05. März 2026
Die USA und Israel haben Irans Kommandostruktur schwer beschädigt – doch das System ist darauf ausgelegt, Führungskrisen zu überstehen. So droht der Angriff zu einem längeren Konflikt zu werden, der in der Region und auf dem Weltmarkt für Chaos sorgt.

Rauchwolken steigen auf nach US-amerikanischen und israelischen Luftangriffen in Teheran, 1. März 2026.
Am vergangenen Samstag haben die USA zusammen mit Israel den Iran erneut ohne Provokation angegriffen. Seitdem werden täglich Bomben auf die Islamische Republik abgeworfen. Das verfassungsmäßige Staatsoberhaupt Ali Chamenei wurde bereits am ersten Tag getötet, seitdem wurden bereits über 900 weitere Tote gemeldet.
Wie lange dieser völkerrechtswidrige Krieg dauern soll, und welches Ziel er verfolgt, ist schwer abzuschätzen, da Trump und sein Kabinett die eigenen Aussagen dazu ständig ändern. Mal geht es »nur« darum, die angebliche Angriffsfähigkeit des Landes einzuschränken, mal geht es um offenen Regime Change. Doch egal, was für ein Plan in Washington und Tel Aviv verfolgt wird – klar ist, dass die Region bereits jetzt in eine erneute, höchst gefährliche Eskalationsspirale gezogen wird.
Andreas Krieg ist Associate Professor am Institut für Defence Studies des King’s College London sowie der Autor von Socio-Political Order and Security in the Arab World. Im Interview mit Jacobin spricht er über den Angriff auf den Iran, dessen Reaktion und mögliche Entwicklungen in den kommenden Wochen und Monaten.
Wie würden Sie die militärischen Schläge der USA und Israels sowie die iranische Reaktion bislang zusammenfassen?
Die Vereinigten Staaten und Israel scheinen in der Anfangsphase das erreicht zu haben, was sie am meisten wollten: Kontrolle, freie Handlungsfähigkeit im Luftraum und eine destabilisierende Wirkung auf die obersten Kommando- und Kontrollstrukturen des Iran. Die Angriffe scheinen darauf ausgerichtet zu sein, einen ersten Korridor für Folgeoperationen zu schaffen. Nach der raschen Ausschaltung der Luftabwehr soll zu einem anhaltenden Druck auf die Raketeninfrastruktur und die verbleibenden sensiblen Nuklear-Knotenpunkte des Iran übergegangen werden.
Die Reaktion des Iran war allerdings weitreichender, als viele am Golf erwartet hatten. Charakteristisch ist dabei nicht Präzision, sondern dass es breite und vor allem wiederholte Angriffe gab: Wir haben mehrere Angriffswellen in mehreren Golfstaaten erlebt. Zwar wurden viele Raketen abgefangen, aber es gab trotzdem Durchschläge und auch Trümmerteile, die physische Schäden und einen ernstzunehmenden psychologischen Schock verursacht haben.
In Katar beispielsweise scheinen die Attacken vor allem auf Al Udeid und die dortigen militärischen Einrichtungen ausgerichtet zu sein, aber Trümmerteile und gelegentliche Fehlschüsse haben den Krieg auch in katarische Wohngebiete getragen. In den Vereinigten Arabischen Emiraten ist die allgemeine Stimmung noch angespannter, da die Angriffe als weniger begrenzt und auch auf Stadtteile gerichtet wahrgenommen werden. Zivile Ziele wurden getroffen, und die Unruhe in der Bevölkerung nimmt tatsächlich zu.
»Staaten, die von außen angegriffen werden, schaffen es oft, die eigenen Reihen zu schließen. Darüber hinaus kann Angst die Protestmobilisierung eher unterdrücken als fördern.«
Ich würde die bisherige Bilanz daher wie folgt beschreiben: Eine amerikanisch-israelische Koalition hat die Lufthoheit übernommen und Kosten in der Führung und an der Infrastruktur des Irans verursacht, während es dem Iran seinerseits gelungen ist, das Konfliktgebiet auszuweiten und die politischen sowie ökonomischen Kosten für Partner der USA zu erhöhen.
