12. Juni 2026
Immer mehr junge Menschen in Deutschland leiden unter Stress, Angst und Einsamkeit. Auch linke Akteure fordern als Lösung dafür mehr Sozialarbeit – aber die kann die gesellschaftlichen Ursachen dieser Krisen nicht beheben.

Ein Viertel der Schülerinnen und Schüler ist aktuell psychisch belastet oder kämpft mit mentalen Problemen.
The kids are not alright – fast wöchentlich gibt es eine neue Studie oder Statistik, die das belegt. Ein bedeutender und steigender Teil aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland leidet unter psychischem Stress, Ängsten, Einsamkeit und ernsthaften psychischen Belastungen. 2025 war laut dem deutschen Schulbarometer ein Viertel der Schüler psychisch belastet und kämpfte mit mentalen Problemen. Mehr als die Hälfte aller Jugendlichen berichtet von hohem Stress, ein Viertel hat regelmäßig Angstsymptome, ein Drittel berichtet von Erschöpfung, und jedes fünfte Kind fühlt sich regelmäßig sehr einsam.
Seit dem Abklingen der Corona-Pandemie nehmen diese Zahlen sogar weiter zu. Mehr als die Hälfte aller Jugendlichen gibt in der Studie Jugend in Deutschland an, sich starke Sorgen um Krieg, Zukunft und steigende Lebenshaltungskosten zu machen. Regelmäßig erscheint eine neue Studie, die zeigt, dass das Aufwachsen eines beträchtlichen Teils einer ganzen Generation von Sorgen und Belastungen geprägt ist, mit weitreichenden Folgen für Aufwachsen, Wohlergehen, Gesundheit und Gesellschaft.
Aus der Datenlage folgt oft von Mitte bis Links ein Reflex, mehr soziale Angebote und Geld für Soziale Arbeit als Lösungen für diese Probleme zu fordern. Die derzeitigen Kürzungen an Angeboten für junge Menschen und der allgemeine Sozialkahlschlag verstärken diesen Reflex. Das zeugt jedoch von einem schöngefärbten und romantischen Bild davon, was solche Angebote in der Realität leisten sollen und können. Denn von dem positiven Bild, was viele von Sozialer Arbeit haben, hat nicht zuletzt die neoliberale Steuerungslogik wenig übrig gelassen. Die Reaktionen und die Ergebnisse dieser Studien übersetzen die Not von Kindern in ein individuelles psychisches Gesundheitsproblem. Dies verdeckt jedoch die Gründe für ihre Not und entpolitisiert das Problem. Die gesellschaftliche Linke braucht Antworten und Lösungen für das Leid von Kindern und Jugendlichen, jenseits der Kritik an Kürzungen.
Die Zunahme von Studien zum Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen liegt nicht zuletzt daran, dass sich immer mehr private Akteure und neoliberale Stiftungen für das Thema interessieren – unter anderem deshalb, weil sich damit Mittel einwerben lassen. Obwohl einige dieser Studien schon seit Jahrzehnten erscheinen und fast repetitiv klingen, erfährt ihre Veröffentlichung üblicherweise eine hohe mediale und politische Aufmerksamkeit. In unregelmäßigen Abständen gibt es deshalb politische Antworten auf das Problem – auch weil die schlechte Verfassung junger Menschen in manchen Studien als »Demokratieproblem« oder potenziell arbeitsmarktschädigend verhandelt wird.
Die Merz-Regierung handelt derzeit ein Social-Media-Verbot als Lösungsansatz für die Lage der jungen Menschen. Abseits dieser restriktiven Maßnahme sind politische Antworten auf das Leid junger Menschen jedoch meist äußerst »bequem«: Die Ampel-Regierung antwortete auf die Berichterstattung über die Sorgen junger Menschen mit projektfinanzierten Maßnahmen wie den »Mental-Health-Coaches« an Schulen oder einer »Einsamkeits-Strategie«, die Jugendliche für mentale Gesundheit sensibilisieren sollte, und mit Finanzierung von Studien und Unterstützungsangeboten. Sie scheinen wie ein Pflaster auf den tiefgreifenden Problemen junger Menschen.
