Seit dem 8. Oktober 2023 führt Israel nicht nur Krieg gegen die Menschen im Gazastreifen, sondern auch im Libanon. Zwar wurde dieser über ein Jahr lang – vom 27. November 2024 bis Anfang März 2026 – offiziell durch einen Waffenstillstand unterbrochen. Den aber hatte die israelische Armee laut den im Libanon stationierten UN-Friedenstruppen UNIFIL bereits im November 2025 mehr als 10.000 Mal gebrochen.
Zudem haben die Besatzer in dieser Zeit laut Amnesty International eine Spur der Verwüstung durch den Südlibanon gezogen, indem sie ganze Dörfer und Gemeinden dem Erdboden gleich machten. Laut Action on Armed Violence (AOAV) wurden zwischen Oktober 2023 und Anfang Juni 2026 mindestens 8.246 Libanesinnen und Libanesen von Israel getötet und 29.312 verletzt. Ganze Familien wurden durch Bombenangriffe ausgelöscht. Seit der jüngsten Eskalation befinden sich rund 1,5 Millionen Menschen im Libanon auf der Flucht, darunter mehr als 370.000 Kinder, so das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF).
Die Waffen, mit denen Israel diese Verbrechen begeht, stammen bekanntlich zu einem großen Teil aus Deutschland. Dadurch trägt die Bundesrepublik – nach ihrer Beteiligung am Gaza-Genozid – nun auch zur Zerstörung und ethnischen Säuberung des Südlibanon bei. Seit Kurzem steht zudem ein neuer Vorwurf im Raum: Der Leverkusener BAYER-Konzern wird verdächtigt, Chemiewaffen an Israel zu liefern, die im Libanon, aber auch in Palästina zum Einsatz kommen.
»Politik der verbrannten Erde«
Fast buchstäblich von Tag eins an setzte das israelische Militär weißen Phosphor als Brandwaffe im Libanon ein. Laut einem kürzlich von Medico International veröffentlichten Bericht hat Israel seit Oktober 2023 »mehr als 397 Phosphorgeschosse auf Dutzende Gemeinden und Städte des Südlibanons abgefeuert«. Die Substanz entzündet sich bei Kontakt mit Sauerstoff und verbrennt bei einer Hitze von bis zu 1.300 Grad Celsius. Es verbrennt Fleisch bis auf die Knochen, hinterlässt großflächige Brandwunden und kann, wenn es in den Blutkreislauf gerät, zu Organversagen und schweren Folgekrankheiten führen, was für die Betroffenen in der Regel einen qualvollen Tod bedeutet.
Zudem zerstört er nachhaltig die Vegetation: Weil von Phosphor ausgelöste Brände nur schwer löschbar sind, richten sie große Schäden an. Die Flammen fressen sich tief hinein in Gehölz und Böden und verseuchen sie nachhaltig. Daher warnen Wissenschaftler vor langfristigen und womöglich auch unwiederbringlichen Schäden für die Natur und die Landwirtschaft des Südlibanon. Manche fürchten sogar, die Region könne dauerhaft unbewohnbar werden. Daher spricht die Menschenrechtsorganisation Euro-Mediterranean Human Rights Monitor auch von einer »Politik der verbrannten Erde«, die Israel im Libanon betreibe. Nizar Hany, der Landwirtschaftsminister Libanons, berichtete von »massiven Schäden auf tausenden von Hektar« Land und bezifferte den Wert der Sachschäden auf mehr als 800 Millionen US-Dollar.
Weil von Phosphor ausgelöste Brände nur schwer löschbar sind, richten sie große Schäden an. Die Flammen fressen sich tief hinein in Gehölz und Böden und verseuchen sie nachhaltig.
Der Einsatz von Phosphorgranaten ist für Israel nichts Neues. 1982, als die israelische Armee Beirut bombardierte, titelte eine US-Zeitung: »Phosphorbomben sind zum Napalm des Krieges im Libanon geworden«. 2006 nutzte die israelische Armee die chemische Brandwaffe im Krieg gegen die Hisbollah erneut. Dasselbe gilt für nahezu alle Kriege, die Israel seit 2008 gegen den Gazastreifen führte bzw. noch immer führt. Und auch während des völkerrechtswidrigen Angriffskriegs Israels und der USA gegen den Iran Anfang des Jahres soll weißer Phosphor zum Einsatz gekommen sein.
