26. März 2026
Hasan Piker ist mit fast 5 Millionen Followern einer der reichweitenstärksten linken Kommentatoren überhaupt. Im Jacobin-Interview spricht er über amerikanische China-Propaganda, inflationäre Antisemitismus-Vorwürfe und die Zukunft des Trumpismus.

Hasan Piker streamt praktisch täglich und hat sich damit ein Millionenpublikum aufgebaut.
Beinahe fünf Millionen Menschen folgen Hasan Piker, auch bekannt als HasanAbi, auf Youtube und Twitch, wo er fast täglich sendet. In den vergangenen Jahren war der sozialistische Streamer des Öfteren Gegenstand einer Reihe von Debatten: darüber, ob seine Arbeit junge Zuschauer radikalisiert oder lediglich deren Unzufriedenheit kanalisiert; über seine Nähe oder Distanz zur Demokratischen Partei; und darüber, was es bedeutet, dass politisch Relevantes heute zu großen Teilen über privatwirtschaftlich betriebene Plattformen vermittelt wird.
Dabei wird oft übergangen, wie minimalistisch sein Auftritt nach wie vor ist. Meist sitzt Piker allein in einem Raum und streamt stundenlang. Er schaut sich die Nachrichten an, reagiert in Echtzeit und diskutiert mit seinem Publikum. In einer Zeit, in der der Einfluss traditioneller Vermittler wie Parteien, Gewerkschaften und zivilgesellschaftlicher Organisationen geschwunden ist, kommen viele junge Menschen heute auf diese Weise mit Politik in Berührung.
Jacobin sprach Anfang des Jahres mit Piker, als dieser sich auf eine Reise nach Minnesota vorbereitete, um über Proteste gegen die Aktivitäten der Einwanderungs- und Zollbehörde ICE zu berichten. Er war außerdem gerade von einer Reise nach China zurückgekehrt – eine Erfahrung, die ihm nach eigener Aussage noch deutlicher vor Augen führte, wie verzerrt politische Narrative der USA wirken, wenn sie von außen betrachtet werden. Ebenso sprach Piker über das Thema Palästina und das Problem mit inflationär genutzten Antisemitismus-Vorwürfen sowie über die Notwendigkeit, sich zu organisieren.
»Die Menschen merken, dass viele Dinge nicht in Ordnung sind – und sie ahnen auch, warum das so ist. In den Mainstream-Medien hören sie aber selten etwas darüber.«
Vor Deiner eigenen Karriere als Streamer hast Du für den Channel The Young Turks gearbeitet, der von Deinem Onkel Cenk Uygur gegründet wurde. Was hat Dich ursprünglich politisiert?
Ein erster großer politischer Wendepunkt war für mich, als Recep Tayyip Erdoğan [Anfang der 2000er Jahre] in der Türkei an die Macht kam – und zwar mit derselben Art von religiös eingefärbtem Populismus, mit der später auch Donald Trump Präsident wurde. Die Türkei war ein relativ säkulares Land, daher gefiel mir diese Machtübernahme durch Erdoğan überhaupt nicht. Dann versuchte er, einen politischen Karikaturisten, den ich damals ständig las, strafrechtlich zu verfolgen, weil dieser ihn auf eine Weise dargestellt hatte, die Erdoğan nicht gefiel. Das hat mich in Bezug auf das Thema Meinungsfreiheit politisiert.
Mein zweiter Moment der Radikalisierung war der »Krieg gegen den Terror« in der Region. Wer aus diesem Teil der Welt stammt, dem ist die Abneigung gegenüber US-amerikanischen Interventionen quasi eingebrannt. Das machte mich zum Antiimperialisten. Was mich dann zum Antikapitalisten machte, war meine erste Krankenhausrechnung in den USA, die ich mit achtzehn Jahren erhielt. Da wurde mir klar, dass das alles völlig absurd ist. Ich hatte es schon immer für absurd gehalten, dass die Amerikaner kein staatliches Gesundheitssystem haben, aber diese Rechnung? Ich dachte nur: »Oh Gott, das kann doch nicht nachhaltig funktionieren.«
Wir sprechen am Vorabend eines Generalstreiks in Minnesota, wo ICE derzeit einen regelrechten Krieg gegen die Bevölkerung führt. Es gibt zahlreiche Berichte, wie Familien mit Kindern aus ihren Autos gezerrt werden und im Labyrinth der Abschiebemaschinerie dieses Landes verschwinden. Du willst nach Minneapolis reisen, um die Organisatoren vor Ort zu unterstützen. Wie beurteilst Du persönlich die Situation in Minnesota?