Je nach Regierungszusammensetzung und politischen Prioritäten wurden diese Projekte ohnehin schnell zur Verhandlungsmasse in Diskussionen um mögliche Kürzungen und oft nach kurzer Zeit wieder vergessen. Egal ob wohlmeinend oder restriktiv, solange man die Lage junger Menschen als individuelles Gesundheitsproblem behandelt, statt als soziales, werden Mental-Health-Maßnahmen den Kreislauf immer eher verewigen als durchbrechen. Denn Studien zeigen auch, dass Armut, soziale Ungleichheit, und prekäre Wohn- und Lebensverhältnisse die Hauptrisikofaktoren für die schlechte psychische Lage von Kindern sind. Diese Belastungen werden in politischen Antworten nahezu vollständig ausgeklammert.
»Solange man die Lage junger Menschen als individuelles Gesundheitsproblem behandelt, statt als soziales, werden Mental-Health-Maßnahmen den Kreislauf immer eher verewigen als durchbrechen.«
Fast genauso häufig wie Nachrichten über neue Jugendstudien erscheinen Nachrichten über Kürzungen an Angeboten für Jugendliche, zum Beispiel an der kommunalen offenen Jugendarbeit oder das Ende von bundes- oder landesweiten Projektfinanzierungen für Jugendarbeit, wie etwa unter dem Dach von »Demokratie leben«, das CDU-Familienministerin Karin Prien neu aufstellen möchte.
Parallel reformiert die Bundesregierung die gesamte Kinder- und Jugendhilfe zum Schlechteren: Mit einer angekündigten Reform des 8. Sozialgesetzbuchs sollen junge Menschen Rechtsansprüche auf individuelle Hilfen und Unterstützung verlieren, unter dem Deckmantel der Kosteneinsparungen. Die langjährig geplante Reform des »Inklusiven Kinder- und Jugendhilfegesetzes«, dessen Beschluss nun in die Amtszeit von Prien fällt, stellt de facto Einsparungen als Hauptreform der Jugendhilfe dar – einem System, das ohnehin schon finanziell, personell und strukturell unter Druck steht. Die Reform, die vor allem Kinder und Jugendliche mit Behinderung verstärkt in dieses System eingliedern sollte, dient letztendlich dazu, jährlich bis zu 2,7 Milliarden Euro einzusparen.
Die progressiven und linken Antworten auf diese Politik setzen in der öffentlichen Debatte meist darauf, bewährte Strukturen in der Kinder- und Jugendhilfe zu stärken. Die Grünen fordern beispielsweise mehr Schulsozialarbeit, Beratungsangebote und Medienkompetenz zur Bearbeitung des Problems, und auch linke Abgeordnete fordern im Angesicht der Studienlage mehr Therapieplätze, Schulsozialarbeit oder die Rückkehr der »Mental Health Coaches« an Schulen.
Es ist nachvollziehbar, dass die aktuellen Kürzungen bei sozialen Angeboten und bei Projektmitteln den positiven Bezug auf Soziale Arbeit als vermeintliche Lösung für das Kinder- und Jugendleid stärken. Aber mit dieser Haltung unterscheiden sich einige progressive Akteure im Grunde genommen nur in Nuancen von der herrschenden Politik. Denn auch sie antworten auf ein gesellschaftliches Problem mit pädagogischen und psychologischen Antworten.
»Seit Jahrzehnten legt die Datenlage nahe, dass die Zahl der Klientinnen und Klienten Sozialer Arbeit steigt, ohne dass Reformen und der Ausbau der sozialen Angebote dem etwas entgegensetzen konnten.«
Von Sozialer Arbeit wird seit ihrer Erfindung erwartet, der Hausmeister des Kapitalismus zu sein und individuelle Probleme zu bearbeiten, die eigentlich strukturell sind. Zur Zeit der Industrialisierung und des sozialen Elends kam ihr die Funktion zu, die Menschen und ihre Not so weit zu befrieden, dass sie arbeiten, leben und sich in die Gesellschaft einfügen konnten – statt zu rebellieren. Auch heute ist das zentrale Ziel vieler Maßnahmen weiterhin die (Wieder-)Eingliederung junger Menschen in bestehende gesellschaftliche Funktionsweisen, zum Beispiel in den Arbeitsmarkt. Unter sich verschlechternden Bedingungen für Kinder und Jugendliche scheint diese Hausmeisterei aber immer weniger zu funktionieren. Seit Jahrzehnten legt die Datenlage nahe, dass die Zahl der Klientinnen und Klienten Sozialer Arbeit steigt, ohne dass Reformen und der Ausbau der sozialen Angebote dem etwas entgegensetzen konnten.
