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Raus aus dem Kokain-Käfig

Unser Verständnis von Sucht basiert auf Experimenten, in denen Ratten in Käfigen mit nichts als Kokain alleine gelassen wurden. Die Philosophin Hanna Pickard stellt im Interview ein anderes Konzept vor, das unserer Lebensrealität (und auch der von Nagetieren) näherkommt.

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Raus aus dem Kokain-Käfig
»Teilhabe am konventionellen Leben schützt vor Sucht und ist auch oft entscheidend für einen erfolgreichen Entzug.« Illustration: Marie Schwab

Die Debatte über Sucht spielt sich im Wesentlichen zwischen zwei Weltanschauungen ab. Auf der einen Seite steht die Überzeugung, dass Sucht eine Hirnerkrankung ist; dass das Gehirn des Süchtigen ihn dazu zwingt, trotz schwerwiegender Folgen weiterhin Drogen zu konsumieren. Diese Überzeugung basiert zum Großteil auf Studien von Wissenschaftlern, die in Isolation gehaltenen Ratten nichts als Kokain als Zuflucht vor Stress und Leid anboten. Die Ergebnisse dieses Experiments von 1985 prägen unser (Miss-)Verständnis von Sucht bis heute.

Die andere Seite der Debatte basiert auf einer älteren Sichtweise, die Sucht als moralisches Versagen betrachtet: Der Süchtige entscheidet sich aufgrund seiner Charakterschwäche dafür, böse Drogen zu konsumieren. Obwohl heute fast alle Wissenschaftlerinnen und Kliniker diese Sichtweise ablehnen, ist sie in der Allgemeinheit nach wie vor weit verbreitet. Tatsächlich basieren viele drogenpolitische Maßnahmen eher auf moralischen als auf medizinischen Erwägungen.

Die Philosophin Hanna Pickard schlägt ein neues Verständnis von Sucht vor. Im Interview mit dem Psychotherapeuten und Autor Chandler Dandridge spricht sie über die Grenzen von Kokain-Käfig-Tierversuchen und neue Ansätze in der Suchtbehandlung, die soziale Verhältnisse besser berücksichtigen.

Der Titel Deines neuen Buches verweist auf ein berühmtes Experiment mit Ratten: What Would You Do Alone in a Cage with Nothing but Cocaine? (»Was würdest Du tun alleine in einem Käfig mit nichts als Kokain?«) Warum hast Du das als Titel gewählt für ein Buch, in dem Du ein neues Paradigma zum Verständnis von Sucht vorschlägst?

Eines der zentralen Themen des Buches ist, dass das Verständnis von Sucht nicht nur ein wissenschaftliches, sondern auch ein humanistisches und imaginatives Unterfangen ist. An verschiedenen Stellen wende ich mich direkt an die Leserin. Ich will sie einladen, sich vorzustellen, wie es wäre, unter gewissen Bedingungen zu leben, von denen wir wissen, dass sie mit Sucht in Verbindung stehen, beziehungsweise wie es wäre, selbst süchtig zu sein. Ich habe den Titel gewählt, um ein solches humanistisches und imaginatives Unterfangen zu versinnbildlichen und anzustoßen.

Wie du richtig anmerkst, bezieht sich der Titel auf ein berühmtes Rattenexperiment, das 1985 von den Wissenschaftlern Michael Bozarth und Roy Wise durchgeführt wurde. In diesem frühen Experiment wurden Ratten darauf trainiert, eine Art Hebel zu betätigen. Wenn sie dies taten, erhielten sie eine Dosis Kokain, die sofort intravenös verabreicht wurde. Anschließend wurden sie dauerhaft in einer Versuchskammer untergebracht, in der sich ausschließlich Futter, Wasser und eben dieser Hebel befanden, den sie betätigen konnten, um so viel Kokain zu erhalten, wie sie wollten. Kokain ist ein Appetitzügler, es unterdrückt Hunger und Durst. Die Ratten in diesem Experiment drückten immer und immer wieder auf den Hebel, um Kokain zu erhalten, und stellten das Essen und Trinken ein. Innerhalb eines Monats waren 90 Prozent der Tiere gestorben, vermutlich an einer Kombination aus Hunger, Dehydrierung und Erschöpfung.