Die Sache ist ziemlich klar. Die Trump-Regierung geht brutal gegen eine demokratisch regierte, »blaue« Stadt und einen »blauen« Bundesstaat vor und nimmt eine Minderheit ins Visier. Aktuell sind es somalischstämmige US-Amerikaner – und ich sage »somalischstämmige US-Amerikaner«, weil 90 Prozent der auf amerikanischem Boden lebenden Somalierinnen und Somalier US-Bürger sind; und 60 Prozent sind nicht eingebürgert, sondern hier geboren. Es gibt keinen ernsthaften Grund für verschärfte Immigrationskontrollen. Ich persönlich bin der Meinung, dass zivilrechtliche Verstöße im Zusammenhang mit Ausweispapieren nicht als große Bedrohung für die nationale Sicherheit behandelt werden sollten. Das ist purer weißer Nativismus.
»Die Menschen in China scheinen eine deutlich positivere Sicht auf ihre Regierung zu haben als wir in den USA.«
Viele sind der Ansicht, die Trump-Regierung lote in Minnesota aus, wie weit sie gehen kann.
Ja, es ist ein Testfeld. Abgesehen von tatsächlichen Auseinandersetzungen und Repression glaube ich, dass die Regierung versucht, dezentrale Gewalt zu provozieren, um dann den Insurrection Act oder ähnliche Maßnahmen rechtfertigen zu können. Es wird also durchaus geprüft, wie weit man gehen kann – vielleicht sogar bis zum Kriegsrecht? Wer weiß.
Du hast kürzlich eine weitere Reise unternommen, nach China. Wie war’s?
Ich wollte herausfinden, ob das, was ich bisher über China gelesen und gehört hatte, der Wahrheit entspricht oder vielleicht übertrieben dargestellt wird. Ich wollte die Entwicklung Chinas mit eigenen Augen sehen und erfahren, wie die Menschen vor Ort darüber denken.
Unsere Reisegruppe bekam einen umfassenden Einblick, angefangen vom Besuch des Tiananmen-Platzes zur Flaggenzeremonie am ersten Tag – wo wir Menschen aus ländlichen Gegenden des Landes sahen, die gekommen waren, um an diesem langen Ritual teilzunehmen, bei dem die Flagge bei Sonnenaufgang gehisst wird – bis hin zu Besuchen in Chongqing, Chengdu und anderen Städten, die sich in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch verändert haben.
Es gibt viel Propaganda über China; das Land wird [in den USA] oft als eine Art zweites Nordkorea dargestellt. Seit langem gibt es eine milliardenschwere Propagandaoffensive, die versucht, alles, was China tut, zu verteufeln. Mir war klar, dass vieles davon übertrieben oder komplett erfunden sein dürfte. Deswegen wollte ich mir selbst ein Bild machen.
Zum Beispiel wird ständig über das sogenannte Sozialkreditsystem gesprochen, doch dabei handelte es sich um ein Experiment, das in einigen Provinzen getestet und dann sehr schnell wieder eingestellt wurde. Es war nie so gravierend, wie es in den USA dargestellt wurde. Amerikaner lieben es, auf die sogenannten »Schamkameras« hinzuweisen und diese Vorstellung zu verbreiten: Dann wird Dein Gesicht auf einem Großbildschirm gezeigt und Dein Sozialkredit sinkt. Die Menschen, mit denen ich unterwegs war, kannten diese Stories und lachten darüber. Sie zeigten auf Überwachungskameras und sagten: »Das sind die berühmten Kameras, von denen die Amerikaner glauben, dass sie Fotos von Dir machen und Deine Sozialpunkte senken.«
»Viele Amerikaner glauben, Winnie Puuh sei in China verboten – weil es Memes gibt, laut denen Leute zensiert werden, weil sie Xi Jinping mit Winnie Puuh verglichen haben.«
Ein weiterer Punkt, der mir auffiel, war, wie die Menschen ihre Regierung wahrnehmen. Sie scheinen eine deutlich positivere Sicht auf sie zu haben als wir. Das spiegelt sich in Umfragen wider, und es zeigte sich auch bei den Menschen, mit denen ich sprach. Sie haben innerhalb kürzester Zeit dramatische Verbesserungen ihrer materiellen Lebensbedingungen erlebt. Es ist daher wohl verständlich, warum sie so empfinden.
Was wollten chinesische Menschen von Dir über die Vereinigten Staaten wissen?