Um die Verwendung dieser Substanz, die nicht per se verboten ist, deren Nutzung als Waffe jedoch ein Kriegsverbrechen darstellt, zu rechtfertigen, behaupten israelische Behörden, der weiße Phosphor diene als Rauchgranate, um israelische Soldaten im Einsatz zu schützen. Wie Human Rights Watch allerdings betont, gäbe es dafür Alternativen, die für die Zivilbevölkerung, die Infrastruktur und die Umwelt ungefährlich wären.
Das »Agent Orange unserer Zeit«
Allerdings setzt die israelische Armee nicht nur weißen Phosphor als faktische Chemiewaffe ein. Anfang Februar dieses Jahres warf die libanesische Regierung Israel vor, das Pestizid Glyphosat über libanesischem Territorium versprüht zu haben. Agrarminister Hany zufolge lag die Konzentration in einigen Proben »20- bis 30-mal höher« als es in der Landwirtschaftsproduktion üblich ist. Es gehe um ein 18 Kilometer langes Gebiet entlang der libanesisch-israelischen Grenze. Tatsächlich handelt es sich jedoch nicht um das erste Mal, dass Israel Glyphosat als Waffe missbraucht: Riad Othman von Medico International zufolge haben die israelischen Truppen das Herbizid spätestens seit 2014 wiederholt im Gaza-Streifen versprüht.
Glyphosat ist ein Pflanzengift, das weltweit in der Landwirtschaft eingesetzt wird, um Nebengewächse abzutöten. Es steht jedoch in der Kritik, weil es dabei auch die Biodiversität nachhaltig beeinträchtigt. Vor allem wenn es regelmäßig beziehungsweise in hohen Mengen eingesetzt wird und in den Boden eindringt, kann die Fruchtbarkeit von Ländereien nachhaltig geschädigt werden. Aber nicht nur für die Natur ist das Produkt giftig, sondern auch für Menschen: Bei direktem Kontakt, etwa wenn es eingeatmet wird oder ins Trinkwasser gerät, löst es Beschwerden wie Erbrechen und Durchfall, Kopfschmerzen sowie Reizungen der Schleimhäute und Atemwege aus.
Vor allem aber soll es laut Studien schwere Erkrankungen, darunter verschiedene Krebsarten, verursachen. Deshalb und weil das Pflanzengift in verschiedenen Konflikten als Chemiewaffe eingesetzt wird, nennen Kritiker Glyphosat auch das »Agent Orange unserer Zeit« – ein Verweis auf das berüchtigte, von den USA im Vietnamkrieg eingesetzte Entlaubungsmittel »Agent Orange«, mit dem sie weite Teile Vietnams verseuchten.
Während der Einsatz von Glyphosat und weißem Phosphor als Chemiewaffen an sich bereits ein eindeutiges Kriegsverbrechen darstellt, gilt dies umso mehr für die Ziele, die Israel damit verfolgt: Beobachter und Expertinnen sind sich einig, dass es primär darum geht, eine menschenleere Pufferzone im Südlibanon zu schaffen, um das Gebiet überwachen und kontrollieren zu können.
Jenseits dieses rein militärisch-taktischen Ziels strebt der siedlerkoloniale Staat Israel allerdings auch nach der Annexion und Besiedlung nicht nur ganz Palästinas, sondern auch mindestens von Teilen des Libanons und Syriens. Die Entvölkerung und die langfristige räumliche Umgestaltung der Landschaft gehört zu den normalen Maßnahmen siedlerkolonialer Bewegungen und wurde so auch in Palästina vorgenommen: angefangen bei der systematischen ethnischen Säuberung ab 1947 über die bis heute betriebene Zerstörung von Feldern, Plantagen und Olivenhainen bis hin zur Ausrottung einheimischer Tierarten und dem Import europäischer Pflanzen und Tiere.
»Die Spur führt zu Bayer«
Zwar berichteten internationale und selbst deutsche Medien über den israelischen Glyphosat-Einsatz im Libanon. Doch ging es dabei nie um die Frage, woher das Glyphosat eigentlich stammt. Dabei verkündete das konzernkritische Netzwerk »Coordination gegen Bayer-Gefahren« (CBG) bereits im April: »Die Spur führt zum Bayer-Konzern«. Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Medico International und der libanesischen NGO »Public Works« führte Jan Pehrke von der CBG diesen Verdacht noch einmal aus: 2023 habe Amnesty International nachgewiesen, dass von Israel eingesetzter weißer Phosphor aus Beständen des US-Militärs stammte.
