Hi Şeyda,
ich bin seit einem Jahr mit meinem Partner zusammen. Wir haben uns vor vielen Jahren im Studium kennengelernt, sind danach aber sehr unterschiedliche Wege gegangen. Ich arbeite mittlerweile im Sozialbereich und habe eine stark antikapitalistische Haltung. Er ist mit einem E-Commerce-Unternehmen selbstständig und ich merke, dass ihm finanzieller Erfolg enorm wichtig ist.
Er ist liebevoll, lustig und extrem schlau, deshalb habe ich mich in ihn verliebt. Ich merke aber, dass ich mich immer öfter frage, ob unsere Partnerschaft mit seiner neoliberalen Haltung langfristig halten kann. Er bezeichnet sich selbst als links und stimmt mir in vielen politischen Debatten zu, aber sein Leben dreht sich um sein Unternehmen und den Verkauf von Dingen, die man nicht wirklich braucht. Ich fühle mich schlecht dabei, diese Zeilen zu schreiben, aber die Gedanken tauchen immer wieder auf. Wie würdest du damit umgehen?
Liebe Grüße,
Rosa (Name geändert)
Hallo Rosa,
danke für deine Ehrlichkeit! Wir fühlen uns oft unwohl dabei, schlecht über die Menschen zu denken, die wir lieben, gar sie grundsätzlich infrage zu stellen. Dabei ist das das Normalste auf der Welt! Es erinnert uns daran, dass wir keine Zwangsbeziehungen eingehen, sondern uns aus guten und schönen Gründen für Verbindungen entscheiden wollen. Ich verstehe dein Unbehagen hinsichtlich der Berufswahl deines Partners, und gleichzeitig frage ich mich, wenn ich deine Zeilen lese: Was genau stört dich hier eigentlich?
Das ist keine rhetorische Fangfrage. In linken Kreisen hat Geldmachen oft etwas Schmutziges, manchmal absolut zu Recht, manchmal aber auch, weil wir moralische Reinheit mit politischer Ernsthaftigkeit verwechseln. Also: Horchen wir kurz nach innen.