Sie waren einfach begeistert, dass Amerikaner da waren. Die Chinesen wirkten sehr kontaktfreudig und sehr gastfreundlich. Das war auffällig. Außerhalb von Shanghai dachten viele, wir seien Russen. Als wir ihnen sagten, dass wir US-Amerikaner sind, waren sie noch enthusiastischer. Einige waren sich bewusst, dass die Vereinigten Staaten China als Gegner betrachten, aber viele schienen überhaupt nicht darüber nachzudenken. Sie waren einfach nur aufgeregt, weil wir Ausländer waren.
Ein seltsamer Moment war, als ich auf dem Tiananmen-Platz kurz von einem Polizisten angesprochen wurde. Später wurde in Newsweek so berichtet, als hätte es eine größere Auseinandersetzung gegeben, was aber nicht stimmt. Er fragte, was auf meinem Handy sei, wir unterhielten uns, und dann ließ er uns gehen. Wir haben direkt danach weiter gestreamt. In der US-Berichterstattung wurde daraus eine deutlich heftigere Repression gemacht.
Das Besondere an dieser Reise war, dass ich mit Content-Erstellern unterwegs war, die keine sonderlich ausgeprägten politischen Meinungen zu China hatten. Als wir in Peking gelandet waren, gab es dort Disney-Automaten, an denen man Winnie-Puuh-Figuren kaufen konnte. Ich weiß noch, dass ich die anderen darauf hingewiesen habe. Viele Amerikaner glauben, Winnie Puuh sei in China verboten – weil es Memes gibt, laut denen Leute zensiert werden, weil sie Xi Jinping mit Winnie Puuh verglichen haben. Und dann lacht Dich Winnie Puh an, noch bevor Du den Flughafen verlassen hast.
Du hast zahlreiche Anfeindungen aufgrund Deiner propalästinensischen Haltung erlebt. Wie gehst Du damit um?
Man muss das ignorieren; und mittlerweile ist das auch viel einfacher. Wer schon vor dem 7. Oktober antizionistisch war, wusste damals, was auf ihn zukommen würde. Ich möchte betonen: Selbstverständlich gibt es echte, üble Antisemiten da draußen. Aber wer seit Jahrzehnten antizionistisch ist, war sich bewusst, dass man irgendwann mit Antisemitismusvorwürfen diffamiert werden würde. Das ist sozusagen unvermeidlich. Es war nicht das erste Mal, dass ich damit konfrontiert wurde, aber nach dem 7. Oktober war es definitiv heftiger und häufiger.
»Die Schwere des Antisemitismus-Vorwurfs wurde verwässert und gleichzeitig wird es für antisemitische Hetzer leichter, mit antisemitischer Propaganda davonzukommen.«
Wenn es einen Lichtblick gibt, dann den, dass die Wirkung dieser Diffamierungen deutlich nachgelassen hat. Das hat aber wiederum eine unschöne Kehrseite: Das Wort »Antisemit« hat heute weniger Gewicht als früher. Die Schwere des Vorwurfs wurde verwässert und gleichzeitig wird es für antisemitische Hetzer leichter, mit antisemitischer Propaganda davonzukommen. Es gibt ganze Debatten darüber, wie viel Antisemitismus für die Republikaner hinnehmbar ist.
Jonathan Greenblatt, der Vorsitzende der Anti-Defamation League [einer Antidiskriminierungsorganisation], stellte mich ab dem 7. Oktober als seinen »Hauptgegner« dar. Er hat viel häufiger über mich gesprochen als beispielsweise über [den Rechtsextremen] Nick Fuentes. Erst seit Kurzem fokussiert er sich auf Fuentes, da das Thema zu einem wichtigen Streitpunkt auf der Rechten geworden ist. Ganz grundsätzlich ist es aber keine Ausnahme, dass solche Leute davor zurückschrecken, Republikaner zu kritisieren. In einigen Fällen wurde sogar Elon Musk verteidigt, der bei Trumps zweiter Amtseinführung zweimal den Hitlergruß gezeigt hat. Ich vertrete in dieser Frage allerdings eine Mehrheitsposition; daher ist es für solche Institutionen unmöglich, sich erfolgreich für ein Deplatforming von Personen wie mir einzusetzen.
Wie wird sich die US-amerikanische Rechte nach Donald Trump Deiner Ansicht nach entwickeln?
Sie hängt direkt mit Donald Trump zusammen und damit, was aus Donald Trump wird. Wenn bei der nächsten Wahl – sofern wir eine nächste Wahl haben, was meiner Ansicht nach weniger gewiss ist, als viele Leute annehmen – Trump oder wer auch immer dann sein Nachfolger ist, verliert, ist meiner Meinung nach absolut unklar, wie es [mit der Rechten] weitergeht. Denn es gibt keinen geistigen Nachfolger für den Trumpismus. Das ganze Konstrukt wird von Donald Trump zusammengehalten.