Sowohl weißer Phosphor als auch Glyphosat werden aus elementarem Phosphor hergestellt. Und der einzige Produzent dieses Elements in den USA sei Monsanto, der berüchtigte Glyphosat-Hersteller, den der Bayer-Konzern 2018 aufkaufte
Sowohl weißer Phosphor als auch Glyphosat werden aus elementarem Phosphor hergestellt. Und der einzige Produzent dieses Elements in den USA sei Monsanto, der berüchtigte Glyphosat-Hersteller, den der Bayer-Konzern 2018 aufkaufte. Darüber hinaus belegten Unterlagen der US-Regierung, dass Phosphor aus Monsanto-Produktion über den israelischen Chemie-Konzern »ICL Group« an die US-Armee verkauft wurde. Donald Trump hatte im vergangenen Februar zudem »die Sicherstellung einer ausreichenden Versorgung mit Elementarphosphor und Herbiziden auf Glyphosat-Basis« im Interesse der »nationalen Verteidigung« per Präsidialdekret beschlossen.
In einem Artikel in der aktuellen Ausgabe der von der CBG herausgegebenen Zeitschrift »Stichwort Bayer« (SWB) legte Pehrke nach: Seinen Recherchen zufolge belegt die BRD nach China den zweiten Platz auf Israels Glyphosat-Import-Statistik für das Jahr 2024. Die USA tauchen gar nicht auf. Gleichzeitig ist Bayer der einzige Glyphosat-Produzent in Deutschland. Daher liegt der Verdacht nahe, dass in den Vereinigten Staaten produziertes Monsanto-Glyphosat über die Bundesrepublik an Israel geliefert wird.
Eine deutsch-US-amerikanische Tradition
Sowohl Monsanto als auch Bayer haben eine Vorgeschichte, was Chemiewaffen angeht: Neben BASF und Höchst stellte auch Bayer während des Ersten Weltkriegs Giftgas für die deutsche Reichswehr her. In den 1920er Jahren belieferte die IG Farben, zu der sich Bayer und andere deutsche Chemie-Konzerne zusammengeschlossen hatten, unter Verletzung des Versailler Vertrags Giftgas für den Kolonialkrieg Spaniens und Frankreichs in Nordmarokko gegen den Freiheitskämpfer Abdel Krim. Im Zweiten Weltkrieg schließlich produzierte die IG das Zyklon B, mit dem allein in Auschwitz rund 1 Millionen jüdische Menschen ermordet wurden.
Offiziell handelte es sich allerdings um ein Schädlingsbekämpfungsmittel. Darauf berief sich nach 1945 auch die Spitze der IG Farben. Obwohl das Monopol-Unternehmen aufgrund seiner zentralen Rolle bei der Machtübernahme der Nazis, der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs, der Besetzung und Ausplünderung Europas und beim Holocaust von den Alliierten zerschlagen wurde, kamen die Konzernbosse relativ ungeschoren davon.
Die BRD beteiligt sich derzeit wieder an einem Völkermord, wir erleben die größte Aufrüstung der deutschen Armee seit dem Zweiten Weltkrieg und der 1937 von den Nazis gegründete VW-Konzern will – zu seinen Wurzeln zurückkehrend – auf Kriegsgerät umstellen.
Monsanto wiederum war in den 1960er und 1970er Jahren an der Herstellung von »Agent Orange« für den Vietnamkrieg beteiligt. Zwar handelte es sich auch bei diesem Produkt offiziell nicht um einen Kampfstoff, doch war der Einsatz durch die US-Luftwaffe kein Geheimnis. Daher lautete die Ausrede des Agrar-Konzerns, dass er in Kriegszeiten verpflichtet war, die US-Regierung und die ihr unterstehende Armee zu beliefern. Trumps Präsidialdekret, wonach Glyphosat und Phosphor zentral für die »nationale Verteidigung« der USA seien, muss auch vor diesem Hintergrund betrachtet werden.
Die Vorstellung, dass 81 Jahre nach der Befreiung Europas vom Faschismus wieder deutsche Chemiewaffen zum Einsatz kommen, sollte aufschrecken. Die BRD beteiligt sich derzeit wieder an einem Völkermord, wir erleben die größte Aufrüstung der deutschen Armee seit dem Zweiten Weltkrieg und der 1937 von den Nazis gegründete VW-Konzern will – zu seinen Wurzeln zurückkehrend – auf Kriegsgerät umstellen. Dass der IG Farben-Nachfolger Bayer nun seinerseits an chemischer Kriegsführung verdient, passt da nur allzu gut ins düstere Bild.