Die Probleme von besorgten, gestressten und belasteten Jugendlichen verlagern sich zunehmend entweder nach innen – in Form psychischer Belastungen und ernsthafter Erkrankungen – oder ins Außen. Auch die engagiertesten Sozialarbeitenden spüren schnell die Grenzen ihres Handelns und auch die besten Jugendzentren, die explizit die Stärkung und Emanzipation von Kindern und Jugendlichen als Ziel haben, sind heute oft nicht in der Lage, die Nöte und Sorgen von Kindern und Jugendlichen zu lindern. Das Verhältnis von Hilfe in Einzelfällen und gesellschaftlichen Ursachen individueller Probleme ist in der Praxis ein Grundproblem bei der Arbeit mit jungen Menschen.
Soziale Arbeit befindet sich in einem dauerhaften Zwiespalt: Sie ist in der Theorie und Selbstwahrnehmung pädagogisch und humanistisch ausgerichtet. In der Praxis muss sie jedoch wirtschaftlich profitabel sein.
Dabei arbeiten viele Fachkräfte unter schlechten Arbeitsbedingungen mit hohem Engagement für die Sache, oft unter Einsatz ihrer eigenen psychischen Gesundheit. Das Berufsfeld ist einer der Berufe mit der höchsten Burnout-Quote, hoher Fluktuation, Personalmangel und Arbeitsbelastung.
Das liegt auch daran, dass sich das Arbeiten strukturell verändert hat: Ein bedeutender Teil der Arbeitszeit – im Schnitt 38 Prozent – wird nicht für die jungen Menschen und eigentliche sozialarbeiterische Tätigkeit eingesetzt, sondern für Bürokratie- und Verwaltungsaufgaben. Das ist Resultat des neoliberalen Steuerungsmodells, dem sich selbst die engagiertesten Fachkräfte letztlich fügen müssen, und damit zum Teil ihre Vorstellungen über die soziale Tätigkeit resigniert hinter sich lassen.
»Auch eine reformierte Jugendhilfe wird die Problemlage von Kindern und Jugendlichen nicht beenden.«
Auch die Arbeitgeber von Sozialarbeiterinnen sehen sich dabei in einer Zwickmühle: Sie sind vollständig vom Staat als einzigen Auftraggeber abhängig, aber müssen sich, selbst wenn sie in gemeinnützigen Organisationen arbeiten, wie Unternehmer im Wettbewerb behaupten, und darüber hinaus auch an Werten und ethischen Grundsätzen der Sozialen Arbeit messen lassen. Die meisten sozialen Träger sind wirtschaftliche Unternehmen mit ökonomischen Eigeninteressen, die unter dem Druck von Effizienz und Kostenersparnis stehen und naturgemäß nach Wachstum oder Organisationserhalt streben, an der Sicherung von Aufträgen interessiert sind und somit untereinander in Konkurrenz stehen.
Durch die in den 1990ern eingeführten Neuen Steuerungsmodelle wurden bisherige Non-profit-Bereiche (wie die Soziale Arbeit) zu Teilen der Marktwirtschaft umdefiniert im Rahmen eines Käufermonopols, in dem der Staat der einzige Auftraggeber ist. Soziale Träger sind in Folge dessen wie jeder andere Wirtschaftszweig, in den öffentliches Geld fließt, dazu verpflichtet, ihre Wirksamkeit ununterbrochen nachzuweisen, etwa über messbare Outputs wie Fallzahlen, Kennziffern und Leistungsnachweise. Auch viele werte-orientierte Träger der Wohlfahrtspflege müssen sich dieser Logik fügen. Sie stehen dabei zunehmend im Konkurrenzkampf mit neuen Akteuren, die rein wirtschaftlich orientiert sind und inzwischen ortsweise beinahe zu Konzernen heranwachsen.
