähnliche Halbzeitshow oder »dynamische Preisgestaltung« gebeten – aber wir werden sie trotzdem bekommen.
Das Mindeste, was wir nun tun können, ist dafür zu kämpfen, dass dies ein (weiteres) trauriges, isoliertes Spektakel bleibt und nicht die Zukunft unseres Sports. Die Gegenreaktion, die die FIFA dazu brachte, ihr Verbot von Wasserflaschen bei Spielen aufzuheben, oder Zohran Mamdanis kleine, aber bedeutungsvolle Siege gegen die FIFA zeigen, dass es möglich ist, gegen einen korrupten Giganten zu gewinnen. Wir müssen kämpfen, um die kommerzialisierte Zerstörung des Sports zu verhindern.
Leider sind die kleinen Erfolge zu gering, um dafür zu sorgen, dass die anstehende WM dem gerecht wird, was sie sein sollte: Ein Fest des Fußballs, des beliebtesten Spiels auf diesem Planeten. Doch die kleinen Erfolge, dass man gegen diese Institutionen kämpfen kann, zeigen: Wir müssen viel früher, wütender und organisierter sein. In dieser Hinsicht können gerade die deutschen Fanszenen, die sich als aktiver Teil der Fußballkultur statt als bloße Konsumenten verstehen (und erbitterte Kämpfe gegen Privatisierung & Co. führen) eine Inspiration sein. Diesem Beispiel sollte man folgen. Ansonsten wird uns eines der letzten guten Dinge, die noch bleiben, genommen. Dann dient der Fußball nur noch dazu, uns auszunehmen und bestehende Macht zu festigen.