Was war Ihrer Ansicht nach der Grund, den Angriff jetzt durchzuführen? Und: War die Attacke angesichts des Aufmarschierens US-amerikanischer Streitkräfte in der Region unvermeidlich und hätte früher oder später in jedem Fall stattgefunden?
Ich denke nicht, dass eine Operation dieser Größenordnung zwangsläufig unvermeidbar war. Allerdings hat das Aufmarschieren in eine Glaubwürdigkeitsfalle geführt: Sobald man eine Haltung einnimmt, die offensichtlich auf einen Angriff hindeutet, muss man entweder ein Abkommen erzielen, das wie ein Sieg aussieht; oder man muss in Kauf nehmen, dass bei einem Rückzieher die eigene Glaubwürdigkeit und Reputation leidet. Der entscheidende Moment ist oft, dass die Verantwortlichen zu dem Schluss kommen, der diplomatische Weg könne die wichtigsten Differenzen nicht überbrücken und Warten würde das wahrgenommene Problem nur noch verschärfen, weil sich der Gegner anpassen und besser verschanzen kann.
Der Einfluss Israels spielt hier ebenfalls eine Rolle. Wenn Israel der Ansicht ist, dass ein Verhandlungsergebnis langfristig die Bedrohung nicht mindert, wird es auf Maßnahmen drängen beziehungsweise mit eigenen Maßnahmen drohen. Dadurch kann sich das zeitliche Spielfeld für die USA verkürzen. Ich würde also sagen, dass das Aufmarschieren nicht zwangsläufig in einen Krieg münden musste, aber dass dadurch Verzögerungen in den Verhandlungen politisch schwieriger zu rechtfertigen waren. Endlich »etwas tun« wurde immer wahrscheinlicher, als die Verhandlungen an ihre bekannten Grenzen stießen.
Wie entscheidend war die interne Krise in der Islamischen Republik? Haben die Proteste vom Anfang des Jahres die Vereinigten Staaten und Israel dazu bewegt, zu handeln?
Die interne Krise im Iran nach der Niederschlagung der Proteste war wohl eher eine begünstigende Bedingung als ein einzelner Auslöser. Die Entwicklungen könnten in Washington und Jerusalem zu der Einschätzung beigetragen haben, dass das [iranische] Regime unter massivem Druck steht und dass dieser Druck zu einer Spaltung der Elite oder zumindest zu einer Verschärfung der internen Dysfunktionalität führen könnte.
Ich möchte aber davor warnen, dies überzubewerten. Staaten, die von außen angegriffen werden, schaffen es oft, die eigenen Reihen zu schließen. Darüber hinaus kann Angst die Protestmobilisierung eher unterdrücken als fördern. Mittelfristig dürften die jüngsten Proteste für politische Legitimität von Bedeutung sein; in der aktuell ungewissen Kriegssituation sind sie aber kaum ein Anzeichen für einen unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch.
Was wissen wir bislang über die Fähigkeiten des iranischen Regimes, nach der Tötung des Obersten Führers Ali Chamenei und anderer hochrangiger Personen den Führungsanspruch aufrechtzuerhalten?
Das Entscheidende ist, dass der iranische Staat darauf ausgelegt ist, Führungskrisen zu überstehen. Auch nach der Tötung von Chamenei und anderen hochrangigen Persönlichkeiten verfügt das System über Mechanismen für eine Übergangsführung und Nachfolgeplanung und ist in der Lage, für einen bestimmten Zeitraum dezentral und in einem militärischen Führungsmodus zu operieren.
