Glaubt man einer wachsenden Zahl von Kommentatoren, so ist der sich abzeichnende globale autoritäre Wandel ein Angriff auf den Liberalismus. Zunehmende Grausamkeit, eine alarmierende Aushöhlung der Rechtsstaatlichkeit und der internationalen Rechtsordnung sowie die offene Missachtung institutioneller Kontrollmechanismen – diese Merkmale unserer aktuellen politischen Landschaft weisen demnach alle auf eines hin: Die autoritären Kräfte unserer Zeit sind illiberal.
Eine zentrale Funktion dieser Sichtweise ist es, auf eine Rückkehr zur früheren »Normalität« zu drängen: Die Gewaltenteilung müsse wiederhergestellt, das Vertrauen in die Justiz als Kontrollinstanz der Exekutive gestärkt und sogar die Unabhängigkeit der Zentralbank gegen eine »Politisierung« der Geldpolitik verteidigt werden. Die Frage, ob die Verhältnisse zuvor tatsächlich »normal« waren, wird dabei beiseitegeschoben.