Am ehesten als Nachfolger des Trumpismus kann ich mir Tucker Carlson vorstellen. Allerdings tritt Tucker Carlson, zumindest aktuell, äußerst antiisraelisch auf. Ich sage »aktuell«, weil ich glaube, dass Tucker Carlson im tiefen Inneren nach wie vor der Nachkomme eines CIA-Agenten ist – und nicht nur das, sondern in gewisser Weise auch ein Betrüger und Augenwischer. Ich weiß nicht, ob er Ambitionen auf ein hohes Amt hegt, aber er wäre der einzige, den ich mir vorstellen kann, um Trumps Basis zusammenzuhalten: er ist telegen und charismatisch sowie klug genug, um sich nicht auf vermintes Terrain zu begeben. J. D. Vance hingegen stößt sehr viele Menschen ab.
Viele fragen sich, ob Du der Demokratischen Partei schadest oder eher hilfst. Da gibt es eine regelrechte Manie und die Hoffnung, eine einzelne Person, eine Medienpersönlichkeit könne die Demokraten »retten«.
Das liegt daran, dass wir keinerlei starke, aktive politische Organisierung haben. Wir haben ja nicht einmal Wählerinnen und Wähler, die glauben, dass ihre Stimme wirklich etwas zählt. Das entspringt einer Ohnmacht oder zumindest einem subtilen Empfinden von Ohnmacht. Viele sind der Ansicht, dass Politik reines Spektakel oder lediglich ein Spiel zwischen zwei Teams ist. Die Medien tragen dazu bei: Sie verstehen sich als Marketinginstrument für die eine oder die andere Seite. Deshalb drehen sich Debatten nie darum, was Parteien für die Bevölkerung tun können, was Parteien für ihre jeweiligen Wählerinnen und Wähler tun können, was Parteien für die Menschen allgemein tun können oder was bestimmte Organisationen leisten sollten. Stattdessen geht es darum, wer die bessere PR-Arbeit leistet und wer das bessere Marketing hat. Im Prinzip ist es wie Wendy’s gegen McDonald’s.
»Die meisten Menschen sind inzwischen gewohnt, dass ihre Bedürfnisse nicht adressiert werden, sodass sie es gar nicht mehr erwarten. Deshalb sind Kandidaten wie Zohran Mamdani für viele so erfrischend.«
Podcasts werden dieses Problem nicht lösen. Ja, von der Rechten kommt eine Flut an Falschinformation, und es ist wichtig, darauf einzugehen und dagegen anzureden. Aber es gibt viele andere Probleme, zum Beispiel die Frage, wie die Menschen die Demokratische Partei wahrnehmen. Und diese Wahrnehmung ist direkt geprägt von der Untätigkeit der Partei und ihrem völligen Desinteresse daran, die ökonomischen Missstände anzugehen, unter denen die Menschen leiden.
Es herrscht ein parteiübergreifender Konsens, dass das Gesundheitswesen privatwirtschaftlich sein muss, dass es in den Händen privater Versicherungsanbieter liegen muss. Das ist lächerlich, aber eben Konsens bei einem Großteil der Demokraten und bei buchstäblich jedem einzelnen Republikaner. Dass die Demokraten nicht einmal über Widerstand und Alternativen nachdenken, ist der Grund, warum die Menschen sich sagen: »Okay, na dann. Wo liegt der Unterschied? Keine der beiden Parteien vertritt meine Interessen.« Die meisten Menschen sind inzwischen gewohnt, dass ihre Bedürfnisse nicht adressiert werden, sodass sie es gar nicht mehr erwarten. Deshalb sind Kandidaten wie Zohran Mamdani für viele so erfrischend.
Was meinst Du: Warum schauen Leute Deine Channels?
Die Menschen merken, dass viele Dinge nicht in Ordnung sind – und sie ahnen auch, warum das so ist. In den Mainstream-Medien hören sie aber selten etwas darüber. Deshalb richten sie ihr Augenmerk auf jemanden wie mich. Wenn ich sie bei einem Thema abholen kann, das ihnen am Herzen liegt oder mit dem sie persönliche Erfahrungen haben, merken sie, dass ich es möglicherweise anders angehe, als es die Mainstream-Medien tun oder eben nicht tun. Und dann bleiben sie dran. Ich persönlich hoffe, dass ich überzeugend aufzeigen kann, warum das vorherrschende System darauf ausgelegt ist, sie in ihrer derzeitigen Misere zu halten.
Hasan Piker ist ein politischer Streamer in den USA mit fast 5 Millionen Followern auf verschiedenen Plattformen.