»Tatsächlich beobachten wir bereits heute, dass Saudi-Arabien, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate sich immer mehr in Richtung einer ›Vorwärtsverteidigung‹ bewegen.«
Es ist jedoch ungewiss, wie lange dies aufrechterhalten werden kann, bevor das System wieder eine klare zentrale Führung benötigt, die Ressourcen priorisieren, Signale setzen und das eigenmächtige Handeln Einzelner verhindern kann. Wenn sich ein Nachfolger oder eine Übergangsführung schnell konsolidieren kann, kann der Iran sich neu ausrichten und Kohärenz zurückgewinnen. Wenn die Konsolidierung hingegen langsam oder umstritten ist, kommt es zu mehr Volatilität, mehr taktischer Autonomie Einzelner und einer höheren Wahrscheinlichkeit von Fehleinschätzungen oder Fehlentscheidungen.
Wie sollten wir die Reaktion des Iran einordnen? Hat das Land seine Fähigkeiten zu Vergeltungsschlägen unter Beweis gestellt, die im Juni 2025 nicht durchgeführt wurden?
Die Reaktion des Iran scheint seiner bekannten Abschreckungsstrategie zu entsprechen, ist jedoch in ihrer Tragweite eskalierender als im vergangenen Juni. Ziel ist es, zu demonstrieren, dass es sich um eine wirklich existenzielle Angelegenheit handelt und dass Teheran eine solche Bestrafungsaktion nicht stillschweigend hinnehmen wird.
Strategisch versucht der Iran, dort Schaden anzurichten, wo seine Gegner politisch sensibel sind: US-Stützpunkte in Drittländern, der Luftraum über dem Golf und Handelsströme. Hinzu kommt der psychologische Effekt, dass der Krieg nicht unbedingt »dort drüben« im Iran begrenzt bleiben wird. Seitens des Irans heißt es, man attackiere US-Stützpunkte und nicht die jeweiligen Bevölkerungen am Golf, aber Ungenauigkeiten, Querschläger und Trümmer machen diese Differenzierung in der Praxis weitgehend bedeutungslos.
Meiner Meinung nach hat der Iran außerdem seine Bereitschaft gezeigt, wiederholte Angriffswellen zu starten, und nicht nur eine einzige symbolische Salve abzufeuern. Das ist wichtig, weil damit einerseits Ausdauer und Durchhaltewillen signalisiert und andererseits darauf abgezielt wird, das Vertrauen in die jeweiligen Luftabwehrschilde zu untergraben.
Wie werden US-Verbündete wie Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate auf Angriffe auf US-amerikanische Stützpunkte in ihrem Hoheitsgebiet reagieren?
Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate dürften die Angriffe auf US-Stützpunkte in erster Linie als nationale Sicherheitskrise betrachten. Die unmittelbare Reaktion wird darin bestehen, die Luft- und Raketenabwehr zu verstärken, die Öffentlichkeit zu beruhigen und sich stillschweigend mit Washington über den weiteren Schutz der Streitkräfte abzustimmen.
Ich würde nicht davon ausgehen, dass diese Lage dazu führt, dass man sich offensiv beteiligen will. Beide Regierungen haben gute Gründe, es zu vermeiden, als Mitstreiter in einem Krieg mit ungewissem Ausgang betrachtet zu werden. Tatsächlich schadet der Konflikt bereits ihrem Ruf als »sichere Ankerpunkte« in der Region.
»Für Washington heißt es wohl ›mission accomplished‹, wenn man politisch kommunizieren kann, die Bedrohung sei verringert, sensible nukleare Infrastruktur zerstört oder beschädigt und die US-Streitkräfte geschützt.«
Allerdings könnte irgendwann die Toleranz gegenüber dem anhaltenden Druck des Iran ein Ende finden: Wenn die Angriffe weitergehen und die Angst der Zivilbevölkerung zunimmt, könnte stärker auf eine Lösung gedrängt und dafür die praktische Sicherheitszusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten intensiviert werden – wobei man sich allerdings politisch von den Zielen Israels distanziert.
Tatsächlich beobachten wir bereits heute, dass Saudi-Arabien, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate sich immer mehr in Richtung einer »Vorwärtsverteidigung« bewegen. Im Laufe der Zeit könnte dies dazu führen, dass sie als eigene Verteidigungsmaßnahme auf Abschussbasen im Iran feuern.
