Betrachtet man den öffentlichen Diskurs rund um heterosexuelle Partnersuche und Beziehungen, könnte man glatt den Eindruck gewinnen, es habe um die Beziehung zwischen den Geschlechtern noch nie so schlecht gestanden wie heute. Online-Communities von Incels und radikalen Feministinnen schreiben das jeweils andere Geschlecht gleichermaßen als unwiderruflich verloren ab, während Dating-Apps offenbar eher für Ekel sorgen als für Romantik. Passenderweise hat sich der Begriff »Heteropessimismus« als Beschreibung für diese gegenwärtige Situation durchgesetzt. Unterdessen – und ähnlich pessimistisch – plädieren linksradikale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für die Abschaffung der Familie: Die klassische Kernfamilie trage maßgeblich zur Reproduktion des Kapitalismus bei und verhindere somit emanzipatorische Alternativen.
Evelina Johansson Wilén ist außerordentliche Professorin für Gender Studies an der Universität Örebro in Schweden; sie ist Redaktionsmitglied der marxistischen Fachzeitschrift Röda Rummet und Autorin eines in Kürze erscheinenden Buches über Familienabolitionismus. Ihre Texte über Dating, Incels und feministische Theorie erscheinen unter anderem bei Jacobin.
Im Interview mit Meagan Day von Jacobin spricht Wilén darüber, wie sich die heutigen, konfliktträchtigen Geschlechterverhältnisse einordnen lassen. Die beiden diskutieren die Grenzen des Familienabolitionismus-Konzepts, den Unterschied zwischen Status- und Klassenpolitik, warum der Kampf der Frauen für Gleichberechtigung auch Umverteilungsmaßnahmen erfordert, die sich verhärtende »Mauer der Empathie« zwischen den Geschlechtern und wie die jüngsten Ausprägungen des Geschlechterpessimismus im Allgemeinen einzuschätzen sind.