In Zeiten von Sozialabbau und sich zuspitzenden Notlagen ist die Verteidigung sozialer Angebote und Träger notwendig – dabei werden jedoch die freien Träger zu Bündnispartnern, die selbst wirtschaftliche Eigeninteressen verfolgen und unter Druck stehen, sich im Trägerkonkurrenzkampf durchzusetzen. Ein Beispiel ist der Pakt mit den freien Trägern der Berliner Linken, welcher die Planungssicherheit für freie Träger, die unter dem Druck von Kürzungen und Unsicherheiten stehen, stärkt. Das ist im Rahmen des Sozialkahlschlags durchaus zu begrüßen.
Allerdings findet eine kritische Perspektive auf die Wohlfahrtsverbände und freie Träger, die ein weitaus größerer Arbeitgeber sind als die Automobilindustrie, darüber hinaus fast nie statt. Dabei umgehen viele Unternehmen in der Branche Tarifverträge, zahlen unter Tarif und erhöhen den Arbeitsdruck für die Beschäftigten. Freie Träger werden meist lediglich als Interessensvertreter wahrgenommen, die augenscheinlich für eine gute Sache stehen. Die Marktstruktur sozialer Angebote zeigt, was es schwierig macht, immer nur »mehr« soziale Angebote und Soziale Arbeit zu fordern.
»Eine gesellschaftliche Linke heute braucht Antworten auf die Situation von Kindern und Jugendlichen, die zwischen ›Mehr Soziale Arbeit‹ und ›Erst in der neuen Gesellschaftsordnung geht es Kindern gut‹ liegt.«
Für echte Veränderung müssen wir uns von der Dominanz der Kosten- und Leistungsrechnung lösen. Eine Rekommunalisierung sozialer Angebote, ähnlich wie bei den Kita-Eigenbetrieben, gemeinwohlorientierte Steuerung und alternative Organisationsformen wie Genossenschaften könnten die Profitlogik zumindest anfechten. Linke Reformen müssen jedoch auch hier die Perspektive der Arbeitnehmenden beinhalten, nicht die der freien Träger: Tarifbindung im sozialen Bereich muss eine Vorgabe für die Vergabe von Mitteln werden, denn der derzeitige Trägerkonkurrenzkampf wird auch auf Kosten von Arbeitnehmerrechten und Qualität der Angebote geführt. Aber: Auch eine reformierte Jugendhilfe wird die Problemlage von Kindern und Jugendlichen nicht beenden. Sie kann nur ein Pflaster auf größeren, klaffenden gesellschaftlichen Wunden sein.
Dass Kinder und Jugendliche besonders unter den vorhandenen Bedingungen leiden, die auch Erwachsene beeinträchtigen, ist nichts Neues. »Zu der kapitalistischen Gesellschaft gehört das Kinder und Jugendelend wie der Schatten zu der Sonne«, sagte Clara Zetkin 1921 in der Debatte um ein Jugendwohlfahrtsgesetz im Reichstag, bei der sie für spürbare Verbesserungen stritt: »Das Kind ist ein gesellschaftlicher Wert […][d]eshalb ist es durchaus richtig, dass dem Kinderelend mit allen verfügbaren Mitteln entgegengewirkt wird«. Eine gesellschaftliche Linke heute braucht Antworten auf die Situation von Kindern und Jugendlichen, die zwischen »Mehr Soziale Arbeit« und »Erst in der neuen Gesellschaftsordnung geht es Kindern gut« liegt – kurz: eine Perspektive, die das Verhältnis von Einzelschicksalen und Klassenlage ins Zentrum stellt.
Deike Janssen ist Sozialarbeiterin und promoviert zu den sozioökonomischen Lebenslagen von Familien in Deutschland. Sie ist Kandidatin bei der Berlin-Wahl der Linken.