Welche Auswirkungen wird die Situation voraussichtlich auf den globalen Ölpreis haben – und wie kann sich dieser auf den Ausgang des Krieges auswirken?
Der Öleffekt ist ein Risiko, das weniger durch einen tatsächlichen Versorgungsausfall als vielmehr durch die Befürchtungen des Marktes mit Blick auf die weitere Entwicklung bedingt ist: Blockaden in der Straße von Hormus, Angriffe auf Häfen, steigende Versicherungskosten und anhaltende Sperrungen des Luftraums.
Höhere Preise können zwar die Einnahmen der Produzenten kurzfristig steigern, doch eine anhaltende Störung gefährdet das Geschäftsmodell der Region – und kann schnell zu einem globalen politischen Problem werden. Mit Blick auf den Krieg ist das von Bedeutung, da Washingtons Handlungsspielraum so eingeschränkt und der externe Druck, die militärische Kampagne zu beenden, erhöht werden dürfte. Diese Situation kann den Einfluss des Iran stärken, sofern das Land tatsächlich in der Lage ist, Handelsflüsse dauerhaft zu stoppen, ohne von Vergeltungsmaßnahmen vollständig überwältigt zu werden.
Wie könnte aus Sicht der Führungsriegen sowohl in Washington als auch in Teheran ein Ende aussehen? Müssen wir mit einem deutlich längeren Konflikt rechnen als beim Zwölf-Tage-Krieg im vergangenen Sommer?
Für Washington heißt es wohl »mission accomplished«, wenn man politisch kommunizieren kann, die Bedrohung [durch den Iran] sei verringert, sensible nukleare Infrastruktur zerstört oder beschädigt und die US-Streitkräfte geschützt. Dann kann man aus einer Position der Stärke heraus wieder zur Diplomatie zurückkehren.
»Realistischer ist ein langwieriger Konflikt mit Eskalationsspitzen und ruhigeren Phasen: eine intensive Anfangsphase, gefolgt von Abnutzungskämpfen mit geringerem Tempo, in denen der Iran versucht, den Druck auf Israel und die US-Partner im Golf aufrechtzuerhalten.«
Israels Ziele gehen weiter: Es strebt ein länger anhaltendes Ergebnis an, bei dem der Iran seine strategischen Fähigkeiten nicht wieder aufbauen kann – und wenn er es doch versucht, Israel die Handlungsfreiheit behält, erneut zuzuschlagen.
Teherans Ziel wiederum ist das Überleben und die Wiederherstellung der eigenen Abschreckung: Man muss Washington davon überzeugen, dass ein eindeutiger und uneingeschränkter Sieg nicht zu erreichen ist und dass Erfolge mit massiven Kosten einhergehen werden. So soll eine Pause erzwungen und gleichzeitig vermieden werden, dass das Raketenprogramm aufgegeben werden muss, das man nach dem Zusammenbruch des regionalen Netzwerks des Irans als allerletzte Verteidigungslinie betrachtet. Ich denke, wir sollten mit einem längeren und chaotischeren Konflikt als dem Zwölf-Tage-Krieg im Sommer 2025 rechnen.
Das bedeutet jedoch nicht unbedingt, dass ein konstanter Luftkrieg mit hoher Intensität geführt wird. Realistischer ist ein langwieriger Konflikt mit Eskalationsspitzen und ruhigeren Phasen: eine intensive Anfangsphase, gefolgt von Abnutzungskämpfen mit geringerem Tempo, in denen der Iran versucht, den Druck auf Israel und die US-Partner im Golf aufrechtzuerhalten. Die entscheidenden Variablen sind, ob sich die iranische Führung schnell genug konsolidiert, um die Eskalation zu kontrollieren; und ob Washington Kriterien für ein Kriegsende durchsetzen kann, die im Inland politisch zu verkaufen sind, ohne dass man in einen längeren Krieg hineingezogen wird.
Andreas Krieg ist Associate Professor am Institut für Defence Studies des King’s College London sowie Autor von Socio-Political Order and Security in the Arab World.